| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Bürgerliche
Einrichtungen, Sitten und Kultur.
von Wilhelm Wägner
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Übersicht
Bürgerliche Einrichtungen
Kleidung
Älteste Bauwerke
Das griechische Haus
Anfänge der Baukunst und Bildnerei
Die Dichtkunst
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Bürgerliche Einrichtungen
(S. 145) Einfach, wie das Leben überhaupt, waren auch die bürgerlichen Einrichtungen
in der alten Zeit, von welcher wir reden. Jede Stadt samt der dazugehörigen
Landschaft hatte ein Oberhaupt, einen König, der aus gottentsprossenem
Geschlechte sein Amt als ein von den Göttern verliehenes Vorrecht ausübte. Im
allgemeinen war die königliche Würde erblich in der Familie des Herrschers,
doch mußte sich der Erbe zugleich durch eigne persönliche Tüchtigkeit im
Ansehen zu erhalten wissen. Vermochte er das nicht, so fand er überall
Widerspruch; denn es standen ihm keine andern Mittel zu Gebote, sich Gehorsam zu
verschaffen, als solche, welche ihm Reichtum an Länderein und sonstigen
Gütern, besonders aber vorwiegende Einsicht und kriegerisches Geschickt
gewährten. Solche Vorzüge versammelten ein stattliches (S. 146) Gefolge um
ihn, welches ihm bei allen Unternehmungen zur Seite stand. Er war der
Oberanführer im Kriege, der Schirmherr der öffentlichen Sicherheit und der
oberste Richter in Streitigkeiten. Mit ihm saßen zu Rate die Edlen des Landes,
die nicht selten ihn selbst zu tadeln wagten, gewöhnlich aber seinem Ansehen
ihre Meinung unterordneten.
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Bei wichtigen Angelegenheiten wurde eine Versammlung
des ganzen Volkes berufen; doch führten auch da nur die Fürsten das Wort; die
große Menge, welche der öffentlichen Rede wenig mächtig war, schwieg und
unterwarf sich dem Beschlusse der Führer, und wenn einmal ein geringer Mann
seine abweichende Meinung äußerte, so konnte er Scheltworte und
Hohngelächter, ja sogar Schläge davontragen, wie es in jener Heeresversammlung
vor Troja dem Thersites erging. Oft gab die Versammlung Beifall oder Mißfallen
durch Geschrei zu erkennen, wurde jedoch von den Herolden zurechtgewiesen und
zum Schweigen gebracht. Indessen wurde gleichwohl die öffentliche Meinung, die
sich in der Versammlung aussprach, keineswegs verachtet, sondern möglichst
berücksichtigt. |

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Wie übel es sich mit der öffentlichen Sicherheit und mit der Handhabung des
Rechts verhielt, zeigen schon die vorhergehenden Erzählungen, besonders die
Schamlosigkeit der Freier im Hause des Odysseus. Da fand sich niemand, der ihnen
wehrte und die bedrängte Penelope schützte. Die beste Schutzwehr waren eine
starke Faust und zuverlässige Verwandte und Freunde. In frühester Zeit waren
es die letzteren allein, die den Mord eines ihrer Angehörigen rächten; später
dachte man sich die Götter als Rächer und suchte sie durch Opfer zu
versöhnen; man zahlte auch wohl den Angehörigen Buße. Daß die Gesellschaft
als solche durch begangene Frevel gekränkt werde, und daß sie darum den
Übelthäter zur Strafe ziehen müsse, fand damals in dem Rechtsgefühl des
Volkes noch keinen Raum. Es gab allerdings ein Gefühl für Recht, Ehre und
allgemeine Wohlfahrt, nur war es noch nicht zum klaren Bewußtsein gekommen, und
es bedurfte starker Reizmittel, um es zur That aufzurufen, wie dies das Aufgebot
gegen Ilion beweist, welches durch den Raub einer gefeierten Frau und schnöde
Verletzung des Gastrechts veranlaßt wurde.
Die königliche Macht war nicht sowohl durch den Rat der Edlen und die
Volksversammlung beschränkt, als vielmehr durch den Mangel an Machtmitteln den
freien Landeigentümern gegenüber. Erst in späterer Zeit, als Verfassung und
Rechtsverhältnisse sich klarer entwickelten, erhoben sich diese volkstümlichen
Institutionen zu wirklicher Bedeutung und überflügelten und verdrängten
zuletzt das Ansehen der Könige. Während des Heroenzeitalters besteht noch
zwischen dem Beherrscher und dem Volke ein patriarchalisches Verhältnis; jener
verwaltet die Angelegenheiten seiner zwar mündigen, doch noch immer mehr oder
weniger abhängigen Kinder.
Ganz oder ähnlich verhielt es sich im Hause, im Schoße der Familie. Die
Frau war keineswegs die willenlose Sklavin des Mannes, wie dies im Morgenlande
der Fall war, sondern sie stand dem Manne als Genossin, Ratgeberin (S. 147) und
Mitverwalterin des Gutes zur Seite. Sie war ihm untergeordnet, wie die Edlen dem
Könige, in der Verwaltung des Ganzen; aber in der Herrschaft über das
weibliche Gesinde, in der Förderung und Anordnung weiblicher Arbeiten war sie
ziemlich unabhängig; oft saß sie mit im Rate der Männer und sprach ihre
Meinung aus, und man hörte gern ihre verständige Rede und befolgte ihren Rat,
wenn er zweckdienlich schien. Wie aber das Weib mit dem Gatten nicht bloß durch
ein gemeinsames Interesse, sondern vor allem durch herzliche Zuneigung verbunden
war, so verhielt es sich auch mit den erwachsenen Kindern.

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Die Söhne stützten und erhoben die Ehre des Vaters und des Hauses, die
Töchter waren durch ihre Tugenden der schönste Schmuck der Familie, und wenn
sie von der löblichen Sitte abwichen, unterlagen sie harten Strafen. Das Band
der Verwandtenliebe, welche später in der Liebe zum Staate nur allzu sehr
aufging, umschlang alle Glieder einer Familie. Es ist erfreulich, wie dieses
Verhältnis, das die Natur mit mütterlicher Hand zur Lust der Menschen
geschaffen hat, in jener gewaltthätigen Zeit gerade bei den Hellenen so zart
und lieblich hervortritt [...]. (S. 148) Zu dem Haushalte wurden auch die Diener
gezählt, welche gleichfalls an dem Wohl und Wehe der Familie Anteil nahmen. Sie
waren freilich erbeutete oder erkaufte Sklaven, aber im allgemeinen wurden sie
mild behandelt. Bewährte, treue Sklaven waren in der That fast Familiengliedern
gleich geachtet. Der Sauhirt Eumäos hatte viele Knechte unter seinem Befehle
und küßte den geliebten Sohn seines Herrn und Freudenthränen, als derselbe
von seiner gefährlichen Reise zurückkehrte.
Solche Diener in reichen Häusern hatten es weit besser als geringe Leute,
die sich zur Landarbeit an Gutseigentümer für Brot und Kleidung verdingten.
Das Los dieser freien Tagelöhner, die kein eignes Ackerland besaßen, wird an
vielen Stellen als höchst traurig geschildert. Sie entbehrten einen festen
Wohnsitz und sogar der Heimat, konnten willkürlich entlassen werden und mußten
dann vor Hunger und Kummer leiden, wenn sie nicht bald wieder Beschäftigung
fanden. Ihnen nützte ihre Freiheit wenig, denn sie waren beständig die Sklaven
des Mangels.
Die Hauptbeschäftigungen der Hellenen, der freien wie der hörigen, war
Viehzucht und Ackerbau. Odysseus rühmte sich seiner Geschicklichkeit in der
Führung des Pfluges. Herakles und der trojanische Königssohn Paris trieben die
Herden zur Weide. Viehzucht und Feldbau gewährte jenen einfachen Menschen
alles, was ihnen zum Unterhalte und zur Annehmlichkeit des Lebens nötig war.
Auf ihren noch unerschöpften Feldern gedieh das Getreide reichlich; dort
wuchsen die Ölbäume und spendeten ihre Früchte, die teils gegessen wurden,
teils das zur Zubereitung anderer Speisen und zum Salben des Körpers
unentbehrliche Öl lieferten; dort rankte in üppiger Fülle der Weinstock und
erquickte mit dem lieblichen Safte seiner Trauben Könige und Sklaven. Der
gütige Himmel, das liebliche Klima ließen selten Mißwachs und Not entstehen.
Rindvieh, Ziegen und Schafe lieferten Milch, Fleisch und Kleidung; auch die
Zucht der borstigen Schweine wurde eifrig betrieben, und man ließ sich das
gebratene Fleisch derselben auch bei festlichen Gelegenheiten trefflich
schmecken. Die Tierhäute wurden zu Kleidung und Waffen verwendet; der zottige
Mantel, Helm,, Schild und Panzer von Stierhaut, letztere oft mit Metall
beschlagen, waren im Frieden wie im Kriege notwendig. Die Verarbeitung der
Schafwolle besorgten die Frauen. Sie spannen mit der Spindel das Garn und webten
am Webstuhl den Stoff zu Leibrock und Decke. besonders auch zu kunstreichen
Teppichen. Leinwand, Baumwolle und Seide waren wenig oder gar nicht bekannt.
Kleidung. Alles Gewand war einfach und bequem. Der ärmellose Leibrock (Chiton),
welcher bis an die Kniee reichte, der beim Ausgehen darüber geschlagene Mantel
(Himation) sowie die mit Riemen befestigten Sandalen waren die hauptsächlichen
Stücke der Bekleidung. Die Abbildung auf Seite 146 gibt eine Vorstellung von
dieser Fußbekleidung, deren Formen sehr mannigfaltig waren, und von der Art
ihrer Befestigung.
Die Frauen trugen die nämlichen Gewänder, aber länger, auch wohl
zierlicher gearbeitet. Die tägliche Kleidung hatte die natürliche Gabe der
Wolle, die Feierkleider waren weiß gebleicht und oft mit farbigen Streifen oder
reichen Stickereien verziert.
(S. 149) Das Ineinandergreifen, die Gliederung der Gewerbe war durchaus
unbekannt. Kleider, Waffen, Gerätschaften und Hausrat verfestigte sich
jedermann selbst, so gut oder so schlecht er konnte. Indessen gab es auch
Künstler, welche im Metall und Holz treffliche Waffen, Geräte und Zieraten
arbeiteten. Als solche werden Smilis und Dädalos, der Erbauer des Labyrinths
auf Kreta, genannt, wiewohl diese und andre Namen auch vielleicht nur die
Arbeiten bezeichnen können, indem Smile Schnitzmesser und Bildhauer, Daidalon
das Schnitzwerk bedeutet. Die ersten als wirklich historisch anzusehenden
Künstler dürften sein Glaukos von Chios, der um 690 v. Chr. das Lösten des
Eisens erfand, Dipönos und Skyllis aus Kreta, die ersten Marmorbilder, nebst
ihren Schülern, den lakedämonischen Künstlern Hegylos und Theokles, ferner
Rhökos und Theodoros von Samos, die Erfinder des Erzgusses um 700 v. Chr.
Von den in der Iliade und Odyssee beschriebenen reich verzierten Schilden,
den mit Silber und Gold ausgelegten Sesseln und dem wertvolölen Bildwerk, deren
Glanz ohnehin zum Teil nur poetischer Schmuck sein wird, ist natürlich nichts
mehr vorhanden; wohl aber haben sich noch hier und da ruinenhafte Reste von
Burgen, Stadtmauern und andern Bauwerken erhalten von der damaligen Architektur.
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| | Wägner, W., Bürgerliche
Einrichtungen, Sitten und Kultur, in: ders.,
Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 145-156 (1. Auflage 1859) |
GM (digitale Edition) für psm-data 
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