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    Wozu brauchen wir noch einen Religionsunterricht?
    von Annette Schavan
 

 

 

 

 

I. Der erzieherische Auftrag der öffentlichen Schule

Es ist noch nicht lange her, da wurde in pädagogischen Debatten heftig darüber gestritten, ob Erziehung nicht zugunsten der Selbstregulierungskräfte Heranwachsender zurücktreten müsse. Damals wurden Konzepte zu einer Antipädagogik entwickelt, die letztlich eine Krise des pädagogischen Denkens und Handelns andeuteten. Die Erfahrungen, daß im pädagogischen Verhältnis nicht nur die Liebe waltet, sondern auch Macht und Machtmißbrauch vorkommen, provozierten Strategien einer Verobjektivierung der Pädagogik und einer Verwissenschaftlichung der Bildungsgänge. In den nachfolgenden Jahren wurde immer deutlicher, wie sehr Kinder und Jugendliche von einer wachsenden Vielfalt der Standpunkte, Lebensentwürfe, Ordnungsvorstellungen und Weltanschauungen in ihrer eigenen Suche nach Orientierung tangiert sind. Es wurde deutlich, daß eben diese immer noch wachsende Vielfalt nicht weniger sondern mehr Erziehung nötig macht. Heute gibt es, wenn ich das recht sehe, einen großen Konsens darüber, daß Erziehung und Bildung nicht zu leisten sind ohne die Vermittlung von Orientierung. Darauf haben Kinder und Jugendliche einen Anspruch. Es gehört zum Generationenvertrag, daß die Alten den Jungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden sagen, was trägt, was wichtig und wertvoll ist. Das sind wohl weniger fertige Rezepte, und es sind auch keine simplen Glücksstrategien. Wohl aber müssen es Grundhaltungen und Wertvorstellungen sein, in denen junge Menschen ihre Verantwortung erkennen, in denen sie die Freiheit als Modus der Bindung verstehen lernen und bei denen sie gewiß sein dürfen, daß die Orientierungen für gelingendes und verantwortetes Leben tragfähig sind.

Insofern Schule nicht allein die Aneinanderreihung von Unterrichtsstunden zur Vermittlung von Fachwissen ist, vielmehr immer einen erzieherischen Auftrag hat, steht sie auch unter dem Anspruch, ein Ort zu sein, an dem solche Orientierung vermittelt wird. Wenn immer deutlicher wird, daß jene Milieus wegbrechen, in denen in selbstverständlicher Weise Orientierung gestiftet wird, gilt um so mehr das Selbstverständnis einer Schule als einer erziehenden Schule. Kinder und Jugendliche werden mehr als in vergangenen Zeiten auf sich verwiesen, sollen als spätere Erwachsene selbstverantwortlich entscheiden und handeln in einer Gesellschaft und Kultur, die vermutlich in Zukunft die bereits erreichte Vielfalt der Standpunkte und Perspektiven noch weiterentwickeln wird. Da ist die überzeugende Vermittlung von Wertvorstellungen lebenswichtig. Ohne sie bleiben individuelle Entscheidungen dem Zufall, dem Augenblick oder reinem Pragmatismus überlassen. Wem bewährte Traditionen und Wertvorstellungen vorenthalten werden, dem wird die Chance genommen, um die Wurzeln des eigenen Lebens zu wissen und zu einer stabilen Identität zu kommen. Dem tragen unsere Verfassungen im Bund und in den Ländern sowie entsprechende Schulgesetze Rechnung, insofern sie Grundhaltungen und Wertvorstellungen beschreiben, von denen unser Gemeinwesen überzeugt ist, daß sie solche Orientierung geben können. Ihre Vermittlung ist der Schule aufgegeben. Nur in einer stabilen Erziehungspartnerschaft mit dem Elternhaus kann die Schule diesen schwierigen Auftrag erfüllen. Diese Partnerschaft ist die Voraussetzung dafür, daß in aller gelebten Vielfalt der Wertsetzungen und Grundhaltungen sich ein Ethos herausbilden kann, das eine Art stabilisierendes Gerüst in einer ansonsten plural gestalteten Lebenswelt darstellt. Wenn wir in den heutigen bildungspolitischen Debatten darüber sprechen, daß zu einer Schule auch so etwas wie eine Schulphilosophie gehört, dann meinen wir diese Verständigung zwischen Schule und Elternhaus über gemeinsame Grundlagen, ohne die die Erfahrung von Pluralität für Kinder und Jugendliche eher verwirrend ist. Im Kontext einer so verstandenen Schule steht der Religionsunterricht.

"Der von der Glaubensunterweisung in den Gemeinden abgehobenen Religionsunterricht in der Schule muß zeigen, wie er Teil hat an der Aufgabenstellung der öffentliche Schule, wie er deren Ziele mitbegründet und fördert, konkretisiert, ergänzt und gegebenenfalls kritisiert."

Wer über den Religionsunterricht diskutiert, der diskutiert von daher über den erzieherischen Auftrag der Schule. Der Religionsunterricht zeugt von Erfahrungen einer langen Menschheitsgeschichte, die auf dem Weg, erwachsen zu werden und eigenverantwortlich entscheiden zu können, von hoher Bedeutung sind. Er steht für Orientierung und Tradition, die einen wesentlichen Beitrag zur Identitätsfindung leisten. Im Religionsunterricht wird der Erziehungsauftrag der Schule — nach den zitierten Worten der Synode — mitbegründet, gefördert, konkretisiert, ergänzt und nicht zuletzt auch kritisiert.