Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Erster Weltkrieg
[P|S|M]
20. Jahrh. | Belgien | Erster Weltkrieg
[P|S|M]
Ueber Belgien. Nach geschichtlichen und persönlichen Erfahrungen. Von K. Lamprecht (Stenogr. Niederschrift eines am 4. März 1915 zu Dresden gehaltenen Vortrags.)
Vor dem Vortrage trug, nach einem Orgelvorspiel, ein Quartett die folgenden beiden Lieder vor:

An den Stamm der Vlamen.
Hoffmann v. Fallersleben 1840.

Suche nicht das Heil im Westen!
In der Fremde wohnt kein Glück:
Suchst du deines Glückes Vesten,
Kehre in dich selbst zurück!
Aus der Tugend deiner Ahnen
Mußt du deine Burgen baun,
Und der Löw auf deinen Fahnen
Lehre dich dir selbst vertraun.

Treu bewahr in deiner Mitte
Vor dem welschen Übermut
Deine Sprach und deine Sitte 
Deiner Väter Gut und Blut.
Dann erst kannst du rühmend sagen,
Daß du lebst in unsrer Zeit, 
Daß erblüht in unsren Tagen
Deine alte Herrlichkeit.

Oproep aan de Dietschers. (Aufruf an die Deutschen.)
Em. Hiel 1870.
(1)

Lang zijn der Dietschers schoone gewesten
Gescheurd en gespleten en weerlos gemaakt.
Lang worden Dietschers, zij èèns de besten
Mannen geheeten, miskend en verzaakt. (S. 398)

Voegt u te zamen, Zuiden en Noorden,
Vereenigt uw streven voor 't nieuwe gebied!
Staten en namen kan men vermoorden:
't Volk, dat wil leven, vernietigt men niet!

Vrij van gedachten, machtig door werken,
Vol koenheid en blijheid beheerscht weer de zee!
Door uwe krachten wordt weer de sterken,
Voert tot de vrijheid de volkeren meè.

Lang war der Deutschen herrliches Land
Zerteilt und zerspalten und wehrlos gemacht.
Lange die Deutschen, sie, einst die besten
Mannen geheißen, verachtet, mißkannt.

Schließt euch zusammen, Süden und Norden,
Eint euer Streben fürs neue Reich!
Staaten und Namen kann man vernichten:
Ein Volk, das zu leben gewillet ist, nicht!

Frei in dem Denken, mächtig im Werk,
Beherrscht voll Kühnheit wieder die See.
Werdet nun wieder die mächtigen Führer,
Reißet zur Freiheit die Völker mit fort!

Meine Damen und Herren! Die Lieder, die wir soeben gehört haben, sollen für die Fragen, die uns auf dem Gebiete der belgischen Geschichte und der belgischen Schicksale in Zukunft von Bedeutung sein können, hier zunächst einmal freie Bahn schaffen. Die Eindrücke, die von dem Charakter des belgischen Volkes und insbesondere von dem Charakter der Flamen heute in Deutschland bestehen, sind bestimmt durch die Eindrücke des Krieges. Wir müssen davon absehen, wir müssen uns von vornherein klarmachen, daß, wie auch sich das Schicksal Belgiens wende, es sich der Hauptsache nach für uns um einen früh verlorenen und früh in die Irre gegangenen deutschen Bruderstamm handelt, den wiederzugewinnen wir zwar Strenge, zu gleicher Zeit aber Erfahrenheit, genaue Kenntnis und aus ihr erwachend die Geduld, die die Praxis verleiht, lehren und anwenden müssen.
Um diesen Eindrücken aus dem Beginne des Krieges ein Gegengewicht zu bieten, habe ich geglaubt, alles, was hier etwa zu sagen wäre, durch ein Stimmungselement einleiten zu sollen, wie es so leicht gegeben ist in der Musik. Wir werden freilich auf die Lieder auch noch in anderem Zusammenhange zurückkommen. Sie wollen in dem Augenblick aus diesen Liedern nur genauer sehen, daß auch im 19. Jahrhundert wenigstens die Flamen, d.h., wenn wir acht Teile für Belgien machen, fünf große Teile im Gegensatze zu den nur drei Teilen der Wallonen, daß die Flamen uns nicht ganz vergessen haben, daß sie einer deutschen oder wenigstens germanischen Bewegung fähig waren, und daß diejenigen in Deutschland, die scharfen Ohres auf alles, was germanisch in der Welt war, lauschen konnten, z.B. Hoffmann von Fallersleben, auch auf diese Töne gelauscht haben. Und ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß das schöne Gedicht Hoffmanns, das die Flamen auffordert, an ihre alten herrlichen Tage zu denken und dem Löwen von Brabant als dem sie führenden Wappentier wieder Ehre zu machen, daß dieses Lied nach der Melodie "Deutschland, Deutschland über alles" geht? Dem antwortet nun aus dem Jahre 1870 das sehr eigentümliche zweite Lied, das Ihnen hier flämisch vorgesungen worden ist, von Emanuel Hiel, ein Lied, das wieder einmal wie so viele Lieder in der deutschen Poesie des 19. Jahrhunderts zeigt, daß Dichter wahrhaftig Propheten sind. Sie werden erstaunt sein, in dem Schlußvers von den Erfolgen des Jahres 1870 aus als Ziel der künftigen deutschen Bewegung zweierlei entschieden betont zu finden: einerseits: Beherrscht die See! Die Deutschen sind berufen, zur See zu herrschen - und an zweiter Stelle: Macht die Völker frei! Macht sie frei von den Banden, die langsam, aber mit Sicherheit schon in dieser Zeit England um die kontinentalen Europäer schlug.
Wenn wir uns heute abend mit der belgischen Frage beschäftigen wollen, die von allen Fragen, die uns entgegentreten können, wohl die schwierigste ist, und deren Lösung die Hand eines großen Staatsmannes verlangt, weil in ihr zu gleicher Zeit England seine volle staatsmännische Kraft einsetzen wird, so will ich das zunächst an der Hand einiger Erfahrungen aus der Gegenwart versuchen.
Ich knüpfe da an die wohlbekannte Tatsache an, daß das belgische Land sozusagen zwei Nationalitäten besitzt, zwei sehr verschiedene Stämme, den wallonischen Stamm und den flämischen Stamm. Die Flamen stehen an Seelenzahl zu den Wallonen im Verhältnis wie 5:3 wie ich schon anführte. Wenn man in Brüssel in gewöhnlichen Tagen vor dem Kriege aus der oberen Franzosenstadt herunterstieg auf den Markt mit seinen wunderbaren alten Prunkhäusern und dem herrlichen alten Rathause, so konnte man in der Hauptsache nur Flämisch hören. Die Zeitungen, die dort verkauft wurden, waren nur flämisch, vorweg der "Vorruit", also der belgische "Vorwärts", der übrigens auch derselben Parteischattierung wie der "Vorwärts" angehört. Das war vollkommen nur flämisch. Wenn man danach die Bevölkerungsziffer von Brüssel annimmt, so kam man hier ungefähr mindestens auch auf 5:3. Wenn man dagegen an den Gesamteindruck Brüssels und ganz Belgiens denkt, der bei flüchtigem Durcheilen auftritt, so ist er eigentlich französisch. Ich komme auf die Frage sogleich noch stärker zurück. Das kann nun leicht zu der Auffassung veranlassen, als wenn die Wallonen an sich die Träger, die legitimen Träger des französischen Einflusses in Belgien zu betrachten wären. Dem ist aber nicht so. Die Wallonen sind nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes Franzosen. Ihre verschiedenen Dialekte gehen so wenig mit den französischen unmittelbar zusammen, daß der gewöhnliche Hochfranzose, wenn ich mich so ausdrücken soll, sie kaum versteht.
Die wallonische Bevölkerung ist auch physiologisch von der französischen ziemlich verschieden. Man kann sie gelegentlich sogar in Lüttich in Reinkultur treffen, natürlich besser in den Ardennen, wo sie in der Hauptsache zu Hause ist. Ich erinnere mich aber von Lüttich zum Beispiel einer Frühmesse im St.-Martin, in der man auch so ziemlich rein die Wallonen sah. Sie sind verhältnismäßig klein, die Frauen vor allen Dingen sehr ausgesprochen, diese mit rotblondem Haar und Habichtsnase und sehr entschieden, ich möchte sagen fast der Herrschaft zugeneigten Gesichtern; ich denke, alles Eigenschaften, die den Eigenschaften der Deutschen und besonders der deutschen Frauen nicht vollkommen entsprechen. Dabei ist im ganzen großen der Wuchs so klein, daß ich mir damals in der Kirche St.-Martin vorkam wie ein stehengebliebener Baum in einer Schonung. Ich sah über die ganze Gesellschaft hinweg, obwohl ich doch nur eine Person mittleren Wuchses bin.
Nun, für eine deutsche Auffassung von Belgien und - ich denke weiter, auch für die belgischen Geschicke, wenn man sie unabhängig von den deutschen Fragen betrachtet, kommen die Wallonen weniger in Betracht. Sie haben keine große selbständige Kultur erzeugt. Sie sind in sehr früher Zeit, wie wir sehen werden, aus den tieferen Ebenen Belgiens, die damals freilich noch zum größeren Teil (S. 399) Sümpfe waren, in unfruchtbare Berglandschaften zurückgedrängt worden. Sie sind auch vielfach staatlich auseinandergerissen worden. Auch heute gehören sie teilweise ins Luxemburgische. Die preußischen Kreise Malmedy und Montjoie enthalten ebenfalls viele wallonische Elemente. Dazu kommen dann die belgischen Wallonen.
Im ganzen kann man sagen, daß Belgien ein etwas verschobenes Viereck bildet, und darin sind die Stämme so verteilt, daß südlich einer Linie, die als Diagonale von der Nordostecke Belgiens nach der Südwestecke läuft, die Wallonen sitzen, dagegen in der nördlichen Hälfte, also nach der See und nach Holland zu, Flamen. Das Eigentümliche und für uns Interessante ist dabei, daß die ganze deutsch-belgische Grenze wallonisch ist, während die ganze Seegrenze rein flämisch oder wenigstens rein germanisch ist.
Wenn wir nun das flämische Land etwas genauer kennen lernen und diese wenigen Eindrücke, die ich Ihnen eben geographisch vorgetragen habe, durch die Anschauung befestigen wollen, so werden wir das am allerbesten auf der gewöhnlichsten Reise tun, die Deutsche in Belgien überhaupt machen. Wir fahren also von Dresden c.b.; wir kommen für einen nächsten größeren Halt in Köln an. Wir werden, wenn wir das Rheinland noch nicht kennen, in Köln selbst bei sehr geringem Aufenthalt schon den Eindruck von etwas Französischem haben. Die Leute sprechen da schon sehr merkwürdig deutsch. Sie sagen z.B. Jean statt Hans und Robbèr statt Robert, und es gibt eine ganze Reihe von anderen Eigennamen, wo die Betonung eine verwandte ist. Der kölnische Dialekt, der mit eigentümlichen Nasallauten arbeitet, auch der anapästische und teilweise daktylische Rhythmus des kölnischen Dialekts, das alles wirkt fremd und nimmt auf der Fahrt nach Aachen - Aix=la=Chapelle - noch zu. Wenn wir uns dann jenseits Aachen der Grenze nähern, so fahren wir mit der Eisenbahn, die schon nach Köln leise Steigungen zu nehmen hatte, zunächst noch etwas höher und wenden uns dann nach der westlichen Seite hinunter nach dem Tal der Vesdre, einem kleinen Flusse, der schon nach der Maas zu fließt. Hier werden die Eindrücke auf einmal fremder. Die Landschaft nimmt an Frische der Farben außerordentlich zu, das Grün ist heller, die Vegetation ist stärker, wir sehen eine Fülle von graswüchsigem Boden, das Vieh weidet draußen, vom Meer kommend kündigt sich in allen Einzelerscheinungen eine Aspiration an, welche die Gegend dem Golfstrom, also jenem großen Wärmekanal des westlichen Europa, verdankt. In dieser Gegend sitzen nun originaliter schon Wallonen. Sie ist aber heute auch von anderen Leuten überschwemmt. Wir werden eine Reihe von Villen und Schlössern gewahr, bis der Zug, immer weiter in die Tiefe strebend, in Lüttich eindonnert. Da sind wir nun durchaus in wallonischem Gebiet. Lüttich ist niemals anders als wallonisch gewesen. Der wallonische Name ist bekanntlich Liège. Freilich angeschrieben finden wir in dem Bahnhofe von Lüttich drei Formen: Liège, Luik - Luik ist die flämische Form - und Lüttich; denn hier ist der deutsche Verkehr so stark, daß auch der deutsche Name da sein muß. Mittlerweile, wenn wir weiterfahren, windet sich aber der Zug schon wieder mit großer Mühe auf der anderen Seite des Maastales steil hinauf nach der Brabanter Hochebene. Die Brabanter Hochebene ist ziemlich langweilig, dafür aber um so fruchtbarer, bestellt mit großen Strecken von Weißenfeldern. Wir sehen, wie durchweg der Boden auf einen Fuß und noch tiefer die schwarze Kulturtiefe des Humus besitzt. Dann senkt sich allmählich der Boden nochmals, und wir kommen nun je nach Wunsch entweder nach Brüssel oder nach Antwerpen, jedenfalls in eine noch größere Niederung, eine Niederung, die nicht sehr viel über der See und teilweise sogar unter der See liegt. Das waren natürlich anfangs Sümpfe, aber jetzt, meine Damen und Herren, wenn Sie etwa von Antwerpen nach Gent hinüberfahren oder von Gent nach Brügge, da kommen Sie durch einen Garten Gottes. Das ist ein Land von der größten Fruchtbarkeit. Ich erinnere mich noch genau der ersten Eindrücke, die ich dort erhielt. Ich kam aus einem Entzücken in das andere. Weit noch über die Lombardei hinaus gehen hier die Segnungen des Bodens. Das Land ist eingeteilt in verhältnismäßig kleine Stücke. Sie sind umrahmt mit natürlich gewachsenen Bäumchen und Bäumen; darüber hinaus streben hohe Bäume, die auf kostbaren Wege der sogenannten Holzgärtnerei gepflegt werden. Jeder Baum wird einzeln behandelt, die Äste abgeschnitten, er wird gerade gezogen durch Latten, die man an ihn legt usw., also höchste Form der Forstwirtschaft.
Gehen wir nun so weiter, so kommen wir allmählich ans Meer. Dies würde der flämische Eindruck sein. Anders ist der Eindruck des Landes, wenn wir von Lüttich aus über Namur oder über Jeumont nach Frankreich hinübergehen. Da haben wir der Hauptsache nach die Ardennen zu passieren, freilich eine Landschaft, die heute auch nicht mehr in ihren originalen Formen vorhanden ist - wo wäre das in bevölkerten Gegenden in Westeuropa der Fall? Es sind vielmehr Zerstörungen da, die in dem Maastale so außerordentlich sind durch Bergbau und dergleichen mehr, daß es der vollen künstlerischen Kraft eines Meunier bedurft hat, diese Landschaft im Bilde überhaupt darzustellen. Darüber hinaus verläuft der Weg hinunter nach der Pariser Gegend zu; die Landschaft reich belebt durch die französischen Kanäle, durch die großen Schattenbäume, die dort stehen oder vielmehr dort standen - sie sind jetzt zum großen Teil abgehauen - bis man in Paris landet.
So viel zunächst zur äußeren Erscheinung. Uns wird nun besonders interessieren, wie weit denn eigentlich die Flamen, also jener Bestandteil des belgischen Volkes, auf den wir zunächst Rücksicht nehmen müssen, nach Süden sitzen. Das ist verhältnismäßig sehr weit. In Frankreich unterscheidet man im Familienverkehr und auch sonst gelegentlich, wenn die Zunge etwas locker ist, noch immer die Cinq départements du Nord, nicht zu verwechseln mit dem Département du Nord, von dem übrigen Frankreich. Diese fünf Departements nun, das ist ein Teil des alten Flandern, und wohin Sie in diesen Cinq départements kommen, haben Sie in der Architektur, haben Sie überhaupt in den Resten der früheren Kultur noch ein klein wenig flämische Eindrücke. Das geht ungefähr von Valenciennes an, dann herüber bis nach Arras. In Amiens ist es verschwunden, das ist reines Gallien. Von Arras geht es auf dem Höhenrücken weiter, mit denen die Ardennen schließlich in dem Cap Gris Nez steil herunterfallen in das Meer zwischen Boulogne und Calais. Aber wenn Sie von Calais aus nach Nordosten fahren nach Dünkirchen oder gar darüber hinaus bis auf die nächsten Stationen, also bis in die Gegend etwa der Panne, das die Deutschen leider meist La Panne nennen, weil sie es für französisch halten - das ist es absolut nicht, es ist das letzte südliche Seebad Belgiens, heißt flämisch De Panne, gleich hochdeutsch: die Pfanne (das Tälchen) - wenn Sie dort hinauskommen und sehen die Bauern an, dann können Sie (S. 400) denken, Sie wären zwischen Wittenberg und Jüterbog oder in der Altmark. Genau dieselben Figuren sehen Sie dort, merkwürdigerweise sogar in demselben Kostüm. Große, schwere Männer mit wohlentwickelten Hüften, so daß man am Ende auch einmal einen Hut an den Hüften aufhängen könnte, mit schönen, schwarzen Mützen und einem ordentlichen Sturmband daran, rasierte Gesichter, so daß in die einzelnen Köpfe etwas Pastorales kommt, darunter einen langen, schwarzen Rock, Schaftstiefel - kurz, es ist der Bauer der Altmark und ist der Bauer des Fläming. Warum soll denn das auch nicht so sein? Der Bauer der Altmark ist ein Flame, und der Bauer des Fläming ist erst recht ein Flame; es ist dieselbe Bevölkerung.
Das wären etwa die Grenzen des Flamentums nach Süden und Westen. Man kann sich nun fragen, wie die beiden so verschiedenen Volksstämme - wir werden die Differenz noch genauer kennen lernen - im belgischen Staat miteinander auskommen. Dafür gibt es eine Theorie, die gewiß eine Rolle spielen wird, weil sie durch hervorragende belgische Historiker vertreten wird, die darauf hinausläuft, zu behaupten, es gäbe eine belgische Nationalität, die Wallonen und Flamen, unbeschadet ihrer besonderen Unterschiede, in gleicher Weise umfasse. Nun ist das nicht so falsch, als es auf den ersten Blick erscheinen kann. Ich habe mich persönlich wiederholt mit meinem Freunde Pirenne, dem hervorragendsten belgischen Historiker, der jetzt freilich ein Weilchen eingesteckt war als Geisel, über die Frage eingehend unterhalten. Hier sei nur eine einzige, überraschende Beobachtung mitgeteilt. Wenn man von Deutschland aus nach Belgien kommt, so ist gar kein Zweifel, man spürt deutlich den Unterschied getrennter Nationalitäten. Sobald man etwa über Aachen nach Herbesthal hinausfährt, wird der Kulturanblick des Landes anders, die Leute werden anders, kurz, man hat den Eindruck: Hier beginnt Belgien. Wenn man aber nach Paris weiterfährt, so gewinnt man bei Überschreitung der französisch-flämischen Grenze nicht den Eindruck, als ob das südliche Belgien von Frankreich getrennt wäre; es sieht so aus, als hänge alles einfach und fortlaufend zusammen. Aber merkwürdigerweise, wenn man die Sache umgekehrt macht und z.B. von Paris nach Brüssel fährt, da hat man wieder den Eindruck, wenn man über die belgische Grenze kommt: Es ist etwas anderes, es ist nicht so, daß sich die Erscheinungen einfach fortsetzen, und nicht bloß die Gegend ändert sich, die wieder die starke Aspiration vom Meer erhält, auch die Menschen sind anders. Die Leute, die im Hennegau wohnen, um Mons herum usw., dem deutschen Bergen, auch die sind anderer Art als die Franzosen. Was soll man da sagen? Hier bleibt ein Fragezeichen.
Nun kann man noch ein letztes Experiment machen und sich fragen: Wie stellen sich denn die einzelnen umliegenden Nachbarnationen u dieser merkwürdigen belgischen Konstellation?
Da kämen also zunächst in Betracht - wir wollen einmal so anfangen - die Engländer. Die stellen sich gar nicht. Sie sehen in Belgien ganz einfach den Brückenkopf ihres Einflusses auf dem Kontinent Europa, und alles andere ist ihnen gleichgültig.
Kommen wir nun auf die Franzosen, so ist die erste Frage: Wie stellen sie sich zu den Flamen? Da werden Sie nun in der Literatur kaum ein positives Urteil finden. Negative sehr viel. Man will die Flamen beseitigen, man will sie loswerden. Belgien soll französisches Land werden. Das ist klar. Aber darüber hinaus ein Eindringen in den flämischen Charakter würden Sie vergeblich suchen. Wenn man nun, da die Literatur im Stiche läßt, die Menschen fragt, so ging für mich die ganze Sache in einer einzigen kleinen Geschichte auf, so daß ich klar sah. Derartige blitzartige Aufklärungen sind für den Kulturhistoriker zwar nicht häufig, kommen aber doch vor. Ich bin einmal von Tourcoing nach Lille gefahren, und mit mir zusammen im Eisenbahnwagen saß ein sehr gesprächiger und wohlunterrichteter Franzose, von dem ich im stillen annahm, daß er ein Berufsgenosse von mir an der Universität Lille wäre. Wir kamen auch auf die Flamen, und ich fragte: "Nun, von den Flamen haben sie ja in Lille noch eine ganze Masse, die möchte ich doch eigentlich auch ein bißchen beobachten." Worauf er mir sagte: "Flamen in Lille? Nein, das gibt es nicht." Wir waren mittlerweile in Lille angekommen, und mein französischer Wirt sozusagen, der nun die Honneurs seines Landes machte, hatte die Freundlichkeit, mich nach einem Restaurant, nach einer Gastwirtschaft begleiten zu wollen. Wir traten aus dem Bahnhof, und auf mich zu kam ein ziemlich verlumpter Junge, der ganz flämisch aussah und bettelte, worauf ich sagte: "Verscham di wat!" (schäme dich!). Darauf drehte er sich herum und rief einem Kompagnon, der im Herzueilen begriffen war: "Die gift niets" (der gibt nichts), worauf ich nun meinem Begleiter sagte: "Voyez-vous?" Da bekam ich eine sehr nette Antwort. "Ah", sagte er, "vous parlez du flamand? Mais ça n'est pas une langue grammaticale." Das Flämische ist überhaupt nur ein Getuschel, das ist noch nicht menschlich-grammatisch organisiert. Das ist so ungefähr der Höhepunkt der Beschäftigung des Durchschnittsfranzosen mit dem Flämischen. Wo sollen da also Liebe und tieferes Verständnis herkommen?
Was aber das Verhältnis des Deutschen zum Flämischen anlangt, so dürfen wir uns auch keinen Täuschungen hingeben. Wir sind, meine Damen und Herren, den Flamen sehr fern geworden und die Flamen auch uns. Sie haben vorhin in Liedern einiges Flämisch gehört, und wie die musikalische Kunst so gern versöhnt, so hat sie auch in diesem Falle einen Teil der Gegensätze beseitigt. Wenn Sie aber zu Hause noch einmal das Flämische vornehmen wollen, auch wenn Sie es richtig lesen, und auch wenn Sie es mit dem beinahe unvermeidlichen hochdeutschen Akzent lesen, den die Flamen uns so häufig vorlesen, wenn wir Flämisch sprechen, so werden Sie finden: Eine Kluft trennt immerhin das Hochdeutsche und dieses Flämische, das zu den niederdeutschen, den plattdeutschen Dialekten gehört.
Wenn wir uns nun weiter umsehen, so sind Zusammenhänge noch da in den politischen Anschauungen, aber nur da, wo der Dichter redet, wie in dem Liede von Emanuel Hiel, darüber hinaus kaum. Daß ein Flame für die belgische innere Politik etwa deutsche Motive zugrunde gelegt hätte, das ist im 19. Jahrhundert nicht mehr vorgekommen. Die Kenntnis Deutschlands in flämischen Kreisen ist ungemein gering, sie ist fast nur eine Geschäftskenntnis, keine Herzenskenntnis mehr. Über das, was ich Ihnen hier vorgeführt habe, hinaus reicht vielleicht nur die Musik. Die Flamen sind musikalisch hochbegabt, und wenn man ihr besonderes Wesen mit einem Worte schildern soll, so ist es in dem Namen Beethoven beschlossen. Die Familie Beethoven ist flämischen Ursprungs, und das, was Ihnen bei flüchtiger Beobachtung als identisch erscheinen wird in der (S. 401) malerischen Erscheinung von Rubens und in der musikalischen Erscheinung Beethovens, das ist flämischer Stammcharakter, also Impulsivität, Brutalität in gewissem Sinne, Draufgehen, klare, feste, aber bisweilen etwas scharfe Unterschiede, plötzliches Umschlagen der Gemütsstimmung usw., ungeheure Fruchtbarkeit, Sicherheit und Luft zum Experiment, Vorwärtsdrängen auf allen irgendwie erschließbaren Wegen: das ist flämisch.
Diese Eigenschaften sind bis heute nicht weggefallen. Auf dem Gebiete der Musik denken wir beispielsweise an ein so wundervolles Gebilde wie das "Oratorium des Heiligen Franz" von Tinel, insbesondere die Komposition des Sonnengesangs. Das ist ersten Ranges, und die Deutschen, wo sie auch sitzen, werden dadurch immer vorwärtsgezogen werden. Aber wenn der Kulturhistoriker reden soll, so wird er doch sagen, das sind allerletzte Zusammenhänge, sie beziehen sich auf die sinnliche Siete der Kultur, auf das Gehör, das Auge. Die tieferen, durch gemeinsame höhere Kultur vorwärtsgeschobenen Ziele und Errungenschaften fehlen.
So stehen wir denn, meine Damen und Herren, wenn wir die Gegenwart und das, was unmittelbar der Gegenwart anklebt, tiefer betrachten, in Belgien tatsächlich vor manchem Rätsel, und vielfach steht auf demselben Standpunkt auch die belgische Geschichtswissenschaft. Dennoch bliebe, wie die Dinge liegen, zur Aufklärung nichts übrig, als die Geschichte zu fragen. Und da es sich um ganz urwüchsige Zusammenhänge handelt, so müssen wir, wenn wir diese verwickelten Dinge aufdröseln wollen, weit zurückgehen.
Dann bekommen wir allerdings ein sehr merkwürdiges Bild: Es gehört mit zu den wenig bekannten Tatsachen der Geschichte der deutschen Urzeit, obwohl die Nachricht in den Quellen deutlich vorliegt, daß etwa am Schlusse des 2. Jahrhunderts vor Chrisus vom inneren Deutschland eine Auswanderung nach dem Niederrhein stattgefunden hat, und zwar aus dem Gebiete der Chatten. Die Chatten, nachher althochdeutsch Hazzi, sind die heutigen Hessen. Die Hessen sind der einzige deutsche Stamm, der in seinem Stammlande stetig sitzen geblieben ist, die "blinden Hessen". Sie sind zwar weiterhin in alle Lande abgeflossen von ihren Bergen, aber die Berge haben sie festgehalten. Nun, einer der frühesten Abflüsse dieser Art ging herunter von den Hessen - wir können ihn heute noch an Ortsnamen verfolgen - in die Gegend des Siebengebirges und von da den Rhein hinab bis in das letzte noch bewohnbare Land; im Rheindelta kamen die Auswanderer ins Wasser, das war damals zum großen Teil noch überschwemmt. Es kamen da so schöne Namen vor, wie z.B. Meriwido, das heißt etwa Seewald oder Meerholz, das ist eine Gegend, die in der Zeit der Flut überschwemmt war, in der Zeit der Ebbe nicht. Die Chatten setzten sich in der heutigen Betuwe fest und lebten als Bataven in der Geschichte weiter. Nun haben sich die Bataven schon früh ausgezeichnet. Cäsar lernte sie als außerordentlich kriegerisch kennen. Er hat aus ihnen eine Spezialwaffe formiert, die in der Schlacht von Pharsalus entscheidend mitwirkte. Aus diesen Bataven ist dann in der Zeit, in der sich der fränkische Stamm entwickelte, der nordwestliche Flügel des Stammes hervorgegangen, nämlich das Volk der Salier. Wie enge die Beziehungen zu der alten Heimat noch waren, können sie daraus sehen, daß das etwa auf das Ende des 5. Jahrhunderts zu datierende Salische Gesetzbuch, das älteste aller unserer Volksrechte, das wohl in Belgien entstanden ist, gleichzeitig auch für anderweit ausgewanderte Hessen galt und auf dem Gebiet benutzt wurde. Von Hessen aus waren damals schon zahlreiche Bestandteile des Stammes heruntergedrungen an die Moselmündung und von da aufwärts bis nach Trier, und in Trier hat sich eine althochdeutsche Übersetzung des Salischen Gesetzbuches erhalten, die auch aus dieser Gegend stammt.
Nun hat sich mittlerweile im 2., 3. und 4. Jahrhundert nach Christus der fränkische Stamm gebildet. Dieser Stamm umfaßt einmal die Chatten mit allem, was drum und dran hängt, also mit ihrem Ausbreitungsgebiet nach dem Main hinunter bis nach Würzburg, dann weiterhin mit allen Abzweigungen, die in unsere großen Weingegenden herübergingen nach dem Rheingau, nach Rheinhessen; und auch an die Mosel; besonders die schönen Orte auf heim, die Sie so häufig auf den Etiketten guter Flaschen finden, sie sind beinahe alle fränkisch.
Dann gehören zu den Franken die Ripuarier, in der Gegend von Köln und jenseit schließlich die Salier in dem heutigen nördlichen Belgien und südlichen Holland. Dies war die große Stellung, in der die germanischen Stämme des Nordwestens vorrückten gegen das römische Weltreich. Bei diesem Vorrücken fiel nun die Hauptleistung und der Hauptgewinn an die Salier, also an die belgischen Franken. Das hing damit zusammen, daß diese belgischen Franken am besten den Rücken gedeckt hatten durch das Meer und die Sümpfe des Rheindeltas. Sie hatten die einfachste Entwicklung, und sie wurden anderseits durch die Engigkeit Belgiens zusammengehalten. Sie mußten auch in ihrem Vormarsch durch Belgien über die Ardennen hinweg sich winden nach dem nördlichen Frankreich, nach Soissons und darüber hinaus nach Paris und sich fest zusammenhalten gegen die entgegenstehenden Kelten. In dieser Zeit haben sie nun die vielen kleinen Herrschaften mit Volkskönigen, die sie hatten und die uns noch wundervoll in den Quellen geschildert sind, sie sprechen noch von den alten Reges criniti, die es hier gab, von den Königen mit dem langen Haupthaar, so wie die Chatten es trugen - diese kleinen Herrschaften haben sie damals beseitigt. Der Hauptmörder dieser einzelnen kleinen Königsgeschlechter war Clodovech. Er hat Unsägliches von diesen Geschlechtern gemordet, und er besaß die germanische Offenheit, sich, als er einmal später auf den Mauern von Köln spazieren ging, darüber zu beklagen, er stehe nun so ganz allein, die andern Geschlechter seien alle vergangen.
Indem nun nun hier eine einzige große Monarchie entstand, war zum erstenmal die Möglichkeit gegeben, germanisches Wesen mit einer verhältnismäßig starken Gewaltentwicklung zu verbinden. Es war die Möglichkeit gegeben, aus dem einfachen germanischen Königshaushalt heraus Verwaltungen einzurichten und dadurch hineinzuwachsen in die Kulturverhältnisse des römischen Kaiserreiches. Aus dieser Kombination geht das große fränkische Reich des 6. bis 8. und 9. Jahrhunderts, also das Merowingerreich und das Karolingerreich hervor. Sie sehen, in der Gegend Belgiens und Nordfrankreichs tritt sofort in dem Augenblick, in dem überhaupt der Zusammenhang mit der Weltgeschichte sozusagen gewonnen ist, die erste große, frische und starke Kombination ein. Nun lebte die Kombination ja lediglich von der Kulturgemeinschaft des Imperiums und der Germanen. Darum hatte die auf die aufgebaute und in ihr sich entwickelnde Kultur, die bis zum 8. und 9. Jahrhundert stark gelebt hat und genau zu verfolgen ist, zwei entsprechende (S. 402) Grenzen. Wir kennen sie gut aus dem Horizont der Karolingischen Sagen, besonders der französischen. Die Grenzen sind auf der einen Seite der Seine, auf der andern der Rhein. Gekannt wird von den Sagen allenfalls noch Dortmund, aber doch nur in verschleierter Weise. Also zwischen Rhein und Seine entsteht ein großes, einheitliches Kulturgebiet. Auch kirchlich natürlich, da die neue dortige Kirche ganz eine Kulturerscheinung des Imperiums ist. Wenn man die Entwicklung der christlichen Kirche in diesen Gegenden verfolgt, so kann man sehen, wie alle Vorgänge gemeinsam behandelt werden, wie man in den Bistümern Utrecht und Cambrai z.B. verwandt vorgeht, ebenso ist das Klosterwesen in diesen Gegenden gemeinsam geregelt, das Vorschieben der Missionare und dergleichen. Sogar in den Reliquien dieser Zeit in unseren Bibliotheken, in den kostbaren Handschriften aus diesen Gegenden, deren größte Sammlung in der Bibliothèque Nationale in Paris ist, können Sie, wenn Sie die einzelnen Handschriften nebeneinander legen, förmlich die Ströme verfolgen, in denen innerhalb dieses großes Gebietes eine gemeinsame Kultur erzeugt wird und sich fortpflanzt. Wir haben davon auch sonst Zeugnisee: so in der Literatur vor allem in der Durchbildung unseres Tierepos in der Form, in der wir es heute kennen, und in der Architektur in dem Verlauf weitreichender gegensätzlicher Durchdringungen noch auf lange Zeit: der Dom von Doornik (Tournay) gehört dem rheinischen Stil an; der Kölner Dom ist im Grundriß der Kathedrale von Amiens nahe verwandt. 
Nun aber, meine Damen und Herren, kam für diese Kultur verhängnisvoll das 9. Jahrhundert. Es ist die Zeit, in der sich die großen westeuropäischen Nationen bilden, also in gewissem Sinn England, obwohl das schon früher fertig war, aber namentlich Frankreich und Deutschland. Die greifen von dieser Zeit ab, da ihre Grenzen durch das heutige Belgien führen, und erst recht durch diesen ganzen Kulturkreis, in diesen Kulturkreis ein und fangen an, ihn zu zerreißen. Es bildet sich eine wallonisch-französische Seite, es bild sich eine deutsch-germanische, eine deutsch-flämische unmittelbar aus. Was sollte nun mit dem armen Stück geschehen, das in der Mitte lag?
In diesem Augenblick, der für das Land Belgien kritisch war, stellte sich nun eine unerwartete Kombination ein, die alle Fragen löste. Ich kann hier auf deren größere Zusammenhänge nicht eingehen, ich kann hier nur folgendes mitteilen: Um diese Zeit bildete sich eine ganz andere Art des Welthandels aus. Die Pforten des Orients, die im 7. und 8. Jahrhundert ziemlich verschüttet worden waren, öffneten sich wieder. Es kam damit zu einem wirklich internationalen Austausch von europäischen und tropischen Produkten. Dieser Handel ging zum größeren Teile durch die Säulen des Herkules, also durch die Meerenge von Gibraltar, dann durch den Biskayischen Meerbusen und strandete - ja, wo strandete er? Nicht, wie man heute denken würde, in London, das noch nicht kräftig genug war, sondern an der Küste Belgiens. Wer Belgien kennt, der findet das aber auch heute noch sehr begreiflich. Wenn Sie auf den großen Dünen im Norden Belgiens spazierengehen, so können Sie auf der einen Seite weit auf das Meer hinaussehen, auf der anderen Seite erblicken Sie eine lachende Landschaft, und in ihr ragen, gar nicht weit von der See entfernt, die Türme von Brügge auf. Wenn wir dann von diesen Gestaden aus, was man heute an einem Tage kann, über Sluis nach Vlissingen herüberfahren auf einem der kleinen Schiffe, die direkt über die Scheldemündung führen, dann verstehen wir augenscheinlich, wie leicht es für die Schiffe war, nachdem sie ein ziemlich unwirtliches Gestade von Calais aus passiert hatten, hier einzumünden und am Scheldeufer irgendwo anzulegen. Dies wurde nun leicht gemacht und weiter ausgebaut, indem man von dem Orte Kadzand aus einen Kanal nach Brügge ausgrub. Dieser Kanal, von der Breite höchstens eines Versammlungssaales, besteht heute noch. Wenn man ihn von Brügge aus befährt hin durch das friedliche Entengries, das ihn bedeckt, auf einem alten verrosteten kleinen Dampfer - die zwei Male, die ich den Weg gefahren bin, jedesmal zusammen mit einigen Beginen, die an die stillen Orte nach Norden zu beten gingen - rechts und links die großen alten Rüsterbäume und die Schattenbäume der Ulmen, da ist man so recht in seinem historischen Element. Die Fahrt geht bis nach Damme. Damme war die alte Hafenstadt von Brügge und ist nun heute eine echte Handelsruine. Wenn Sie in Damme eintreten und über das spitzige Pflaster gehen, so kommen Sie auf einen groß angelegten Markt, auf dem heute aus neuester Zeit ein Denkmal des großen Dichters Maerlant steht, und aus alter Zeit liegt am Markte ein Rathaus von gewaltigen Dimensionen. Treten Sie ein, so kommen Sie in einen prachtvollen Saal, von dem ein kleines Stück abgetrennt ist als Café. Und sehen Sie dort neugierig über die Brüstung hinweg, so sehen Sie sich vor einem sonderbaren Bild. Der Saal wird jetzt als Scheune benutzt. In der Zeit, als ich ihn sah, waren friedliche Hühner beschäftigt, die letzten Körner des Jahreserdrusches aufzupicken, und von oben sahen all die Köpfe der lieben Propheten und Evangelisten aus den verzierten Enden der gotischen Balkendecke usw. der friedlichen Szene zu. Ähnlich steht es mit der Kirche des Ortes, oder wenigstens der Eindruck ist ein verwandter. Die Kirche ist in Ausmessungen projektiert, die fast an den Kölner Dom erinnern können. Aber fertiggeworden ist bloß der Chor, und auch der Chor allein ist für die Gemeinde von heute noch viel zu groß. Er ist nach dem Schiff zu mit einer Bretterwand abgeschlossen, und wenn man in ihm steht, so sieht man, wie von oben herunter, wie es einst im Kölner Dom auch der Fall war um 1820 oder 1830, Wasser triefen und wie sich grüne Moose angesetzt haben, die das Bild allerdings malerisch sehr lustig machen, aber architektonisch schädigen. Wenn man nun von Kadzand nach Brügge kam - es handelt sich hier um große Dinge des 13. Jahrhunderts; Dante spricht von ähnlichen Arbeiten wie den soeben geschilderten Kanal fast als eines der Weltwunder seiner Zeit - so näherte man sich dem Zentrum des mitteleuropäischen Handels. Aber Brügge brauche ich wohl nicht zu schildern. Wer von uns nach Belgien gekommen ist, kennt es mit seinem wundervollen alten Belfried, mit den herrlichen Kirchen und vor allen Dingen mit seinem Johannishospital, in dem im 15. Jahrhundert auch ein deutscher Maler, Hans Memling, freundlich verpflegt wurde. Von Memling besitzt das Hospital noch eine Reihe von Bildern, unter anderen auch solche, in denen die Nonnen der Zeit des Meisters dargestellt sind. Und wir können noch heute die Nonnen in derselben Tracht herumgehen sehen und die Kranken pflegen, in denen es die Vorfahrinnen im 15. Jahrhundert getan haben. Ja, meine Damen und Herren, das ist eines jener Abbilder der Ewigkeit in der Geschichte, wie sie nur große religiöse Beziehungen gewähren.
In Brügge also war das Sammelzentrum (S. 403) des europäischen Handels, und von hier aus gingen die Waren oder konnten gehen weiter nach Osten. Dazu trat dann in Flandern sehr bald die Industrie, die vor allem in Ypern vorhanden war - nicht Eipern, Eipern gibt es in der Welt nicht: Jepern heißt der Ort flämisch, und Ypern ist die alte deutsche Form. Wenn Sie dahin kämen, da würden Sie sehen können - sie wird heute nicht mehr unverletzt da sein - eine wundervolle alte Halle, ein Gebäude allerersten Ranges von großer Ausdehnung für den Tuchmarkt. Ich kann hier auf Einzelheiten nicht eingehen. Kurz, seit dem 11. Jahrhundert erhob sich hier in den Städten von Flandern wie auch in denen von Brabant ein gewaltiges bürgerliches Dasein.
An der Spitze nun dieser bürgerlichen Entwicklung, die in einzelnen Städten sehr bald einen Akzent der Selbständigkeit annahm, stand im Westen an entscheidendster Stelle der Graf von Flandern. Der Graf von Flandern wurde in folgendem Zusammenhange allmählich selbständig. Die staatsrechtlichen Beziehungen zum Deutschen Reiche waren niemals ganz klar. Nur ein Teil von Flandern hat unbedingt sicher zum Reiche gehört, das sogenannte Reichsflandern, la Flandre de l'Empire. Ebenso gehört wohl ein kleiner Teil des südlichen Flanderns zu Frankreich. Im übrigen aber suchte das Land eine ganz selbständige Stellung zwischen den großen nationalen Staatskörpern Frankreichs und Deutschlands und endlich auch Englands, wie sie dem Zeitalter der Nationalitätsentwicklung verdankt werden. Und nun sehen wir etwas erfolgen, was wir in verwandten Fällen beinahe regelmäßig beobachten können. Das interessanteste Parallelbeispiel gibt Venedig. Venedig ist groß geworden zwischen dem Reiche des Orients und dem Reiche des Okzidents, zwischen den beiden großen Welten des alten römischen Reiches, und ich möchte sagen, wie ein Bergsteiger etwa in den Dolomiten sich in einem Kamin in die Höhe schiebt, indem er sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite seines Körpers stützt und so nach oben vorwärts drängt, so haben die klugen Kaufleute von Venedig - und nicht minder die klugen Kaufleute von Brügge, von Gent, von Ypern - sich vorwärts geholfen. Was die Flamen anging, so hielten sie es bald mit den Franzosen, bald mit den Deutschen, gelegentlich auch mit den Engländern. Die Hauptsache war: Vorwärts, immer weiter freier und selbständiger vorwärts.
In dieser Zeit, die ihre Höhe fand im 14. Jahrhundert, sind Flandern und Brabant zu jener herrlichen Kulturstufe emporgewachsen, die im Laufe des 15. Jahrhunderts in vollster Gleichheit und Ebenbürtigkeit fast mit Italien die höchste Kulturblüte der damaligen Zeit nördlich der Alpen überhaupt entwickelt hat. Dabei handelte es sich nicht bloß um die Städte, das ganze Land war befruchtet von den Städten. Und eben diesen Punkt müssen wir etwas genauer verfolgen. Denn wir kommen da auf Fragen, die uns heute auch nicht fernstehen.
Aus den großen Städten wurde viel Dünger auf das Land geschafft, und die Felder wurden befruchtet, und wir können heute noch sehen, wie der helle Sand, der ursprünglich zumeist vorhanden war, die schwarze Humus-Färbung der Gegenwart erhielt. Es gehört für den Kulturhistoriker, der die zahlreichen Bahnen in Belgien befährt, zu den interessantesten Beobachtungen, zu sehen, wie tief der Humus an den einzelnen Stellen ist, und je tiefer er ist, desto sicherer kann man sagen: Jetzt komm eine neue, große Stadt. Auf dem so gepflegten platten Lande wurde nun der Bauer groß, der unsere Kolonisation des Ostens begonnen und getragen hat. Hier wurden die Methoden entwickelt, mit denen man über die ziemlich oberflächliche Form des Ausbaues durch die Slawen siegte und in unsere heutigen Bodentiefen vordrang. Von hier kamen die Leute, die die Goldene Aue zum ersten Male zu dem gemacht haben, was ihr Name heute bedeutet. Von der Unstrut aber ging es weiter über Flemmingen, in der Nähe von Naumburg, in das sächsiche Land, gern im Gefolge der verschiedenen alten Zisterzienserklöster, mit denen man gemeinsam operierte, und von da aus entlang an dem Abschuß der Berge, des Erzgebirges, und durch ganz Schlesien hin. Wo so viel schwerer Boden und morastiges Land war, daß ein Slawe nicht recht unterkommen konnte, da zog der Germane ein und hielt fest, was ihm anvertraut wurde. Das sind die ersten großen Beziehungen zwischen dem Flamen und dem inneren Deutschland, und noch heute leben die Erinnerungen an sie unter den Flamen fort. Eins der merkwürdigsten Zeugnisse hierfür ist ein Lied: "Nach Ostland wollen wir fahren, da ist eine bessere Stätte" usw. Von hier haben also die Deutschen gelernt, schwere Böden zu beherrschen und in unseren Flurverfassungen, wie man sie so vielfach von den Eisenbahnen aus beobachten kann, ist das noch heute zu bemerken. Ich weiß nicht, ob einer von Ihnen gelegentlich dergleichen interessante Studien aufgenommen hat, wenn er auf hohem Damm durch ein Land fuhr und sah rechts und links die Fluren liegen, und fragt sich: Welcher Grad der Freiheit ist bei den Männern vorhanden gewesen, die gerade diese Flur schufen, welcher Grad der wirtschaftlichen und persönlichen Freiheit? Das kann man alles bis auf kleine Schattierungen noch heute aus der Lage der Ackerstücke in der Flur ablesen. Wenn man das alles sieht, dann weiß man erst, welche Unsumme von Wohltat damals durch Flamen in unser Land gekommen ist, wenn sich auch zahlreiche innerdeutsche Kräfte und je länger je mehr am Ausbau des Landes beteiligt haben. 
Daneben aber bestand die städtische Kultur. Große Städte in den flämischen Gegenden fingen an, sich in der Weise der italienischen Kommunen zu entwickeln. Eine Demokratie wächst empor. Große Heere werden gebildet. Wie die Demokratie immer auf äußeren Prunk sieht, so entsteht eine wunderbare Architektur. Große Kämpfe werden geführt, und eine äußere politische Geschichte, so reich wie wenige in deutschen Landen und doch bei uns nur wenig bekannt, wächst herauf. Wir haben darüber ein klassisches, leider, soviel ich weiß, noch nicht ins Deutsche übersetztes Buch von Vanderkindere: "Le siècle des Artevelde". Die Artevelde sind die großen demokratischen Kämpfer von Gent in dieser Zeit gewesen. Was wir aber, meine Damen und Herren, alle kennen, das ist die Blüte künstlerischer Kultur, die diesen Zusammenhängen entsproß. Die sogenannte niederländische Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts, die doch noch so deutsch war und in Kunstgeschichten niemals von dem Vortrag der deutschen Kunst getrennt werden sollte, gehört diesen Kreisen an. Wenn Sie das Emporkommen der Genies, der van Eycks verstehen wollen, werden Sie ohne weiteres sagen: Jahrhunderte einer selbständigen Kultur müssen der Höhe auch nur der technischen Kenntnisse, allein schon der perspektivistischen Erfahrungen dieser Meister vorausgegangen sein. Das ist schon um 1430 geschehen. Schon zu dieser Zeit ist die flämische Entwicklung auf dem Gipfel, und schon ging es mit vollen Kräften in eine neue Zeit, in die neuste Zeit unserer Geschichte hinein. Von da haben wir dann die ununterbrochene Reihenfolge großer Künstler vor uns, über Roger van der Weyden (S. 404) ab, der allerdings seinerseits halb Wallone war (Rogelet de la Pasture), und von da herüber nach den späteren, so z.B. Hans Memling aus der Gegend von Aschaffenburg, dem Brügger, von dem ich Ihnen schon erzählte, und die Reihe läuft fort, bis ungefähr in die Mitte des 16. Jahrhunderts, wenn auch zuletzt sich schon italienische Einflüsse geltend machen. Nun, das sind sehr bekannte Dinge. Aber daneben steht jene eigentümliche Ausbildung des Style flamboyant der Gotik, die man fast nur in Belgien studieren kann, also eine eigene Architektur. Daneben steht die ungeheure Weltkenntnis, die sich in den Handelstätten allmählich anhäuft, der Reichtum der Reisen und kaufmännischen Entdeckungen. Ich möchte nur eins anführen, die Tatsache, daß die Kanarischen Inseln in dieser Zeit das flämische Eiland hießen. Daneben steht die herrliche Entwicklung der Musik von Oekeghavn und über ihn hinaus jene Entwicklung der Musik, die in Italien alles andere überflutete, für die päpstliche Kapelle maßgebend wurde und für die Sängerschaft von Venedig, und ein Einfluß der Malerei, der bis nach Portugal flämische Schulen entstehen ließ. Das sind die großen Zeiten, das ist das, was Hoffmann von Fallersleben in seinem vorhin gesungenen Lied mit dem Wort "alte Herrlichkeit" bezeichnet, das sind die großen Dinge, in denen heute noch die Flamen wurzeln, und das ist eine Seite der deutschen Geschichte, die aus unserer Geschichte auszuscheiden ein Unrecht ist. Denn es ist nicht richtig, wenn man hier schon von einer besonderen national-flämischen Entwicklung spricht. Deutsch ist, was hier geschah. Die Fortsetzung aller dieser Dinge in der Musik wie in der Malerei und darüber hinaus, teilweise sogar in der Architektur, hat in Deutschland stattgefunden. Man darf als Deutscher diese Kultur nicht fallen lassen.
Auch in dem Gebiet der Literatur ist das nicht möglich. Auch hier gehen die Flamen voran, vor allen Dingen in der Entwicklung früher Formen der Satire, in der frühesten Entwicklung unseres Dramas, an allen den Stellen, wo man in der Dichtung eine feinere Nuancierung der Persönlichkeit, eine stärkere Menschenkenntnis zu entwickeln begann, wo neue Formen der Darstellung seelischen Lebens sich einstellten, wo zum erstenmal der Versuch gemacht wurde, Personen auf die Bühne zu stellen und ihnen zu befehlen, sie möchten laufen. Ja, sie liefen - noch sehr notdürftig, aber immerhin. Die Courage vor allen Dingen der Dichter, sie laufen zu lassen, war da.
Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelten sich die europäischen Nationen weiter. Sie steigen auf Kulturhöhen, für deren Durchbildung eine große Bevölkerung Voraussetzung ist, und da konnte der kleine Stamm der Flamen nicht mehr mit. Weiterhin trat die Schädigung ein, die die Nordniederländer, die Holländer von heute, und die Südniederländer auf dem Gebiet des religiösen Bekenntnisses auseinanderriß, und auch sonst traten Schwierigkeiten der nationalen Entwicklung hervor, die wir am besten übersehen werden, wenn wir die politische Geschichte in das Gebiet der Kulturgeschichte einbeziehen. Der Übergang zur Neuzeit erfolgte in Frankreich früher als in irgendeinem anderen Volke jenseits der Alpen. Schon Ende des 14. Jahrhunderts sind die Franzosen weit entwickelt, während sie nachher im 16. Jahrhundert versagen und namentlich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht entfernt an unsere große Kultur heranreichen. Aber in dieser Frühzeit sind sie uns voraus, und das hat für den Norden Frankreichs und für Flandern das Eindringen des französischen politischen Einflusses zur Folge, und zwar in der Form des Vordringens der Herzöge von Burgund. Die Burgunder werden die Herren von Flandern. Es trat mit der burgundischen Herrschaft an und für sich eine Erhöhung noch der flämischen Blütezeit an, aber es ist schon eine Mischzeit, der französische Einfluß zwingt gewisse Teile der flämischen Kultur in fremde Formen. Allerdings, die Burgunder nehmen nach einem Jahrhundert Abschied, und die letzte Erbtochter der Burgunder, Maria, wird bekanntlich die Gemahlin Kaiser Maximilians I. Damit beginnt nun in gewissem Sinne oder hätte beginnen können ein deutscher Einfluß. Aber in diesem Augenblick ging das Reich zurück, und so war der deutsche Einfluß gering. Österreich hat dann die südlichen Niederlande Jahrhunderte hindurch festgehalten, bis zum Schluß des 18. Jahrhunderts, bis zur französischen Revolution. Aber kulturell waren diese Zeiten nur die einer Nachblüte, wenn auch einer reichen, die etwa in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Zeit von Rubens in der Herrschaft der sogenannten Erbherzöge gipfelten.
Wir treten über die Schwelle der Pforten der neuesten Zeit. Sie ist durch folgendes bezeichnet. Während eine gewisse Ruheseligkeit in Belgien eintrat, spielte sich er ungeheure Kampf ab, der nach dem Zerfall der nordniederländischen Seeherrschaft die Frage nach dem Überwiegen, sei es der französischen, sei es der englischen Seeherrschaft, entscheiden sollte. Westeuropa ist also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Gebiet fast ununterbrochener Kriege, bis schließlich mit dem Frieden von Paris (1815) das Übergewicht Englands entschieden ist. Das Übergewicht wird für Europa am stärksten charakterisiert durch die Neutralisierung von Belgien und Holland, die damals noch längere Zeit einen Staat bildeten. Aber auch nach ihrer Trennung ist das so geblieben. Diese Neutralisierung Belgiens und Hollands - davon braucht heute ja kaum noch geredet zu werden - ist nur eine Redensart für die Tatsache, daß England diese beiden Länder als den Brückenkopf seines kontinentalen Einflusses gewonnen hatte. Daher kommt auch die großartige Besorgtheit für die Neutralität Belgiens. Belgien ist zwar kein englisches Land, es liegt jedoch sehr - aber hier darf ich eigentlich nicht fortfahren, das ist durch das Generalkommando verboten; wir kommen aber darauf noch mit einigen Punkten, wenigstens mit zwei Worten zu sprechen, aber nur per rosam. Nun also, da haben wir diesen politischen und militärischen Zusammenhang Belgien mit England. Ihm gegenüber konnte und kann es England ganz gleichgültig sein, ob Belgien französischen Einflüssen unterliegt oder nicht. Im Gegenteil, da durch den Vormarsch der französischen Kultur die inneren Schwierigkeiten im Lande vermehrt werden und Belgien um so mehr schutzbedürftig wird, so konnte England das Vordringen der Franzosen eher angenehm sein. Seit dem Jahre 1815 setzt also in Belgien in steigendem Maße eine französische Kulturpolitik ein, die darauf hinausläuft über die Wallonen hinaus einschließlich der Flamen - denen eine andere als französische Qualität abgesprochen wird, denn sie seien Belgier und schon zu Cäsars Zeit und dann in der Zeit des römischen Reiches in Gallien dazu bestimmt gewesen, einmal Romanen zu werden - so setzt eine Propaganda ein, die beide Stämme (S. 405) zugleich mit einer Reinzucht französischer Kultur bedecken will.
Dagegen, wie gegen Französisierungsbestrebungen der Wallonen, die damit Hand in Hand gingen, haben nun die Flamen sich gewehrt. Aber, meine Damen und Herren, sie haben sich gewehrt auf dem gesetzlichen Wege, sie haben gewisse Gleichberechtigungen für ihre Sprache durchgesetzt auf dem Papier. In der Praxis ist mindestens der französische Einfluß immer weiter gegangen. Die Flamen selbst sprechen unter sich, wenn sie fein sein wollen, meistens Französisch, und die Konversation im Flämischen wird den Beziehungen zwischen Herrn und Dienstboten überwiesen.
In dieser ganzen Bewegung sind namentlich in den letzten zehn Jahren von den Franzosen enorme Fortschritte gemacht worden durch die großen Weltausstellungen von Brüssel, vorher schon Lüttich und Gent. Da haben die Franzosen Unendliches getan, um uns zu besiegen - und wir waren in gent, im entscheidenden Falle, nicht einmal am Platze.
Wenn wir nun zu einem sehr kurzen dritten Teil unserer Betrachtung nach der zentralen geschichtlichen Betrachtung übergehen wollen, zu einem Teil der praktischen Anwendung und der zukünftigen Hoffnungen, so werden wir, um vorwärts zu kommen, vor allen Dingen von unseren Fehlern ausgehen müssen. Es liegt, meine Damen und Herren, hier so, wie an so unendlich vielen Stellen in der Welt. Wir glauben, in auswärtigen Dingen sei es mit bloßer Machtpolitik getan. Das ist ein ganz grober Fehler, den ein Historiker mit drei Kreuzen ankreuzen muß. Es ist ein gänzliches Mißverstehen alles dessen, was geschichtlich bisher geschehen ist. Die Geschichte ist die Entwicklung der menschlichen Seele zu höheren Formen. Das hat an und für sich überhaupt nichts mit Machtpolitik zu tun. Man gewinnt kein Volk durch Machtpolitik. Man gewinnt es deshalb auch nicht durch einseitige Wirtschaftspolitik. Ja, auf zehn Jahre vielleicht; dann merken die Leute wohl, wer gewinnt und wer verliert in den wirtschaftlichen Beziehungen. Meine Damen und Herren! Wo man nicht die Beziehungen des Herzens sprechen lassen kann, da darf man auf keinen Gewinn für immer rechnen. Wir aber haben in unserer äußeren Politik hierfür nicht die Organe; es ist auch gar kein Verständnis dafür, daß diese Organe geschaffen werden müssen. Glauben Sie mir: ich weiß sehr genau, was ich sage. Eine solche Politik ist einseitig und kann niemals zu etwas Großem führen. Langsam erst dringt die Überzeugung durch, daß nur eine weite Politik, die die Herzen öffnet und selbst ein offenes Herz hat und die Dinge aus dem größen Maßstab nimmt und nicht mehr den Maßstab auf irgendeinen beliebigen kleinen Zweck, uns überhaupt vorwärts führt. Nehmen Sie die Türken. Glauben Sie, daß wir die behalten werden, wenn wir ihnen nicht zeigen, daß wir ein Herz für sie haben? Glauben Sie, daß wie sie damit gewinnen, daß wir sie kritisieren, ob sie in dem einen oder dem andern Fall richtig gehandelt haben oder nicht? Ich könnte dieselben Beobachtungen machen etwas näher an uns heran, bei den Nachbarn zwischen den Türken und uns. Ich unterlasse es.
Auf diesem Gebiet hat unsere Nation alles noch zu lernen und die dem Deutschen so wunderbar angeborenen Eigenschaften des Herzens wieder zu ihrer ursprünglichen großen und einfachen Sicherheit zu entwickeln. Darin werden wir weiterkommen müssen. An mehr als einem Ort, wo Engländer und Deutsche konkurrieren, hat sich herausgestellt, daß die fremde Nation sich lieber zu unseren Feinden hält, weil sie dort mehr Herz findet. Es ist auch nicht mit der sogenannten Disziplinierung getan. Jawohl, Belgien braucht Disziplinierung, das ist keine Frage, denn eine so ungezogene Bande von Jungen, wie sie in Belgien und neuerdings auch in Holland herumläuft, wird man auf der Erde sonst vergebens suchen. Da muß durchgegriffen werden, aber auch aus einem Herzen voller Liebe, denn auf dem Gebiet der Erziehung ist Liebe streng. Wenn ich wahre Liebe habe, halte ich mich für legitimiert, auch aus dieser Liebe heraus Ordnung zu schaffen.
Sieht man nun danach die Fragen der nächsten Zukunft an, so ist gar kein Zweifel, daß, wenn wir uns in Belgien irgendwie tätig behaupten wollen, jetzt während des Kampfes man eben mit dem freien und offenen Herzen des Erziehers zunächst und vor allen Dingen an die Flamen herangehen sollte. Im ganzen scheint das zu geschehen. Sind meine Nachrichten richtig - und ich habe Grund, das anzunehmen - so ist das Nötige namentlich für die unteren Klassen geschehen. Es geht aber schon so weit, daß sich z.B. bereits auch flämische Studenten an mich gewandt haben, die sagen: "Was soll aus unserm armen Volk - oder wie ich in disen Tagen einen Brief erhielt, 'unserm verbasterten Volk' - aus unserm in die Enge getriebenen Volk werden?" Wir müssen doch sehen, wie wir Anschluß bekommen. Es wäre wohl zu überlegen, ob man derartige Studenten, die augenblicklich zu Hause doch nichts lernen, nicht vielleicht auf ein paar Semester einer kleinen deutschen Universität zuschickte. Es wird natürlich nicht immer lohnen. "Etzliches fällt unter die Dornen." aber an einzelnen Stellen wird es doch fruchten. Man könnte also in dieser Sache sehr wohl vorgehen. Die führenden Schichten - das ist klar - sind einstweilen nicht zu haben. Sie verleugnen jede Freundschaft, die sie mit Deutschen gehabt haben, und ich weiß, daß man sich vor Freunden, die dort waren, verleugnet hat, wenn sie auch nur Anstandsbesuche machen wollten. Also da wird man warten müssen. Nur Geduld mit solchen.
Nun aber kommt die fatale Stelle, über die ich nichts sagen darf. Was sollen wir denn in der äußeren Politik anfangen? Ich glaube aber, ich kann es doch sagen, wenn auch etwas hinten herum. Ich glaube, darin werden Sie mit mir übereinstimmen: unsere Nation sollte fest und einig bleiben in dem, was sie ist. Wir müssen für uns feststehen, und dann müssen wir sehen, ob dieser oder jener Gefallen findet, sich uns in dieser oder jener losen Form der Konföderation anzuschließen. Und hier die richtigen Formen zu finden, Formen der Liebe und des Herzens und deshalb praktische Formen, das wird die Aufgabe einer großen Weisheit sein. Da wird Belgien vielleicht auch mit unterschlüpfen. Wir dürfen dabei nicht verkennen, daß dies eine einfache Konsequenz der geschichtlichen Entwicklung ist, nicht etwa eine ausgeklügelte Spekulation über das Ende des Krieges.
Das wären so einige mehr praktische Fragen. Zu ihrer Erörterung könnten wir noch lange fortfahren, meine Damen und Herren, und dabei namentlich zu berücksichtigen suchen, was die Geschichte an großen Lehren für eine starke und innere Politik gegenüber Belgien darbietet. Aber hier müssen wir uns augenblicklich (S. 406) noch allein auf die Weisheit unserer Behörden und auf die Weisheit aller derjenigen verlassen, die in Treue und Ergebenheit echt deutsche Werke männlich zu fördern berufen sind. Wir können da nichts weiter tun, als mit einem schönen Liede, deren wir ja glücklicherweise jetzt so viele neue haben, uns nochmals klarmachen: Wir müssen Geduld üben. Wir können reden, aber das ist eben reden. Im übrigen heißt es für uns: Haltet aus!

(Folgte unter Orgelbegleitung der gemeinsame Gesang des Liedes: "O Deutschland, hoch in Ehren" mit dem Rundgesang "Haltet aus!")

Anmerkung des Editors:
Lamprecht übersetzt den Ausdruck "Dietschers" mit "Deutsche".
Leser Francois Heymans weist darauf hin, dass Emanuel Hiel den Begriff im Sinne von Grossniederländisch (Kombination von den Flamen und Niederländern) verwendet habe; so macht auch die weiter unten im Liede angeführte Zeile 'Schließt euch zusammen, Süden und Norden' mehr Sinn. Es gibt weitere flaemische Texte, die den Ausdruck "Dietsch/Diets" im Sinne von Grossniederländisch verwenden, so das Lied "Kempenland aan de Dietse Kroon". Im Jahre 1917 setzte sich der Dietsche Bond, in welchem der flaemische Schriftsteller Rene de Clerq eine führende Rolle spielte, fuer den Grossniederländischen Gedanken ein. Und in der englischen Sprache werden die Niederländer mit dem Adjektiv "Dutch" bezeichnet. "Dietsch/Diets" betont die Zusammengehörigkeit der Flamen und Niederländer und grenzt sie von Franzosen und Wallonen ab; der Kontext, in dem der Begriff in flämischen Quellen des 19. und fruehen 20. Jahrhunderts verwendet wird, ist grossniederländisch; die Frage, inwiefern der Begriff geeignet war, die von den Verwendern des Begriffs ersehnte Grossniederländische Nation von den Deutschen abzugrenzen, lässt sich nicht ohne eine eingehende Untersuchung beantworten. [
zurück]





Document in English Language

Quelle: Die Woche. Export-Ausgabe. Heft 12. Kriegsjahr 1915 (Druck und Verlag von August Scherl G.m.b.H., Berlin SW., S. 397-406