|
Übersicht
Kyros
Dareios
Die Perser setzen
über den Hellespontos
(S. 243) Asien, die Wiege des Menschengeschlechts, war auch der Sitz der
ältesten Kultur. Die kolossalen Bauwerke Indiens sind älter als die
ägyptischen, die brahmanischen Vedas (Religionsbücher) gehören mit zu den
ältesten uns erhaltenen schriftlichen Urkunden. Die Paläste, Tempel und
Bildhauerarbeiten, deren Trümmer man aus dem Schutt von Babylon und Ninive
hervorgräbt, zeugen nicht weniger von einem hohen Altertum. Die feine
Byssusleinwand, die künstlichen Arbeiten in Metall, Glas und Bernstein, welche
man schon frühzeitig in Babylon und besonders in Phönikien verfestigte, sind
Belege von ausgebreiteter Betriebsamkeit und Kultur in Vorderasien. Es fehlte
aber in der Entwickelung der asiatischen Völker der Drang des rastlosen
Fortschrittes, das bewegliche und bewegende Element, welches die Griechen von
einem Ziele zum andern bis zum höchsten forttrieb. Sie hatten kein
öffentliches Leben, keine freie Entwickelung, sie erstarrten unter dem Druck
der despotischen Regierungsform. Dagegen waren sie stark in sich und nach außen
durch die Einheit des Willens, der sie lenkte, und daher zur Ausbreitung ihrer
Herrschaft und zu weit ausschauenden Unternehmungen geeignet. Solange die
Staaten und Reiche Vorderasiens unter sich im Kampfe begriffen waren, konnten
sie freilich nicht wagen, begehrliche Blicke nach Europa hinüber zu werfen. Von
den fruchtbaren Ebenen, welche die Ströme Euphrat und Tigris bewässern, bis
zum Mittelländischen Meere und ostwärts bis an die GRenze der skythischen
Steppen, wo jetzt tatarische und mongolische Stämme wohnen, breiteten
babylonische, assyrische und medische Despoten ihre Macht aus und kämpften
unter abwechselnden Siegen und Niederlagen um die Oberherrschaft.
Kyros. Um 560 v.Chr. veränderten sich diese
staatlichen Verhältnisse. Da zog ein kriegerischer Held an der Spitze eines
abgehärteten Gebirgsvolkes auf Eroberungen aus und vereinigte allmählich, vom
Kriegsglück begünstigt, die genannten und andre Staaten und Völker zu einem
einzigen, weit ausgedehnten Reiche. Agradates oder Kyros, wie er gewöhnlich
genannte wird, beherrschte damals die Perser. Diese wohnten in den rauhen
Gebirgen, welche die ausgedehnten Ebenen am östlichen Ufer der persischen
Meerbusens überlagern. Sie folgten ihrem ruhmbegierigen Führer willig in die
reichen, wohlangebauten (S. 244) Länder der Nachbarn. Zuerst wurde das
nördliche Medien überwältigt, nachdem dessen König Astyages, zufolge einer
unverbürgten Sage Großvater des Kyros, geschlagen und gefangen worden war.
König Krösos von Lydien, der zur Rache heranzog, hatte dasselbe Schicksal in
seiner Hauptstadt Sardeis. Darauf erlag auch Babylon mit dem von ihm abhängigen
Assyrien, und die griechischen Pflanzstädte an der Küste von Kleinasien,
besonders auch das reiche Milet, wurden nacheinander zur Unterwerfung gebracht.
- Der Sohn und Nachfolger des Kyros war Kambyses. Von ihm werden viele grausame,
tyrannische Handlungen berichtet; doch vergrößerte er das Reich, indem er mit
siegender Gewalt ganz Ägypten eroberte. Wider ihn erhob ein Betrüger, der
falsche Smerdis, die Fahne des Aufruhrs und bestieg nach dem bald darauf
erfolgten Tode des Kambyses den Thron. Sieben edle Perser aber ermordeten ihn in
seinem Palaste, und einer von ihnen, Dareios Kystaspis (des Kystaspes Sohn),
wurde im Jahre 521 König. Allein das ganze Reich war in Gärung; die
unterworfenen Völker erhoben sich, um das fremde Joch abzuschütteln, und
ehrgeizige Häuptlinge traten, nach eigner Herrschaft begierig, an die Spitze
der empörten Nationen.
Dareios. Indessen der König war ein
entschlossener Mann, der durch Klugheit, Gewalt und, wie noch in Keilinschriften
zu lesen ist, durch die Gnade Ahura-Mazdas (Ormuzd) seine Macht aufrichtete. Er
ließ den Statthalter von Lydien, der auf Abfall sann, hinrichten; dann bezwang
er nach glücklichen Schlachten und harter Belagerung die Stadt Babylon, was
nach einer griechischen Erzählung durch den treuen Zopyros gelang, der sich
selbst verstümmelte und als Überläufer in der Stadt ging. Ebenso gelang die
Überwältigung von Medien, Armenien, Parthien, Kyrkanien und anderen Ländern.
Selbst in seinem Heimatlande Persien hatte der neue Herrscher Kämpfe zu
bestehen; aber er blieb überall Sieger und vereinigte die abtrünnigen
Provinzen. Damit jedoch benügte er sich nicht, sondern er dehnte seine
Eroberungen weiter über die Länder aus, welche gegenwärtig Afghanistan,
Beludschistan und das westliche Tibet heißen. Der Himalaya und der Indos waren
dort die Grenzen seiner Herrschaft. Er ließ durch einen Karer, den seekundigen
Skylax, die südlichen Küsten untersuchen und las mit Aufmerksamkeit dessen
Bericht über die merkwürdige Entdeckungsreise auf dem Indos und dann weiter
auf dem Indischen Ozean und zurück durch das Rote Meer.
Nach diesen und andern Thaten beschäftigte sich Dareios mit den inneren
Angelegenheiten des ungeheuren Staates. Er teilte das ganze Reich in zwanzig
Satrapien, ordnete die Steuern, das Gerichts- und Polizeiwesen und sorgte für
Straßen, für Ackerbau und Handel. Doch beharrte er nicht lange bei diesen
Werken des Friedens. Sein Herz war nach neuem kriegerischem Ruhm begierig, und
er blickte umher, wohin er seine Waffen kehren solle. Da lag jenseit des
ägäischen Meeres das schöne Griechenland, dessen Bewohner sich durch
Tapferkeit und Liebe zu Kunst und Wissenschaft vor allen Nationen auszeichneten,
und nördlich von diesen gefeierten Griechen wohnten die kriegerischen
Makedonen, dann die rauhen Thraker und noch weiter gen Norden jenseit des
Isterstromes (Donau) die wilden Skythen, Volksstämme ohne Gesetze, ohne Landbau
und ohne bedeutende Städte. Sie tranken Stutenmilch, aßen Pferdefleisch (S.
245) und sollen sogar Menschenfleisch nicht verschmäht haben. Immer zu Roß,
wie die heutigen Mongolen, ihre Stammverwandten, trieben sie sich unstät in den
Einöden am Borysthenes (Dnjepr), am Tanais (Don) und weiter umher. Sie kannten
kein andres Geschäft als Raub und Krieg. Von ihren kriegerischen Thaten sind
besonders ihre verherrenden Züge nach Vorderasien und ihr Sieg über Kyros
bekannt geworden.
[Abb.]
Das waren die Länder und Völker, auf welche der König seine begehrlichen
Blicke richtete. Wäre er nun mit der ganzen gewaltigen Streitmacht des Reiches
zuerst gegen Griechenland aufgebrochen, so hätten ihm weder die Athener noch
ein andrer Staat außer allenfalls Sparta beharrlichen Widerstand
entgegengesetzt und ganz Hellas wäre ohne Zweifel eine persische Satrapie
geworden. Der große König zog es jedoch vor, zuerst die nördlichen Länder zu
bezwingen und einen Eroberungszug gegen die wilden Skythen jenseit des Ister
(Donau) zu unternehmen, indem er sich überzeugt hielt, daß nach bedeutenden
Erfolgen in dieser Richtung Griechenland eine leichte Beute sein werde.
Die Perser setzen über
den Hellespontos. Eine große Heeresmacht, angeblich 700.000 Mann zu
Roß und zu Fuß, und eine meist von den griechischen Städten Kleinasiens
aufgebrachte Flotte von 600 Schiffen versammelte sich im Jahre 513 am Bosporos.
Der geschickte samische Baumeister (S. 246) Mandrokles schlug eine Brücke über
die Meerenge. Nachdem das Heer darüber gegangen, wurden die thrakischen Völker
südlich und nördlich vom Hämosgebirge bezwungen, und die siegreichen Eroberer
erreichten die Donau. Ein Teil der Flotte war, stromaufwärts fahrend, schon
angekommen und hatte auch hier eine Brücke erbaut. Als Wächter derselben ließ
Dareios, während er selbst gen Norden gegen die Skythen zog, die griechischen
Fürsten zurück, die er nach der Weise der persischen Satrapen zu Oberherren
über die ionischen Städte eingesetzt hatte. Er übergab ihnen einen Riemen,
worin 60 Knoten geknüpft waren, und befahl ihnen, jeden Tag einen Knoten
aufzulösen, dann aber nicht länger auf ihn zu warten, sondern den Rückweg
anzutreten.
Dem Befehle gemäß warteten an der Brücke die griechischen Führer mit
ihren Scharen, lösten täglich einen Knoten und blickten über die öden
Steppen hin, welche sich endlos nach Norden ausbreiteten. Schon waren die 60
Tage verflossen, und noch ließ sich kein Bote von dem großen Heere sich sehen,
der Nachricht gebracht hätte. Da erschien plötzlich eine Horde berittener
Skythen und forderte die Griechen auf, die Brücke abzubrechen, weil der König
nach vergeblichem Umherziehen in dem unbebauten, städtelosen Lande seinem
Untergange nahe sei. Sofort traten die Fürsten zur Beratung über die zu
ergreifenden Maßregeln zusammen. Unter ihnen befand sich auch der Athener
Miltiades, Beherrscher des thrakischen Chersonesos, der jetzigen Halbinsel
Gallipoli, wo die türkischen Dardanellen-Schlösser den Eingang zum
Marmarameere verteidigen. Von diesem nachmals so berühmten Helden ist es
notwendig, etwas Näheres zu berichten, bevor wird in der Erzählung fortfahren.
Die Athener hatten von alten Zeiten her eine Niederlassung am Vorgebirge
Sigeion im Troerlande und waren dadurch mit den Thrakern des Chersonesos bekannt
geworden. Zur Zeit des Peisistratos sahen sich diese von ihren Nachbarn
bedrängt. Sie schickten daher nach Delphoi, um sich eine griechische
Hilfskolonie zu erbitten, und die Gesandten erhielten vom Orakel die Weisung,
den zu ihrem Führer zu erwählen, der ihnen zuerst Gastfreundschaft anbieten
würde. Auf dem Rückwege zogen sie die heilige Straße entlang durch das Land
der Phokäer und Böoter bis nach Athen, ohne daß ihnen ein solches Anerbieten
zu teil geworden wäre. Als sie aber durch die Straßen dieser Stadt wandelten,
saß ein Mann mit Namen Miltiades in der Vorhalle seines Hauses. Er sah an ihren
Kleidern und Waffen, daß sie Fremdlinge seien, und nötigte sie, bei ihm
einzutreten und Herberge zu nehmen. Jene folgten freudig der Einladung und
machten ihn sofort mit dem Zweck ihrer Reise und dem Götterspruch bekannt.
Ohnehin unzufrieden mit der Herrschaft des Peisitratos, war Militiades gern
bereit, den Wünschen der Traker nachzukommen. An der Spitze eines
wanderlustigen Haufens segelte er nach dem Chersonesos, wo er durch
zweckdienliche Anordnungen die Kolonie gegen feindliche Angriffe sicher stellte.
Er stand namentlich mit dem König Krösos von Lydien in freundschaftlicher
Beziehung, der ihn einstmals aus der Gefangenschaft befreite. Nach seinem Tode
ward sein Neffe Stesagoras und dann dessen Bruder, der gleichfalls Miltiades
hieß, Oberhaupt des Chersonesos. Dieser mußte sich, wie die thrakischen
Städte und Völker überhaupt, (S. 247) der Herrschaft des Perserkönigs
unterwerfen, als derselbe über den Bosporos ging, um seinen Kriegszug gegen die
Skythen zu unternehmen. An athenische Sitte und Freiheit gewöhnt, hatte sich
Miltiades freilich nur mit Widerwillen, dem Unvermeidlichen gefügt, und als nun
die Skythen am Ister anlangten und von der Bedrängnis der Perser berichteten,
trat er sogleich in der Versammlung der griechischen Führer auf, um sie zu
einem kühnen Entschlusse zu bewegen. Er riet, die Brücke umgehend abzubrechen,
den König seinem Schicksale zu überlassen und die äolischen, ionischen und
dorischen Städte und Inseln zur Abschüttelung des persischen Joches
aufzurufen. Schon neigte sich die Versammlung ihm zu, da erhob sich Histiäos
von Milet gegen ihn, indem er bemerkte, er und sämtliche Fürsten seien nur
durch die Herrschaft des großen Königs in ihrem Besitze gesichert; sie alle
würden nach dessen Untergange gar bald durch die Freiheitssinn der Städte aus
ihrem Besitz und sogar aus ihrem Vaterlande vertrieben werden; es sei daher ihre
Aufgabe, um ihrer selbst willen vielmehr Stützen und treue Statthalter des
Königs zu sein, als seiner heilsamen Herrschaft zu widerstreben. Diese Rede gab
den Ausschlag in der Beratung: die Brücke wurde erhalten, und Dareios, der bald
nachher mit seinem durch Entbehrungen sehr geschwächten Heere ankam, konnte den
Übergang ungehindert bewerkstelligen. Histiäos wurde für seine Treue
reichlich belohnt, indem ihm auf seine Bitte die Gründung einer Kolonie im
Gebiete von Myrkinos am Strymon gewährt wurde; Miltiades aber, die Rache des
Königs fürchtend, flüchtete sich bald darauf nach Athen.
Obgleich an Überfluß gewöhnt und nicht ohne herrisches Gelüste, zog er
doch die Stellung des unabhängigen Bürgers der fürstlichen Pracht vor, mit
welcher der Barbarenkönig seine Satrapen umgab. Er wurde in Athen anfangs mit
argwöhnischen Blicken betrachtet, und Neider und Widersacher verhandelten vor
Gericht darüber, ob ein Mann, der lange Zeit an fürstliche Herrschaft gewöhnt
gewesen sei, ohne Gefahr für die Freiheit Aufnahme im Staate finden könne.
Indessen entschied der Gerichtshof zu seinen gunsten; seine Abkunft und seine
kriegerische Tüchtigkeit verschafften ihm auch in seiner Vaterstadt großes
Ansehen, und er trug nicht wenig dazu bei, das hellenische Nationalgefühl und
die Verachtung des Barbarentums unter seinen Mitbürgern lebendig zu erhalten.
[zurück] [weiter]
|