Fächerübergreifender Unterricht

Klasse 7 - Thema 1:



Spuren der Römer in der näheren Umgebung und in Europa.

Unterrichtseinheit:
"Gedenkstätten früher Märtyrer und Märtyrerinnen".

Dr. Franz-Dieter Sauerborn, Theodor-Heuss-Gymnasium Freiburg

Die verbindbaren Fächer sind die alten und modernen Sprachen, Religionslehre beider Konfessionen, Geschichte, Bildende Kunst.

Die Römer hatten das Land der Alemannen, also großzügig gerechnet den Geltungsbereich unseres Lehrplanes, offenbar in einem heiligenlosen Zustand hinterlassen; daher mußte der Lehrplan über die Landesgrenzen hinausgreifen und Europa mit einbeziehen. Benannt werden für Augsburg die hl. Afra; für Xanten (ad Sanctos) das Grab unbekannter Märtyrer; für Köln St. Gereon und St. Ursula; St. Maurice, Mauritius. Während dem Verfasser des Lehrplanes beim hl. Mauritius für den Ort der Verehrung die Angabe "in Europa" hinreichend genau erschien, haben wir für Xanten das bemerkenswert frühe Grab eines unbekannten Soldaten: angeblich unbekannte Heilige genießen dort die Ehre der Altäre.

Wie wird man heilig?

Heutzutage durch päpstliches Sondergesetz. Zuvor muß vor Ort die Qualifikation des potentiellen Heiligen überprüft werden, wobei geistliche Übungen nachgewiesen sein müssen. Ein bereits existierender Kult wäre abträglich und ist sogar verboten. Auf Wunder kann auch heute nur notfalls verzichtet werden.

Das neuzeitliche Verfahren unterscheidet sich beträchtlich von dem des Mittelalters. Wundertätigkeit und kultische Verehrung waren im Mittelalter Voraussetzungen für eine Heiligsprechung. Die letzte Instanz blieb auch hier dem Papst vorbehalten, aus guten Gründen. Wäre doch sonst ein im Suff erschlagener Schwede zur Ehre der Altäre gelangt. Seine Wundertätigkeit war bei den Kirchenrechtlern unbestritten; nur die Tatsache, daß er im betrunkenen Zustand erschlagen wurde, verhinderte seine Heiligsprechung: für trunkene Menschen war das Himmelreich verschlossen1. Fast wäre die Ehre der Altäre jedoch dem Windhund Guinefort in Burgund zuteilgeworden. Auch seine Begräbnisstätte war ein beliebtes Ziel frommer Verehrung vieler Bäuerinnen. Die von ihm bewirkten Wunder - er soll kranke Kinder geheilt haben - wurden nicht bestritten, lediglich die Angemessenheit des Kultes. Denn hiermit wäre die Heiligenverehrung im wahrsten Sinne des Wortes auf den Hund gekommen2.

Voraussetzung für die Ehre der Altäre war, daß der Name des Heiligen bekannt war. Der Name war zunächst wichtiger als die Person, die sich hierunter konkretisierte. Jedoch mußte auf Dauer mit dem Namen auch eine greifbare Person verbunden werden können. Sonst hätten Name und Wirklichkeit ja nicht mehr übereingestimmt, und die göttliche Weltordnung wäre nicht in Ordnung gewesen. Unter Berufung auf diese Nomen-Theorie konnten die Karolinger mit freundlicher Unterstützung des Papstes den letzten Merowinger in Klosterpension schicken3. Bei den Heiligen konnte jedoch zunächst der Name ohne Person auskommen.

Um den zeitlichen Rahmen nicht zu sprengen, beschränke ich mich auf die im Lehrplan genannte hl. Afra von Augsburg4. Mit ihr kamen - wie die Legende besagt - ca. 30 Personen ums Leben. Das ist eine überschaubare Zahl im Vergleich zu den 360 Kollegen des hl. Gereon, den 6000 des hl. Mauritius oder den 11000 Jungfrauen der Kölner Ursula5.

Afra ging - laut Legende - dem ältesten Gewerbe der Welt nach. Kaum hatte sie sich zu Christus bekehrt, wurde sie auch schon verbrannt. Sie hatte also wenig Gelegenheit zu geistlichen Übungen. Im Gegensatz hierzu konnte die hl. Ursula drei Jahre lang mit ihren Gefährtinnen auf der Nordsee segeln, bevor sie dem Martyrium zusteuern durfte. Um sie und ihre 11000 Jungfrauen scharten sich weitere 23000 Menschen, die auch die Romfahrt mitmachten und geschlossen in Köln auf der Rückreise ums Leben kamen. Unter ihnen befand sich auch der Papst Cyriacus, der sonst nicht nachweisbar ist.

Wie nun kam Augsburg zu Afra und diese zu Namen und Broterwerb und wurde trotzdem heilig? Wichtigster Zeuge für die Existenz eines Afra-Kultes in Augsburg in der Spätantike ist der Norditaliener Venantius Fortunatus. Nach einer Reise zum Grab des hl. Martin schrieb er um das Jahr 575 dessen Vita. In dieser ließ er einen potentiellen Leser als fiktiven Pilger vom Grab des hl. Martin in Tours durch Nordgallien über Augsburg und die Alpen nach Aquileja, seiner Heimat, und Ravenna gelangen. In Augsburg sollte der Pilger die Gebeine der hl. Afra verehren. Die Reiseroute soll in umgekehrter Richtung der des Fortunatus entsprochen haben.

Der Pilger, der einen gewaltigen Umweg auf sich genommen hatte, vermeldet nichts von den Gefahren des Weges, etwa durch die Langobarden in Oberitalien. Sollte der Dichter Fortunatus vielleicht gar nicht an Ort und Stelle gewesen sein? Im sogenannten Martyrologium Hieronymianum finden sich vom 5. - 7. August verschiedene, männliche und weibliche Afren für eine civitas Augustana oder augusta wie auch für Rom. Orte mit dem Namen augusta gab es im weströmischen Reich zumindest sieben. Das Martyrologium, das dem hl. Hieronymus zugeschrieben wurde, geht wohl auf Vorarbeiten seit der Mitte des 5. Jahrhunderts zurück. Die älteste Sammlung soll im Bereich von Aquileja, also der Heimat des Fortunatus, entstanden sein. Diese könnte er gekannt haben, und daher ist nicht auszuschließen, daß zumindest die Augsburger Afra eine literarische Fiktion ist und die Anfänge des Afra-Kultes in Augsburg nicht so abgesichert sind, wie bisher angenommen.

Nun zur Berufsbezeichnung: eine Berner Fassung des Martyrologiums gedenkt am 7. August zusätzlich einer Veneria. Diesen Namen hat wohl der Verfasser der ältesten Passio als Attribut aufgefaßt, und so wurde Afra zur Venusdienerin.

Die 100 Jahre jüngere 2. Fassung der Passio Afrae ergänzt eine Bekehrung durch den Bischof Narcissus, der sie auf der Flucht anläßlich der Christenverfolgung in ihrem Etablissement aufsuchte. Aber statt der Liebe, wie erwartet, gab er sich dem Gebet hin, was Afra so beeindruckte, daß sie sich sofort bekehrte und taufen ließ. Außerdem kennt die jüngere Passio die Namen von Afras Mutter und wie auch ihrer Mägde, ebenso auch den Begräbnisort der Damen, nämlich zwei Meilen außerhalb der Stadt.

Nun befindet sich die St. Ulrich und Afra-Kirche in Augsburg knapp eine Meile südlich der Römerstadt. Verdankte der Autor der Passio seine Angabe zum Grab etwa einer Vorlage, die für eine andere Stadt galt? Es verwundert nicht, daß die Archäologen in Augsburg bislang vergeblich nach dem Grab und der spätantiken Gedenkstätte gesucht haben. Denn offenbar hatte man, weil die Legende es so wollte, die Lokalisierung des Grabes auf den einzigen seit der Völkerwanderungszeit belegten Friedhof knapp außerhalb der Stadt verlagert und dort, der Vorlage folgend, in karolingischer Zeit eine Gedenkkirche errichtet.

Der Sterbetag von Afras Mutter Hilaria fand sich im Martyrologium am 12. August, aber für Rom. Hilaria mußte also ihren Sterbeort zugunsten Augsburgs wechseln, was 806 geschah. Da der Autor der Passio offenbar auch über die mythische Herkunft Aphrodites aus Zypern informiert war, ließ er Hilaria, "die Heitere", von dort kommen und ihre Tochter, entsprechend der zyprischen Tradition, der Venus weihen. Diese übte ihren Beruf jedoch, so einigte man sich schließlich, nur bis zur Taufe aus, so daß sie schließlich zur hl. Jungfrau werden konnte. Außerdem war sie, wie ihr Name besagt, eine Schwarze, trotzdem möglicherweise eine zyprische Königstochter.

Die Namen waren nun vorhanden, der Kult blühte, es fehlten nur noch die zugehörigen Reliquien. Und siehe: 1064 wurde Afras Leichnam in einem Sarkophag entdeckt, zwar mit Brandspuren, aber sonst wohlerhalten. Auch die Überreste von Mutter und Mägden wurden gefunden, zusätzlich die Gebeine des Bischofs Narcissus, die sich eigentlich in seinem Grab in Gerona in Spanien befinden sollten. Auch der hl. Quiriacus nebst 24 Gefährten hatte seinen Sterbeort von Rom nach Augsburg verlegt. Im Rahmen der Familienzusammenführung avancierte er zu Afras Cousin.

Solche familiären Beziehungen finden sich auch im Gefolge der Kölner Ursula; da sich diese jedoch auf eine Anzahl von Menschen entsprechend der Größe einer mittleren Kleinstadt erstrecken, sei von der Darstellung abgesehen.

Erzbischof Tado von Mailand, zu dessen Diözese Augsburg gehörte, fragte Mitte des 9. Jahrhunderts bei Papst Nikolaus I. an, ob er die zahlreichen Reliquien, die bisher nicht mit Namen bezeichnet seien, bestimmten Heiligen zuweisen dürfe. Die Nomen-Theorie, nun in der Umkehrung, läßt grüßen. Leider wurde er abschlägig beschieden. In Köln dagegen hatte sich die Zahl der Heiligen nach der Stadterweiterung von 1106, wobei man auf einen weiteren römischen Friedhof stieß, beträchtlich steigern lassen. Dank der Erfindungskraft einer Nonne konnten viele Gebeine ihren Namen zugeordnet werden. Namen ließen sich außerdem problemlos im Martyrologium finden. Ein schwunghafter Handel mit Reliquien, entweder von ganzen Heiligen oder portionsweise, war die Folge. Die alten Römerstädte wußten ihr Erbe zu nutzen.

Die hl. Afra, soviel scheint festzustehen, ist eine literarische Fiktion. Der Lehrplan bietet uns ersatzweise weitere Opfer der römischen Christenverfolgung an. Wie ist es um diese bestellt? Ich kann mich kurz fassen: sehr schlecht.

Zunächst zum hl. Mauritius. Er soll mit seinen ca. 6000 Gefährten aus der thebäischen Legion im Wallis für seinen Glauben gestorben sein. Den Kirchenhistorikern ist schon lange klar, daß am Ende des 3. Jahrhunderts keine thebäische Legion im Wallis stationiert war. Die Legende kam auf, als Kaiser Theodosius im Jahre 392 gegen den Usurpator Eugenius vorging. Zur Unterstützung des Kaisers und des mit ihm verbündeten Bischofs Ambrosius von Mailand bediente sich Bischof Theodor von Octodurus (Martigny) einer geistlichen Waffe: der Erfindung der thebäischen Legion. Durch die rechtzeitige Auffindung der Gebeine wurde die Legende legitimiert6.

Wie die bisherigen Ausführungen zeigen, wußte man von einem Heiligen zunächst den Namen; die Gebeine fanden sich dann. Sollte dies in Xanten etwa anders gewesen sein? Hier schlägt der Lehrplan immerhin einen unbekannten Heiligen vor. Aber die Nomen-Theorie stimmt auch hier; nur der Lehrplan nicht. Es handelt sich um den hl. Victor und seine Gefährten von der thebäischen Legion.

Da nun die thebäische Legion offenbar mit politischer Zielsetzung in einer bestimmten Situation erfunden wurde, kann sie auch nicht in Germanien stationiert gewesen sein. Und daher werden weder Victor in Xanten noch Gereon in Köln noch sonstige Heilige aus dieser Legion im Rahmen dieser Christenverfolgung ums Leben gekommen sein. Die Diokletianische Christenverfolgung fand im übrigen ca. 100 Jahre früher statt und beschränkte sich selbst in Italien hauptsächlich auf die Zerstörung von Kirchen.

Die hl. Ursula und ihr Gefolge wurden der Legende nach nicht von den Römern, sondern von den Hunnen ums Leben gebracht, denen man zu dieser Zeit alles Böse unter die Sättel schob. Als Märtyrerin der Römer scheidet sie somit aus. Außerdem taucht ihr Name erstmals im 9. Jh. auf; sie löst als Führerin die bis zu diesem Zeitpunkt herrschende Pinnosa ab, die ihrerseits eine hl. Martha verdrängt hatte. Pinnosa wurde von den Kölnern feierlich an ein Damenstift in Essen weitergereicht.

Heiligenverehrung hat in der katholischen Kirche ihren Platz, der auch nicht streitig gemacht werden soll. Aber: Heilige sind selten, auch in der Römerzeit. Im Lehrplan haben die erwähnten Heiligen im genannten Zusammenhang wenig zu suchen und sollten daher möglichst schnell wieder hinaus. Sonst könnte leicht dem Lehrplan das zuteil werden, was der Heiligenverehrung nur mit Mühe erspart blieb: er könnte auf den Hund kommen.

Anmerkungen:

(1) Schimmelpfennig, Bernhard: Afra und Ulrich. Oder: Wie wird man heilig? In: Zeitschrift des Histor. Vereins für Schwaben 86. 1993, S.23-44.

(2) Schmitt , Jean-Claude: Der heilige Windhund. Stuttgart 1982. Manche treffende Formulierung entstammt dem Aufsatz von Schimmelpfennig (Vgl Anm. 1).

(3) Beumann , Helmut: Nomen imperatoris. Studien zur Kaiseridee Karls d. Gr. In: Ideengeschichtliche Studien zu Einhard und anderen Geschichtsschreibern des früheren Mittelalters. S. 80 - 114. Hier S. 96.

(4) Schimmelpfennig , Bernhard: War die Heilige Afra eine Römerin? In: Vera Lex Historiae. Studien zu mittelalterlichen Quellen. Festschrift für Dietrich Kurze zu seinem 65. Geburtstag. Köln-Wien-Weimar 1993, S. 277 - 303. - Prinz , Friedrich: Die heilige Afra. In: Bayer. Vorgeschichtsblätter 46.1981, S. 211 - 215.

(5) Levison , Wilhelm: Das Werden der Ursulalegende. In: Bonner Jahrbücher. Jahrbücher des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande 132.1927, S. 1 - 164.

(6) Woods, D.: The Origin of the Legend of Maurice an the Theban Legion. In: The Journal of Ecclesiastical History 45.1994, S. 383 - 395. Vgl. hierzu die Besprechung von Silvia Letsch-Brunner in: Neue Zürcher Zeitung Nr. 183 vom 10. August 1995, S. 32.


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1996 Dr. Franz-Dieter Sauerborn