Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Übersicht

Kyros

Dareios

Die Perser setzen über den Hellespontos


(S. 243) Asien, die Wiege des Menschengeschlechts, war auch der Sitz der ältesten Kultur. Die kolossalen Bauwerke Indiens sind älter als die ägyptischen, die brahmanischen Vedas (Religionsbücher) gehören mit zu den ältesten uns erhaltenen schriftlichen Urkunden. Die Paläste, Tempel und Bildhauerarbeiten, deren Trümmer man aus dem Schutt von Babylon und Ninive hervorgräbt, zeugen nicht weniger von einem hohen Altertum. Die feine Byssusleinwand, die künstlichen Arbeiten in Metall, Glas und Bernstein, welche man schon frühzeitig in Babylon und besonders in Phönikien verfestigte, sind Belege von ausgebreiteter Betriebsamkeit und Kultur in Vorderasien. Es fehlte aber in der Entwickelung der asiatischen Völker der Drang des rastlosen Fortschrittes, das bewegliche und bewegende Element, welches die Griechen von einem Ziele zum andern bis zum höchsten forttrieb. Sie hatten kein öffentliches Leben, keine freie Entwickelung, sie erstarrten unter dem Druck der despotischen Regierungsform. Dagegen waren sie stark in sich und nach außen durch die Einheit des Willens, der sie lenkte, und daher zur Ausbreitung ihrer Herrschaft und zu weit ausschauenden Unternehmungen geeignet. Solange die Staaten und Reiche Vorderasiens unter sich im Kampfe begriffen waren, konnten sie freilich nicht wagen, begehrliche Blicke nach Europa hinüber zu werfen. Von den fruchtbaren Ebenen, welche die Ströme Euphrat und Tigris bewässern, bis zum Mittelländischen Meere und ostwärts bis an die GRenze der skythischen Steppen, wo jetzt tatarische und mongolische Stämme wohnen, breiteten babylonische, assyrische und medische Despoten ihre Macht aus und kämpften unter abwechselnden Siegen und Niederlagen um die Oberherrschaft.

Kyros. Um 560 v.Chr. veränderten sich diese staatlichen Verhältnisse. Da zog ein kriegerischer Held an der Spitze eines abgehärteten Gebirgsvolkes auf Eroberungen aus und vereinigte allmählich, vom Kriegsglück begünstigt, die genannten und andre Staaten und Völker zu einem einzigen, weit ausgedehnten Reiche. Agradates oder Kyros, wie er gewöhnlich genannte wird, beherrschte damals die Perser. Diese wohnten in den rauhen Gebirgen, welche die ausgedehnten Ebenen am östlichen Ufer der persischen Meerbusens überlagern. Sie folgten ihrem ruhmbegierigen Führer willig in die reichen, wohlangebauten (S. 244) Länder der Nachbarn. Zuerst wurde das nördliche Medien überwältigt, nachdem dessen König Astyages, zufolge einer unverbürgten Sage Großvater des Kyros, geschlagen und gefangen worden war. König Krösos von Lydien, der zur Rache heranzog, hatte dasselbe Schicksal in seiner Hauptstadt Sardeis. Darauf erlag auch Babylon mit dem von ihm abhängigen Assyrien, und die griechischen Pflanzstädte an der Küste von Kleinasien, besonders auch das reiche Milet, wurden nacheinander zur Unterwerfung gebracht. - Der Sohn und Nachfolger des Kyros war Kambyses. Von ihm werden viele grausame, tyrannische Handlungen berichtet; doch vergrößerte er das Reich, indem er mit siegender Gewalt ganz Ägypten eroberte. Wider ihn erhob ein Betrüger, der falsche Smerdis, die Fahne des Aufruhrs und bestieg nach dem bald darauf erfolgten Tode des Kambyses den Thron. Sieben edle Perser aber ermordeten ihn in seinem Palaste, und einer von ihnen, Dareios Kystaspis (des Kystaspes Sohn), wurde im Jahre 521 König. Allein das ganze Reich war in Gärung; die unterworfenen Völker erhoben sich, um das fremde Joch abzuschütteln, und ehrgeizige Häuptlinge traten, nach eigner Herrschaft begierig, an die Spitze der empörten Nationen.

Dareios. Indessen der König war ein entschlossener Mann, der durch Klugheit, Gewalt und, wie noch in Keilinschriften zu lesen ist, durch die Gnade Ahura-Mazdas (Ormuzd) seine Macht aufrichtete. Er ließ den Statthalter von Lydien, der auf Abfall sann, hinrichten; dann bezwang er nach glücklichen Schlachten und harter Belagerung die Stadt Babylon, was nach einer griechischen Erzählung durch den treuen Zopyros gelang, der sich selbst verstümmelte und als Überläufer in der Stadt ging. Ebenso gelang die Überwältigung von Medien, Armenien, Parthien, Kyrkanien und anderen Ländern. Selbst in seinem Heimatlande Persien hatte der neue Herrscher Kämpfe zu bestehen; aber er blieb überall Sieger und vereinigte die abtrünnigen Provinzen. Damit jedoch benügte er sich nicht, sondern er dehnte seine Eroberungen weiter über die Länder aus, welche gegenwärtig Afghanistan, Beludschistan und das westliche Tibet heißen. Der Himalaya und der Indos waren dort die Grenzen seiner Herrschaft. Er ließ durch einen Karer, den seekundigen Skylax, die südlichen Küsten untersuchen und las mit Aufmerksamkeit dessen Bericht über die merkwürdige Entdeckungsreise auf dem Indos und dann weiter auf dem Indischen Ozean und zurück durch das Rote Meer.

Nach diesen und andern Thaten beschäftigte sich Dareios mit den inneren Angelegenheiten des ungeheuren Staates. Er teilte das ganze Reich in zwanzig Satrapien, ordnete die Steuern, das Gerichts- und Polizeiwesen und sorgte für Straßen, für Ackerbau und Handel. Doch beharrte er nicht lange bei diesen Werken des Friedens. Sein Herz war nach neuem kriegerischem Ruhm begierig, und er blickte umher, wohin er seine Waffen kehren solle. Da lag jenseit des ägäischen Meeres das schöne Griechenland, dessen Bewohner sich durch Tapferkeit und Liebe zu Kunst und Wissenschaft vor allen Nationen auszeichneten, und nördlich von diesen gefeierten Griechen wohnten die kriegerischen Makedonen, dann die rauhen Thraker und noch weiter gen Norden jenseit des Isterstromes (Donau) die wilden Skythen, Volksstämme ohne Gesetze, ohne Landbau und ohne bedeutende Städte. Sie tranken Stutenmilch, aßen Pferdefleisch (S. 245) und sollen sogar Menschenfleisch nicht verschmäht haben. Immer zu Roß, wie die heutigen Mongolen, ihre Stammverwandten, trieben sie sich unstät in den Einöden am Borysthenes (Dnjepr), am Tanais (Don) und weiter umher. Sie kannten kein andres Geschäft als Raub und Krieg. Von ihren kriegerischen Thaten sind besonders ihre verherrenden Züge nach Vorderasien und ihr Sieg über Kyros bekannt geworden.

[Abb.]

Das waren die Länder und Völker, auf welche der König seine begehrlichen Blicke richtete. Wäre er nun mit der ganzen gewaltigen Streitmacht des Reiches zuerst gegen Griechenland aufgebrochen, so hätten ihm weder die Athener noch ein andrer Staat außer allenfalls Sparta beharrlichen Widerstand entgegengesetzt und ganz Hellas wäre ohne Zweifel eine persische Satrapie geworden. Der große König zog es jedoch vor, zuerst die nördlichen Länder zu bezwingen und einen Eroberungszug gegen die wilden Skythen jenseit des Ister (Donau) zu unternehmen, indem er sich überzeugt hielt, daß nach bedeutenden Erfolgen in dieser Richtung Griechenland eine leichte Beute sein werde.

Die Perser setzen über den Hellespontos. Eine große Heeresmacht, angeblich 700.000 Mann zu Roß und zu Fuß, und eine meist von den griechischen Städten Kleinasiens aufgebrachte Flotte von 600 Schiffen versammelte sich im Jahre 513 am Bosporos. Der geschickte samische Baumeister (S. 246) Mandrokles schlug eine Brücke über die Meerenge. Nachdem das Heer darüber gegangen, wurden die thrakischen Völker südlich und nördlich vom Hämosgebirge bezwungen, und die siegreichen Eroberer erreichten die Donau. Ein Teil der Flotte war, stromaufwärts fahrend, schon angekommen und hatte auch hier eine Brücke erbaut. Als Wächter derselben ließ Dareios, während er selbst gen Norden gegen die Skythen zog, die griechischen Fürsten zurück, die er nach der Weise der persischen Satrapen zu Oberherren über die ionischen Städte eingesetzt hatte. Er übergab ihnen einen Riemen, worin 60 Knoten geknüpft waren, und befahl ihnen, jeden Tag einen Knoten aufzulösen, dann aber nicht länger auf ihn zu warten, sondern den Rückweg anzutreten.

Dem Befehle gemäß warteten an der Brücke die griechischen Führer mit ihren Scharen, lösten täglich einen Knoten und blickten über die öden Steppen hin, welche sich endlos nach Norden ausbreiteten. Schon waren die 60 Tage verflossen, und noch ließ sich kein Bote von dem großen Heere sich sehen, der Nachricht gebracht hätte. Da erschien plötzlich eine Horde berittener Skythen und forderte die Griechen auf, die Brücke abzubrechen, weil der König nach vergeblichem Umherziehen in dem unbebauten, städtelosen Lande seinem Untergange nahe sei. Sofort traten die Fürsten zur Beratung über die zu ergreifenden Maßregeln zusammen. Unter ihnen befand sich auch der Athener Miltiades, Beherrscher des thrakischen Chersonesos, der jetzigen Halbinsel Gallipoli, wo die türkischen Dardanellen-Schlösser den Eingang zum Marmarameere verteidigen. Von diesem nachmals so berühmten Helden ist es notwendig, etwas Näheres zu berichten, bevor wird in der Erzählung fortfahren.

Die Athener hatten von alten Zeiten her eine Niederlassung am Vorgebirge Sigeion im Troerlande und waren dadurch mit den Thrakern des Chersonesos bekannt geworden. Zur Zeit des Peisistratos sahen sich diese von ihren Nachbarn bedrängt. Sie schickten daher nach Delphoi, um sich eine griechische Hilfskolonie zu erbitten, und die Gesandten erhielten vom Orakel die Weisung, den zu ihrem Führer zu erwählen, der ihnen zuerst Gastfreundschaft anbieten würde. Auf dem Rückwege zogen sie die heilige Straße entlang durch das Land der Phokäer und Böoter bis nach Athen, ohne daß ihnen ein solches Anerbieten zu teil geworden wäre. Als sie aber durch die Straßen dieser Stadt wandelten, saß ein Mann mit Namen Miltiades in der Vorhalle seines Hauses. Er sah an ihren Kleidern und Waffen, daß sie Fremdlinge seien, und nötigte sie, bei ihm einzutreten und Herberge zu nehmen. Jene folgten freudig der Einladung und machten ihn sofort mit dem Zweck ihrer Reise und dem Götterspruch bekannt. Ohnehin unzufrieden mit der Herrschaft des Peisitratos, war Militiades gern bereit, den Wünschen der Traker nachzukommen. An der Spitze eines wanderlustigen Haufens segelte er nach dem Chersonesos, wo er durch zweckdienliche Anordnungen die Kolonie gegen feindliche Angriffe sicher stellte. Er stand namentlich mit dem König Krösos von Lydien in freundschaftlicher Beziehung, der ihn einstmals aus der Gefangenschaft befreite. Nach seinem Tode ward sein Neffe Stesagoras und dann dessen Bruder, der gleichfalls Miltiades hieß, Oberhaupt des Chersonesos. Dieser mußte sich, wie die thrakischen Städte und Völker überhaupt, (S. 247) der Herrschaft des Perserkönigs unterwerfen, als derselbe über den Bosporos ging, um seinen Kriegszug gegen die Skythen zu unternehmen. An athenische Sitte und Freiheit gewöhnt, hatte sich Miltiades freilich nur mit Widerwillen, dem Unvermeidlichen gefügt, und als nun die Skythen am Ister anlangten und von der Bedrängnis der Perser berichteten, trat er sogleich in der Versammlung der griechischen Führer auf, um sie zu einem kühnen Entschlusse zu bewegen. Er riet, die Brücke umgehend abzubrechen, den König seinem Schicksale zu überlassen und die äolischen, ionischen und dorischen Städte und Inseln zur Abschüttelung des persischen Joches aufzurufen. Schon neigte sich die Versammlung ihm zu, da erhob sich Histiäos von Milet gegen ihn, indem er bemerkte, er und sämtliche Fürsten seien nur durch die Herrschaft des großen Königs in ihrem Besitze gesichert; sie alle würden nach dessen Untergange gar bald durch die Freiheitssinn der Städte aus ihrem Besitz und sogar aus ihrem Vaterlande vertrieben werden; es sei daher ihre Aufgabe, um ihrer selbst willen vielmehr Stützen und treue Statthalter des Königs zu sein, als seiner heilsamen Herrschaft zu widerstreben. Diese Rede gab den Ausschlag in der Beratung: die Brücke wurde erhalten, und Dareios, der bald nachher mit seinem durch Entbehrungen sehr geschwächten Heere ankam, konnte den Übergang ungehindert bewerkstelligen. Histiäos wurde für seine Treue reichlich belohnt, indem ihm auf seine Bitte die Gründung einer Kolonie im Gebiete von Myrkinos am Strymon gewährt wurde; Miltiades aber, die Rache des Königs fürchtend, flüchtete sich bald darauf nach Athen.

Obgleich an Überfluß gewöhnt und nicht ohne herrisches Gelüste, zog er doch die Stellung des unabhängigen Bürgers der fürstlichen Pracht vor, mit welcher der Barbarenkönig seine Satrapen umgab. Er wurde in Athen anfangs mit argwöhnischen Blicken betrachtet, und Neider und Widersacher verhandelten vor Gericht darüber, ob ein Mann, der lange Zeit an fürstliche Herrschaft gewöhnt gewesen sei, ohne Gefahr für die Freiheit Aufnahme im Staate finden könne. Indessen entschied der Gerichtshof zu seinen gunsten; seine Abkunft und seine kriegerische Tüchtigkeit verschafften ihm auch in seiner Vaterstadt großes Ansehen, und er trug nicht wenig dazu bei, das hellenische Nationalgefühl und die Verachtung des Barbarentums unter seinen Mitbürgern lebendig zu erhalten.

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Wägner, W., Das Persische Reich, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 243-247 (1. Auflage 1859)

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