Die Heilkunst der Schamanen
Reisen in das Reich von Trance und Beschwörung

Das Wort "Schamane" stammt aus der Sprache der sibirischen Tungusen und kann mit "Weiser", "der, der weiß" oder "der, der Ekstase kennt", übersetzt werden. Das bezieht sich auf die besondere Fähigkeit der Schamanen, neben der gewöhnlichen Welt existierende Wirklichkeiten zu erfahren und Wissen von dort mitzubringen, das im Alltag von Bedeutung ist. Der Schamane hat Umgang mit Göttern, aber er ist kein Priester. Er heilt, aber er ist kein Arzt. Er kann großes naturmedizinisches Wissen haben, aber das allein macht ihn nicht aus. Er hat für sein Dorf da zu sein. Sie rufen ihn und er muß kommen und die halbe Nacht trommeln und heilen. Für sein Dorf ist der Schamane derjenige mit dem Transitvisum für die Geisterwelt, der, der die Dämonen in Schach hält, körperlich oder seelisch Kranke heilt, eine unerklärliche Pechsträhne beendet, einen bösen Fluch abwehrt.

Schamanismus ist weder eine Religion noch eine Philosophie. Es gibt weder Doktrinen noch spirituelle Führer oder Hierarchien. Schamanismus überschreitet die Grenzen des Glaubens, weil er ein Prozess der Wissenseignung durch Erfahrung des Tuns ist. Menschen in Asien, Lateinamerika, Afrika vertrauen sich noch heute bei vielen Leiden ihren traditionellen Medizinmännern an. Sie gelten seit Menschengedenken als Träger mysteriöser Kräfte, die sie befähigen, zu heilen oder in anderen Notlagen zu helfen. Je nach kulturellem Hintergrund benutzen die indigenen Heiler unterschiedliche Methoden, Drogen und Geistwesen. Eines aber ist allen gemeinsam: Sie sind ,,Meister der Trance".

Wie wird Trance ausgelöst? Was passiert dabei in Psyche und Körper? Wie kann davon eine Heilwirkung ausgehen? Vaitl, ein Psychologe des internationalen Forschungsverbundes ,,Veränderte Bewußtseinszustände" sagt: Trance ist ein Schlüssel zum Verständnis, sich mit diesem veränderten Bewußtseinszustand zu beschäftigen, jener uralten Fähigkeit des Menschen, sich tief in sich selbst zu versenken und in eine ,,Als-ob-Welt" einzutreten, das sei wie ein Spaziergang durch Kontinente, Kulturen und Zeiten." Der Mensch verändert seine Bewußtseinslagen laufend: Spielend wechseln wir etwa vom aufmerksamen Lauschen in ein weggetretenes Dösen. Zwischen den beiden Polen Wachen und Schlafen gibt es eine ganze Reihe anderer erlebter, jedoch veränderter Zustände. ,,Bewußtsein ist nichts Starres, es ist ein hochdynamischer Prozess."

Die meisten Menschen kennen leichte alltägliche Trancezustäne: das Erlebnis etwa, von Musik davongetragen zu werden, während die Welt um einen herum versinkt, oder stundenlange Tagträume, wenn man verliebt ist und sich in herbeigesehnte Szenen hineinphantasiert, wenn Filme und Bücher einen regelrecht aufsaugen, oder wenn man reglos aus dem Zugfenster starrt, das Gehirn gedankenleer, wie ausgelöscht. Selbst Halluzinationen und Visionen sind in ,,veränderten Bewußtseinszuständen" keine Seltenheit. In der Einschlafphase etwa passieren bisweilen merkwürdige Dinge: Da meinen wir zum Beispiel irgendwo hinunterzufallen, worauf unser Körper mit Zucken reagiert, als wolle er den vermeintlichen Sturz auffangen. Oder die akustischen Halluzinationen: Da hört man kurz vor dem Wegdämmern beispielsweise seinen Namen rufen, schreckt aus dem Dösen auf und schaut sich erstaunt im Raum um. Doch da ist niemend.

Schamanen haben solche natürlichen Phänomene zu einer Kunst entfaltet. Mühelos stoßen sie mit Hilfe bestimmter Techniken in eine psychosomatische Erlebnisdimension vor, die in der abendländischen Kultur beinahe als verschüttet gilt, aber in vielen Glaubenssystemen immer noch facettenreich zu finden ist.

In den Anfängen menschlicher Zivilisation wurden Priestern und Heiligen die geheime Macht zugeschrieben, die Menschen heilen bzw. zum Guten oder Bösen beeinflussen zu können. Sie berufen sich dabei auf die ihnen angeblich direkt von Gott verliehene Kraft, und im Lauf der Zeit entwickelten sich in den verschiedenen Teilen der Welt sehr unterschiedliche Heilrituale. Es handelte sich dabei um Anrufungen der Gottheit, begleitet von gewissen Zeremonien oder Gesängen. Demselben Zweck dienten Handauflegungen, Talismane, Amulette, Ringe, Reliquien und Götterbilder. So pflegten zum Beispiel die Priester verschiedener antiker Religionen ihren Patienten unter dem Einfluß von Drogen oder in der Hypnose zu suggerieren, die Götter würden sie im Traum besuchen und ihnen Heilung bringen. Diese Form der Behandlung hatte häufig den gewünschten Erfolg; es handelte sich hier ganz offensichtlich um die Auswirkung stärkster Suggestionen auf das Unterbewußtsein.

Heutzutage ist in der westlichen Welt die Hypnose eine medizinisch-psychotherapeutisch anerkannte Heiltechnik, die mit Hilfe von Trance arbeitet. Medizinisch ungeschulte Heilkünstler haben zu allen Zeiten bemerkenswerte Erfolge selbst in solchen Fällen erzielt, in denen die medizinische Wissenschaft versagt hatte. Dies muß uns zu denken geben. Wie heilten diese ,,Wundertäter" in aller Herren Länder mit ihren Kuren? Sie weckten ganz einfach den blindn Glauben ihrer Patienten, der dann seinerseits die Heilkräfte des Unterbewußtseins wachrief. Viele der dabei angewandten Mittel und Methoden waren so seltsam und phantastisch, das sie die Phantasie der Kranken beflügelten und jeglicher Beeinflussung zugänglicher machten. Vor allem Ergebnisse aus der Hypnoseforschung zeigen, daß es Menschen mit unterschiedlichem Talent gibt, Trance zu erreichen. Sehr phantasiebegabte Zeitgenossen mit viel Kreativität, die innere Bilder mühelos entfalten können, zeigen hohe "Absorptionsfähigkeit", vergleichbar mit Kindern, die völlig in ihr Spiel versinken und gern in "Nebenwelten" agieren. Rund um den Erdball hat die Menschheit mit unglaublicher Kreativität eine Vielzahl von Methoden entwickelt, den Zustand der Trance zu erlangen.

Wissenschaftler unterscheiden zwischen "pharmakologischen" und "psychologischen" Stimulanzien. Erstere umfassen die große Gruppe der Hallozinogene, die in allen Kulturen anzutreffen und größtenteils pflanzliche Produkte sind. Die meisten Schamanen benutzen diese Substanzen, um sich auf ihre "Reisen" zu begeben, um aus sich selbst hinauszutreten. Ob Haschisch, Alkohol, Fliegenpilz oder Bilsenkraut, ob Nachtschattengewächse oder ob LSD und Extasy aus den Labors der Neuzeit: Die Sehnsucht nach veränderten Bewußtseinszuständenb durchzieht die Menschheitsgeschichte - auch mit ihren negtiven Auswirkungen. Psychologische Verfahren zur Trance-Induktion haben ebenfalls große kulturhistorische und religionsethnologische Bedeutung. Beispielsweise die "Deprivation", der Entzug der Umweltreize. Das Aufsuchen von Abgeschiedenheit und Monotonie, um sich Visionen zu öffnen, läßt sich für verschiedene Kulturen belegen!

Andere Völker haben "konzentrative Techniken" erfünden, um in Trance zu geraten: Die Aufmerksamkeit wird dabei über eine gewisse Zeitspanne intensiv einem einzigen Gegenstand gewidmet. Dies geschieht bei der tiefen Meditation eines Buddhisten ebenso wie beim innigen Gebet eines Christen, oder der Versenkung eines Schamanen bei den Inuit. Schamanen beherrschen eine Vielzahl von Methoden, sich in Trance zu versetzen: Durch die Kombinnation von Halluzinogenen, beschwörenden Formeln, Überatmung, Fasten, körperlicher Erschöpfung, Torturen, Isolation, rhythmischer Monotonie in Musik und Bewegung versetzen sie sich in besonders tiefe Trancezustände. Dadurch geraten ihr Körper und ihr Geist regelrecht ins Vibrieren. Das heißt: Wenn Menschen rhythmisch springen und tanzen, gerät das gesamte Kreislaufsystem in ein "Superschwingung". Das hat enorme Auswirkungen auf den Hirnstamm. Was dabei im Gehirn genau passiert, ist bisher noch allerdings unklar. Bei Trancezuständen kommt es zu einer Veränderung des Denkens - dem Gefühl, klarer und schneller zu denken als sonst. Tiefe Entspannung, ein "Sich-gehen-Lassen" ist oft zu beobachten. Widersprüche bestehen konfliktfrei nebeneineander. Es herrscht eine Art "Zeitlosigkeit", das Körperschema verändert sich, Empfindungen zu fliegen oder zu verfließen werden beschrieben. Ein Gefühl des Verlustes der Selbstkontrolle tritt auf. Die Stimmungen schwanken stark und sind durch intensive Emotionalität gekennzeichnet. Es kommt zu einem Einswerden des Ichs mit seiner Umwelt. Am Extrempol der Trance erfolgt eine Veränderung der Wahrnehmung. Die optischen Erscheinungen reichen von einem lebhaften Spiel der Farben und Formen bis hin zu szenischen Abläufen, sogenannten "komplexen Halluzinationen" und "Visionen".

Schamanen einiger Kulturen waren überzeugt, daß es eine instinktive Intelligenz gibt, die die Kraft besitzt, den physischen Körper zu kontrollieren, zu erhalten, wiederherzustellen und zu erneuern. Sie reguliert den Herzschlag und die Körpertemperatur, überwacht Verdauungsfunktionen, Hormonproduktion und die Ausscheidung der Abfallprodukte. Zudem steuert es das körpereigene Kommunikations- und Selbstwiederherstellungssystem. Medikamente, Heilmittel, Behandlungen, Therapien und Chirurgie unterstützen die Heilung nur, die im Grunde von der spirituell-geistigen Intelligenz des menschlichen Körpers bewirkt wird. Ein Schamane selbst nennt sich nicht "Heiler", denn er weiß, daß wahre Heilung im zu Heilenden stattfindet. Eine andere Person kann dem Kranken bei diesem inneren Prozess nur Beistand leisten.

Ein Schamane dient nur als Katalysator, durch den die regenierende Wandlung stattfindet, um der Person zu innerer Ganzheit zu verhelfen. Schamanisches Heilen erfolgt durch die Zusammenarbeit mit der instinktiven Intelligenz des Kranken, um die Ursache des Ungleichgewichts in der Lebensführung herauszufinden und zu entdecken, was der Kranke noch lernen muß, vielleicht die Bereitschaft, gewisse Aspekte der Lebensführung, die die Krankheit verursacht haben, zu verändern.

Aus schamanischer Sicht gibt es zwei Hauptursachen einer Krankheit. Erstens etwas im Inneren, das es nicht geben sollte. Zweitens etwas, das es im Inneren geben müßte, das aber nicht vorhanden ist. Beim ersten handelt es sich um fehlplazierte Energie, die sich eingeschlichen hat und nicht dahingehört, beim zweiten um einen Verlust an Lebensenergie. Fehlplazierte Energie entsteht durch Angst, seelische Belastungen, Furcht und Verletzbarkeit, die durch Lebensgewohnheiten verursacht werden, die das Energiesystem schwächen und es aus dem Gleichgewicht werfen, sowie durch mediale Übergriffe. Die spezielle schamanische Arbeit, um dies zu korrigieren, heißt Abstraktion. Der Verlust von Lebensenergie wird durch Rückholung von Energie korrigiert. Eine der Hauptursachen von Krankheit ist ein Gefühl des Getrenntseins, des Alleinseins, der Unvollständigkeit. Schamanisches "Heilen" bewirkt im wesentlichen eine Wiederbelebung des "Dazugehörigkeitsgefühls". Deshalb führen Schamanen in Stammensgruppen Heilungen häufig unter aktiver Teilnahme der Familienmitglieder und Freunde durch, manchmal sogar der ganzen Gemeinschaft. Das gesamte Heilritual, Feuer, Rauch, spezielle Gewänder oder Gegenstände, sowie die Anwesenheit von Angehörigen, erzeugen eine intensive emotionale Atmosphäre. Es vermittelt Geborgenheit und Führung und ersteckt sich über Stunden und Tage, und erlaubt es den Beteiligten, sich gehenzulassen: Oft fallen der Partient und alle Anwesenden in eine Art kollektiven Trancezustand, der letztlich die erhoffte Funktion und Heilung haben kann. Bei manchen Hilfesuchenden mehr, bei manchen weniger. Je nachdem, wie leicht sie ihm folgen können, dem "Meister der Trance".

nach oben