Videoauswertungsprogramm
GALILEO

Klett Verlag, Stuttgart, 39 Euro
1. Didaktische
Zielsetzung
Die Videoanalyse von
Bewegungsvorgängen mit Hilfe des Computers ermöglicht eine
praktische Realisierung der didaktischen Forderung nach
Alltagsorientierung des Physikunterrichts.
Realvorgänge aus dem Bereich des Sports, des Verkehrs, vom
Jahrmarkt oder aus der Natur können so auf neue Weise
insbesondere den Mechanikunterricht ab Klasse 10 lebensnah
gestalten helfen. Andererseits erschließt sich damit die
Möglichkeit, Bewegungen zu analysieren, die sich bisher der
Auswertung im Physikunterricht entzogen (z. B. anfahrender Zug,
Elfmeterschuß, Bungee-Springer, usw.).
Verglichen mit den herkömmlichen
zur Analyse von Bewegungsvorgängen angewandten
Experimentiertechniken bietet der Einsatz folgende didaktische
Vorteile:
| stärkere Einbeziehung
alltags- und realitätsnaher Vorgänge in den
Physikunterricht |
| Überwindung der
Schranken zwischen Klassenraum und Alltagswelt; sogar der
Sprung von Astronauten auf dem Mond wird zugänglich |
Behandlung komplexer,
realistischer Vorgänge
trotz eingeschränkten mathematisch-formalen bzw.
messtechnischen Möglichkeiten im Unterricht |
Heranführung der
Schüler in der Sekundarstufe II an Verfahren der
physikalisch-quantitativen Modellierung
|
| |
Als
problematisch erweist sich bei dieser Methode
der Analyse von Bewegungsvorgängen
die Objektivierung des Vorganges aus der
Kameraperspektive.
Es treten Parallaxeneinflüsse auf,
die Längenverzerrungen in den erhobenen Ortskoordinaten
bewirken. |
2. Kurzbeschreibung und
Vorschläge für den didaktischen Einsatz im Physikunterricht
Das Videoauswertungsprogramm
GALILEO besteht aus den Modulen Meßwerterfassung,
Tabellenkalkulation und Modellbildung. Zur Auswertung eines
Bewegungsvorganges, der entweder mit einer Videokamera selbst
aufgenommen oder aus dem Fernsehen mitgeschnitten wurde, muß der
Videoclip als digitales Softwarevideo im Format "Video for
Windows" (*. AVI - Datei) vorliegen. Technisch wird das mit
einer Video-Digitalisierungskarte und entsprechender Software
gelöst
Im Modul Meßwerterfassung werden
die zur Bewegung gehörenden Orts- und Zeitkoordinaten aus den
Einzelbildern (Frames) des Videoclips ermittelt. Dazu wird über
das Videofenster ein Koordinatensystem gelegt und per Mausklick
in jedem Einzelbild die Position des Bewegten Körpers markiert.
Diese Daten werden automatisch in eine Datentabelle eingetragen.
Die Computermaus dient dabei als Meßinstrument , das vorher
geeicht werden muß.
Mit Hilfe des Moduls Tabellenkalkulation werden
danach die Daten (Meßreihen) ausgewertet. Das können z. B.
Bahnkurven oder der zeitliche Verlauf von Weg, Geschwindigkeit
und Beschleunigung sein (x-y -, x-t -, y-t -, v-t - bzw. a-t -
Diagramme).
Das Modul Modellbildung
schließlich ermöglicht es,
die Diagramme mit verschiedenen Modellansätzen zu vergleichen.
Im Programm können zwei Modellarten gewählt werden, die analytische
und die iterative Modellbildung.
Bei der analytischen
Modellbildung werden die
theoretischen Bahnkurven mit Hilfe von klassischen
Bewegungsgleichungen (in geschlossener Form) ermittelt. Dabei
sind im wesentlichen drei(??) Modelle bereitgestellt, die für
viele Vorgänge hinreichend sind. Es sind dies ein zeitfreies x -
y - Modell (z. B: für Wurfparabeln) und x - t - bzw. y - t -
Modelle mit verschiedenen Abhängigkeiten von der Zeit :
- lineare Abhängigkeit (für
kräftefreie gleichförmige Bewegungen)
- quadratische Abhängigkeit
(z.B. für Fall, Beschleunigung, Wurf und viele weitere
Themen der Schulphysik)
- exponentielle Abhängigkeit
(z.B. Bierschaumzerfall, aperiodische Schwingung)
- sinusförmiger Abhängigkeit
(z. B. für Schwingungen, Drehbewegungen usw.).
Die Bedeutung der Parameter in den
Gleichungen kann durch Schieberegler verdeutlicht werden. Die
Schüler drehen an den "Parameterschrauben", die im
Programm durch Schieberegler realisiert werden, und finden so die
optimalen Parameter, z. B. den Wert für die Fallbeschleunigung
(fitten).
Bei der iterativen
Modellbildung werden die
theoretischen Bahnkurven (in implizierter Form) mit Hilfe von
Anfangswerten und iterativer Anwendung des Kraftgesetzes
ermittelt. Das Programm benutzt dazu das Runge - Kutta -
Verfahren. Die Trennung von Anfangswerten und
Kraftgesetzparametern sowie deren leichte Erfahrbarkeit durch
Schieberegler sind ein Gewinn, der über eine bloße grafische
Auswertung weit hinausgeht.
Der iterative Ansatz kann ohne
Rechner leider noch nicht im Abitur geprüft werden, ist aber der
physikalischere Ansatz im Vergleich zur klassisch deskriptiven
Methode.
Arbeiten mit GALILEO im
Physikunterricht
- Lehrer und Schüler suchen
gemeinsam ein geeignetes Bewegungsphänomen
aus. Gesichtspunkte bei der Auswahl sollten vor allem der
physikalische Gehalt und eine taugliche Kameraperspektive
sein (wenig perspektivische Verzerrungen).
- Herstellen eines Videoclips
dieses Phänomens. Gut geeignet sind Mitschnitte aus dem
Fernsehen (Sportsendungen) und Videoaufnahmen, die die
Schüler selbst angefertigt haben (Projektarbeit). Im
Programmpaket GALILEO werden auch einige von den Autoren
hergestellte Clips angeboten.
- Umwandlung des analogen
Videoclips in ein digitales Softwarevideo im Format Video
for Windows (*.AVI-Datei). Diese
Aufgabe sollte der Lehrer in der Unterrichtsvorbereitung
tätigen.
- Im Unterricht wird zuerst die
Zeit- und Längeneichung (Kalibrierung) vorgenommen.
Das ist nötig, um später quantitative Auswertungen
durchführen zu können. Außerdem muß der
Koordinatenursprung festgelegt werden.
- Mit der Computermaus
als Meßinstrument wird dann die Position des
bewegten Objekts auf den einzelnen Bildern ausgemessen.
In dieser Phase sind die Schüler tätig. Der Lehrer gibt
das Abtastsystem (x-y, x-t oder y-t) vor und die Schüler
erarbeiten eine Meßwerttabelle. Auf die Koordinaten x
und y und die Zeit als dritte Koordinate ist im
allgemeinen besonders zu achten. Bei Wurfparabeln z. B.
ergeben sowohl die x-y-Ortskurve als auch das
y-t-Diagramm jeweils eine Parabel.
- Die Meßwerttabelle
wird grafisch dargestellt und mit den im
Programm vorgegebenen Modellansätzen verglichen. Dabei
wird durch Verändern der Parameter die Modellkurve an
die Meßkurve angepaßt (gefittet). Die entsprechenden
Parameter ergeben dann z. B. den Weg, die Geschwindigkeit
und/oder die Beschleunigung des bewegten Objekts.
- In bestimmten Fällen erweist
es sich als günstig, zusätzlich zur Videoanalyse auch
noch ein Real-(Labor-)Experiment durchzuführen. Zum
Vergleich der Ergebnisse zwischen
"Videoexperiment" und Laborexperiment und zu
weiteren speziellen Auswertungen können die Daten dann
in ein Tabellenkalkulationsprogramm (z. B. EXCEL)
exportiert werden
- Hausaufgaben und
Tabellenmitschrift ins Heft sind aus
methodischer Sicht nach wie vor dringend
anzuraten. Die Schüler betrachten sonst Film-
und Videovorführungen sowie manche Computerstunde als
Unterhaltungsprogramm. Da läuft etwas, das der Lehrer
später nicht abprüft.
3.
Unterrichtsbeispiel
Fall eines Computers

An Hand des Videoclips
"Fall", der in Form einer AVI - Datei im Programmpaket
enthalten ist und den Wurf eines Computers aus dem zweiten Stock
eines Hauses darstellt, soll das Vorgehen detailliert beschrieben
werden:
- Das Programm wird durch
Doppelklick auf die Datei "GALILEO.EXE" im
Windows-Explorer (WIN 95) bzw. im Dataeimanager (WIN
3.11.) gestartet. Es erscheint der Eröffnungsbildschirm
mit dem schiefen Turm von Pisa, von dem der Programmname
abgeleitet wurde (Bild 1). Hinter dem Button in der
linken unteren Ecke verbirgt sich eine Kurzinfo über
Versionsnummer und Autor.
- Durch Anklicken des
"Weiter" - Buttons gelangt man in den
Arbeitsbildschirm. Der linke Teil beinhaltet das
Videofenster, der rechte Teil das Auswertungsfenster.
- Mit dem Menüpunkt
"Video laden" aus dem Menü "Datei"
oder durch drücken des Lade - Buttons gelangt man in das
"Öffnen" - Fenster, in dem die auf die
Festplatte kopierten AVI - Dateien aufgelistet sind. Nach
Auswahl von "Fall.AVI" läuft die Videosequenz
im Videofenster einmal ab (Bild 2). Mit den vom
Videorecorder her bekannten Steuerungstasten im unteren
Teil des Videofensters kann man die Videosequenz mit den
Funktionen Play, Standbild, Vor - und Rücklauf sowie
Einzelbildschaltung anschauen. Es ist günstig, die
kleine Sequenz ein paarmal ablaufen zu lassen, damit die
Schüler Vertrauen in die Anordnung gewinnen.
- Zunächst wird mit den beiden
Schiebereglern, die sich unter dem Bildfenster befinden,
der Meßanfang (Startbild, erstes auszuwertendes Frame
des Clips) und Meßende (Endbild, letztes auszuwertendes
Frame) festgelegt. In diesem Fall wäre der Meßanfang
das Bild mit der Nummer 74, da hier der Computer gerade
die Hand des aus dem Fenster schauenden Menschen
verläßt, das Meßende ist das Bild Nr. 103 (Computer
berührt die Erde). Durch Mausklick auf den Button
"Auswahl fixieren" wird die Sequenz zwischen
diesen Frames festgelegt.
- Zur Eichung des
Meßinstruments Computermaus wird ein Eichmaßstab
benötigt. Hier ist es die Höhe eines Fensters, die in
den Clip eingeblendet ist (1,46m). Der Eichmaßstab wird
in das kleine Fenster unterhalb der Schieberegler zur
Auswahlfixierung eingetragen. Das Eichen selbst erfolgt
durch je einen Mausklick am Anfang (Fensterunterkante)
und am Ende (Fensteroberkante) des Maßstabs. Zum Schluß
wird noch der Nullpunkt des Koordinatensystems durch
Mausklick festgelegt. Es empfiehlt sich, hier einen Punkt
auf der Erdoberfläche (Grasnarbe) senkrecht unter dem
Abwurfpunkt des Computers zu nehmen. Damit ist der
Eichvorgang beendet.
- Vor Beginn der eigentlichen
Messung müssen noch einige weitere Einstellungen gemacht
werden, da parallel zur Messung die Meßwerte gleich in
einem Diagramm im Auswertungsfenster erscheinen. Zuerst
werden die Grafikgrenzen in dem nach der Eichung
erscheinenden Fenster festgelegt. Für xmax
und xmin empfiehlt sich im Beispiel
Computerfall +1m bzw. -1m. ymax sollte 8m
(Höhe der Dachrinne des Hauses) und ymin -1m
betragen. Für die Zeit tmax sind 1,5s zu
wählen. Danach wird mit dem Button "Timing"
eingestellt, ob alle Bilder der Sequenz ausgewertet
werden sollen.

Alternative
Auswertung mit EXCEL
(Projektarbeit, Standardsoftware ITG)

zurück zum Menu