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Schriftliche Abiturprüfung 2000 im Saarland

Kath. Religion

Dauer: 5 St.
Zugelassene Hilfsmittel: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift
Hans Küng, Credo


Lesen Sie folgenden Text und bearbeiten Sie die Aufgaben!


Josef Finkenzeller: Die Frage nach Gott heute

Theologie ist die Rede von Gott, die Wissenschaft über Gott. Was meinen wir aber mit dem Worte Gott? Ist es nicht eine leere Worthülse ohne eigentlichen Inhalt, ein Wort, das uns aus der Tradition zukommt, ohne dass es für unser Leben noch bestimmend wie? Wenn der christliche Theologe über Gott nachdenkt und eine Lehre über Gott entfaltet, so meint er den Gott des Alten und des Neuen Testamentes und die sich an die Heilige Schrift anschließende Reflexion in der abendländischen Geistesgeschichte, in der der Kirche eine bestimmende Funktion zukam und noch zukommt. Ein Blick in die Religionsgeschichte macht uns aber deutlich, dass es viele Bilder von Gott gibt. So begegnen uns in der Antike die Götter als Grundgestalten der Weltwirklichkeit. Dort, wo die Welt nicht mehr erklärt werden kann und zum Geheimnis wird, nennt man sie götttlich oder Gott. Die Götter des Vaterlandes müssen von allen verehrt werden, weil nur auf diese Weise das religiös verstandene Wohl des Staates gesichert ist. Der Gott des Aristoteles, verstanden als das erste unbewegte Bewegende, ist ein apathischer Gott, der weder lieben noch hassen kann, zu dem man nicht beten kann. Ganz anders ist der Gott des Alten Testamentes, der als leidenschaftlicher Gott die Geschichte seines Volkes gestaltet und schließlich als Schöpfergott zum Herrn und Regenten des Universums wird. An diesen Gott des Volkes Israel hat Jesus von Nazaret geglaubt und als sein Gesandter die anbrechende Königsherrschaft Gottes verkündet. Wie kam es aber dann zu einer Lehre vom dreifaltigen Gott? Wie ist diese Lehre mit dem Monotheismus vereinbar? Der christlichen Tradition des Abendlandes stehen die übrigen Religionen der Welt gegenüber, die unter Gott zum Teil etwas ganz anderes verstehen. Der Dialog mit diesen Religionen und deren Gottesverständnis kann unser Gottesverständnis bereichern, ohne dass unser christliches Gottesbekenntnis relativiert und auf eine allgemeine Wahrheit reduziert wird.

Ist aber die Rede von Gott heute überhaupt noch sinnvoll? Ist dieser Lückenbüßer und Platzhalter durch den Fortschritt der Naturwissenschaft nicht längst überflüssig geworden? Sind nicht die Lücken, die Gott ausfüllen musste, durch die modernen Erkenntnisse geschlossen? Musste nicht Gott bereits endgültig Platz machen? Ist nicht die Entzauberung der Weit durch die Wissenschaft so unaufhaltsam auf dem Vormarsch, dass bald niemand mehr von Gott reden wird? Die sogenannte Gott-ist-tot-Theologie, die seit den Sechzigerjahren von Amerika auf unseren Kontinent übergegriffen hat, wollte zeigen, dass der tote Gott die Signatur der Gegenwart ist. Dem steht freilich die andere Feststellung gegenüber, dass nach wenigen Jahren die Gott-ist-tot-Theologie am Sterben ist.

Wenn der kämpferische Atheismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts behauptet, es gebe keinen Gott, so etwas wie Gott habe keinen angebbaren Sinn, wenn ein Gottlosenmuseum errichtet wird, wenn der Atheismus zum Parteidogma erhoben wird, so wird auf diese Weise dem Worte "Gott" zur weiteren Existenz verholfen. Karl Marx hat gemeint, dass auch der Atheismus verschwinden werde, also das Wort "Gott" selbst - bejahend oder verneinend gebraucht - nicht mehr auftreten werde. Die Geschichte zeigt uns aber, dass das Wort "Gott" bestehen bleibt. Der Mensch erfährt sich als Wesen der Transzendenz, Verantwortung und Freiheit, das über sich hinausweist auf ein höheres Wesen, das wir Gott nennen. Würde der Mensch das Wort Gott nicht mehr sprechen können, "so würde er aufhören, Mensch zu sein. Er hätte sich zurückgekreuzt zum findigen Tier." "Eigentlich existiert der Mensch nur als Mensch, wo er wenigstens als Frage, wenigstens als verneinende und verneinte Frage „Gott“ sagt. Der absolute, selbst seine Vergangenheit tilgende Tod des Wortes „Gott“ wäre das von niemandem mehr gehörte Signal, dass der Mensch selbst gestorben ist" (K. Rahner). Theologie und Anthropologie, die Rede über Gott und über den Menschen, sind also untrennbar miteinander verbunden. Es lohnt sich daher, über Gott nachzudenken, von Gott zu reden, damit das menschliche Leben Sinn und Ziel erhält.
 
 

Aufgaben

1.1

Erläutern Sie die Frage, ob eine "Wissenschaft über Gott"  möglich ist!

1.2

Thomas von Aquin greift in seinen Gottesbeweisen auf einen Gedankengang des griechischen Philosophen Aristoteles zurück. 

Erläutern Sie die Argumentation des kosmologischen Gottesbeweises!

1.3

Nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob die "Gottesbeweise" als Beweise im herkömmlichen Sinn gelten können!

1.4

Überprüfen Sie, inwiefern behauptet werden kann, "dass der tote Gott die Signatur der Gegenwart"  sei!

1.5

Eine der zentralen Thesen des Textes lautet: "Theologie und Anthropologie, die Rede über Gott und den Menschen, sind also untrennbar miteinander verbunden." 

Erl&puml;rtern Sie diese These! 

Nehmen Sie aus der Sicht Feuerbachs Stellung zu dieser These!

2.1

Das Alte Testament sieht Gott als den, "der als leidenschaftlicher Gott die Geschichte seines Volkes gestaltet" . Dabei spielen die Propheten eine besondere Rolle. 

Erläutern Sie das alttestamentliche Ethos am Beispiel eines Propheten!

2.2

"An diesen Gott des Volkes Israel hat Jesus von Nazaret geglaubt und als sein Gesandter die anbrechende Königsherrschaft Gottes verkündet." 

Erläutern Sie die ethischen Implikationen der Botschaft Jesu von der anbrechenden Königsherrschaft Gottes!

2.3

Joseph Finkenzeller schreibt an einer anderen Stelle über die Begründung der Menschenrechte: "Die letzte Begründung der Menschenrechte liegt in dem unbedingten, unendlichen Gott, auf den der in sich bedingte und endliche Mensch ursprünglich bezogen ist, nach dessen Bild der Mensch geschaffen ist. Letzten Endes sind also die Menschenrechte Gottesrechte und als solche heilig und unverletzlich. Diese Sanktion (Anm.: hier im Sinne von Heiligung) gilt selbstverständlich auch für den nicht an Gott glaubenden Atheisten." (Finkenzeller, a.a.O., S. 147)

231

Erlätern Sie das Problem, das sich aus dieser Begründung der Menschenrechte ergibt!

2.3.2

Erläutern Sie eine andere Möglichkeit, wie man die Menschenrechte begründen könnte!

2.3.3

Legen Sie dar, welche Rolle Hans Küng den Weltreligionen bei der Begründung und Sicherung der Menschenrechte zuschreibt!

3

Erläutern Sie die Frage, inwieweit die Kirche ihre Entstehung auf Jesus von Nazaret zurückführen kann!

4

In seinem Buch "Credo" schreibt Hans Küng: "Kurz, Christsein verwirklicht einen Humanismus, der nicht nur alles Positive, sondern auch alles Negative, Leid, Schuld, Sinnlosigkeit, Tod zu bewältigen vermag, aus einem letzten unerschütterlichen Gottvertrauen heraus, das sich dabei nicht auf die eigenen Leistungen, sondern auf Gottes Gnade verlässt." (S. 249)

4.1

Erläutern Sie das oben angeführte Zitat auf der Basis von Küngs Ausführungen zum "Credo"!

4.2

Diskutieren Sie Chancen und Risiken seiner Position! 

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