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THEMA:   INTERPRETATION (2): "Erlkönig"

 26 Antwort(en).

buerste begann die Diskussion am 28.06.05 (12:23) mit folgendem Beitrag:

Hallo zusammen,

ausgerechnet durch einen Song der Brachialrocker von RAMMSTEIN wurde mir unlängst wieder einmal bewusst, wie viele 'weiße Flecken' mein Verständnis von Goethes gutem alten "Erlkönig" doch aufweist...

Was haltet ihr denn beispielsweise von der These, nach der es der Vater selbst ist, der das Kind tötet, weil er es in seiner Panik zu fest an sich presst??

In gespannter Erwartung eurer luziden Kommentare verbleibe ich euer treu ergebener Diener etc. pp.

Bürste


Joan antwortete am 28.06.05 (19:05):

Hallo buerste,

also auf DIE Idee wäre ich NIE gekommen!

Aber auch jetzt nach dem nochmaligen Lesen des Gedichts finde ich keinen Anhaltspunkt für deine gewagte These.

Kannst du sie auch beweisen? *g*

Joan,
die sich gar nicht sicher ist, ob das ein "luzider Kommentar" - wie von dir gewünscht - ist.
Aber man kanns ja mal versuchen. ;-)


buerste antwortete am 30.06.05 (01:21):

Hallo Joan,

"gewagte These" - ja, "meine These" - nein. Wie gesagt, ich bin erst vor kurzem darauf gestoßen und war selbst einigermaßen verblüfft.

(Noch verblüffter war ich dann, als mir meine Frau sagte, sie habe in ihrem Germanistik-Studium durchaus von dieser Interpretation gehört.)

Aber sag mal: Wie verstehst du ihn denn, den "Erlkini"...??

LG

Bürste

(Internet-Tipp: http://www.miaweb.de/miawiki/CoMa.php?CoMa=Erlkoenig)


gymnase antwortete am 30.06.05 (15:16):

@buerste

Wo steht denn das im Text? Es gibt nur einen Anlass, eine derartig verwegene These aufzustellen: Die Unfähigkeit, sich unter dem Erlkönig, seinen Töchtern etc. etwas Sinnvolles vorzustellen. Das Kind scheint doch aber mit diesen Wesen zu kommunizieren und von ihrer Wirklichkeit überzeugt zu sein, während der Vater (als platter Realist) dem Kind banale Erklärungen für seine Wahrnehmungen zu geben versucht. (Das ist meines Erachtens das Thema des Gedichts.)

Woran stirbt nun das Kind, wenn man als Leser den Erlkönig für nicht wirklich existent hält und (Hypothese 1: Der Erkönig holt sich das Kind zu sich, weil er nach ihm verlangt.) damit keine konkrete Macht zutraut? Dann kann es sich doch nur (Hypothese 2: Das Kind stirbt an den Folgen einer Geisteskrankheit.) um eine Psychose mit Todesfolge handeln. Deine Deutung (Hypothese 3: Der Vater erdrückt den Knaben, weil er in Panik verfällt und ihn zu fest an sich presst.) erscheint mir vor allem aus zwei Gründen wenig plausibel:

1. habe ich nie von einem vergleichbaren Fall gehört, und der Vorgang erscheint mir anatomisch bedenklich. So leicht und ohne jede Gegenwehr stirbt selbst ein Kind nicht. Es hätte sich sicher irdendwie bemerkbar machen können.
2. hätte der Autor, um einen solchen Fall in einem Gedicht zu bearbeiten, doch allzuviel Aufwand getrieben.

Außerdem hätte der Vater doch, wenn er an seine eigenen Erklärungsversuche wirklich glauben würde, eine Pause einlegen können, um das Kind zunächst zu beruhigen und ihm seine unbegründeten Ängste durch Augenschein zu nehmen. Warum die unnötige Hetzjagd? Etwa wegen des Wetters (Nacht und Wind)?

Vielen Dank übrigens für den Link. Die dort versammelten Parodien zeigen allerdings, dass offensichtlich kaum einer der Parodisten das Gedicht verstanden zu haben scheint. Da scheint mir die Kurzfassung noch am besten gelungen...


gymnase antwortete am 30.06.05 (21:32):

@buerste

Holla, jetzt habe ich auch von "deiner Deutung" gesprochen. Das soll natürlich kein Besitzverhältnis oder gar eine Urheberschaft bezeichnen. Entschuldige. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dir derartig hirnrissige Gedanken zu unterstellen, zumal du das ja schon selbst richtiggestellt hattest, aber wer den Müll zuletzt angefasst hat, muss ihn auch "entsorgen"!

(So, nun hast du deinen gewünschten "luziden" Kommentar!)

Liebe Grüße

Gymnase


Joan antwortete am 30.06.05 (21:58):

Hallo buerste, hallo gymnase,

wie gesagt, ich wäre nie auf diesen Gedanken der fahrlässigen Tötung gekommen.

Außerdem widerspricht nach meiner Meinung die Halbzeile "Er faßt ihn sicher" dieser Interpretation.

Ich habe das Gedicht immer so aufgefasst, dass der Bub krank ist, darum auch der schnelle Ritt des Vaters.
Und in seinen (Fieber?-)Phantasien sieht der Kleine den Erlkönig. Vermutlich hat ihm einmal jemand von ihm erzählt. Und der Vater will ihn beruhigen.

Gymnase,

ich bin nicht deiner Meinung, dass hier eine Geisteskrankheit vorliegt.
Nun frag ICH: "Wo steht denn das im Text? Es gibt nur einen Anlass, eine derartig verwegene These aufzustellen: Die Unfähigkeit, sich unter dem Erlkönig, seinen Töchtern etc. etwas Sinnvolles vorzustellen."

Solche Sagen wie die vom Erlkönig wurden doch früher, in der fernsehlosen Zeit, gern erzählt, wurden den Erwachsenen erzählt. Aber die Kinder waren aufmerksame Zuhörer, denn daheim in der guten Stube bei Vater und Mutter und den Geschwistern war es ein angenehmer Schauer, der einem da über den Rücken lief.

Jetzt in der Nacht, im wilden Ritt auf dem Pferd, mit den Erlen im Düster der Nacht, da erinnert sich der Knabe an die Erzählungen und die Erle wird zum Erlenkönig, die windgepeitschten Zweige (der Weiden?) werden zu den tanzenden Töchtern.
Und der Vater versucht, die Realität zu zeigen um das Kind zu beruhigen. Warum sollte er nicht an seine Erklärung glauben? (Außerdem widersprichst du dir da: Ist er ein platter Realist? Oder glaubt er seinen Erklärungsversuchen nicht? Dann ist er aber kein Realist!)

Vielleicht hat einer der Äste den Buben gestreift, ihm "ein Leids getan".
Durch die große Angst des Kindes, vielleicht auch deshalb weil er merkt, dass es seinem Buben immer schlechter geht, wird nun dem Vater auch beklommen zu Mute: "Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, Er hält in Armen das ächzende Kind" - aber alle Mühe war vergebens - das Kind ist tot als er endlich nach Hause kommt.

Gymnase,

auch deine Einschätzung der Parodien teile ich nicht. Natürlich ;-) ist die "Kurzfassung" gut gelungen - nicht umsonst wird sie von Schülergeneration zu Schülergeneration weitergegeben.
Aber auch "Der moderne Erlkönig" ist gelungen, als Übertragung in einen neuen Sachverhalt, eng am Orginaltext. Allerdings gefällt mir die untergründige Botschaft: "Schwule vergreifen sich an kleinen Kindern" ganz und gar nicht.
Den Erlkönig der Programmierer finde ich dagegen nicht so gut gelungen.

Joan,
die merkt, dass Gymnase zur selben Zeit am Pc sitzt. *Gruß rüberwink*


buerste antwortete am 01.07.05 (02:21):

Seht ihr? - GAR so eindeutig ist das alles ja wohl nicht... ;-)

(Übrigens: Vielen Dank euch beiden für eure Bereitschaft auch über "hirnrissige" Thesen zu diskutieren - auf euch kann man sich halt verlassen).

Aber mal im Ernst - überzeugt habt ihr mich noch nicht, zumindest nicht im Sinne einer konsistenten Gesamtdeutung der Ballade. Da bleiben mir doch zu viele Fragen offen.

Joan, ich hab den Text immer ganz ähnlich wie du gesehen (ich will bewusst nicht sagen "verstanden", denn genau DAS kann ich nicht für mich in Anspruch nehmen): Der Junge ist offenbar krank und sieht bzw. hört im Fieberwahn den Erlkönig. "Jetzt fasst er mich an" würde ich dabei ebenso wie du einem Ast oder Zweig zuschreiben, der das Kind berührt.

Woran stirbt dann aber das Kind? - Am Fieber?? - Wozu dann das ganze obskure Gedöns mit dem Erlkönig und seinen Töchtern??? Das wäre doch völlig verschenkt.

Oder stirbt es am Schreck? - So etwas müsste doch wohl eher unmittelbar nach der vermeintlichen Berührung durch das Geisterwesen geschehen sein. Stattdessen "ächzt" - sprich: lebt - der Knabe noch eine Zeitlang danach.

Das Ganze kömmt mir insgesamt doch alles recht mysteriös und verblasen vor...

Deshalb, Gymnase, sowie ob deiner doch reichlich vollmundigen und ungewohnt undiplomatischen Reaktion auf "meine" These reitet mich jetzt doch ein wenig der Teufel, diese probeweise mal wirklich zu der meinen zu machen... ;-)

Lasst mich also ein wenig wider den Stachel löcken:

"Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm."

Joan, du sagst: >>Außerdem widerspricht nach meiner Meinung die Halbzeile "Er faßt ihn sicher" dieser Interpretation.<<

Joan, diese Halbzeile widerspricht - gemessen am schaurigen Ausgang der Ballade - sozusagen JEDER Interpretation. (Über diese[n] Arm[e] wird im Übrigen noch zu sprechen sein.)

Entweder wir müssen uns also in dieser Wendung ein schlichtes "Noch" dazudenken, oder es handelt sich um bittere Ironie aus der Sicht einer sozusagen 'allwissenden' Perspektive, oder aber - und das soll hier mein Standpunkt sein - diese Ballade wird weitgehend vom Bewusstsein des Vaters her erzählt, dessen Selbstsicherheit zu diesem Zeitpunkt noch nicht herausgefordert ist.

Dies würde gleichzeitig bedeuten: Auch der Vater hört später die Stimme des Erlkönigs, und seine Rationalisierungsversuche dienen allein der Beruhigung des Sohnes, entbehren aber der Sicherheit der eigenen Überzeugung. Das wiederum heißt: Der Vater weiß genau um die (aus seiner Sicht) tödliche Bedrohung und um die Notwendigkeit, sein Kind FESTzuhalten.

Ist euch nicht die eigenartige, eine Art 'Rahmen' bildende Fokussierung auf die ARME des Vaters in der letzten Strophe aufgefallen??

"Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den ARMEN das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen ARMEN das Kind war tot."

Ich behaupte: Die Nähe des "Ächzens" zu den "Armen" des Vaters legt ebenso eine kausale Beziehung nahe wie die Art und Weise, in der die Nachricht vom Tod des Jungen wiederum mit den Armen des Vaters in Verbindung gebracht wird!

Ich schlussfolgere also messerscharf: DER VATER SELBST hat seinen Sohn - im Bestreben sein Kind zu beschützen - ERDRÜCKT! (Bereits das "Jetzt faßt er mich an" war in Wirklichkeit als ein Reflex des vor Angst halluzinierenden Kindes auf den fester werdenden Griff des Vaters zu werten.)

Leute, wir sind schließlich nicht in der Romantik, wo Schauer um des Schauers willen auch den albernsten Nonsens rechtfertigt - wir haben es vielmehr mit einem Spätwerk des Sturm und Drang zu tun, der Epoche der misslingenden Vater-Sohn-Beziehungen, und hier haben wir nun einen Vater, der seinen Sohn "erdrückt", um ihn vor den Anfechtungen und Gefahren der Außenwelt zu schützen.

Was aber sind dies für Anfechtungen?

Joan, dir widerstrebte in einer der Parodien >>die untergründige Botschaft: "Schwule vergreifen sich an kleinen Kindern"<< - Meinetwegen, aber hast du dich nicht gefragt, wie eine solche Assoziation zustande kommen kann??

Selbstverständlich hat das Locken des Erlkönigs mit seinen i-Assonanzen (herrlich böse in Schuberts Vertonung!) erotische Untertöne, ebenso wie der Verweis auf die Töchter - hier ist eindeutig von Verführung, von verruchten, verbotenen Dingen die Rede!

Kurz, bündig und hirnrissig: Diese Ballade ist nichts anderes als eine sozusagen mystische Variation auf Goethes ambivalentes Vaterbild, wie es in mythologischem Kleid bereits 8-10 Jahre zuvor in den Gedichten "Prometheus" und "Ganymed" thematisiert wurde. Quod erat demonstrandum.

********************************

So, ich hab gerade meine Pillen genommen und bin jetzt wieder normal *gg* - und ggf. gerne bereit, meinen eigenen Müll zu entsorgen, Gymnase...

Mich interessiert das Ganze aber sehr wohl als "proof of concept", wie die Informatiker sagen - schließlich hatten wir ja vor kurzem eine sehr gute Diskussion zum Thema "Gibt es richtige und falsche Interpretationen?"

Worauf ich hinaus will - auf die Gefahr hin, dass du, Gymnase, dein Verdikt 'Hirnriss' nunmehr gewissermaßen im Sinne einer Diagnose meines Geisteszustandes personalisierst - ich muss gestehen, dass ich als Deutschlehrer einen Aufsatz mit obigem Tenor - eine angemessene sprachliche und formale Gestaltung vorausgesetzt - AKZEPTIEREN würde, zumal ich mir (wie schon mehrfach eingestanden) nicht zutraue, diese Deutung mit einem wirklich konsistenten, überzeugenden Gegenentwurf zu kontern. (Und ich sage das natürlich in Kenntnis der 'einschlägigen' Interpretationen des Gedichts.)

Ihr seid dran...! ;-)

LG

Bürste


buerste antwortete am 01.07.05 (02:33):

P.S.: Joan, du selbst hast mich durch eine entsprechende Andeutung auf einen weiteren Gedanken in Sachen "advocatus diaboli" gebracht: In der Tat wurden kleinen Kindern ja derartige Ammenmärchen von bösen Geist[er]wesen erzählt, um sie sozusagen 'in der Furcht des Herrn' zu halten.

Aber wessen Ängste reflektieren denn in Wirklichkeit diese Geschichten? Doch wohl eher die der Erwachsenen, oder nicht?? - Ein Grund mehr, sich in Goethes "Erlkönig" stärker auf die Person des Vaters zu konzentrieren.

So - jetzt mach ich aber Schluss, bevor ich mich noch selbst von irgendwelchen Hirnrissigkeiten überzeuge... ;-)


gymnase antwortete am 01.07.05 (11:46):

@Joan

Die Unfähigkeit, sich den Erlkönig etc. vorzustellen, unterstellte ich nicht dem Knaben im Gedicht und auch nicht dem Vater oder ihren Zeitgenossen, sondern dem Interpreten, der auf die Idee mit dem Unfalltod kommt, um sich nicht mit dem Übersinnlichen auseinandersetzen zu müssen. Meinetwegen können wir die Geistererscheinungen auch als Fieberwahn oder -phantasie deuten. Andere werden den Knaben vielleicht auch für geisteskrank halten, weil er offensichtlich von der realen Existenz der Geisterwelt überzeugt ist. Das ist nur eine Frage der Perspektive.

Auch die Haltung des Vaters ist ambivalent: Einerseits möchte er Realist sein und äußert sich entsprechend, andererseits "grauset's" ihm, was darauf hindeutet, dass er zumindest innerlich die Äußerungen des Kindes ernst nimmt. Denn das Verhalten des Knaben erfüllt ihn sicher mit großer Sorge, müsste aber kein Grausen auslösen.

Ich schlage vor, wir lassen uns auf eine poetische Wirklichkeit ein, in der es Kräfte geben kann, die einen Kindstod ohne notwendigen äußeren Anlass herbeiführen können. In Goethes Zauberlehrling gibt es doch auch realistisch geschilderte Zauberei...

(Fortsetzung folgt)


antwortete am 01.07.05 (14:36):

@buerste

Im "Faust" nehmen wir doch auch Mephisto ohne weiteres als existent an und akzeptieren, dass er der Urheber beispielsweise des Weinzaubers in Auerbachs Keller ist und suchen keine "rationalen" Erklärungen für diese Phänomene. Er verwickelt Faust auch in die Tötung von Gretchens Mutter und Bruder, ohne dass wir auf die Idee kämen, "rationale" Erklärungsmodelle für deren Ableben zu ersinnen, nur um die Existenz Mephistos in Frage zu stellen, weil wir eben heute nicht mehr an den Teufel glauben. (Andererseits ist wohl klar, dass Faust, Mephisto und Gretchen als Dramenfiguren aus dem Bewusstsein des Dichters Goethe stammen und insofern einen Teil seiner seelischen Kräfte widerspiegeln.)

Ich verstehe einfach immer noch nicht, was die "Erdrückungs-Hypothese" hier leisten soll, auch wenn du sie in den Kontext der sicher wichtigen ambivalenten Vater-Sohn-Beziehung stellst. (Prometheus-Ganymed wären da sicher auch interessant, aber eins nach dem anderen!)

Wenn die Deutung einem Schüler in einer Klausur eingefallen wäre, hätte ich mir übrigens auch mehr Geduld abverlangt und hätte versucht, der Argumentation etwas neutraler zu begegnen, ohne sie als "hirnrissig" abzuqualifizieren. Das ist aber auch eine andere Angelegenheit.

Du sagst doch selbst, dass wir schon genug Probleme mit den üblichen Deutungen haben. Warum sollte man sich dann noch mit einer recht artifiziellen Konstruktion ernsthaft beschäftigen?

Wie der Titel andeutet legt Goethe doch den Schwerpunkt weder auf den Sohn noch auf den Vater, die eigentlich nur den Rahmen abgeben, sondern auf den Erlkönig und seine erotische Sippe. Auch das spricht gegen die "Erdrückungs-Hypothese".

Bei der Untersuchung der sprachlichen Gestaltung habe ich auch noch Schwierigkeiten, den Tempuswechsel in der letzten Strophe zu erklären:

"Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind WAR tot."

Wie kommt es nach durchgängigem Präsens historicum unvermittelt zu diesem Präteritum?
Will der Dichter nun doch wieder Distanz zu dem Geschehen herstellen oder will er betonen, dass der Knabe als Resultat der Geistererscheinungen schon vorErreichen des Hauses gestorben ist?
Oder ist das einfach ein Zeichen für die Lösung der vorher aufgebauten Spannung?



buerste antwortete am 02.07.05 (14:55):

Hallo Gymnase!

Danke für deine Antwort!

Du schreibst:

>>Im "Faust" nehmen wir doch auch Mephisto ohne weiteres als existent an und akzeptieren, dass er der Urheber beispielsweise des Weinzaubers in Auerbachs Keller ist und suchen keine "rationalen" Erklärungen für diese Phänomene.<<

Tue ich das?? - Über Natur und Wesen des Erlkönigs mache ich doch überhaupt keine Aussagen.

Ebensowenig bestreite ich, dass in dieser naturmagischen Ballade die Rationalisierungsversuche (und somit, wenn du so willst, der 'aufgeklärte' Ansatz) des Vaters im Angesicht der numinosen Geisterwelt völlig versagen.

Ich bezweifle nur, dass dies auch schon die eigentliche 'Botschaft' des Gedichts ausmacht, denn es gibt ja, was das Verhalten des Vaters angeht, keinerlei Alternativen: Auch wenn dieser die Geisterwahrnehmungen seines Sohnes bestätigte - das schaurige Ende wäre doch wohl in jedem Fall das gleiche.

Bleibt noch die merkwürdige Sache der dreimaligen Nennung des Arms bzw. der Arme dieses Vaters. Mehr noch, diese Arme "umklammern" regelrecht den Text und: bei deren dritter und letzter Nennung ist sogar eine deutliche Hervorhebung in Gestalt einer Inversion festzustellen ("In seinen Armen das Kind"), welche keineswegs etwa durch das Metrum erfordert wird.

Übrigens: Meine These spricht natürlich von Psychologie, und nicht von 'Unfalltod' - etwa so: Nicht das Übersinnliche selbst ist die eigentliche Gefahr, sondern die Ängste des Menschen.

P.S.: Habe übrigens noch einen biografischen Ansatz zu dieser Ballade gefunden - haltet euch gut fest, hihi:

"Der Erlkönig ist Goethes erotischer Dämon, der Knabe ist Fritz von Stein. Der Reiter ist der andere Goethe, der sich um den Sohn der umworbenen Mutter kümmert.
Nicholas Boyle stellt die Frage, ob Charlotte dem Dichter ihren Filius auch dann überantwortet hätte, wenn sie das Gedicht als erotisches Schlüsselwerk verstanden hätte.
In den frühen achtziger Jahren verfaßte Goethe diese Zeilen, und seine Biographen vermelden, daß er in dieser Zeit mit dem kleinen Fritz nächtens nach Tiefurt unterwegs war, einem Dorf flußabwärts der Ilm [...]. Gerade in den Flußauen mit ihren aus den Wassern hochsteigenden und gleichsam wandelnden Nebelstreifen ist das schaurige Szenario gut nachempfindbar."

(Michael Lösch, "Who's who bei Goethe", München 1998)

LG

Bürste


gymnase antwortete am 02.07.05 (16:36):

@buerste

"Nicht das Übersinnliche selbst ist die eigentliche Gefahr, sondern die Ängste des Menschen."

Das scheint mir hier ein richtiger Ansatz zu sein. Nun wird es nach einigen Missverständnissen und produktiven Umwegen erst richtig interessant. (Da wäre dann aber auf längere Sicht auch "Ganymed" (s.o.) ins Spiel zu bringen, bei dem ich schon als Jugendlicher versteckte (und verdrängte?) homoerotische Züge des Dichters vermutete, weswegen ich gefühlsmäßig den "Prometheus" bevorzugte.)

Wenn sich hinter dem Vater tatsächlich der Dichter und hinter dem Sohn Fritz von Stein verbergen sollte, handelt es sich also um eine Art "Wahlverwandtschaft", und die Sache gerät in ein anderes Licht.

(Wenn es sich um Vater und Sohn im gewöhnlichen Sinn handeln würde, könnte ich die Deutung gar nicht nachvollziehen; denn dann liefe doch alles auf die Aussage hinaus, dass übermäßige Behütung Kinder gefährden und am Ende gar töten kann. Das passt nach meinem Empfinden aber gar nicht zum Text.)

Ist der Erlkönig Goethes "erotischer Dämon", was mir eher einleuchten würde (so wie Faust sein sinnlicher und Erkenntnisdämon und Mephistopheles Goethes rationalistisch-egoistischer Dämon und Gretchen der weibliche Aspekt sein könnte), so gibt die Gestaltung schon eher einen Sinn. Nur ist dann die Frage, was der Tod des Kindes zu bedeuten hat, denn Fritz kam ja wohl bei dem von dir eruierten Ritt nicht wirklich ums Leben.

Drückt der Tod nur die Gefahr für Goethes Reputation aus, falls seine Neigung bekannt wird? (Verlust auch der Beziehung zu Frau von Stein)

Oder steht er für den bewussten Abbruch der Beziehung oder für die "getötete" Liebe zu dem Knaben, was der Dichter dann für gesellschaftlich notwendig erachtete und nur im Bereich der Fiktion ausleben konnte (eine Art Komplementärideologie mit poetischen Mitteln.)

Was sagst du dazu? Zu den Armen und der Umklammerung würde das doch durchaus passen? Oder heben wir nun ganz ab, und zwar ganz ohne Zaubermantel? Na, dann eben nicht...

MfG Gymnase


buerste antwortete am 04.07.05 (13:19):

Hallo Gymnase,

>>Oder heben wir nun ganz ab, und zwar ganz ohne Zaubermantel?<<

*Lach* - Ich gebe diese Frage mal an Joan weiter (und ahne schon, wie die Antwort ausfallen wird...).

Um ehrlich zu sein - das Ganze ist natürlich hochgradig spekulativ, und ich verlasse lieber dieses Eis, bevor es zu dünn wird, zumal ich - dir wird es ähnlich gehen - nicht die Zeit habe, mich so in die Sekundärliteratur zu vertiefen, wie dies nötig wäre, um dem Erlkönig seine Geheimnisse zu entreißen...

Immerhin: Ich denke, wir konnten zeigen, dass es sie gibt, diese Geheimnisse, und dass das Geschäft der Interpretation eine hochspannende Sache sein kann.

Noch eine letzte Anmerkung meinerseits zu Goethes Ausritten mit Fritz von Stein: Tatsächlich war der oben angesprochene Ort Tiefurt auch Schauplatz der 'szenischen Uraufführung' des "Erlkönig" im Rahmen eines Singspiels, die Verbindung scheint also wirklich nicht ganz zufällig zu sein...

Zuletzt: Kennst du - kennt ihr - Henry James' Novelle "Die Drehung der Schraube"...?
Eine bis heute sehr wirkungsvolle Schauergeschichte, und dabei wieder so ein Text, der Interpreten zur Verzweiflung treiben könnte:

Ähnlich wie beim "Erlkönig" stellt sich dort die Frage nach dem Wesen von Geister-Erscheinungen - SIND es wirklich Geister oder handelt es sich um die Ausgeburten der überreizten Nerven der Ich-Erzählerin, also um Chiffren (tiefen)psychologischer Vorgänge?

Der Fall ist bis heute unentschieden, und die beiden Lager stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie vor hundert Jahren.

Dennoch - oder gerade deshalb: unbedingt eine Lese-Empfehlung! (Ich höre Joan leise stöhnen und sehe sie die Augen in Richtung 'Nachtkastl' verdrehen... *gg*)

Grüße

Bürste


Joan antwortete am 04.07.05 (16:47):

Hallo Buerste, hallo Gymnase,

*lach* ich denke, euch müsste aufgefallen sein, wie still ich geworden bin. ;-)

Nicht dass euere Statements nicht "interessant" gewesen wären, aber für "Resi Normalverbraucherin" wars viel zu viel von der Sorte, die für mich eher abschreckend ist.

Ich halte es lieber mit Ute Andresen:
"Das interpretierende Zerstückeln von Gedichten, wie es in der Schule betrieben wird, hat vielen, sehr vielen von uns das Gedichtelesen verleidet. Wir fühlen uns dumm gegenüber einem Gedicht, das wir mit dem Verstand nicht verstehen und nicht erklären können, denn das hat man immer wieder von uns verlangt, ohne dass wir jemals diese Aufgabe erfüllen konnten. Das Gedicht selbst sträubte sich dagegen. Wir aber meinten, unser Verstand oder unsere Anstrengung genügten nicht. Ganz vage wussten wir, dass mehr Verstand und Anstrengung nicht helfen würden und sperrten uns gegen die Aufgabe.
Manchen hält die in der Schule eingeübte Verweigerung ein Leben lang fern von Gedichten und erlaubt ihm nur ein schnell schalwerdendes Vergnügen an banalen Klappversen und seichtem Herz- und Schmerzgesäusel. Amüsier mich ein bisschen, aber rühr mich nicht an!

Was im angeleiteten Umgang mit Gedichten vor allem zu lernen wäre, das ist Achtung gegenüber dem Abstand zwischen dem eigenen Bewusstsein und dem des Menschen, der da zu uns spricht, zugleich aber eine schwebende Aufmerksamkeit für das Echo seiner Worte in uns, in Geist und Seele und natürlich auch Verstand und Gefühl.

Solche Annäherung braucht Zeit und Gelassenheit, braucht mehr Zeit, als uns gemeinhin gelassen wurde.
...

Wer jetzt aber annimmt, das alles sei ein Argument für ungenauen, in Ahnungen schwelgenden oder gar dumpfen Umgang mit Gedichten, hat mich gründlich missverstanden."

(Ute Andresen, Versteh mich nicht so schnell. Gedichte lesen mit Kindern. S. 12 und 13)

Obwohl es von einer Grundschullehrerin für Grundschullehrer geschrieben ist, wäre das ein Buch zunächst fürs Nachtkastl und dann zum Lesen auch für euch

Joan


gymnase antwortete am 04.07.05 (18:46):

@Joan und buerste

Zunächst vielen Dank für die Leseempfehlungen. (Ich muss mir beide Texte noch beschaffen und lesen.) Die Sache mit den Geistern werden wir so schnell nicht wirklich klären und vor allem nicht beweisen können. Deshalb lasse ich das ebenfalls zunächst einmal auf sich beruhen und danke euch für die letztlich doch noch unterhaltsame Diskussion, die nun doch wieder an eine Grenze gekommen zu sein scheint. Ute Andresen kann man nur zustimmen.

Zum Glück hat sich unsere Diskussion nicht im Klassenzimmer, sondern in unserem intimen "Threadchen" abgespielt, das mit etwas Glück kaum jemand lesen wird, so dass auch niemand wirklich vom Gedichtelesen dadurch abgehalten wird.

(Für uns selbst sehe ich die Gefahr nicht, denn wir wissen, was wir an unseren Gedichten haben, wenn sie uns manchmal auch länger beschäftigen als die dicksten Romane.)

MfG Gymnase


buerste antwortete am 05.07.05 (15:53):

Hallo Joan!

>>Das interpretierende Zerstückeln von Gedichten, wie es in der Schule betrieben wird, hat vielen, sehr vielen von uns das Gedichtelesen verleidet. Wir fühlen uns dumm gegenüber einem Gedicht, das wir mit dem Verstand nicht verstehen und nicht erklären können, denn das hat man immer wieder von uns verlangt, ohne dass wir jemals diese Aufgabe erfüllen konnten. Das Gedicht selbst sträubte sich dagegen. Wir aber meinten, unser Verstand oder unsere Anstrengung genügten nicht. Ganz vage wussten wir, dass mehr Verstand und Anstrengung nicht helfen würden und sperrten uns gegen die Aufgabe.<<

Hier wäre meiner Meinung nach genauer nachzuhaken und zu hinterfragen, woran das lag bzw. wie die von der Autorin beklagte Situation in jedem einzelnen Fall zustandekam.

Die Formel vom >>interpretierende[n] Zerstückeln von Gedichten<< ist mir jedenfalls zu klischeehaft und - pardon! - "billig" und wird der Unterrichtspraxis der meisten KollegInnen sicher nicht gerecht.

Im Übrigen empfinde ich das generalisierende "Wir" als reichlich anmaßend - nach meiner Erfahrung gibt es bei Schülern jedenfalls sehr verschieden motivierte Zugänge zu (bzw. Abwehrhaltungen gegen) Lyrik und Lyrikanalyse, und die Unterstellung, es sei in einem nicht näher definierten "Damals" "allen" so ergangen wie Frau Andresen erscheint mir letztlich unredlich...

>>Wer jetzt aber annimmt, das alles sei ein Argument für ungenauen, in Ahnungen schwelgenden oder gar dumpfen Umgang mit Gedichten, hat mich gründlich missverstanden.<<

Aha! Das ist schön - vor allem auch: schön leicht - gesagt, wie aber soll's denn wohl gelingen ohne Analyse (='Zerstückelung')??

Ein Lehrer steht doch schließlich auch vor der Klasse in der Pflicht, seine eigene Deutung nachvollziehbar herzuleiten und zu begründen - und das kann weder durch apodiktisch formulierte 'Musterinterpretationen' gelingen ("Hefte raus - mitschreiben!") noch gleichsam durch die Evokation eines 'magischen Raunens', sondern allein durch die Anleitung zum genauen Lesen.

Wo sonst spielen Details auch eine derart wichtige Rolle wie in der (im Wortsinn) "verdichteten" Sprache der Poesie?

Im Übrigen wird auch in der Schule eine Gedichtinterpretation nicht bei der reinen Analyse stehenbleiben, sondern darüber hinaus auch ganzheitliche bzw. produktive Herangehensweisen offerieren, sei es durch kreative Schreibanlässe, durch unterschiedliche Formen des Schülervortrags, durch den Vergleich von Vertonungen und und und...

Ich will nicht ungerecht sein - schließlich muss in der Grundschule pädagogisch bisweilen anders verfahren werden als, sagen wir, in der Mittelstufe eines Gymnasiums oder in der Erwachsenenbildung (wo ich mich rumtreibe), und schließlich kenne ich nicht den ganzen Inhalt des Buches, sondern nur die von dir zitierten Auszüge.

DIE allerdings empfinde ich als ... ähem ... einigermaßen 'populistisch'... ;-)

LG

Der Grantler


Joan antwortete am 05.07.05 (20:43):

Hallo Grantler,

"Ich will nicht ungerecht sein - schließlich muss in der Grundschule pädagogisch bisweilen anders verfahren werden als, sagen wir, in der Mittelstufe eines Gymnasiums oder in der Erwachsenenbildung"

Ja, da hast du Recht.

Vielleicht muss ich noch zu diesem Buch etwas erklären.

Das zitierte Buch ist nicht mehr das Neueste. Es war sicher eine Antwort auf die damals in der Methodik vorherrschende "Mode", auch schon Zweit-, Dritt- und Viertklassler mit "Interpretationen" zu quälen oder zu beglücken (je nach Standpunkt), die fast mit Gymnasialmethoden an die Sache rangingen (ähnlich der Mengenlehre unseligen Angedenkens in der Mathematik).

Frau Andresen ging es nun darum, ein Gedicht eben nicht zu zerpflücken bis ins letzte Fitzelchen, sondern zuerst mal auf die Kinder einfach wirken zu lassen und dann im gemeinsamen Gespräch (und das zu führen verstand sie hervorragend) die verschiedenen Ansichten, Gefühle, Wirklichkeiten der einzelnen Kinder laut werden zu lassen (oder sie auch mal unausgesprochen zu lassen).
Ich kenne Frau Andresen und ihre Gedichtbehandlung (nicht Gedichtinterpretation im klassischen Sinn) aus dem Schulfunk. Wenn jemand ein Recht hat zu kritisieren, dann sie, denn sie hat es eben anders und meiner Meinung nach besser gemacht - für diese Altersstufe, aber auch für Größere nicht ungeeignet.

So wie der Titel des Buchs lautet: "Versteh mich nicht zu schnell", durfte noch ein Rest Nichtverstandenes oder Nurgeahntes bleiben - für spätere Zeit.

Euer Fachgespräch hier rutschte für MICH schon gefährlich nahe dorthin, wo man nur noch zerfasert und spekuliert.
Für euch klang das sicher anders - ihr wart halt Fachleute unter sich. Wobei dann wieder die Frage auftaucht, wie weit euere Schüler zumindest zu den "werdenden Fachleuten" gehören.

Ich weiß ja nicht, wie "man" heutzutage im Gymnasium, bzw. in der Erwachsenenbildung mit Gedichten umgeht. "Zu meiner Schülerzeit" aber kannte ich das Rumreiten auf Versmaß und und ..., zum Glück nicht von meinem Deutschlehrer, aber vom Deutschlehrer unserer Parallelklasse.

Es grüßt den Grantler und Herumtreiber Buerste,
aber natürlich auch den Gymnase

die Joan


buerste antwortete am 06.07.05 (00:53):

Hallo Joan,

du schreibst:

>>"Zu meiner Schülerzeit" aber kannte ich das Rumreiten auf Versmaß und und...<<

Jetzt kommen wir dem Fall schon näher ... was du da beschreibst, erinnert mich an das nachgerade 'klassische' Beispiel dafür, wie man's NICHT machen sollte (und zumindest nach meiner Erfahrung auch nicht mehr tut), nämlich die möglichst 'vollständige' Aufzählung aller nur denkbaren formalen Details, welcher sich alsdann eine - völlig von ersterer isolierte - Paraphrase des Inhalts anschließt. Hie FORM, dort INHALT, alles sauber getrennt, Aufgabe erledigt und abgehakt.

Keine Sorge - auch ich kenne derartigen Horror noch aus meiner Schulzeit!

Natürlich ist vielmehr in jedem Einzelfall zu entscheiden, welche formalen 'Tricks und Kniffe' zu Stimmung und Gehalt eines Textes beitragen, und genau in dieser Unterscheidung von Wichtigem und weniger Wichtigem sehe ich auch ein entscheidendes Kriterium bei der Bewertung von Schülerleistungen.

Das Metrum KANN in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein - etwa in den diesbezüglich gerne zitierten Goethe-Gedichten "Meeres Stille" und "Glückliche Fahrt" - das muss aber natürlich durchaus nicht immer der Fall sein, und die Standard-Formel ("Hefte raus!" *gg*), wonach z.B. der Trochäus grundsätzlich dem 'Schweren' und sozusagen 'Unheilschwangeren' verpflichtet sei, während der 'aufsteigende' Jambus allenthalben Optimismus verbreite, wird durch Hunderte gegenteilige Lese-Erfahrungen mit (guten!) Gedichten ad absurdum geführt.

Du schreibst weiter:

>>Frau Andresen ging es nun darum, ein Gedicht eben nicht zu zerpflücken bis ins letzte Fitzelchen, sondern zuerst mal auf die Kinder einfach wirken zu lassen und dann im gemeinsamen Gespräch (und das zu führen verstand sie hervorragend) die verschiedenen Ansichten, Gefühle, Wirklichkeiten der einzelnen Kinder laut werden zu lassen (oder sie auch mal unausgesprochen zu lassen).<<

Ich verstehe sehr gut, was du meinst - und es ist mir auch durchaus sympathisch, AAAHABER:

Man macht halt so seine Erfahrungen ... und wenn in meinem Unterricht >>die verschiedenen Ansichten, Gefühle, Wirklichkeiten der einzelnen [SchülerInnen] laut werden<<, dann braucht meiner einer bisweilen schon Nerven wie gaaanz breite Bandnudeln...

Das liegt (meistens) keineswegs daran, dass die SchülerInnen dumm oder unsensibel wären, sondern ist in aller Regel darauf zurückzuführen, dass sie nicht daran gewöhnt respektive darin geschult sind - jetzt wiederhole ich mich - einen Text GENAU und KONZENTRIERT zu LESEN (bzw. auf sich wirken zu lassen), aber allemal selbstbewusst genug, um einfach nassforsch ins Blaue hinein zu faseln...

Ich bin ganz gewiss kein Vertreter der "Früher-war-alles-besser-Fraktion", aber in diesem EINEN Punkt meine ich schon, eine ständige Abwärtsentwicklung zu beobachten.

Aber - auch hier müssen wir gerechterweise natürlich sagen: Es wird nicht leichter, gerade dort, wo's um die Klassiker geht, denn natürlich entwickeln sich die Lebensgewohnheiten ebenso wie die Sprache immer weiter weg von dem, was noch vor einigen Jahrzehnten erwartet werden konnte.

Ein kleines Beispiel: Vor einigen Jahren hatte ich einen Grundkurs in Deutsch, und eines der literarischen Schwerpunktthemen fürs Abi hieß "Lyrik der Romantik".

Weil mir Unheil schwante (Trochäus!) - und zwar aus einer Ecke, die nach meinem Empfinden immer noch viel zu wenig beachtet wird - schrieb ich groß das Wort 'WALD' an die Tafel und ließ die SchülerInnen alle ihre spontanen Assoziationen zu diesem Thema auf ein Blatt Papier notieren. Nach fünf Minuten sammelte ich die Zettel ein.

Die Auswertung ergab interessante, wiewohl nicht gänzlich unerwartete Ergebnisse: Über die Hälfte der gesammelten Stichwörter verwiesen zwar auf nachvollziehbare und durchaus 'vernünftige' Gedanken von Menschen des späten 20.Jahrhunderts - mit dem 'Wald' eines Eichendorff oder Heine freilich hatten sie nur wenig zu tun: "Waldsterben" war ein häufig genannter Begriff, "Vernichtung des tropischen Regenwaldes" war mehrmals zu lesen, ebenso wie "Waldbrandgefahr", "Sturm Lothar", "Witschaftsfaktor Holz", "Jogging" usw. usf.

Umgekehrt fehlten naturgemäß wichtige Konnotationen, die für die zeitgenössischen Rezipienten romantischer Lyrik eine bare Selbstverständlichkeit waren, vor allem die der GEFAHR (Räuberbanden, Wölfe, das Verirren im Wald, magische und mystische Assoziationen und dergl.).

Will sagen: Von dieser Warte her gesehen sollten wir ungeheuer vorsichtig sein, wenn wir von 'Wirklichkeiten' sprechen - oder gar von 'richtigen und falschen Interpretationen'...

LG

Bürste


gymnase antwortete am 06.07.05 (18:08):

@Joan und buerste

Noch einmal zu Thema: >>Rumreiten auf Versmaß und und...<<

Der Tendenz nach kann man euch beiden nur zustimmen. Natürlich sollte man altersgemäß vorgehen und Formales nur dort behandeln, wo es in seiner Funktion und in seiner dienenden Rolle für die inhaltliche Aussage sichtbar wird. Auch vor ungeprüften Verallgemeinerungen sollte man sich hüten, vor allem wenn man noch wenig Erfahrungen gesammelt hat.

Andererseits muss man auch einmal das Gelernte rekapitulieren und im Zusammenhang darstellen und wiederholen, wenn es dazu an der Zeit ist. Ich durfte in der Oberstufe mehrfach Klassen übernehmen, die in der Mittelstufe kaum Fachbegriffe gelernt hatten. Das lag nicht daran, dass die Phänomene nicht vorgekommen waren, sondern daran, dass die Kollegen (aus Faulheit oder höherer Einsicht sei dahingestellt) sich und die Lernenden mit diesen Dingen nicht hatten belasten wollen.

Was ein Jambus ist, wussten einige noch, aber von Daktylus und Anapäst (oder gar einem Spondeus) hatte niemand etwas gehört. Versformen oder gar Strophenformen waren so gut wie gar nicht vorgekommen, Reimformen wurden dagegen oft ohne Sinn und Verstand aufgelistet. In der Erwachsenenbildung habe ich dann meist ehemalige Realschüler unterrichtet, die fast noch weniger mitbrachten...

Ich hatte einmal einen Referendarausbilder, der uns beibrachte, in jeder Stunde gezielt ein jeweils relevantes sprachliches Phänomen (z.B aus der Syntax, Semantik oder Rhetorik) zu behandeln. Ich denke, das ist eine gute Methode, denn so kann man in einem Schuljahr Hunderte davon ganz zwanglos und überzeugend vermitteln, ohne dass es in "Formalismus" ausartet. So ähnlich habe ich es bei Gedichten auch gehalten, wenn ich bei jedem Gedicht ein besonders auffälliges formales Prinzip exemplarisch zu behandeln versuchte. Nach einiger Zeit kann man den Schülern dann ein zusammenfassendes Kompendium in die Hand geben, und sie können dann schon einiges Wiedererkennen und es sich wiederholend im Zusammenhang einprägen.

Auf jeden Fall kann man nicht völlig auf die Vermittlung von Fachbegriffen bis zum Abitur verzichten oder die Dinge zu lange vor sich her schieben, weil manche Schüler sonst alles erst auf der Universität lernen müssten, wo dazu die Zeit fehlt. Außerdem bereiten doch alle Fächer bis zu einem minimalen Grad wissenschaftspropädeutisch auf das Studium vor. Warum sollte das der Deutschunterricht unterlassen.

Versteht mich bitte nicht falsch: Ich trete hier nicht für Formalismus ein, und gerade Gedichte sollten besonders sensibel und vor allem inhaltsbezogen behandelt werden, aber man muss neben genauem Lesen, was offensichtlich immer schwerer fällt, auch Methoden und Kriterien kennen lernen.

Brecht sagte wohl in diesem Zusammenhang: "Zerpflücke die Rose, und jedes Blatt ist schön!" Man kann aber auch (vgl. Goethe) in ein Gedicht "hineingehen" wie in ein beeindruckendes Gebäude, um es auf sich wirken zu lassen.

Beides muss vermittelt werden, und jeder sollte zwar methodische Vielfalt üben, aber in erster Linie das anbieten, was er seiner Persönlichkeit entsprechend überzeugend vermitteln kann. Kollegenschelte hilft da nicht weiter. Jeder muss ohnehin auf dem Vorhandenen aufbauen und kann es ja dann hoffentlich besser machen als seine Vorgänger...


Joan antwortete am 06.07.05 (21:09):

Hallo Gymnase,

ganz spontan zu Brecht: Eine zerpflückte Rose ist keine Rose mehr, so schön auch die einzelnen Blätter sind.

Zum Glück sind Gedichte keine Rosen! Sie können einem durchaus auch dann noch gefallen, wenn sie jemand vor unseren Augen zerpflückt hat.

Das was du als Vorbereitung auf die Hochschule geschrieben hast - darüber will ich mich nun nicht auslassen, sonst wird dieser Thread, der sowieso nur noch zum ersten Teil der Überschrift passt, ganz aus dem Ruder laufen. Und ich wäre wieder mal schuld dran.

"jeder sollte zwar methodische Vielfalt üben, aber in erster Linie das anbieten, was er seiner Persönlichkeit entsprechend überzeugend vermitteln kann"

Das gefällt mir. Allerdings muss man halt auch manches vermitteln, was einem nicht so liegt - der Lehrplan verlangt es und die Kollegen, die nach einem kommen, erwarten es.
Aber ich habs halt so gemacht: Das, was mir nicht so lag, hab ich soweit wie nötig vermittelt und eingeübt. Was mir lag, das hab ich mit besonderem Engagement gemacht und mit besonderen Erfolgen zumeist.
Wobei es aber auch vorkommen konnte, dass man im Laufe der Zeit auch Weniger-geliebtes fast liebgewann.


Buerste,

also Gefahr hätte ich mit dem Wald auch weniger verbunden, obwohl ich auch lieber zu zweit oder mit mehrern durch unsere Wälder streife als allein.
Was mir wieder zeigt: Jede Zeit hat ihre Hellsichtigkeiten, aber auch ihre blinden Flecke!

Joan


leia antwortete am 17.03.06 (19:40):

also, wir haben diese ballade im deutschunterricht durchgenommen und interpretiert. mein interpretation ist, dass es um kindesmissbrauch handelt. ich zitiere: ich liebe dich , mich reitzt deine schöne gestalt und bist du nicht willig so brauch ich gewalt. findet ihr nicht, dass das eindeutig ist? außerdem glaube ich dass der vater und der erlkönig dieselben personen sind. da das kind sich nicht traut den vater direkt anzusprechen über seine angst vor ihm, sricht es ihn über den erlkönig an.
was sagt ihr dazu?


Porta antwortete am 25.03.06 (13:55):

es ist eindeutig die angst des kindes. der vater sieht den erlenkönig nicht. das kind sagt " siehst vater du den erlenkönig nicht?" . was wissen wir wirklich?
wir wissen dass das kind fieber hat, und der vater es schnell nach hause bringen will( zu einem arzt?). ja, der vater hat angst, aber nicht von dem erlenkönig. es gibt noch ne andere these: das kind hat tödlichen fieberwahn und sieht die tannen als erlenkönige die ihn auf der schwelle des todes zu sich rufen.


Hasenbein82 antwortete am 24.04.06 (11:34):

Fakt ist bei der ganzen Sache, dass das Kind wohl einen Fieberwahn hat, ist zumindest die realistische Deutung - Drogenabhängigkeit sollte nicht die Idee Goethes gewesen sein!

Nun, warum eigentlich Erlkönig?
Der Stoff der Ballade stammt aus dem Dänischen, dort heißt der Erlkönig Ellerkonge, also Elfenkönig. Die Ballade wurde ursprünglich von Johann Gottfried Herder übersetzt. Dabei entstand der Begriff „Erlkönig“ aus der falschen Übersetzung des Wortes Eller als „Erle“, das er dann mit „König“ kombinierte.

Der Begriff „Erlkönig“ kommt aus dem Dänischen und bedeutet ursprünglich „Elfenkönig“. Elfen sind magische Wesen der Mythologie, die eine ganz besondere Anziehungskraft auf Menschen ausüben sollen. Das Wort „Elfe“ stammt aus der Dichtung des 18. Jh. und wurde aus dem engl. „elf“ (aengl. „aelf“) entlehnt, womit eher so etwas wie „Zwerg“ gemeint war. „Elbe“ stellt wiederum eine singularisierte Form des Plurals von ahd. „alb“ bzw. mhd. „alp“ dar, was schon im Mittelalter die Bezeichnung für den Nachtmahr war, der die Schlafenden drückt (vgl. Albtraum). Entsprechend interpretiert Goethe den Erlkönig: als albtraumartigen Fiebertraum des Aberglaubens.

Erlen, die ähnlich wie die Weiden in Sumpf- und Moorlandschaften beheimatet sind, haben die Menschen seit vielen Jahrhunderten in Angst versetzt. In ihnen wurden verschiedene Geister wie Nebelfrauen, Erlenfrauen, Irrlichter, Hexen und eben Erlkönige vermutet, was die Landbevölkerung einschüchterte. Wenn Erlenholz geschlagen wird, läuft es an den Schnittstellen blutrot an.


Daraus resultiert, dass der Junge höchstwahrscheinlich einen Fiebertraum hat - in eine Decke eingewickelt ist und vom Vater auf dem rasenden Pferd festgehalten wird - damit er nicht runterfällt. Er scheint nicht umgebracht bzw. erdrückt worden zu sein....
Die Gestalt des Erlkönigs kann für den Jungen - veranlasst durch den Fieberwahn - zur mystischen Gestalt werden, die ihn dazu verleitet den Kampf ums Leben aufzugeben und mit ins Jenseits zu wandern - dort wird alles besser; die Töchter des Erlkönigs werden ihn schöne Abende bereiten.
Der Erlkönig mit Kron und Schweif: Die Erle als o.g. Baum, der den Menschen seit jeher durch den Aberglauben und Mythen Schrecken bereitet oder aber als Gestalt eines Zwerges oder eines Elfenkönigs, der eine Krone trägt und dessen Gewand einen langen Mantel aufweist.
Der Tod, den der Erlkönig symbolisiert/symbolisieren kann, will den Jungen unbedingt auf seine Seite zwingen, wenn er nicht freiwillig den Kampf ums Leben aufgibt, dann eben mit Gewalt!Der Sohn erlebt seinen fieberhaften und qualvollen Todeskampf, er muss allein gegen die Macht des Todes ankämpfen, da der Vater seine Träume nicht nachvollziehen kann - der Sohn ist dem Tod hilflos ausgesetzt! Der Vater versucht ihn zu retten - vergebens!


Joan antwortete am 24.04.06 (18:11):

Hallo Hasenbein,

deine Interpretation gefällt mir. Ich finde sie viel "vernünftiger" als so manche abwegige Spekulation hier und anderswo.

Gruß!

Joan


ich-mag-mich antwortete am 12.07.06 (23:59):

Mir ist auch nur die Interpreatation mit dem fieberkranken Jungen bekannt.
Allerdings habe ich einmal im Fernsehen eine Doku gesehen, in der es hieß, dass es im düsteren Norddeutschen Raum im 18. Jahrhundert öfters zu Kindesmisshandlugen, gerade auch an Jungen gekommen sei. Da das Gedicht ursprünglich aus dem nördlichen Raum Europas stammt, könnte es durchaus doch auch sein, dass das Gedicht wörtlicher genommen werden kann, als man oft denktn...


schnauze antwortete am 05.10.06 (14:13):

Hallo zusammen
ich komm hier einfach nicht weiter ich will den erlkönig in sinnabschnitte unterteilen weiß aber nicht genau wie ich versuchs die ganze zeit aber mir kommen immer neue einfälle bevor ich es zuende machen kann könnt IHR mir helfen?
Freue mich auf antwort
LG


gymnase antwortete am 07.10.06 (16:39):

Die Unterteilung in Sinnabschnitte gehört zu den möglichen Vorarbeiten einer Interpretation, um sich an die inhaltliche Aussage des Gedichts heranzutasten. Das hat mit Deutung (Gehalt) noch nicht viel zu tun und kann zunächst ganz subjektiv geschehen. Das Ergebnis wird man auch kaum als große Eigenleistung mit Erkenntnischarakter anderen mitteilen. Insofern braucht man dazu auch keine Hilfestellung. Dabei kannst Du im Vorfeld ruhig verschiedene Versionen ausprobieren, um zu sehen, was dann vor Deinen eigenen kritischen Augen Bestand hat.

Vielleicht ist es auch hilfreich als gedankliche Übung, geeignete Überschriften für die gewählten Abschnitte zu suchen. Falls das stellenweise nicht gelingt, ist an der Gliederung etwas faul und muss kritisch überdacht werden. Nach mehrmaligem Lesen und genauer Überprüfung kommst Du dann sicher allein auf eine vorläufig haltbare Lösung...

Aber Vorsicht, man sollte gerade bei einem Gedicht bei der Analyse die Einheit des Textes nicht zerstören!
(Siehe Joans Warnungen oben!)