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Jeder Mensch ist Judas J. Green: Jeder Mensch in seiner Nacht Lk 22,54-62 Der im Jahre 1900 geborene französische Romancier Julien Green ist zeitlebens ein Sucher nach der Wahrheit gewesen. Protestantisch erzogen, konvertierte er mit fünfzehn Jahren zum katholischen Glauben. Dann wurde er Buddhist. Später bekannte er sich zum zweitenmal zum Katholizismus. Aufschlußreich für seine innere Entwicklung sind seine Tagebücher, Zeugnisse seines Ringens zwischen Gott und irdischer Lust. In seinen Romanen schildert Green den Menschen in seiner Versuchbarkeit und Verlorenheit, in seiner Lebensangst und seiner Sehnsucht nach einer höheren Wirklichkeit. Seine Personen sind meist einsam und verlassen, willensschwach und haltlos. Kennzeichnend für ihre Situation ist auch der Titel des 1960 erschienenen Werkes "Chaque homme dans sa nuit" - "Jeder Mensch in seiner Nacht". Im Mittelpunkt dieses Romans steht Wilfred Ingram, der zwischen den Forderungen seines gläubigen Gewissens und einer hemmungslosen Geschlechtsgier hin- und hergerissen wird. Während seine Umwelt ihn für einen anständigen Menschen hält, ist Wilfred sich bewußt, daß er wie in erstickendem Schlamm in der Sünde steckt. Zwar trägt er in seiner Tasche einen Rosenkranz; aber sooft er sich in der Stadt auf Abwege begibt, läßt er ihn daheim in einem Schubfach, damit "der kleine Gekreuzigte" nicht dabei sei. Zuweilen hat er sogar den Wunsch, den Glauben loszuwerden, weil er ihn am Genießen seiner ungeordneten Liebe hindert. Zugleich spürt er, wie durch das Begehren sein Glaube abgetötet wird. "Man könnte sehr wohl aus zwei verschiedenen Menschen bestehen", denkt er manchmal mit Bestürzung. Seine Situation spitzt sich zu, als er die junge Frau des ihm entfernt verwandten James Knight kennenlernt und aus der Bekanntschaft ein intimeres Verhältnis wird. James weiß um das Ansinnen Wilfreds; doch er vertraut seiner Frau. Eines Nachts kommt es zu einem Gespräch zwischen den beiden Männern. "Ich will mit Ihnen nicht über Religiöses sprechen, sondern Ihnen vier Bibelverse vorlesen", sagt James zu Wilfred. "Es ist übrigens keine Stelle, die einem in die Augen springt." Daraufhin schlägt er die Bibel auf und liest die Namenliste der Apostel vor, an deren Schluß er seinen eigenen Namen für den Namen "Judas" einsetzt. Verwirrt fragt Wilfred: "Warum sagen Sie das?" Der Lesende läßt das Buch sinken und erwidert: "Wir können ja statt seiner einen andern Namen einfügen: - Und der zwölfte hieß Wilfred, und er verriet ihn. - Merken Sie sich, daß wir alle, wie wir sind, unsern Namen statt des Judas Namen einfügen könnten. Haben Sie sich darüber nie Gedanken gemacht?" Dann fährt er fort: "Jesus liebte Judas. Nun aber war der Verrat an Jesus eine große Sünde, und dennoch war sie verzeihlich. Judas' Irrtum bestand in dem Glauben, sie sei es nicht, deshalb erhängte er sich. Stellen Sie sich vor, es sei alles ganz anders verlaufen, Judas sei zu Jesus geeilt, als er unter dem Kreuz wankte und strauchelte... Was meinen Sie wohl, welcher Blick da auf ihn fällt? Ein Blick des Hasses? Ich glaube es nicht. Ein Blick voller Liebe, Wilfred, ein Blick voller Liebe. Es gab auf dem Leidensweg einen kurzen Augenblick, da einzig Judas hätte Jesus trösten können, indem er ihn um Vergebung bat. Das Ärgernis ist, daß jener Augenblick hinging, ohne daß Judas sich eingefunden hätte. So sehe ich die Dinge." Wieder zu Hause angekommen, wird Wilfred vor allem durch seine letzte Begegnung mit der jungen Frau, die jener Unterredung unmittelbar vorausgegangen war, von heftigen Gewissensbissen heimgesucht. Er läßt kaltes Wasser ins Waschbecken laufen und taucht das Gesicht hinein, als wolle er sich ein neues erschaffen. Um jeden Preis will er die Erinnerung an diese widerwärtige Nacht aus seinem Gedächtnis und seinem ganzen Ich tilgen. Zu Bett zu gehen vermag er nicht. Das einzig Vernünftige, was er tun könne, so glaubt er, sei, in den Straßen herumzulaufen. Am übernächsten Tag sucht er eine ihm bekannte Kirche auf und erforscht sein Gewissen. "Mein Gott!" fleht er, "bleib bei mir!" Halblaut fährt er fort: "Bleib bei mir bis zum Ende." Nur wenige Stunden später wird er von einem Irren niedergeschossen. In den letzten Zügen liegend, verzeiht er seinem Mörder. James Knight findet sich an seinem Sterbebett ein. Seinen letzten Eindruck von Wilfred faßt er in folgende Worte: "Ich gehöre nicht zu den allzuschnell von Rührung überwältigten Leuten. Ich mißtraue der Rührung... Ich habe viele, lange Jahre durchlebt. Aber nie zuvor habe ich auf dem Antlitz eines Menschenwesens einen Ausdruck des Glücks gesehn, der vergleichbar mit dem Wilfreds Züge verklärenden gewesen wäre. Auf ihn angewandt, verlor das Wort 'Tod' jeden Sinn. Er lebte, er lebte! Eine Minute lang habe ich wie betäubt dagestanden; dann habe ich mich den Priester fragen hören: 'Ist es aus?' Er hat geantwortet: 'Ja, wenn Sie darunter verstehn, daß das Herz nicht mehr schlägt.'" Julien Green, Jeder Mensch in seiner Nacht, Verlag Jakob Hegner, Köln & Olten 1960, vor allem S. 300f. und 358f. Das alltägliche Leben von Wilfred Ingram wurde von einem starken Liebeshunger bestimmt, der dem Trieb erwuchs und nichts als Triebbefriedigung suchte. Um solches Verhalten besser verstehen zu können, wollen wir uns einige Informationen aus der Psychologie geben lassen. 77 Diese sagt uns, daß das bloß triebhafte Liebesverlangen nicht auf die Person, sondern höchstens auf den Typ schaut. Das Geheimnis des andern wird nicht erkannt, denn der Trieb ist von Hause aus blind und der Partner bloß triebhafter Beziehungen durchaus auswechselbar. Daher wundert es uns nicht, wenn wir im Roman lesen: "Es hatte in Wilfreds Leben bereits eine ganze Anzahl Mädchen gegeben." Im Gegensatz zu solch triebhaftem Verhalten macht wirkliche Liebe sehend. Sie entdeckt die Einzigartigkeit des geliebten Du. Erwächst solche Liebe aus einem gläubigen Herzen, dann sieht sie den anderen so, wie Gott ihn gemeint hat, und ist bemüht, ihn so werden zu lassen. Daher hütet sich solche Liebe davor, den geliebten Menschen als "Mittel zum Zweck" zu gebrauchen. Damit soll keineswegs behauptet werden, echte Liebe und Triebhaftigkeit hätten nichts miteinander zu tun. Viktor E. Frankl schreibt in diesem Zusammenhang: wahre Liebe bedürfe des Geschlechtstriebes als ihres Ausdrucksmittels: "Menschliches Geschlechtsleben beginnt dort erst menschlich, will heißen menschenwürdig, zu sein, wo es auch schon mehr ist als bloßes Geschlechtsleben, wo es eben Liebesleben ist." Andererseits bedarf die menschliche Triebhaftigkeit der Liebe, da erst die Liebe ein normales Triebleben ermöglicht und eine Triebreifung bewirkt, indem sie den Trieb auf die Person des geliebten Partners hin ordnet. Wo das geschieht, läßt sich der Trieb auch der eigenen Person ein- und unterordnen. "Nur ein Ich, das ein Du intendiert, kann das Es integrieren", sagt Frankl. Von hier aus ergibt sich auch eine endgültige und ausschließliche Partnerwahl. Wo der erwähnte Integrationsprozeß nicht gelingt, können nach Frankl zwei verschiedenartige Gründe die Ursache sein: Entmutigung, wenn eine glückliche Liebesbeziehung für unmöglich erachtet wird, und Enttäuschung, wenn der Aufbau einer glücklichen Beziehung durch den Partner abgebrochen wird. Sowohl im einen wie im andern Fall stürzen die Betroffenen nicht selten in eine bloße Triebbefriedigung. In ihr wird nicht der Trieb, sondern die Liebe verdrängt, was zur Folge hat, daß die Qualität durch die Quantität ersetzt wird: "Je weniger ein Mensch noch an die Möglichkeit glaubt, zu einer Erfüllung seiner Liebessehnsucht zu gelangen, um so mehr wird er sich vor die Notwendigkeit gestellt sehen, bloß möglichst viel Triebbefriedigung einzuheimsen." Wilfred Ingram gehörte offensichtlich zu den Entmutigten, die sich den Aufbau eines glücklichen Liebesverhältnisses nicht als möglich vorstellen können. Hinzu kommt nun, daß sein Verhaftetsein an den Trieb nicht ohne Rückwirkungen auf sein Glaubensleben blieb. Weil der Glaube dazu anhält, nicht dem Fleisch, sondern dem Geist nach zu leben, nicht sich selbst, sondern den andern zu suchen, um sich in ihm zu finden, deshalb befand sich Wilfred in einem fortwährenden Konflikt. Deutlich empfand er den Glauben als Hindernis eines hemmungslosen Lebens. Wollte er einerseits aus Angst vor der Verdammnis seinen Glauben nicht verlieren, so dachte er andererseits nicht daran, auf die Lustgewinnung zu verzichten. Aus diesem Grunde führte er ein Doppelleben. Immer wieder schlug er das Kreuzzeichen über sich und ging zur Messe. Daneben versuchte er, die Forderungen seines Triebverlangens zu erfüllen. Dieses Sowohl- als-auch brachte ihn zur bestürzenden Erkenntnis, daß man sehr wohl aus zwei verschiedenen Menschen bestehen könnte. Mit der Zeit wurde ihm jedoch bewußt, daß der Glaube auf die Dauer diesen Widerspruch nicht verkraftet. Man könnte das Dilemma, in dem Wilfred stand, auf eine kurze Formel bringen und sagen: er bewegte sich andauernd zwischen Verrat und Treue. Weil dies eine Situation ist, in der jeder Mensch steht, griff James Knight in der Unterredung mit ihm auf Judas zurück: "Merken Sie sich, daß wir alle, wie wir sind, unseren Namen statt des Judas Namen einfügen könnten." Judas war ein Gefolgsmann Jesu. Aus diesem Gefolgsmann wurde sein Verräter. Beachtenswert ist nun, daß James nicht im Verrat die größte Schuld im Leben von Judas sah. Obwohl er eine große Sünde war, war er verzeihlich, weil Jesus Judas liebte. Seine größte Sünde bestand vielmehr darin, daß er den Glauben an die Liebe seines Herrn und Meisters verloren hatte. Hätte Judas an die Liebe Jesu geglaubt, hätte er in seiner Schuld den Weg zu ihm gefunden, so wäre ihm die letzte Tragik seines Lebens erspart geblieben. Nicht nur daß ihm verziehen worden wäre, er wäre zu einem Zeichen der Hoffnung für all jene geworden, die in der Ausweglosigkeit ihrer Schuld nicht wissen, daß Gottes Liebe größer ist als unser Herz, das uns verklagt. "Das Ärgernis ist, daß dieser Augenblick hinging, ohne daß Judas sich eingefunden hätte." Man erinnere sich an dieser Stelle an die "Schriften zum Chassidismus" von Martin Buber, in denen wir unter der Überschrift "Die große Schuld" lesen: Rabbi Bunam sprach zu seinen Chassidim: "Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht - die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut." Die tiefe Erfahrung, daß wir alle, wie wir sind, unseren Namen statt des Judas Namen einfügen könnten, bewahrte James Knight vor jeder Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit. Sie vermittelte ihm jenes mitfühlende Verständnis, das die Voraussetzung für ein Gespräch mit dem anderen war, der an ihm schuldig wurde. James Knight war ein Christ, der diesen Namen wirklich verdiente. Er war sich der Versuchbarkeit bewußt, der jedes menschliche Herz ausgeliefert ist. Darüber hinaus wußte er, daß es im menschlichen Leben keine Schuld geben kann, die unverzeihlich wäre, wenn sich der schuldig gewordene Mensch mit seiner Schuld auf den Weg macht, um Vergebung zu erbitten. Zu solcher Vergebung war er bereit, wie auch Jesus dazu bereit gewesen ist. Wilfred machte sich auf den Weg. Wenn er auch nicht zu James kam, er fand den Weg zu Gott. Da es ihm angesichts seines gelebten Lebens immer unheimlicher zumute wurde, betete er: "Mein Gott, bleib bei mir! Bleib bei mir bis zum Ende." Allem Anschein nach hatte Gott diesen Ruf nicht überhört, denn obwohl sein Herz aufgehört hatte zu schlagen, gewann James die Überzeugung: Er lebte, er lebte! Sie nahmen ihn fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte von weitem. Als sie mitten im Hof ein Feuer angezündet und sich zusammengesetzt hatten, saß Petrus mitten unter ihnen. Da sah ihn eine Magd im Feuerschein sitzen, blickte ihn genau an und sagte: "Der war auch bei ihm." Er aber leugnete und sagte: "Frau, ich kenne ihn nicht." Und kurz darauf sah ihn ein anderer und sagte: "Auch du bist einer von ihnen." Petrus aber sagte: "Mensch, ich bin es nicht." Und ungefähr nach einer Stunde behauptete ein anderer nachdrücklich: "Wahrhaftig, auch dieser war bei ihm; er ist doch auch ein Galiläer." Petrus aber sagte: "Mensch, ich weiß nicht, was du meinst!" Und sogleich, während er noch redete, krähte der Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an; da erinnerte sich Petrus an das Wort des Herrn, wie er zu ihm gesagt hatte: "Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen." Und er ging hinaus und weinte bitterlich. Lukas 22,54-62 |