ADOLF PORTMANN: EIN MANGEL ALS VORZUG

Die Vorstellungen vom Mängelwesen haben sich mit anderen Bildern kombiniert. Ist es nicht so, als bewahre der Mensch in seiner Erscheinung kindliche, ja in gewissem Sinne sogar embryonale Züge bis in seine Reifeform? Nur an weniges mag kurz erinnert werden: Der Anteil des Gehirns am Aufbau des Kopfes ist im Embryo wie im erwachsenen Menschen besonders groß; die Stirn bestimmt das Gesichtsprofil, im Gegensatz zu den meisten andern Säugern, auch mancher Menschenaffen, deren Schnauze vorsteht. Man hat außerdem hingewiesen auf die Nacktheit der Haut, die gleichsam ein Verharren auf diesem embryonalen Frühzustand bedeute; man hat auch das lange Offenbleiben unserer Schädelnähte beachtet. Auf besonders primitive Züge unserer Organisation wurde hingewiesen, so etwa auf das Bewahren der ursprünglichen Fünfzahl der Finger und Zehen im Vergleich zur extremen Umformung etwa der vorderen Gliedmaßen zum Vogelflügel oder zum Pferde- oder Antilopenbein. Auch die Auflösung vieler Instinkte, die das tierische Leben sichern, spielt im Katalog der menschlichen Mängel eine Rolle. Aus allen diesen Einzelheiten ist in den zwanziger Jahren die Theorie des holländischen Anatomen Louis Bolk entstanden, der wesentliche Züge der Menschengestalt als ein Auswachsen und Reifen auf embryonaler Formstufe zu erklären versucht und zugleich auf die Verlangsamung unserer Entwicklung hinweist. »Fötalisierung« und »Retardation« waren die Stichworte, die eine Zeitlang in der Diskussion der Biologen eine beträchtliche Bedeutung hatten. Diese Idee hat auch das Zukunftsdenken mancher Biologen mächtig inspiriert und zu Bildern geführt, die den kommenden Menschen beinahe als ein wandelndes Gehirn mit kindlichen Zügen darstellen. Man hat den Gedanken weiter ausgesponnen: manche Reifegestalten im Tierreich seien nichts anderes als geschlechtsreif gewordene und vergrößerte Larvenformen, so etwa wie Schnecken. Reifwerden auf früher Entwicklungsstufe erschien als ein Mittel, dessen sich die natürliche Evolution für das Umgestalten lebendiger Formen bedient.

Doch halten diese kühnen Gedankenspiele einer genaueren Prüfung nicht immer stand! Sie vereinfachen den äußeren Anblick; die vertiefte Untersuchung führt uns vor sehr schwer faßbare Zusammenhänge. Prüfen wir etwas sorgsamer ein einzelnes Phänomen: die menschliche Nacktheit. Wir brauchen nicht lange zu suchen, um zu erfahren, daß es sich ganz und gar nicht um das Beharren auf einer embryonalen Formstufe handeln kann, sondern um eine in der Stammesgeschichte spät eingetretene Unterdrückung des für Säugetiere üblichen Haarkleides. Mit dieser Unterdrückung geht eine eigenartige Umwandlung gewisser Hautbezirke Hand in Hand. Dort, wo bei niederen Säugetieren kleine Gruppen von besonders langen Sinneshaaren sich ausformen, bilden sich bei uns trotz der Nacktheit des Körpers besondere Restzonen der normalen Behaarung. Es sind die Stellen wie etwa die Augenbrauen, die Oberlippen, das Kinn und die Wangen. Schon diese Verwandlung weist auf sehr komplizierte, im einzelnen unerklärbare stammesgeschichtliche Änderungen hin, von denen wir manche auch bei den uns verwandten Affenformen entdecken. Ebenso bedeutsam ist die Tatsache, daß die von Haaren freie Hautfläche eine bedeutende Vermehrung von Sinnesorganen aufweist. Die Nervenzellen dieser Hautsinne liegen in den seitlichen Ganglien des Rückenmarks und des Hirnstammes. Man kann die Zunahme dieser Sinnesfunktion messen, indem man im Querschnitt des Halsmarks die Fläche der Nervenbahnen bestimmt, die mit diesen Sinnesleistungen in Zusammenhang stehen. Bei einem Kaninchen beträgt der Anteil dieser Sinneszellen 21% der Querschnittfläche, er steigt bei der Katze auf 26% und bei niederen Affenformen auf 29%; beim Menschen aber beträgt er 39%! Es zeigt sich also, daß mit unserer Nacktheit eine gesteigerte Sinnesfunktion der Haut erreicht wird und zugleich eine für das Erscheinungsbild der Menschentypen wichtige Differenzierung der noch verbleibenden Behaarungszonen.

Textkommentar

Portmann geht nicht auf Gehlens Konzept ein, schon gar nicht auf dessen Differenzierungen, vielmehr schildert er zunächst eine von Gehlen an anderer Stelle seines Werks auch berücksichtigte Theorie, die des Anatomen Bolk von der Retardation der menschlichen Entwicklung. Die Kernthese von Bolk lautet, daß spezifische Merkmale der menschlichen Morphologie - Unbehaartheit, hohes Gehirngewicht, Offenbleiben der Schädelnähte, Bau von Hand und Fuß - bei anderen Primaten fötale Zustände sind, welche sich beim Menschen stabilisieren. Entwicklungsstadien, die bei Affen durch eine nachfolgende Spezialisierung abgelöst werden, bleiben beim Menschen erhalten. In "dieser Anschauung erscheint also in großer Klarheit die untierische Unspezialisiertheit den Menschen ...". (Gehlen, Der Mensch, S.103)

Portmann referiert die Theorie Bolks und greift dann einen Aspekt heraus: die menschliche Nacktheit bedeutet zwar einen Verlust an Witterungsschutz, aber auch eine Verbesserung der Sinnesfunktion der Haut, wodurch auch biologisch eine Kompensation vorliegt.

Die Kritik Portmanns ist natürlich nicht sehr weitreichend und soll weder Bolk noch Gehlen widerlegen, sondern lediglich Zweifel wecken. In ähnlicher Weise lassen sich nämlich die Unspezialisiertheiten als Vorzüge des Menschen sehen, will man ihn nicht gar, wie auch in der Auseinandersetzung mit Gehlen geschehen, als gehirnspezialisiertes Wesen bezeichnen.

Lernziele

Die Schüler/innen sollen
- die Theorie Bolks kennenlernen
- ihren (der Theorie) Bezug zu Gehlen erkennen
- die Reichweite von Portmanns Kritik einschätzen

Unterrichtsschritte

1. Lehrervortrag: die Theorie Bolks
2. Welcher Bezug besteht zwischen Bolk und Gehlen?
3. Textlektüre
4. Wie weit trägt die Kritik Portmanns?

Anregung: den Text von Gehlen "INSTITUTIONEN ALS HALT" vorziehen und die Kritik Portmanns zusammen mit der Schmidts behandeln; Portmanns Hinweis durch Gehlens Begriff der "Reizüberflutung" relativieren.


(Text: Stanko Christi, Wentzinger Gymnysium, Freiburg)


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