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THEMA:   Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

 4 Antwort(en).

Elihu begann die Diskussion am 12.10.05 (10:47) mit folgendem Beitrag:

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Autor: Josef Freiherr von Eichendorf, geboren 10. März 1788 auf Schloß Lubowitz/Oberschlesien, gestorben 26. November 1857 in Neiße. Sohn eines preußischen Offiziers und Landedelmanns. 1804 Gymnasiumabschluß, studiert Jura und Philosophie; erste Begegnung mit romantischer Dichtung (Novalis). Herbst 1805 Fußreise nach Thüringen, Harz, Hamburg, Lübeck, Halle, ab Mai 1807 in Heidelberg. 1808 Reise nach Paris, dann wieder Heidelberg. 1809 Vorlesungen Fichtes (1762-1814). 1810 zum Abschluss des Jurastudiums nach Wien. Ab 1813 Militärdienst, 1814 Entlassung. Heiratet 1815 Luise von Larisch. 1815 bis 1816 Kriegsdienst (2. Einzug in Paris). Ab 1816 Staatsdienst in Breslau. 1820 katholischer Schulrat, verschiedene Ämter bis 1840 nach Konflikt mit Minister. 1844 Entlassung aus Staatsdienst. 1846/47 Wien, 1850 - 1855 wieder nach Berlin, 1855 nach Neiße.
Bedeutendster Dichter der deutschen Hochromantik. Volkstümlicher, oft vertonter Lyriker (Wem Gott will rechte Gunst erweisen..) mit meist betont einfacher Form von großer Musikalität der Sprache und völliger Übereinstimmung von Form und Inhalt. Ohne romantische Zerrissenheit, da das Naturgefühl zur Gewissheit der Gottesnähe führt. Hingebungsvolle, naturbeseelende Weltfreude und schlichte Innigkeit. Übte mit seinen Gedichten einen starken Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Lyrik aus. Überwindung der „Romantik“ im Taugenichts.
Werke: Gedichte, Novellen: Das Marmorbild, Das Schloß Dürande, Aus dem Leben eines Taugenichts, Die Glücksritter,
Roman: Ahnung und Gegenwart, Literaturgeschichte: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands.


Aus dem Leben eines Taugenichts
Novelle in zehn Kapitel

(1826)

Wichtigste Protagonisten:

Der Taugenichts
Die (vermeintliche) schöne Gräfin
Maler Leonhard
Maler Guido (eigentlich Flora, Tochter der Gräfin)



Inhalt:


Als der Taugenichts vor des Vaters Mühle sitzt und sich den Schlaf aus den Augen wischt, schickt ihn sein Vater mit den Worten: „Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde, und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Türe, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selbst dein Brot“ von dessen Haus. Da dem Taugenichts das recht lieb ist, nimmt er seine Geige unter den Arm und begibt sich auf die Wanderschaft. Auf der Landstraße spielt er mit der Geige und singt dazu:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Fels und Wald und Strom und Feld.

Er trifft zwei vornehme Damen, die eine ist besonders schön und jünger als die andere, aber eigentlich gefallen ihm alle beide. Die zwei Damen nehmen ihn in ihrem Wagen mit. Durch eine fröhlich stimmende Landschaft fahren sie zu einem Schloß in der Nähe der Stadt W. (Wien). Dort wird der Taugenichts Gärtner und gewinnt durch seine Lieder die Liebe der Schlossdame, die er für die Gräfin hält und wird Zolleinnehmer. Die Kartoffeln und das Gemüse im Garten des Zollhäuschens wirft er hinaus und bebaut den Garten ganz mit den auserlesensten Blumen, worauf ihn der Portier des Schlosses, der sein Freund geworden war für einen hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hat. Der Taugenichts legt jeden Tag auf ein steinernes Tischchen einen frischen Blumenstrauß, den die schöne, gnädige Frau holt. Als er eines Tages zu einem Maskenball Blumen bringen soll, wartet er lange auf die schöne Empfängerin und denkt: “Alles ist so fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch.- Und so geht es mir überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend, und ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in seiner langen Haut. - Mir ist`s nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet“.
Er sieht seine heimlich Geliebte mit einem Mann am Balkon des Schlosses, denkt, dass die Schöne längst verheiratet ist und zieht mit der Geige unter dem Arm wie ein Vogel, der seinem Käfig entronnen ist, singend zwischen grünen Bergen und lustigen Städten Richtung Italien.
Auf einer Waldlichtung sieht er ein Wirtshaus, vor dem einige Bauern Karten spielen und junge Burschen und Mädchen miteinander plaudern. Der Taugenichts nimmt seine Geige und spielt den Jungen einen lustigen Ländler zum Tanz. Als sie ihm Geld dafür geben wollen, sagt er, dass er nur so aus Freude darüber, dass er wieder Menschen sehe, spiele und keinen Lohn dafür haben will. Ein Mädchen schenkt ihm eine Rose, er denkt: „Greif zu, Einnehmer, greif zu! jung gefreit hat niemand gereut, wer´s Glück hat, führt die Braut heim, bleib im Land und nähre dich tüchtig“. Er sieht den Mond, der auch über seinem Vaterhaus leuchtet und auch auf das gräfliche Schloß. Die Welt kommt ihm auf einmal so entsetzlich groß vor, und er ist so ganz alleine darinnen, dass er weinen will. Da kommen zwei Reiter daher, die ihn als Einnehmer des Schlosses erkennen. Sie stellen sich als Maler Leonhard und Maler Guido vor und da die beiden nach Italien wollen, nehmen sie den Taugenichts als Diener in einer Postkutsche mit. In Italien trifft der Taugenichts Menschen, die sich von den bisher bekannten unterscheiden. „Was der Mensch doch nicht alles erfährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht“ philosophiert er. Ein ganz buckliges und grausiges Männlein fragt ihn allerlei. Als der Taugenichts am nächsten Tag aufwacht, sind die beiden Maler verschwunden, lassen aber einen Beutel Geld zurück. Der Taugenichts fährt mit der Postkutsche weiter. In einem Schloß bei Rom macht der Wagen halt. Dort wird er von einem alten Mann und einer sehr hässlichen Frau, die ihn in merkwürdiger Weise betrachten, aufgenommen. Er wird so reichlich bewirtet, dass er sich wie in „Tischlein deck´ dich“ vorkommt. Da erhält er ein Briefchen in dem steht: „Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind beseitigt. Kommen, eilen Sie zurück. Ich kann kaum mehr leben, seit Sie von uns fort sind. Aurelie.“ Der Taugenichts glaubt, dieser Brief ist von seiner schönen Gräfin und ist voll des Glückes. Als er aber eines Nachts die beiden Alten mit einem Messer im Garten sieht und die beiden zu seinem Fenster hochsehen, flieht er nach Rom. Aus einem Garten hört er die Stimme der schönen gnädigen Frau, die das selbe Lied wie seinerzeit im Schloß singt, es erweist sich aber, dass es nicht dieselbe ist. Von einem Maler erfährt er, dass eine Gräfin aus Deutschland hier gewesen war, die in Rom nach den beiden Malern und einen jungen Musikanten gesucht hatte. Der Taugenichts verlässt Italien und zieht zurück nach Österreich. Er begegnet einige wandernde Studenten, die mit ihm musizieren und lateinisch reden. Er bemerkt, dass es studierten Leuten nicht anders als ihm geht und auch gelehrte Leute ganz verlassen in der Welt sind. Ein Student antwortet: „Das ist just das Schönste, wenn wir so frühmorgens heraustreten, und die Zugvögel hoch über uns fortziehen, dass wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns raucht, und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein besonderes Glück begegnen kann“. Es erweist sich, dass die Musikanten zum selben Schloß wie der Taugenichts wollen, da der Portier der Vetter eines Studenten ist. Auf dem Weg dorthin erfährt der Taugenichts, dass es auf dem Schloß bald eine Hochzeit geben wird, die der Taugenichts auf sich bezieht. Endlich angekommen, sieht er im Garten die schöne gnädige Frau mit einer anderen Dame. Aus dem Gebüsch tritt Herr Leonhard, die andere Dame erweist sich als der seinerzeitige Maler Guido, jetzt Fräulein Flora. Die beiden erklären dem Taugenichts die Geschichte: Leonhard hat sich in Flora verliebt, die aber einem anderen versprochen war. Flora verkleidete sich als Maler Guido und flieht mit Leonhard nach Italien. In einem Wirtshaus bemerkt sie ein Spion, der nachgeschickt wurde, nämlich der alte Bucklige. Leonhard und Guido (Flora) versteckten sich und ließen den Taugenichts alleine weiterreisen. Der Kutscher meinte, der Taugenichts wäre das verkleidete Fräulein Flora und brachte ihn zu einem Schloß nahe Roms. Der Brief, den der Taugenichts dort erhielt, war natürlich für Flora gedacht. „Also zum Schluss, wie sich’s von selbst versteht und einem wohlerzognen Romane gebührt: Entdeckung, Reue, Versöhnung, wir alle sind wieder lustig beisammen, und übermorgen ist Hochzeit“ endet Leonhard. An diesem Abend trifft der Taugenichts seine schöne Gräfin, die beiden fallen sich um den Hals. Es stellt sich heraus, dass der Mann damals mit ihr am Balkon der soeben zurückgekehrte Sohn der Gräfin gewesen war und sie gerade Geburtstag hatte. Sonst gab es zwischen den beiden keine Verbindung. Der Taugenichts erfährt, dass Flora die junge Gräfin ist und seine „Gräfin“ die Nichte des Portiers ist, die die gnädige Gräfin als Waise auf das Schloß genommen hatte. Der Graf schenkte den beiden ein weißes Schlösschen samt Garten und Weinberge, dort wollen sie wohnen. Voll Freude ruft der Taugenichts, dass sie gleich nach der Hochzeit mit dem Portier und den musizierenden Studenten fort nach Italien reisen werden - und es war alles, alles gut!

Interpretation

Die Novelle ist in der „Ichform“ geschrieben, es ist also der Autor selbst, der von sich erzählt.
Eichendorff verklärt die vorindustrielle Zeit, eine Sehnsucht nach der unberührten Natur ist spürbar. Diese Natur wird frei, ohne irgendwelche Spannungen geschildert. In der Novelle schildert Eichendorff eine Möglichkeit der menschlichen Entfaltung. Der Taugenichts, unberührt von Denkfolgen einer Philosophie lebt ein gesundes Gefühl der Freiheit ohne bürgerliche Verpflichtungen. Spontaneität und Phantasie und nicht die Ideale der Aufklärung (Vernunft und Nutzen) bestimmen sein Verhalten. Den Gemüsegarten vor seinem Zollhaus verwandelt er in einen prachtvollen, aber materiell nutzlosen Blumengarten, die Natur wird nicht ausschließlich als Nutzfläche betrachtet. Die Problematik des Taugenichts ist heute aktuell wie früher. In einer reglementierten Welt mit ihrem komplizierten naturfernen Leben, ist die Welt des Taugenichts, die sich jedem Nützlichkeitsdenken verweigert ein notwendiges Gegenbeispiel.
Eichendorff war ein Schüler des Johann Gottlieb Fichte. Für Fichtes Philosophie lautet die letzte, höchste Frage: „Welches ist die Bestimmung des Menschen überhaupt, und durch welche Mittel kann er sie am sichersten erreichen?“ Fichte kommt zu folgender Schlussfolgerung: Das vernünftige Wesen, als solches betrachtet, ist absolut, selbstständig, schlechthin der Grund seiner selbst. Es ist ursprünglich, das heißt ohne sein Zutun schlechthin nichts: Was es werden soll, dazu muss es sich selbst machen durch sein eigenes Tun. Das vernünftige Wesen soll alles, was es wirklich sein wird, selbst hervorbringen. Der höchste Trieb im Menschen ist der Trieb nach vollkommener Übereinstimmung mit sich selbst. Fichtes kategorischer Imperativ lautet darum. Du sollst frei sein! Erfülle jedes Mal Deine eigene Bestimmung (aus Johann Gottlieb Fichte: Die Bestimmung des Menschen).
Der junge Taugenichts folgt dieser Philosophie, in dem er selbst Erfahrungen macht (was der Mensch doch alles erfährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht). Was er aus diesen Erfahrungen macht und welche Auswirkungen dies auf sein Leben haben wird, bleibt der Phantasie des Lesers dieser fröhlichen und in der Form und Sprache dem Leben des Taugenichts einfühlsamen Novelle überlassen.


Elihu antwortete am 12.10.05 (11:11):

Zu oben angeführter Interpretation möchte ich noch mitteilen: "Wer mehr über mich wissen will, kann unter der Internetseite www.wolfgangwallnerf.com nachlesen."

(Internet-Tipp: http://wolfgangwallnerf.com)


gymnase antwortete am 22.10.05 (11:00):

Danke für die einfühlsame Inhaltswiedergabe und für den interessanten Interpretationsansatz, aber die Schlussfolgerung im ersten Satz ("Die Novelle ist in der „Ichform“ geschrieben, es ist also der Autor selbst, der von sich erzählt.") kann man so natürlich nicht stehen lassen, denn das würde ungeübte Leser dazu verführen, Autor und Erzähler gleichzusetzen, was oft zu völlig falschen Interpretationen führen würde und ein richtiges Textverstandnis möglicherweise verhindern kann.

(Als Beispiel sei hier Hesses Steppenwolf genannt [vgl. den Thread in diesem Forum!], wo Hesse mit einer komplizierten Herausgeberfiktion arbeitet. In solchen Fällen kann man das nicht so einfach folgern. Hier bei Eichendorff ist es sicher auch nicht so einfach festzustellen und kann den naiven Leser auf Abwege führen.)


Elihu antwortete am 24.10.05 (11:25):

Danke Gymnase für die Hilfe.
Ich wollte damit nicht behaupten, dass Eichendorff das wirklich selbst erlebte, aber dass es sich um Fichtes Philosophie handelt, die wohl eindeutig (zumindest hier) auch Eichendorffs eigene ist. Wie ich oben geschrieben habe, folgt der "Taugenichts" dieser Philosophie. So wird auch die "fiktive" Ichform zu einer inhaltlich realen Wirklichkeit (ohne dass der Autor es in einer, von Anderen sehbaren Wirklichkeit erlebte).
Wolfgang Wallner-F.

(Internet-Tipp: http://www.wolfgangwallnerf.com)


gymnase antwortete am 24.10.05 (18:39):

@Elihu

So etwa hatte ich dich auch verstanden, und das ist auch in der folgenden Passage überzeugend beschrieben. (Es ist eben oft nur eine Sache der genauen Formulierung von Beginn an.)

Liebe Grüße, Gymnase