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Sekundaerliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Erster Weltkrieg
[P|S|M]
Matthias Arning über Ludendorff
"Um das Interesse am Nibelungenlied für die Obersekunda neu zu beleben", notierte Otto Koch in der Zeitschrift für deutschen Unterricht, "wird der Lehrer zweckmäßig die nationalen Gefühle der Jugend aufrufen, indem er darauf hinweist, dass im Jahre 1813 die deutschen Studenten das Nibelungenlied wie ein heiliges Buch im Tornister mit ins Feld nahmen und sich am Lagerfeuer an den Heldengestalten deutscher Vorzeit zu eigenen großen Taten begeisterten." Koch stimmte die Obersekundaner ein auf das, was ihnen in absehbarer Zeit bevorstand - für das deutsche Vaterland ins Feld zu ziehen. Das Reich rüstete noch einmal auf. Kochs Anmerkungen zu Erziehung und Nibelungenlied erschienen 1917. Zu diesem Zeitpunkt, knapp drei Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, sahen die Befehlshaber des deutschen Militärs aus der vertrackten Situation nur mehr einen Ausweg: den bedingungslosen U-Boot-Krieg - für Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg, inzwischen Oberkommandierende der Reichswehr, die vielleicht letzte Möglichkeit zu einem Sieg. Nach Verdun.

Verdun bildete Mythen. Auf beiden Seiten der Front. "Die Vernichtung anderer unter Bedingungen, die Opfer wie Täter, wenn auch auf unterschiedliche Weise, als eine Hölle erfuhren, bildete den Kern des Verdun-Mythos", schreibt der Kulturhistoriker Bernd Hüppauf. Verdun steht für die Strategie des Verblutens wie ein Signum des Saeculums - ganz bewusst ließen die Generäle ihre Soldaten in die Hölle rennen.

Erst späterhin verehrten beide Seiten ihr "Kanonenfutter" als Helden. Die Franzosen exhumierten ihre toten Soldaten, brachten sie nach Paris und setzten sie dort am Arc de Triomphe bei. In Deutschland, wo die Verbände ehemaliger Soldaten während der Weimarer Zeit überaus viel Einfluss und Ansehen genossen, nutzten schließlich die Nationalsozialisten den von Verdun aus gelieferten Stoff für ihre den einzelnen Menschen verachtende Ideologie. Erst zum Ende des Jahrhunderts, das mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs anhob, stehen die um Verdun gerankten politischen Mythen zumindest in ihren offiziellen Varianten vor allem für die Jüngeren diesseits und jenseits des Rheins dahin. Vor den Gräbern, markiert durch scheinbar ziellos in den Kratern des riesigen Schlachtfelds verlaufende schlichte weiße Kreuze, entschlossen sich Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 zu einer versöhnenden Geste - sie reichten sich die Hände.

1916 ist so etwas wie ein Jahr der Wende im Ersten Weltkrieg, mit dem "das Zeitalter des Massakers" (Eric Hobsbawm) beginnt. Gegen die erstarrten Fronten setzen die Deutschen auf eine Offensive in Verdun, britisch-französische Truppen wollen im zweiten Kriegsjahr die Starrheit der Westfront mit ihrer Offensive an der Somme durchbrechen. In der dortigen Schlacht entdeckt der Sozialhistoriker Werner Sombart wenige Monate später das Aufeinanderprallen des Gegensatzes von Kriegerischem und Kommerziellem, von Helden und Händlern, kurzum: von Deutschen und Briten.

Die britischen Truppen marschierten "zu den Klängen von Dudelsäcken in Reih und Glied, ohne Deckung zu suchen, einen Rugbyball vor sich herstoßend auf die deutschen Linien zu und schienen nichts dabei zu finden, stoisch im mörderischen Maschinengewehrfeuer unterzugehen", notiert dazu der Historiker Dan Diner. Zugleich waren die Deutschen damit beschäftigt, ihre automatischen Waffen nachzuladen. Für Diner ist die Manier der Briten allerdings weniger verwunderlich als für den erstaunten Sombart, denn auch Infanteristen anderer Nationen liefen immer wieder in die mit Maschinenwaffen ausgestatteten gegnerischen Stellungen: "Jenseits aller Frontstellung", folgert daraus Diner, "tobte ein Kampf zwischen Mensch und Maschine." Damit ist die neue Qualität der Auseinandersetzung bezeichnet. Das belegt der Bericht, den Ernst Jünger über die Somme-Schlacht In Stahlgewittern liefert: "Nun ging es in sausendem Lauf dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht pfiffen die Geschosse schon so, dass ich in einen wassergefüllten, drahtversponnenen Minentrichter springen musste. Auf schwingendem Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Metallsplitter in die Böschung des Trichters fegten."

1916 brachte die Wende, das folgende Jahr die Entscheidung in diesem Krieg. Mit der Oktoberrevolution sahen deutsche Militärs die Möglichkeit, sich von der Ostfront abzuwenden und sich auf Attacken im Westen zu konzentrieren. Zu diesem Zeitpunkt hatten die US-Amerikaner, die mit der Erklärung des von den Deutschen angestrebten U-Boot-Krieges ihre diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich abbrachen, ihren Kriegseintritt proklamiert. Sie stilisierten ihren Krieg als "Kreuzzug, als letzten Krieg gegen den Krieg" (Thomas Nipperdey). In den Worten von US-Präsident Woodrow Wilson, der auf die vom deutschen Kanzler Bethmann Hollweg signalisierte Bereitschaft zu Friedensverhandlungen nicht einging: Washington engagiere sich in diesem Krieg und erstmals außerhalb des eigenen Kontinents "to make the world safe for democracy". Nach dem fehlgeschlagenen U-Boot-Krieg setzten deutsche Militärs auf eine letzte Offensive an der Westfront. Ludendorff nannte den 21. März 1918 als Termin für das "Unternehmen Michael" - der Angriff auf den Südflügel der englischen Front bei Cambrai. Doch die große, auf eine Entscheidung zielende Attacke scheiterte, am 8. August durchbrachen englische Tanks die deutsche Linie. Drei Monate später unterschrieb Matthias Erzberger den noch am gleichen Tag in Kraft tretenden Waffenstillstandsvertrag.

Das letzte Aufbäumen deutscher Truppen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Moral der Soldaten längst zerstört war. Verdun hatte sie zutiefst erschüttert. Loyalitäten zerbrachen. Sie beruhten Nipperdey folgend zunächst darauf, dass obere Instanzen offensichtlich irgendwie den Sinn des Opfers einsichtig machen konnten. Ein noch in den ersten Kriegsjahren vorhandener Glaube, der schließlich erlosch. Das Gefühl des Verheiztwerdens auf den europäischen Schlachtfeldern gebar somit auch das Potenzial von Mündigkeit. So steht für Dan Diner Verdun zugleich auch für die "auf den Schlachtfeldern ratifizierte Gleichheit". Eine Gleichheit, die "alsbald Einspruch herausforderte" von denen, denen die Gleichheit bis dahin vorenthalten worden war. Ein Einspruch, zunächst in Russland geltend gemacht, späterhin auch von den Matrosen in Kiel erhoben.

Die Novemberrevolution 1918 verdrängte in Deutschland die Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs. Der Krieg selbst spielt in der Literatur, nicht aber in der explizit politischen Rezeption eine Rolle. Die nach dem Zweiten Weltkrieg anhebende Retrospektive macht den Ersten Weltkrieg schließlich vollends zur Vorgeschichte des Zerfalls von Weimar und des Aufstiegs der Nationalsozialisten. Das gilt wohl auch für den Historiker Fritz Fischer, der mit seinen Thesen über Deutschlands Griff nach der Weltmacht konservativen Kollegen einen tiefen Schock versetzte: Fischer hielt die Kriegsziele Ludendorffs mit denen Hitlers für durchaus vergleichbar. Seine Thesen sorgten für einen der ersten erbitterten "Historikerstreits". Damit eröffnete Fischer der militärgeschichtlichen Forschung eine neue Perspektive. Erst am Ende des Jahrhunderts stellt ein jüngerer englischer Historiker durch mutige Hypothesen viele Sichtweisen über den Ersten Weltkrieg noch einmal auf den Kopf. Wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten, nimmt Ntall Ferguson in seiner Studie über den Falschen Krieg an, "hätte Adolf Hitler sein Leben wohl als mittelmäßiger Postkartenmaler beendet". Gemeint ist: Seine Bedeutung erhält der Erste Weltkrieg erst jenseits der Kontextualisierung, Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs gewesen zu sein.

Angesichts der Novemberrevolution erinnerten sich führende deutsche Militärs noch einmal an den mythischen Stoff, den auch Otto Koch seinen Obersekundanern empfohlen hatte. Sie schufen einen Zusammenhang zwischen dem daniederliegenden Heer und dem Todesstoß gegen Siegfried im Nibelungenlied. Zwar hatte eine parlamentarische Regierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ihr Amt angetreten, doch für Ludendorff stand außer Frage: "Sie sollen die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben." - Die Sozialdemokraten hatten Deutschland aus Sicht des obersten Militärs verraten. Ludendorff schuf eine Legende - ähnlich der, die ihn im Januar 1933 als Propheten darstellt, der in einem nie aufgefundenen Brief an Präsident Hindenburg vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gewarnt haben will.

Mit seiner Schuldzuweisung am Ende des Ersten Weltkriegs hoffte er, der neuen Regierung in Deutschland die Verantwortung für seine zum Desaster führenden militärischen Entscheidungen in die Schuhe schieben zu können. Ludendorff fiel "den Verrätern" in den Rücken, um zugleich selbst Siegfried zu werden.



Quelle: FR vom 8. Dezember 1999, Sonderbeilage: Das 20.Jahrhundert, S. 24; ©-Vermerk: mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau

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