| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Aufstand der Ionier
von Wilhelm Wägner
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Übersicht
Aristagoras
Seeschlacht bei Milet
(S. 248) Dareios, der des Krieges müde war, zog sich nach Mißlingen des
Feldzuges gegen die Skythen nach Susa zurück und überließ seinen Feldherren
und Satrapen die Unterjochung des übrigen Thrakiens und Makedoniens. Der
tapfere Megabazos, der sich anfangs mit den Trümmern des großen Heeres vor den
drängenden Skythen in das Rhodope-Gebirge und bis an den Nestos zurückgezogen
hatte, drang bald wieder nach dem Meere vor. Nun wurden nicht nur die Päonen
und andre thrakische Stämme bezwungen, sondern auch die abgefallenen
griechischen Städte am Bosporos, an der Propontis, am Hellespontos mit
Waffengewalt von neuem unterworfen. Abydos ging in Flammen unter, Doriskos am
Hebros unterlag, die Bürger von Perinthos an der Propontis, von Byzantion, die
streitbaren Bewohner der Inseln Imbros und Lemnos mußten das Joch der
Knechtschaft auf sich nehmen; bis nach Makedonien reichte der persische
Einfluß. Nur in den kleinen Staaten des eigentlichen Hellas bekümmerte man
sich nicht um den Beherrscher von Asien, der in den stolzen Königsburgen von
Susa, Persepolis und Ekbatana von seinen Thaten ausruhte und bei den Quellen des
Choaspes an den Felswänden des Götterberges Bisitun durch eingehauene Bilder
und Keilinschriften seine Siege verherrlichen ließ.
Atossa, des Königs Gemahlin, war eine durch hohe Abkunft sowie durch
Verstand und hervorragende Schönheit ausgezeichnete Frau, welche gewohnt war,
alle ihre Wünsche befriedigt zu sehen. Sie war eine Tochter des ruhmvollen
Kyros und stolz auf ihre Geburt wie auf den Einfluß, welchen sie am Hofe zu
üben pflegte. Ein griechischer Arzt, Demokedes von Kroton, der nach dem
Untergange des Polykrates von Samos in persische Sklaverei geraten war, hatte
sie wie früher den Dareios selbst von einem schmerzhaften Übel geheilt.
Obgleich mit Schätzen und Ehren überhäuft, sehnte er sich doch aus der
goldenen Knechtschaft heraus in sein geliebtes Vaterland zurück. Alle Beweise
der königlichen Huld konnten diese Sehnsucht nach der Heimat nicht aus seiner
Seele tilgen; sie verzehrte ihn, wie den Vogel im goldenen Bauer das Verlangen
nach dem freien, frischen Waldesgrün. Da ihm nur sein Herr diesen Wunsch nicht
erfüllte, weil er seinen Leibarzt nicht entbehren mochte, so sann dieser auf
eine List, um seine Freiheit zu erlangen. Er erzählte der Königin viel von der
Liebenswürdigkeit und Geschicklichkeit hellenischer Frauen, so daß sie die
Lust anwandelte, solche Sklavinnen zu ihrer Bedienung zu haben. In einer
traulichen Stunde machte sie den König mit ihrem Anliegen bekannt. Sie meinte,
spartanische und athenische Jungfrauen würden sich am besten zu ihrem Dienste
eignen und die schönsten Zierden des königlichen Harems sein; auch werde die
Unterwerfung der Hellenen und ihrer westlichen Kolonien in Italien dem Reiche
große Vorteile und neuen Ruhm einbringen. Die Unternehmung sei überdies leicht
ausführbar, wenn man vorher durch erfahrene Männer wie Demokedes die Länder
und Völker erforschen lasse.
Dareios, dem der Vorschlag einleuchtete, erwählte fünfzehn edle Perser,
stattliche und gewandte Männer, zu Kundschaftern und gab ihnen außer einem
glänzenden Gefolge den Leibarzt Demokedes mit, welcher ihnen als Dolmetscher
(S. 249) dienen sollte. Er schärfte ihnen aber ein, auf letzteren ein wachsames
Auge zu haben, damit er nicht unterwegs entweiche.
Nachdem die Gesandten den Peloponnesos und die nördlicheren hellenischen
Staaten bereist hatten, segelten sie weiter nach Großgriechenland in Italien.
Als sie aber in Tarent als Kundschafter angehalten und eine Zeitlang in Haft
genommen wurden, machte sich Demokedes die Gelegenheit zu nutze und entfloh nach
Kroton, wo ihn das Volk gegen seine Verfolger in Schutz nahm. Nach mancherlei
Unfällen im Lande der Japygen kehrten die persischen Gesandten nach Susa
zurück, wo sie über das, was sie in Hellas und Italien erkundet und erfahren
hatten, Bericht abstatteten. So lautet die allerdings wenig beglaubigte
Erzählung.
[Abb.]
Später kamen an den Hof des Großkönigs auch der vertriebene Tyrann Hippias
aus Athen und der König Demaratos aus Sparta, der auf Betreiben seines
Mitkönigs Kleomenes verbannt worden war. Sie wußten noch Ausführlicheres
über die Schwäche und Entzweiung der griechischen Stämme zu erzählen. Das
Unternehmen gegen Hellas schien leicht, die Rüstungen wurden in der Stille
betrieben; die Wetterwolke hing drohend über dem Land der Freiheit und edelster
Bildung. Ein unerwarteter Zwischenfall, ein Ereignis von kleinem Anfang und
großer Tragweite, lenkte das Verderben nach einer andern Seite.
Das persische Joch, welches auf den kleinasiatischen Griechen lastete, war
mit der Zeit drückender geworden. Unzufriedenheit gärte in den Städten und
blieb der persischen Regierung nicht unbekannt. Selbst Histiäos, der sich an
(S. 250) der Donau treu bewiesen hatte, kam in Verdacht, nach einer
unabhängigen Stellung zu streben. Daher berief ihn Dareios an seinen Hof nach
Susa und hielt ihn hier zurück unter dem ehrenvollen Vorwande, daß er seines
Rate bedürfe, beschenkte ihn mit großen Reichtümern und Ehren und ließ ihn
an seiner Tafel speisen. Tief verstimmt über diese glänzende Gefangenschaft
beschloß aber Histiäos mehrere Jahre später, den Versuch zu machen, durch
einen allgemeinen Aufstand der griechischen Pflanzstädte seine Freiheit wieder
zu erlangen. So trieb ihn die Not zu einem Unternehmen, das er einst an der
Donaubrücke mit viel größerer Wahrscheinlichkeit des Erfolges hätte zur
Ausführung bringen können.
Aristagoras. Im Herbst des Jahres 501 riefen
die bedrängten Aristokraten der blühenden kykladischen Insel Naxos den
Aristagoras, den Schwiegersohn des Histiäos, zur Hilfe gegen ihre Feinde. Der
ehrgeizige Mann hoffte sich durch die Unterwerfung von Naxos und der
benachbarten Inseln die Gunst des Großkönigs zu erwerben und gewann den
Statthalten Artaphernes für seinen Plan. Derselbe stellte ihm 200 Trieren und
zahlreiche persische Landtruppen zur Verfügung, allein der Zug mißland infolge
von Streitigkeiten unter den Führern, und Aristagoras, in Ungnade gefallen,
befürchtete schwere Strafe. Da kam von seinem Schwiegervater eine sonderbare
Botschaft. Histiäos hatte einem ergebenen Sklaven die Haare abscheren lassen
und auf dessen Kopf die Aufforderung zum Aufstand geschrieben. Nachdem die Haare
wieder gewachsen waren, hatte sich derselbe zu Aristagoras begeben, der nun nach
abermaligem Haarschnitt den wunderlichen Brief zu seiner großen Befriedigung
las. Mielt war für den kühnen Plan gewonnen; bald folgte eine Stadt nach der
andern und schüttelte nicht nur das persische Joch, sondern auch die Herrschaft
der Despoten ab. Aristagoras begab sich darauf nach Sparta zu dem ehrgeizigen
König Kleomenes. Er zeigte ihm eine Metallplatte, worauf die Provinzen des
persischen Reiches dargestellt waren, erzählte vom Reichtum derselben und der
Leichtigkeit ihrer Eroberung. Wohl lauschte Kleomenes begierig den verlockenden
Worten und erbat sich drei Tage Bedenkzeit; als er dann aber vernahm, ein
Kriegsheer brauche drei Monate, um von der ionischen Küste nach Susa zu kommen,
lehnte er das Ansinnen des Aristagoras ab und hieß ihn noch vor Sonnenuntergang
sich aus der Stadt entfernen. Noch einmal versuchte jener, seine Zustimmung mit
großen Summen zu gewinnen, und bot mehr und immer mehr; allein des Königs
Töchterchen Gorgo rief: "Vater, geh' fort; der fremde Mann wird dich sonst
bestechen", und Kleomenes befahl ihm, sogleich die Stadt zu verlassen.
Glücklicher war Aristagoras in Athen. Die bewegliche Menge ward durch seine
Versprechungen leicht gewonnen. Zwanzig Schiffe und ein Landherr von 4000 Mann
wurden gerüstet. Das Volk hoffte dadurch den Angriff abzuwehren, durch den
persische Satrapen die Wiedereinsetzung des Hippias zu erzwingen drohten. -
"Wir wollen unserm Tyrannen in Susa einen Besuch abstatten", riefen
die Bürger, ohne die Schwierigkeiten eines solchen Krieges zu bedenken.
Als Aristagoras mit der athenischen Macht und einigen Hilfsvölkern von
Eretria in Milet anlangte, fand er schon ein ansehnliches Heer versammelt. (S.
251) Dieses brach sogleich in das Innere von Kleinasien auf und erreichte
unaufgehalten Sardeis, das Artaphernes, des Königs Bruder, preisgab. Während
die Griechen ihn in der Burg belagerten, brach ein verheerender Brand in der
Stadt aus; zugleich rüsteten lydische und persische Scharen zum Entsatz herbei,
und statt eine Schlacht zu wagen, traten die Belagerer den Rückzug an und
erlitten nahe bei Ephesos eine empfindliche Niederlage. Damit war ihre Sache so
gut wie verloren; die Athener bestiegen alsbald ihre Schiffe und gingen unter
Segel nach Athen.
In der That herrschte auch weder Eintracht noch Entschlossenheit unter den
Verbündeten. Sie gaben die reiche Insel Kypros (Cypern) ungeachtet eines
Seesieges auf, und die persischen Satrapen rückten von allen Seiten siegreich
vor. Aristagoras verließ feigherzig seine Vaterstadt, zog nach der thrakischen
Kolonie Myrkinos und fand dort bald darauf in einem Kampfe mit den Eingebornen
ein ruhmloses Ende. Histiäos, der sich erbot, den Aufstand in Milet zu
beruhigen, ward von dem ihm gewogenen König dahin entlassen. Als er aber nach
Sadreis kam, sagte ihm Artaphernes rund heraus: "Du hast den Schuh gemacht,
und Aristagoras hat ihn angezogen."
Dadurch erschreckt, entfloh Histiäos in der Nacht. Er fand überall, selbst
zu Milet, schlechte Aufnahme; doch erhielt er endlich auf Lesbos Schiffe und
Mannschaft und segelte nach Byzantion, wo er Seeraub an Freund und Feind trieb,
bis er endlich den Persern in die Hände fiel und am Kreuze seine Laufbahn
beschloß.
Seeschlacht bei Milet. Da die
Griechen zu Lande in der äußersten Bedrängnis waren, so beschlossen sie, das
Glück in einer Seeschlacht zu versuchen. Sie versammelten eine Flotte von mehr
als 350 Segeln unfern von Milet. Dieser Stadt gegenüber an der nördlichen
Küste lag Priene am Fuße des Gebirges Mykale, das die Nordküste durchzieht
und sich weit nach Westen erstreckt, so daß Samos mit seinen Bergen als eine
Fortsetzung desselben erscheint. Näher der Südküste erhob sich das Eiland
Lade, welches jetzt mit ihre verbunden ist. Daselbst lag die gesamte Flotte vor
Anker; die Mannschaft aber, fröhlich, als ob kein Feind in der Nähe wäre,
hatte ein Lager auf der Insel bezogen und ruhte sorglos im Schatten am Strande.
Unter den Führern befand sich ein vorsorglicher Mann, der tapfere Dionysios von
Phokäa, einer Stadt, die einst den Persern unter Kyros den hartnäckigsten
Widerstand geleistet und darum am meisten gelitten hatte. Er befehligte nur drei
Schiffe und genoß geringes Ansehen. Dennoch erhob er sich in der
Ratsversammlung und redete von der großen Macht der herannahenden
persisch-phönikischen Flotte, und wie man ihr nur durch tüchtige Waffenübung
gewachsen sein könne. Seine Rede war so einleuchtend, daß man sogleich Folge
leistete, die Mannschaft auf die Schiffe beorderte und unter seiner Leitung
täglich von früh bis spät mit Segeln, Rudern und Waffen Übungen anstellte.
Diesen Anstrengungen war aber die ionische Weichlichkeit auf die Dauer nicht
gewachsen; man klagte über Tyrannei, welche die persische weit überträfe, und
bald war das Lager wieder behaglich eingerichtet. Noch verhängnisvoller als
dieser Mangel an Disziplin war der schöne Verrat einzelner Heerführer, wie der
Samie und Lesbier, die mit ihren ehemaligen Tyrannen heimliche Unterhandlungen
anknüpften. Endlich wurden die feindlichen Segel (S. 252) am Horizonte
sichtbar. Nach einigen Tagen rückte man in Schlachtordnung aus, und das Treffen
begann. Das samische Geschwader des rechten Flügels verließ fliehend zuerst
die Linie, treulos folgten die Lesbier und die meisten Ionier, nur die hundert
Schiffe ovn Chios in der Mitte leisteten hartnäckigen Widerstand und traten
erst dann ihren Rückzug an, als auch die Melesier auf dem linken Flügel
überwunden waren. Als alles verloren schien, brach sich Dionysios heldenmütig
Bahn, segelte aber nicht nach der dem Untergange geweihten Vaterstadt, sondern
steuerte nach Phönikien, plünderte die Kauffahrer und segelte dann mit Beute
beladen nach Sizilien, um dort als verwegener Seeheld den Raubkrieg gegen die
Karthager und Tyrrhener weiter zu führen.
Während dieser Ereignisse waren die Athener nicht müßig geblieben; auf
Betreiben des rastlosen Miltiades hatten sie Schiffe ausgerüstet, und jener war
mit dem Geschwader nach dem thrakischen Chersonesos gefahren, hatte ihn wieder
erobert und war weiter zur Eroberung der Inseln Lemnos und Imbros ausgezogen.
Auch hier hatten ihn Glück und Kühnheit zum Ziele geführt; als aber im Sommer
495 die persischen Satrapen Mielt und die übrigen Städte Kleinasiens unter
großem Blutvergießen einnahmen, die phönikische Flotte die Inseln Chios,
Lesbos, Tenedos grausam bezwang und sich schon siegreich dem Chersonesos
näherte, mußte sich der tapfere Mann zur eiligen Flucht entschließen. Er
entkam mit Mühe; das Schiff, auf welchem sich sein Sohn Metiochos befand, ward
von den Verfolgern genommen. Der gefangene Jüngling wurde nach Susa gebracht,
wo ihn jedoch der milde König gütig behandelte, ihm ein ansehnliches Besitztum
am Tigris und eine Perserin als Gattin zuwies. Anders die Satrapen. Sie
bereicherten sich mit den Schätzen der eroberten Städte, verteilten die
edelsten griechischen Jünglinge und Jungfrauen als Sklaven unter sich oder
verkauften sie auf den Sklavenmärkten. Die Königin Atossa wurde zwar nicht von
spartanischen und athenischen, wohl aber von ionischen Mädchen bedient.
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| | Wägner, W., Aufstand der Ionier, in: ders.,
Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 248 -252 (1. Auflage 1859)
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