Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Odysseus

von Wilhelm Wägner

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Übersicht

Der Zug nach Troja

Die Belagerung von Troja

Patroklos' Tod

Hektors Fall

Der Priester Laokoon

Der Fall von Troja

Rückkehr der hellenischen Helden

Die Schliemannschen Ausgrabungen


 

 

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Singe vom Manne, dem vielumsichtigen, Tochter Kronions,
Der vielfach umirrt', als Ilions Burg er zerstöret,
Länder und Städte durchspäh'nd und Fremdlingssitten erkundend,
Auch Mühsal auf dem Meere und Drangsal duldend erfahren.

 

Einleitung

(S. 123) Mit vorstehenden Worten beginnt die Dichtung, welche die Irrfahrten des Odysseus oder Ulixes schildert. Sie wird ebenso wie die Iliade dem alten blinden Sänger Homer zugeschrieben, obgleich sie sich nach Anlage und Ausführung von der Iliade merklich unterscheidet. Mag sie auch wie diese aus den Vorträgen verschiedener Sänger entstanden sein, so hat sie doch eine Meisterhand überarbeitet und ihr die Einheit, die Bewegung um einen Mittelpunkt gegeben, welche jener an verschiedenen Stellen mangelt. Wir überlassen jedoch tiefere wissenschaftliche Erörterungen über die Entstehung des Gedichtes den Gelehrten und wenden uns der Erzählung seines Inhaltes zu.

Viele Jahre war Odysseus von Ithaka, seiner heimatlichen Insel, abwesend. Er hatte daselbst, eher er mit in den Krieg gegen Troja zog, mild und gerecht nach der Weise seines Vaters Laertes über dem Volke gewaltet. Da er aber auch nach der Zerstörung Ilions nicht zurückkehrte, hatte die gesetzliche (S. 124) Ordnung im Lande sich aufgelöst und gewaltthätige Unterdrückung überhand genommen. Der greise Laertes ging nicht mehr in die Stadt; er lebte auf seinem Landgute, pflanzte edle Fruchtbäume und beschnitt seine Reben; aber seine Seele härmte sich um seinen Sohn. Noch tieferes Weh fühlte die edle Penelope, die Gattin des Helden, denn sie war nicht nur von Trauer um den Gemahl erfüllt, sondern zugleich bedrängt von hundert Freiern, den Söhnen der Machthaber von Ithaka und den umliegenden Inseln, welche verlangten, daß sie einem von ihnen als Ehegemahl in sein Haus folge. Da sie dessen sich weigerte, so kamen diese täglich in den Palast und zehrten in wüsten Schwelgereien die reiche Habe des Königs auf. Wohl war Telemachos, den einst Odysseus als kleines Knäblein zurückgelassen, zum kraftvollen Jüngling herangereift; jedoch unvermögend, allein der ruchlosen Menge zu steuern, mußte er zusehen, wie die treuen Hirten gezwungen wurden, das beste Vieh zum täglichen Schmause der Schlemmer zu liefern. Er berief eine Volksversammlung und sprach unverzagt von dem schreienden Unrecht, das vor aller Augen an dem edelsten Geschlechte verübt werde. Aber wenngleich viele das böse Treiben der Freier im Hause des angestammten Herrschers ebenfalls verurteilten und von Herzen die Heimkehr des Odysseus herbeisehnten, damit er diesem Treiben ein Ende mache, so mochte sich doch keiner recht entschließen, gegen die gewaltthätigen, aber reichen und vornehmen Männer die Hand zu erheben. Dagegen traten die Freier um so trotziger auf. "Deine Mutter ist schuld, daß wir dein Gut verzehren", sprach der stolze Antinoos zu Telemachos; "sie soll einen von uns zum Gatten erwählen, da Odysseus doch niemals heimkehren wird; aber sie hält uns von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr mit Listen hin. Sie verhieß vor vier Jahren, eine Wahl zu treffen, sobald sie das Leichentuch für den greisen Helden Laertes fertig habe. Sie arbeitete emsig daran, aber es rückte nicht vor. Endlich verriet uns eine Dienerin, daß sie des Nachts auftrenne, was sie am Tage gewoben. Wohl zwangen wir sie nun zur Fertigstellung des Tuches; aber sie beharrte auf ihrer Weigerung. Willst du nun, daß wir dein Haus verlassen, so sende deine Mutter zu Ikarios, ihrem Vater, der sie dann einem von uns zur Gattin geben wird; behältst du sie aber bei dir, so werden auch wir nicht aufhören, in deinem Hause von deinem Gut zu schmausen."

In der Versammlung hatte Mentor, ein alter Freund des Odysseus, für die gerechte Sache geredet. Dieser oder, wie der Dichter sagt, Pallas Athene in seiner Gestalt, nahte dem Jüngling, wie er bekümmert am Meere stand, und forderte ihn auf, nicht müßig zu bleiben, sondern gleich dem Vater auf Abhilfe bedacht zu sein. Er solle, so reit der mahnende Freund, nach Pylos zu dem greisen Nestor und nach Lakedämon zu Menelaos gehen und bei ihnen forschen, ob sie nicht von dem fernen Vater Kunde hätten. Als Telemachos beistimmte, beschaffte Mentor ein Fahrzeug und rüstige Ruderer, die er zu dem Dienste beredete. Für Mundvorrat und herzstärkenden Wein sorgte die alte treue Schaffnerin Eurykleia, der man das Vorhaben anvertraute. Als die Nacht angebrochen war, glitt das Schiff mit günstigem Fahrwind durch die rollenden Wogen und erreichte am folgenden Tage die sandige Pylos. Hier waren gerade die pylischen Männer am Strandes des Meeres versammelt, um (S. 125) dem Poseidon ein festliches Opfer zu bringen, und mitten unter ihnen gewahrte man den greisen, reisigen Nestor mit einem seiner Söhne. Er empfing gastlich die Fremdlinge, wie sie aus dem Schiffe stiegen, und nötigte sie zur Teilnahme an dem Festmahl. Als man gespeist und am funkelnden Weine sich gelabt hatte, forschte Nestor, wer und woher die Gäste seien, ob sie vielleicht ein Gewerbe trieben, oder ob sie auf einem Kriegszuge begriffen seien, um des eigne Leben wagend, ein Volk im Ausland zu befehden.

Sofort offenbarte sich ihm Telemachos und bat ihn flehentlich, ihm Nachricht von seinem ruhmvollen Vater zu geben, wenn er irgend etwas vernommen habe, sei es von seinem Leben oder von seinem Tode.

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Darauf berichtete der Greis, wie sich die Achäer nach dem Fall von Ilion [Troja] in Hader getrennt hätten, wie er selbst mit den Seinen ohne Verzug die heimische Pylos erreicht und darum von Odysseus, dem treuen Genossen, nichts erfahren habe. Er riet aber seinem Gaste, nach Lakedämon zu Menelaos zu wandern, der viele Jahre in fremden Ländern umhergeirrt sei. Nachdem er ihn darauf gastlich bewirtet, entsandte er ihn auf glänzendem Wagen gen Sparta und gab ihm den eignen Sohn als Führer mit.

 

Telemachos bei Menelaos

Als die Jünglinge an der hohen Königsburg hielten, wo Menelaos die Hochzeit zweier Kinder feierte, sagte ein Diener dem thronenden Könige die Ankunft fremder Wanderer an und fragte, ob man sie in einem andern Hause bewirten solle. Der Herrscher aber schalt ihn, daß er rede gleich einem thörichten Kinde, da er doch wisse, wie man sie selbst in (S. 126) der Fremde empfangen habe. Also wurden jene hereingeführt und staunten über die Pracht von Erz, Silber, Gold und Elektron, wovon die Wände ringsum glänzten. Als Telemachos verwundert meinte, die Wohnung des Königs strahle gleich dem Vorhofe des olympischen Zeus, erwiderte der König, mit den unsterblichen Göttern vermöge kein Sohn der Erde zu wetteifern. Er habe diese Schätze nach unendlichen Leiden in die Heimat gebracht; aber er wolle mit wenigem zufrieden sein, wenn er dadurch dem trautesten und geliebtesten seiner Waffenbrüder, dem ruhmvollen Odysseus, die Heimkehr bereiten könne. Als der König diese Worte gesprochen, verhüllte der Jüngling sein Angesicht in die Falten des Purpurmantels, um seine Thränen zu verbergen.

Während Menelaos, der wohl den Jüngling erkannte, bei sich erwog, ob er ihn weiter befragen solle, wandelte Helena herein, blühend und schön wie in früher Jugend. Dienerinnen trugen ihr die goldene Spindel und die purpurne Wolle in kunstreichen Körbchen von Silber. "Weißt du schon, Menelaos", fragte sie, "wer die Gäste sind? Gleicht doch jener an Wuchs und Zügen dem göttlichen Helden Odysseus, wie kein andrer sterblicher." - "Wohl ist er ein Sohn des hohen Mannes", versetzte der Nestoride; "doch er achtet es nicht für wohlgeziemend, gleich anfangs von sich zu reden. Mich aber sandte Nestor, mein Erzeuger, mit ihm her, daß du heilsamen Rat ihm erteilest." Darauf berichtet er dem Menelaos weiter, welcher Frevelthaten sich die Freier in Ithaka erkühnten, und wie Telemachos von ihm Auskunft über des Vaters Schicksal zu erhalten hoffe.

"Wahrlich", rief der erhabene Herrscher, "jene ruhen im Lager des gewaltigen Mannes. Aber wenn er wiederkehrt, zerreißt er sie, wie der Löwe die Jungen der Hindin, welche sie in sein Lager gebettet hat." Menelaos erzählte sodann von seinen Irrfahrten. Er war nach Äthiopien, Libyen und Ägypten verschlagen worden. Auf der Insel Pharos hielten ihn lange Sturm und Wetter zurück. Dort hatte er den Meergott Proteus befragt und erfahren, daß er an den Strom Ägyptos zurückkehren müsse, weil er den Göttern nicht die schuldigen Opfer gebracht habe.

Weiter hatte ihm der schicksalskundige Meergreis viel Trauriges von den Gefährten verkündet. "Den Aias, Oileus' Sohn", sagte er, "der an den Göttern frevelte, stürzte Poseidon mit dem zerschmetterten Felsen in die Tiefe. Der Völkerhirt Agamemnon fand ein blutiges Ende durch die Hand seines falschen Weibes Klytämnestra und des ruchlosen Ägisthos; aber den Laertiaden, den göttlichen Helden Odysseus, hält die Nymphe Kalypso auf der meerumfluteten Insel Ogygia zurück. Dort muß er weilen und vermag nicht, wie sehr er es wünscht, das Vaterland zu erreichen, denn es gebricht ihm an Schiffen und ruderkundigen Männern. Ob er einstmals zurückkehren wird oder nicht, das schaffen die Götter in ihrem ewigen Rat, der den Sterblichen verhüllt ist."

Das war die Kunde, welche Menelaos über das Schicksal des Odysseus von dem Meergott erhalten hatte. Aber seitdem waren zwei Jahre vergangen, und es blieb ungewiß, ob der vieles duldende Held noch lebte. Telemaches wollte nunmehr nach erhaltener Auskunft schleunigst in die Heimat zurückkehren, allein Menelaos hielt ihn noch zurück, daß er das gastliche Mahl einnahm und reiche (S. 127) Geschenke aus seiner Hand empfing; dann trat er mit Nestors Sohn die Rückreise an und säumte nicht länger in Pylos, sondern bestieg alsbald das dunkle Meerschiff. 

Die Freier beschlossen indessen, dem kühnen Jüngling aufzulauern und ihn zu ermorden. Antinoos bestieg mit zwanzig bewaffneten Männern ein wohlgerüstetes Schiff, und am Felseneiland Asteris erwartete er in sicherem Versteck den arglos heimkehrenden Jüngling. Das mörderische Vorhaben verriet jedoch der treue Herold Medon der Königin.

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Die unglückliche Mutter hatte keinen Freund, der ihr Hilfe gebracht hätte. Sie stieg empor zu dem Söller und nahm ihre Zuflucht zu den unsterblichen Göttern, die allein den bedrohten Sohn erretten konnten. Sie brachte unter heißem Gebet der Pallas Athene, der Schirmherrin ihres Hauses, ein Opfer. "Höre mich", sprach sie betend, "unbezwungene Tochter des Zeus; hat dir jemals mein trauter Gemahl Odysseus fette Schenkel von Rindern oder Schafen verbrannt, so errette dessen gedenkend meinen lieben Sohn Telemachos und verscheuche die Freier, die voll arger Tücke auf sein Verderben sinnen." Also flehte sie laut, und die Göttin erhörte ihr Gebet; sie sandte ihr erquickenden Schlummer und ein Traumbild, das sie über den Sohn beruhigte; dann trug sie Sorge für den blühenden Jüngling.

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Wägner, W., Irrfahrten des Odysseus, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 123-144 (1. Auflage 1859)

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