Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
Messenische Kriege

von Wilhelm Wägner


Übersicht

Zerstörung von Ithome

Aristomenes

Gründung von Messana

Vorherrschaft Spartas


(S. 175) Durch Einführung der Gesetze des Lykurgos erstarkte allmählich der kleine Staat von Sparta, richtete bald mit wachsendem Erfolge seine Waffen nach außen und erweiterte die engen Grenzen seines Gebietes nach Norden und Süden. Nachdem die Spartaner sich in den Besitz des ganzen Eurotasthales gesetzt hatten, blickten sie, ermutigt durch die bisherigen Eroberungen, verlangend nach Westen, nach der fruchtbarsten aller peloponnesischen Landschaften, nach Messenien. Die Messenier, ein ihnen verwandter dorischer Stamm, hatten die Berge, Ebenen und Küsten westlich von Lakonien besetzt und sich, wie es scheint, mit den alten Einwohnern, die nicht ausgewandert waren, zu einem Volke vermischt. Bei der Üppigkeit der Wiesen, dem Reichtum der Fruchtgelände und Weinberge hatten sie sich dem Ackerbau zugewandt und so einen guten Teil des altdorischen kriegerischen Sinnes eingebüßt. Auch entbehrten sie eines eigentlichen Mittelpunktes ihrer Macht; denn Stenyklaros, das als Hauptstadt angegeben wird, hatte niemals großes Ansehen. Lange Zeit hatten die Messenier mit ihren östlichen Stammesgenossen in Freundschaft und Bundesgenossenschaft gelebt. Nun aber, da Sparta mächtig sein Haupt erhob und die Nachbarn dies fühlen ließ, erwachte ihr dorischer Nationalstolz. Zum Ausbruch kam die gegenseitige Eifersucht bei einem Feste, das beide Volksstämme (S. 176) in einem Tempel der Artemis Limnatis von alten Zeiten her gemeinschaftlich feierten. Hoch im Gebirge, nicht fern von den höchsten Gipfeln des Taygeton, lag der Tempel. Dorthin zogen Jünglinge und Jungfrauen von beiden Volksstämmen, um der Göttin ihre Gaben darzubringen. Mutwillige Messenier erlaubten sich Gewaltthätigkeiten gegen lakedämonische Jungfrauen, und als König Teleklos zu ihrem Schutze herbeieilte, wurde er erschlagen. Nach andrer Angabe hatte Teleklos mit jungen Männern in Frauentracht den Streit veranlaßt. Es geschah dies nach der altherkömmlichen Chronologie im Jahre 743. Nach langen vergeblichen Verhandlungen über die zu gewährende Genugthuung entbrannte der erste messenische Krieg.

Zerstörung von Ithome. Die Spartaner oder Spartiaten, wie wir sie nach griechischer Schreibart bisweilen nennen werden, machten um das Jahr 740 einen verheerenden Einfall. Sie eroberten und zerstören unter ihrem Könige Alkamenes die Bergfeste Ampheia, den Schlüsselpunkt des Landes, und andre Städte, die nach dorischer Weise offene Flecken auf schwer zugänglichen Höhen waren. Darauf sammelte der messenische König Euphaes die Mannschaft des Landes und leistete hartnäckigen Widerstand. Im fünften Jahre des Krieges kam es zu einer blutigen Schlacht in der Ebene von Stenyklaros, in deren Folge sich die geschlagenen Messenier auf den Berg Ithome zurückzogen und dort befestigten. Sie befragten das Orakel zu Delphoi um ihre Zukunft und erhielten die Weisung, eine edle Jungfrau aus dem Geschlechte des Äpytos durch das Los zu erwählen und den Göttern zu opfern; dadurch werde Ithome gerettet werden. Das Los wurde gezogen und fiel auf die Tochter des Lykiskos, der aber seine Kind durch eilige Flucht dem grausen Schicksal entzog. Als die Messenier verzagend keinen Rat wußten, bot Aristodemos, ebenfalls ein Nachkomme des Äpytos, seine Tochter zum Opfer dar und tötete sie mit eigner Hand, als ihr Verlobter sie zu retten suchte. Die entsetzliche That war geschehen, und fast schien es dem Lande zum Heil, denn fünf Jahre lang wagten die Feinde keine entscheidende Schlacht, bis ihr tapferer König Theopompos sie von neuem zum Angriff führte. Sie siegten im Kampfe, und Euphaes erlag bald darauf seinen Wunden. Das Volk der Messenier aber ernannte den thatkräftigen Aristodemos zum König, ungeachtet der Blutschuld, die auf ihm ruhte. Er ergriff die Zügel der Regierung mit fester Hand und brachte den Spartanern, als sie im fünften Jahre ihrer Herrschaft abermals das Kriegsglück versuchten, eine empfindliche Niederlage bei. So waren allmählich zwanzig Jahre unter wechselnden Kämpfen vergangen, und noch war kein Ende abzusehen. Abermals befragten die Messenier das Orakel, und der Spruch verkündete, dem Volke sei Sieg beschieden, das zuerst hundert Dreifüße auf dem Altar des Zeus zu Ithome aufstelle. Ein verschlagener Spartaner, Oibalos, genügte zuerst dem Anspruch, indem er auf die Burg schlich und kleine Dreifüße aus Thon aufstellte. Diese Erfüllung des Orakles und unheilvolle Vorzeichen erschreckten die Bürgerschaft, und selbst Aristodemos fühlte seinen Mut wanken. Im Traum erschien ihm die gemordete Tochter, auf ihre Wunden deutend. Sie winkte mit bleicher Hand und reichte hm den Totenkranz: es war der Ruf zum Tode. Verzweifelnd am Geschicke des (S. 177) Vaterlandes, im qualvollen Bewußtsein des unnütz geopferten Blutes, stürzte sich Aristodemos auf dem Grabe der Ermordeten in sein Schwert.

Der Verlust ihres Führers und der zunehmende Mangel an Lebensmitteln entmutigten die Messenier völlig; sie räumten daher im zwanzigsten Jahre des Krieges die Burg und die teure Heimat, um in Arkadien und Elis eine Zufluchtsstätte zu finden.

Eine andre Schar von Flüchtlingen verließ den hellenischen Boden und suchte zu Schiffe jenseits des Meeres eine neue Heimat. Die Bürger von Rhegion an der Südwestspitze Italiens nahmen die tapferen Männer gastlich auf, da ein solcher Zuwachs ihre Macht verstärkte. Die siegreichen Spartaner zerstörten Ithome und unterwarfen die ganze Landschaft.

Während der schweren Kriegsjahre gab es in der spartanischen Gemeinde große innere Unruhen. Viele dorische Bürger waren verarmt und dadurch in Ausübung ihres Vollbürgerrechts zurückgesetzt worden. Dagegen hatte man, um die im Heere entstandenen zahlreichen Lücken zu füllen, Periöken in die dorische Gemeinschaft aufgenommen, ohne ihnen jedoch volle Rechtsgleichheit zu gewähren. Die Unzufriedenen machten den verwegenen Anschlag, an einem Feste mit gewaffneter Hand die Verfassung umzustürzen, vielleicht um eine allgemeine Gleichberechtigung einzuführen. Nach andern Nachrichten waren es illegitime Söhne, die während des Krieges geboren worden waren. Der Plan wurde zwar entdeckt und vereitelt; allein man wagte nicht, die Schuldigen vor Gericht zu ziehen. Phalanthos, ihr erwählter Führer, bestieg darauf mit den zahlreichen Haufen Schiffe und fand zu Taras oder Tarent in Unteritalien einen neuen Wohnsitz.

Aristomenes. Unter den Leistungen, zu welchen die überwundenen Messenier verpflichtet wurden, war die drückendste die jährliche Abgabe ihrer halben Ernte, die niederbeugendste aber die Teilnahme an den zehntägigen Trauerfeierlichkeiten bei dem Tode eines spartanischen Königs. In diesem Falle mußten nämlich Abgeordnete aus jeder Dorfschaft in Trauerkleidern in der Hauptstadt erscheinen, wie dies aus allen Städten und Dörfern Lakoniens geschah.

In dumpfer Erstarrung ertrug das messenische Volk eine Zeitlang das aufgebürdete Joch. Als aber eine frische Jugend heranwuchs, welcher die Schrecken des ersten Krieges unbekannt waren, schwoll der alte dorische Mut, und es reiste in den jugendlichen Herzen der Entschluß, für das teuerste Gut, für die Unabhängigkeit des Vaterlandes, das Leben zu wagen. Besonders war dies der Fall in dem Flecken Andania im nordöstlichen gebirgigen Teile des Landes. Dieser Distrikt scheint von der allgemeinen Unterjochung weniger berührt worden zu sein.

Hier zeichnete sich nun vor allen durch geistige und körperliche Kraft ein junger Krieger, Aristomenes, ein Heldenjüngling aus dem alten messenischen Königsgeschlecht der Äpytiden, aus. Er hatte im Kampf mit Räubern und wilden Tieren schon oft Proben von Kühnheit und Tüchtigkeit gegeben und eine Schar entschlossener Jünglinge um sich versammelt. Mit diesen erhob er plötzlich, als der rechte Zeitpunkt gekommen schien, die Fahne der Freiheit, durchzog das Land und rief das Volk zu den Waffen. Die Spartaner säumten nicht, mit Heeresmacht heranzuziehen; doch blieb die erste Schlacht bei Derä (S. 178) ohne Entscheidung. Der junge Held, der dies mit Recht für einen Gewinn ansah, wagte es, um gleich anfangs die Feinde durch eine tollkühne That in Schrecken zu setzen, auf abgelegenen Pfaden bis nach Sparta zu schleichen und daselbst einen Schild mit der Aufschrift "Aristomenes weiht dieses Zeichen des Sieges über die Spartiaten der Göttin" im Tempel der Athene aufzuhängen. Mit der Kühnheit kam das Glück, und dieses lockte Bundesgenossen herbei. Die Arkadier und Argiver schickten Hilfsvölker, denn auch sie waren von dem mächtigen Sparta bedroht. 

Dagegen kam um diese Zeit ein Mann nach Lakonien, der ganz geeignet war, den kriegerischen Sinn der Bürger zu großen Thaten zu begeistern. Es war der Dichter Tyrtäos aus Aphidnä in Attika, der sich wahrscheinlich einer von Delphoi zurückkehrenden lakedämonischen Gesandtschaft anschloß. Nach einer sehr unverbürgten Angabe soll er auf besonderes Ersuchen spartanischer Staatsboten von Athen gesendet worden sein. Andre Überlegungen berichten, er sei lahm und ein Kinderlehrer gewesen.

Wie dem nun sei, er erhob durch seine Gesänge den Mut und die Standhaftigkeit der Krieger und beruhigte die Unzufriedenheit in der Stadt, als die Bürger über den endlosen Krieg und die großen Verwüstungen der Felder murrten. Er begleitete das wohlgeordnete und gerüstete Heer, welches bis ins Herz des messenischen Landes, bis in die Ebene der verwüsteten Stadt Stenyklaros vordrang. Einzelne Hügel ragten aus dieser Ebene empor, von denen der eine das Denkmal des Ebers hieß. Daselbst stand das messenische Heer um seinen Helden geschart, der mit 80 auserlesenen Jünglingen den Mittelpunkt bildete.

Die spartanische Macht entfaltete schon damals eine Kriegskunst und Waffenübung, welche an die der gegenwärtigen Zeit erinnert. Die Krieger marschierten in langen Linien auf oder brachen dieselben rottenweise. Sie hatten größere Heeresteile, Moren, von 400 - 900 Mann, und verschiedene Unterabteilungen, von denen die kleinste, Enomotie genannt, etwa 24 - 35 Mann umschloß. Jeder einzelne hatte seinen bestimmten Platz, den er auch in der größten Verwirrung wieder auffinden konnte.

In solcher Ordnung erwarteten sie ruhig und besonnen, dem Befehle ihres Königs Anaxandros gehorsam, den feindlichen Angriff. Sie nahmen sich stattlich aus in ihren blutroten Kriegsgewändern und mit der ziemlich gleichförmigen Bewaffnung. Durchdringende, schneidende Töne der neu eingeführten Flöten und kriegerische Gesänge forderten zur Schlacht auf. Lange und hartnäckig wurde gestritten.

Die Begeisterung und der verzweifelte Mut der Messenier rang mit der überlegenen Taktik und besonnenen Tapferkeit ihrer Gegner. Da sie jedoch, von Aristomenes geführt, sich in immer größerer Anzahl auf die feindliche Hauptmacht stürzten, so wurde diese zurückgedrängt, worauf zuerst die Heloten, bald auch die Periöken sich zur Flucht wendeten. In der Gefahr, völlig eingeschlossen zu werden, traten nunmehr die Spartaner unter fortdauernden Gefechten ihren Rückzug an.

Das ganze Land geriet in Aufregung; von allen Seiten strömten messenische Streiter herbei, um an dem Siege teilzunehmen; dennoch konnten die (S. 179) Reihen der spartanischen Bürger nicht gebrochen werden, und Aristomenes, der sich in das dichteste Gewühl von Speeren und Schwertern wagte, verlor sogar seinen Schild. Indessen war der Gewinn des erfolgreichen Kampfes groß, denn das messenische Land war wieder frei geworden, und das Gefühl des Sieges begeisterte das Volk zu neuen Thaten. Als Aristomenes in seine heimatliche Stadt Andania einzog, kamen ihm Frauen und Jungfrauen entgegen und sangen: 

"Aristomenes scheuchte vom blutigen Feld Stenyklaros
Nach des Taygetos Höh'n stürmend die spartanische Macht."

[Abb.] Durch des Tyrtäos begeisternde Kriegslieder ermutigt, boten die Spartaner im folgenden Jahre ihre gesamte Heereskraft auf. Der messenische Held zögerte nicht, an der Spitze seiner Getreuen und durch Argiver und Arkadier verstärkt ihnen entgegen zu rücken. 

So kam es zur dritten Schlacht am "großen Graben". Der arkadische König Aristokrates, ein Feigling oder Verräter, entfloh mit seinen ungeordneten Haufen gleich beim ersten Anprall, wodurch auf Aristomenes und seine Tapferen die ganze Gewalt des Streites fiel. Da erlagen die angesehensten Männer; die übrigen suchten ihr Heil in der Flucht.

Auch der heldenmütige Führer wurde mit fortgerissen; doch sammelte er einen entschlossenen Haufen von Streitern, der allmählich anschwoll und bald von neuem zum Widerstande kräftig war. Fast bis zu der vom ionischen (S. 180) Meere bespülten Westküste mußte er entweichen; aber dort schlug er auf dem schwer zu ersteigenden Bergrücken Sira ein Lager auf, das geräumig genug war, die herzuströmenden Flüchtlinge aufzunehmen.

Von dieser sicheren Bergfeste aus unternahm Aristomenes kühne Streifzüge nicht nur durch das messenische Gebiet, sondern bis nach Lakonien, und kehrte oft mit reicher Beute zurück. Er überfiel sogar das nicht fern von Sparta gelegene Amyklä und brachte den gewonnenen Raub in Sicherheit, ehe der anrückende Feind ihn erreichen konnte.

Auf einem andern Streifzuge wurde er jedoch mit 50 tapferen Begleitern gefangen. Nach der in Sparta herrschenden grausamen Sitte wurden die Unglücklichen in die wilden Schluchten des Taygeton geschleppt und daselbst mit Wehr und Waffen in einen Abgrund gestürzt. Nur Aristomenes blieb wunderbarerweise am Leben. Er brachte drei Tage unter den Leibern seiner zerschmetterten Freunde in dumpfer Betäubung zu. Als er wieder zum Bewußtsein kam, hörte er ein eigentümliches Knirschen und Nagen, wie wenn ein Raubtier seine Atzung verzehrte, und erblickte bei dem Dämmerlichte, das von oben in den entsetzlichen Schlund fiel, einen Fuchs, welcher an den Leichnamen nagte.

Er folgte ihm sogleich nach und fand endlich Felsenspalten und Höhlungen, durch welche er ins Freie gelangte. Nach mühseliger Wanderung erreichte er Sira, wo ihn sein Volk jauchzend begrüßte. Schon am folgenden Tage überfiel er korinthische Krieger, die von Sparta zur Eroberung der Feste aufgebrochen waren. Wiederum leuchtete sein Schild, worauf ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln abgebildet war, zum Siege voran; fast die ganze feindliche Schar wurde aufgerieben. So stand der Held, furchtbarer als vorher, im erneuten Kampfe den Spartanern gegenüber.

Von kretischen Bogenschützen wurde er später noch einmal gefangen und gebunden fortgeschleppt. Die Nacht übereilte jedoch die Männer, ehe sie das lakonische Gebiet erreichten. Sie blieben in einer Hütte, wo eine bejahrte Messenierin mit ihrer Tochter wohnte. Als die Jungfrau den edlen Gefangenen erkannte, beschloß sie, alles für seine Befreiung zu wagen. Sie reichte den Schützen Wein im Überflusse, so daß sie trunken einschliefen; dann löste sie die Bande des Helden und verschaffte ihm Waffen.

Unter solchen Thaten und Ereignissen war das siebzehnte Jahr des Krieges herbeigekommen und mit ihm die Stunde des Unterganges für das tapfere Volk. Scheint es beklagenswert, wenn ein mutiger Mensch nach langem Kampfe mit einem eisernen Schicksale endlich erliegt, ohne einen großen Zweck erreicht zu haben, so ist es erschütternd, wenn ein ganzes Volk [...] durch eine Verknüpfung äußerer unglücklicher Umstände gebrochen und zertrümmert wird. Dies war das Geschick des heldenmütigen Überrestes des messenischen Stammes, der sich auf der Berghöhe von Sira bisher unbezwungen und ungebeugt erhalten hatte. Ein übergelaufener Lakedämonier lebte in heimlicher Verbindung mit einer Messenierin. In einer dunklen Gewitternacht besuchte er sie, erfuhr aber, daß ihr Gatte zurückgekehrt sei, weil derselbe wie sämtliche ausgestellte Wachen bei dem Unwetter keines Überfalls gewärtig sei. Der Fremdling - er soll ein Helote gewesen sein - (S. 181) eilte alsbald ins Lager zurück und verkündigt, was er in Erfahrung gebracht hat. Sogleich wird das Heer unter die Waffen gerufen und beginnt unter Anführung des Kundschafters die steilen Abhänge zu ersteigen. Weder Sturm noch Regen, noch der rollende Donner und die aufleuchtenden Blitze können die abgehärteten Krieger irre machen. Sie brechen ins feindliche Lager ein, wo zuerst das Geheul der Hunde sie verrät. Die Messenier, wie sie dem Schlafe sich entraffen, stürzen ihnen entgegen. In den engen Gassen gelingt es dem Aristomenes, dem Eindringen der Feinde Einhalt zu thun. Nur Blitze erleuchten den nächtlichen Kampf; die Fackeln verlöscht der strömende Regen. Mit dem anbrechenden Tag endigt das Gefecht nicht; die Messenier haben sich sorgfältiger bewaffnet und geordnet und verteidigen Schritt für Schritt die letzte Burg ihrer Freiheit.

Drei Tage währt der Kampf fast ohne Unterbrechungen, indem wegen des engen Raumes, in welchem die erbitterten Gegner kämpfen, nur immer ein Teil der Krieger von beiden Seiten im Gefecht ist, der von Zeit zu Zeit durch ausgeruhte Scharen abgelöst wird.

Am dritten Tage sah sich Aristomenes auf die äußerste Höhe der Bergfeste gedrängt; daher ordnete er, im Notfalle zum Äußersten entschlossen, seinen Schlachthaufen so, daß Greise, Weiber und Kinder von den streitbaren Männern umschlossen wurden, und gab dann durch Neigen des Kopfes und Senken des Speeres den feindlichen Feldherren seine Bitte um freien Abzug zu erkennen. Da jene es für bedenklich hielten, die verzweifelten Feinde bis zur äußersten Wut zu treiben, so öffneten sie ihre Reihen und ließen sie unangefochten ziehen. So gelangte Aristomenes mit den Trümmern seines unglücklichen Volkes in das Nachbarland Arkadien.

Gründung von Messana. Er fand dort gastliche Aufnahme. Sein Heer, verstärkt durch nachkommende Flüchtlinge, schiffte sich später nach Sizilien ein, wo es die Stadt Zankle gewann, erweiterte und Messana (das jetzige Messina) nannte. Er selbst begab sich nach Rhodos, dessen Beherrscher Demagetos sich mit seiner Tochter vermählte.

Aristomenes ging nun mit dem Plane um, in Asien Hilfe zur Befreiung seines Vaterlandes zu suchen, aber der Tod machte seinen Entwürfen und Thaten ein Ende. Sein Gedächtnis bewahrten die unterdrückten Messenier in ihren Herzen und in ihren Liedern, die noch nach Jahrhunderten gesungen wurden, als ein auswärtiger Kriegsheld das Volk zur Wiederaufrichtung seines Vaterlandes aus seiner Erstarrung erweckte.

Während des messenischen Krieges und besonders nach dem siegreichen Ausgange desselben vergrößerten die Spartaner ihr Gebiet auch nach andern Seiten, namentlich auf Kosten der arkadischen Stadt Tegea und der stammverwandten Argiver. Im langwierigen Kriege gegen letztere wurde ein Kampf von 300 gegen 300 festgesetzt, in welchem die Krieger mit solcher Erbitterung fochten, daß alle den Tod fanden, bis auf einen schwer verwundeten Spartaner, der die Walstatt behauptete, und zwei Gegner, welche nach Argos enteilten. Der unternehmende König Kleomenes führte endlich die Entscheidung herbei, (519 v. Chr.) indem er, von glücklichen Umständen begünstig, das argivische Heer zum Rückzug in einen Wald zwang und diesen anzünden ließ.

Vorherrschaft Spartas.  (S. 182) Durch solche Kriegsthaten erlangte Sparta die unbestrittene Vorherrschaft in ganz Hellas, so daß selbst auswärtige Könige um seine Gunst und Unterstützung warben. Doch beharrten seine Bürger bei ihrer rauen Lebensweise; nur Gesang, Musik und Tanz wurden von ihnen geübt und geehrt. Tyrtäos und sogar ein lakedämonischer Sklave, Alkman, erhielten wegen ihrer kriegerischen und festlichen Lieder die seltene Auszeichnung des Bürgerrechts, und der lesbische Sänger Terpandros, der einst zur Schlichtung entstandener Unruhen in die Stadt gerufen wurde, rührte durch seine Lieder die zornigen Männer, daß sie alles Haders vergaßen und sich unter Thränen umarmten.

Die Vorherrschaft oder Hegemonie Spartas im Peloponnesos blieb lange Zeit in den Schranken gerechter Mäßigung. Es begnügte sich mit der Führerschaft im Kriege und dem Vorsitz im Bundesrat, der bei wichtigen Veranlassungen nach der Stadt am Eurotas berufen wurde. Da hielt man über Krieg und Frieden, über die Zahl des zu stellenden Kriegsvolks, über die Streitigkeiten unter den bundesverwandten Staaten Beratungen und faßte Beschlüsse, zuweilen wurden auch gegen Alleinherrscher (Tyrannen), die sich erhoben hatten, Maßregeln getroffen, damit das dorische Wesen erhalten bleibe. Im übrigen enthielt man sicher aller Eingriffe in staatliche Ordnungen und Gebräuche, so daß Sparta im wesentlichen nur das Oberhaupt einer freien Bundesgenossenschaft war.

Von den rauen und streitbaren Bürgern Lakoniens wenden wir uns jetzt nach Athen, dem Mittelpunkte der Wissenschaft und der Kunst, der Kultur und sittlichen Bildung der Hellenen. Es lag, an derselben Stelle wie das heutige Athen, dreiviertel Meilen vom Meere entfernt, und nur Handelsschiffe und Fischerbarken ankerten damals in seinen Häfen, welche die lange Mauer noch nicht mit der Stadt verband, keine Kriegsflotten wie in späterer Zeit. Erst nach den Perserkriegen erreichte die Stadt ihren größten Umfang, als sie, von Siegesruhm umstrahlt, vor allen hellenischen Städten sich erhob; jetzt war sie noch im Anfang ihrer Blüte, und es läßt sich über ihre damalige Ausdehnung nichts Genaues sagen.

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Wägner, W., Gesetzgebung in Sparta, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 175-182 (1. Auflage 1859)

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