| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Die persische Macht gegen Hellas
von Wilhelm Wägner
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Übersicht
Mardonios
Miltiades
Themistokles
Aristeides

(S. 253) Nach Unterdrückung des Auftstandes gerieten die ionischen Griechen
wieder in die alte Abhängigkeit, und nur der Milde des persischen Königs
hatten sie es zu verdanken, daß ihre Nationalität nicht völlig vernichtet
wurde. Nachdem sie durch Verwüstung und Plünderung für ihre Schilderhebung
schwer gebüßt hatten, wurde ihnen zwar die Gemeindeverwaltung und Rechtspfele
nach eignen Gesetzen belassen, desgleich freier Verkehr durch das ganze Reich.
Auch die Gewalt der einheimischen Fürsten, welche man Tyrannen nannte, blieb
bestätigt; allein der belebende Hauch der Freiheit wurde nicht mehr in den
ionischen Städten empfunden, denn die persische Regierung handhabte streng die
oberste Gewalt und sorgte dafür, daß das Nationalgefühl möglichst ausgetilgt
und das Streben nach Unabhänigigkeit niedergehalten wurde. Sie ließ die
zerstörten Städte wiederaufbauen, nicht aber ihre starken Ringmauern. Die
Abhängigkeit wurde noch drückender durch den auferlegten Tribut und die
Heeresfolge im Kriege, und immer neue Scharen von Auswanderern verließen
deshlab die ionischen Städte, um sich im eigentlichen Hellas oder im italischen
Großgriechenland eine neue Heimat zu suchen. Mit der Freiheit ging auch der
geistige Aufschwung des begabten Volkes zu Grunde. Die Blüten, welche sich hier
in Poesie, Kunst und Wissenschaft in reicher Fülle entfaltet hatten, waren und
blieben geknickt und trugen auch später nach Beseitigung der fremden Herrschaft
nur noch spärliche Blüte.
Furchtbar stand die geeignigte, von einem Willen geleitete Macht Persiens dem
schwachen, geteilten, unter sich durch kleinliche Fehden veruneinigten
Hellenenvolke gegenüber, und wenn trotzdem aus dem jetzt beginnenden
unvermeidlichen Entscheidungskampfe wider Persien das kleine Hellas nach
glänzenden Thaten als Sieger hervorging, so war dieser Sieg nicht alleine eine
Folge der (S. 254) endlich im Augenblick der höchsten gemeinsamen Gefahr
erfolgten Einigung aller Hellenen, sondern es war der Sieg, welchen der Genius
der Freiheit, der höheren Kultur, der unentweihten, noch ungeschwächten
Menschennatur über das gewaltige Achämenidenreich mit allen seinen
Truppenmassen und unerschöpflichen Geldmitteln davontrug. Und gerade damals war
man bestrebt, durch zweckmäßige Organisationen die Kräfte des weiten
persischen Reiches zu heben. Die Satrapen standen unter sorgfältiger Kontrolle,
die Provinzen wurden vermessen und danach die Besteuerung und die
Kriegsleistungen normiert; man bemühte sich, die verschiedenartigsten Teile
vollständig zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen.
Während dieser Reformen dachte der Großkönig ernstlich an die Unterwerfung
der trotzigen Hellenen im Mutterlande, denn er hatte die Einäscherung von
Sardeis durch die Athener und Eretrier nicht vergessen. Dreimal bei jeder
Mahlzeit mußte ihm sein Diener zurufen: "Herr, gedenke der Athener!"
Zugleich lag ihm deshalb beständig sein Hippias an, der die Hoffnung nicht
aufgab, mit persischer Macht in Athen als Tyrann wieder eingesetzt zu werden.
Mardonios. Mit einem zahlreichen Heer zog
Mardonios, der junge, feurige Schwiegersohn des Königs, aus dem Innern des
Reiches nach dem Hellesponotos und überschritt mit Hilfe der ihm gleichfalls
untergebenen Flotte die Meerenge. Die wilden Völker Thrakiens waren schon
früher unterworfen worden, aber unter dem Schutze ihrer Berge lehnte sich bald
dieser, bald jener Stamm gegen das aufgenötigte Joch auf, so daß der Kampf
niemals endigte. Ähnlich verhielt es sich in Makedonien, wo zwar der König
Alexandros I. die persische Oberhoheit anerkannte, die wilden Horden im Innern
des Landes aber in beständigen Kämpfen bezwungen werden mußten. Indessen
rückte Mardonios siegreich vor und gab Befehl, daß ihn die Flotte am
thermäischen Meerbusen erwarten solle. Als jedoch diese das Vorgebirge Athos
umsegelte, ereilte sie ein ungewöhnlich heftiger Sturm in dem klippenvollen
Meere. Fast die Hälfte der Flotte (300 Schiffe) scheiterte, und 20000 Menschen
kamen in den Fluten um. Zugleich war Mardonios in einem nächtlichen Gefechte
gegen die thrakischen Bryger verwundet worden; er trat deshalb entmutigt den
Rückzug an.
Nach diesem Mißerfolg ergingen sofort von Susa Befehle zu neuen Rüstungen,
und gleichzeitig begaben sich Abgeordnete des großen Königs nach Griechenland,
um von den einzelnen Staaten Erde und Wasser als Zeichen der Unterwerfung zu
fordern. Viele Städte und besonders die meisten Inseln leisteten Gehorsam.
Ägina, damals die erste Seemacht in Hellas, that das gleiche, aber nicht sowohl
auf Furcht, als vielmehr aus Erbitterung gegen die Athener, mit welchen es in
blutiger Fehde begriffen war. In Sparta verstand man anfangs die Rede der
Gesandten gar nicht, obgleich sie griechisch sprachen. Man war an Siege und
Unterwerfung andrer Völker gewlhnt. Ein Antrag auf freiwillige Unterwerfung
unter fremde Botmäßigkeit schien ohne Sinn. Als man endlich über die
Bedeutung der seltsamen Forderung zum Verständnis kam, geriet das sonst so
bedächtige Volk von Sparta in ungewöhnliche Aufregung. Man staunte über die
Barbaren mit ihrer seltsamen Kopfbedeckung, dem weiten Ärmelrock (S. 255) und
den schlotternden Hosen. Sie schienen so wenig kriegerisch und wagten doch von
Sparta so Schändliches zu begehren. Das Murmeln des Unwillens wurde immer
lauter, und endlich stürzte man sich von allen Seiten auf die kecken
Fremdlinge, schleppte sie nach einem tiefen Brunnen und stieß sie hinunter,
indem man ihnen spottend nachrief: "Da habt ihr Erde und Wasser!" -
Als man später über die rasche That zum Nachdenken kam, lag die Furcht vor dem
Zorne der Götter wegen des verletzten Völkerrechts schwer auf dem Volke. Zwei
edle Jünglinge aus den angesehensten Familien, Sperthias und Bulis, beschlossen
später, sich selbst zum Opfer für die ermordeten Gesandten darzubringen. Sie
begaben sich zum Könige nach Susa, um nach seinem Befehle zu sterben. Xerxes
aber, der Sohn und Nachfolger des Dareios, entließ sie unverletzt.
Nicht besser als in Sparta erging es den persischen Abgeordneten, die nach
Athen kamen. Sie wurden von der wütenden Menge in einen Abgrund gestürzt, weil
man sie schon wegen ihres Antrags für Verbrecher und Hochverräter an der
Majestät des Volkes erklärte.
Dareios erkannte nun, daß ihn nur das Schwert zum Oberherrn über Hellas
machen könne, und befahl die Rüstungen zu beschleunigen. Er übertrug den
Oberbefehl dem Datis, einem kriegserfahrenen Meder, und seinem Neffen
Artaphernes, dem Sohne des lydischen Satrapen gleichen Namens, der sich im
ionischen Kriege hervorgethan hatte. Diese, die nördlichen Gewässer mit ihren
Stürmen scheuend, schifften sich mit dem Landheere an der kilikischen Küste
ein, berührten Samos, eroberten und verwüsteten Naxos, verfuhren in gleicher
Weise mit den übrigen kykladischen Inseln, unter denen nur das heilige Delos
verschont wurde, und segelten dann zunächst nach Euböa. Eretria, die
wichtigste Stadt der Insel, hatte in gleichem Maße wie Athen den Zorn des
Großkönigs erregt, da sie den aufständischen Ioniern mit Schiffen und
Mannschaft zu Hilfe gekommen war. Die Bürger, obgleich anfangs von einer
athenischen Streitmacht unterstützt, wagten keinen offenen Kampf, sondern
verteidigten ihre Mauern; allein nach einer sechstägigen ununterbrochenen
Bestürmung drang, von Verrätern geführt, der übermächtige Feind in die
Stadt. Die Einwohner, welche dem Blutbad entrannen, wurden in Ketten gelegt. Nun
galt es, in gleicher Weise das übermütige Athen zu strafen, und dazu gab der
alte herrschlustige Hippias, der an dem Heereszuge teilnahm, trefflichen Rat.
Er sprach zu den Feldherren also: "Mein Vater, den ich begleitete,
landete einst unter der kleinen Stadt marathon, erfocht einen unblutigen Sieg
und rückte auf einer bequemen Straße über die südlichen Abhänge des
Pentelikon gegen die Stadt vor, wo uns ergebene Anhänger alsbald die Thore
öffneten. Laßt uns denselben Weg betreten."
Der alte Mann glaubte nicht zu fehlen; er kannte jedoch die neue Zeit nicht,
noch das für seine Freiheit und Verfassung begeisterte Volk; er ahnte nicht,
welche Wunder die Liebe zu einem freien Vaterlande und das in allen Herzen
glühende Gefühl für das Gemeinwohl zu bewirken vermögen. Das war auch den
persischen Führern verborgen, und sie glaubten eines schnellen Erfolges sicher
zu sein, indem sie dem erfahrenen Manne die Oberleitung bei (S. 256) der
beabsichtigten Landung östlich von Marathon übertrugen, wo ein weit
vorspringendes Vorgebirge den Schiffen gegen den verderblichen Nordsturm
hinreichende Sicherheit darbot.
In Athen war man indessen nicht müßig, Vorkehrungen gegen den Angriff der
Barbaren zu treffen. Man sandte Boten aus, um die übrigen hellenischen Staaten
zur Hilfeleistung zu veranlassen. Der Läufer Pheidippides soll in 48 Stunden
die fast 30 Meilen Weges nach Sparta zurückgelegt haben. Daselbst wurde wohl
Hilfe zugesagt, jedoch aus religiösen Bedenken erst mit dem Eintritt des
Vollmondes. Wahrscheinlich wollte die engherzige, selbstsüchtige Gerusia zuvor
die Bedrängnis Athens höher anschwellen lassen, um dann mit dem Siege über
die Barbaren auch die Oberherrschaft über die Stadt zu erlangen. Die übrigen
Städte waren teils den Athenern feindlich gesinnt, teils in Furcht vor den
Persern. So blieb denn der kleine Staat auf sich allein angewiesen und suchte
und fand in sich selbst die Hilfe, welche ihm von auswärts versagt ward. Zehn
Strategen (Heerführer) waren nach dem Gesetze für das Jahr 490 ausgewählt.
Unter ihnen befand sich der durch Unbescholtenheit und Unbestechlichkeit
ausgezeichnete Aristeides und der ruhmbegierige Themistokles, den die Natur mit
Geschick und reichen Anlagen ausgestattet hatte.
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Miltiades. Vor allen Strategen aber ragte
Miltiades hervor. Seit jenem Tage, da er an der Donaubrücke die hellenischen
Führer zum Abfall von dem Beherrscher Asiens aufrief, hatte sich seine
feindliche Gesinnung gegen den Nationalfeind infolge der letzten Kriegsjahre
noch verschärft. Fürstlicher Herrschaft, Reichtümern, allem, was
gewöhnlichen Menschen des Wünschenswerten ist, hatte er den Rücken gekehrt,
um nicht das verhaßte Fremdlingsjoch zu tragen. Seine Thaten auf dem
thrakischen Chersonesos waren dem ganzen Volke noch wohl bekannt, nicht weniger
seine Kriegserfahrung und rücksichtslose Entschlossenheit. Diese Eigenschaften
erwarben ihm das größte Vertrauen seiner Mitbürger in dem verhängnisvollen
Augenblick, als er Untergang des Staates bevorzustehen schien. Sie überwogen
die Scheu vor seinem Streben nach unabhängiger Macht, welches ihm die
Gewohnheit der fürstlichen Gewalt auf dem Chersonesos eigen gemacht hatte, und
welches er bei der Entschiedenheit und Offenheit seines Charakters nicht
verbergen konnte.
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Auf die Nachricht von der Landung der Perser bei Marathon bewog er trotz des
Abratens einiger seiner Kollegen durch sein Ansehen und seine feurige Rede das
kleine Heer zum unverweilten Aufbruch. Man wählte die gangbarere Straße um die
nördlichen Abhänge des Pentelikon. Hier aber machte man Halt und schlug in dem
Haine des Herakles ein durch Verhaue befestigtes Lager auf. Miltiades drang nach
einiger Zeit auf den Angriff. Er kannte sein Volk, das rasch zum Entschluß und
energisch zur That war, aber weniger jene zähe Ausdauer besaß, die ungeachtet
der wachsenden Bedrängnis Rettung und Sieg (S. 257) nicht aus den Augen
verliert. Fünf Strategen stimmten ihm bei, fünf waren dagegen; die
Entscheidung beruhte auf der Stimme des Archon Polemarchos (Kriegsherrn). Zu
diesem sprach Miltiades also: "Bei dir steht jetzt der Untergang oder der
Sieg und immer dauernde Ruhm unserer Stadt. Denn wenn wir nicht zum Angriff
schreiten, so fürchte ich einen großen Umschlag in der Meinung der Bürger,
welchen die Anhänger des Hippias hervorbringen werden, also daß man das
medische Joch der Unabhängigkeit des Staates vorziehen wird. Unternehmen wir
aber den Angriff, so steht der Ausgang der Schlacht in der Götter Hand, und
diese werden uns den Sieg verleihen."
Diese Rede zog den Polemarchen Kallimachos auf seine Seite, und die Schlacht
ward beschlossen. Auch übertrugen die Mitfeldherren, welche gleich anfangs für
die Schlacht gestimmt hatten, mit Aufopferung ihrer eignen Recht dem Miltiades
allein den Oberbefehl, der sonst täglich zu wechseln pflegte.
Das athenische Heer zählte 10000 Hopliten oder Schwerbewaffnete,
ausgerüstet mit ehernem Helm, Schild, Panzer, Beinschienen und dem weitragenden
Speer, der furchtbaren Angriffswaffe hellenischer Krieger. Reiter und
Bogenschützen befanden sich nicht dabei, wohl aber die mit Schleudern
versehenen Knecht der Hopliten. Von einem vorspringenden Hügel herab erblickte
man das zahlreiche Heer der Barbaren; es sollen über 100000 Mann gewesen sein.
Es lagerte auf der über zwei Stunden langen und fast eine Stunde breiten Ebene
von Marathon, die nördlich und südlich, von zwei Bächen durchströmt, in
Moräste ausläuft. Während das athenische Heer vor dem Angriff noch eine kurze
Rast hielt, sah man westlich von den Bergen her Waffen glänzen, und bald
erkannte man eine Kriegsschar, die vom Kithäron und Parnes herüber anrückte;
es war die gesamte Macht von Platäa, 1000 Hopliten ohne die Leichtbewaffneten.
Athen hatte dieser befreundeten Stadt oft Beistand gegen das mächtige Theben
geleistet; jetzt, in der Stunde der Not, wollte sie mit der Schutzherrin Sieg
oder Untergang teilen. Das Erscheinen der mutigen Schar erfüllte die Athener
mit höherem Mut, und Miltiades stellte das also verstärkte Heer in
Schlachtordnung auf. Er dehnte die Linie weit aus, um der feindlichen gleich zu
sein, und wagte es deshalb, das Mitteltreffen unter dem Kommando des Aristeides
und Themistokles zu schwächen, so daß hier die Reihen nur geringe Tiefe
hatten, obgleich er wohl wußte, daß die Feinde ihrer zuverlässigsten Leute,
die Perser und Saken, in die Mitte als den Ehrenplatz stellten. Dagegen
verstärkte er die beiden Seiten und übertrug die Führung des rechten Flügels
dem tapfern Archon Kallimarchos; dem linken aber teilte er die Platäer zu.
Darauf gab er den Befehl zum Angriff in vollem Lauf, eine Bewegung, die hier zum
erstenmal von Hopliten ausgeführt wurde. Es scheint, daß von den Persern der
Plan, den besetzten Paß von Marathon zu erzwingen, wieder aufgegeben war, daß
die persische Reiterei am Morgen der Schlacht sich schon wieder eingeschifft
hatte; denn diese von den Griechen am meisten gefürchtete Truppe hätte sich
sonst ohne Zweifel auf die heranstürmenden Krieger geworfen. Der Pfeilhagel,
mit welchem die persischen Bogenschützen ihren Angriff zu beginnen pflegten,
wurde durch die rasche Angriffsbewegung der Griechen größtenteils unwirksam;
unaufhaltsam stürmten diese gegen die feindlichen Linien an.
(S. 258) Beide Heere wurden sofort handgemein und stritten mit großer
Anstrengung um Sieg und Ruhm. Die Barbaren brachen endlich im Mitteltreffen
durch und trieben die zurückweichenden Griechen vor sich her, aber auf den
Flügeln siegten die Hellenen, wendeten sich dann von den in wilder Verwirrung
fliehenden Barbaren nach der Mitte und drängten von beiden Seiten die Perser
und Saken gleichsam in eine enge Gasse, wo nur der Tod oder die Schmach der
Flucht übrig blieb. So kam auch über diesen Teil des persischen Heeres der
Schrecken der Niederlage, und bald sah man über die weite Ebene zerstreut nur
fliehende Barbaren und nachjagende Hellenen.
[Abb.]
Von den ersteren suchten sich viele in die Sümpfe zu retten, wo sie jedoch
versanken; die übrigen eilten nach den Schiffen, wo noch einmal der Kampf
entbrannte. Die Athener strebten dieselben zu nehmen oder zu verbrennen, die
Perser aber stritten um ihre Erhaltung. Hier fanden noch viele tapfere Männer
den Tod. Im mörderischen Kampfe fiel der Polemarch Kallimachos selbst, der
Stratege Stesilaos, ferner Kynägeiros, der Bruder des Dichters Äschylos, dem
die Hand abgehauen wurde, als er ein Fahrzeug festzuhalten suchte.
Sieben Schiffe wurden genommen, dann aber gelang es den Barbaren die
Einschiffung zu bewerkstelligen. Sie ließen auf der Walstatt 6400 Tote zurück,
während von den athenischen Hopliten nur 192 gefallen, wahrscheinlich aber
viele verwundet waren.
(S. 259) Durch die Niederlage keineswegs abgeschreckt, suchten Datis und
Artaphernes auf anderm Wege den beschlossenen Angriff auf die Stadt in
Ausführung zu bringen. Die Reiterei war noch unverletzt und nicht entmutigt,
das übrige Heer wenige geschwächt. Gelang es, das wehrlose Athen vor seiner
Kriegsmacht zu erreichen und einzuschließen, konnte man mit den heimlichen
Anhängern des Hippias in Verbindung treten, so war der Erfolg gewiß. Die
Flotte segelte daher eilends um das Vorgebirge Sunion an der Südküste Attikas
entlang nach dem Hafen von Phaleron. Aber Miltiades hatte ihre Absicht
durchschaut. Er stellte dem siegreichen Heere die drohende Gefahr vor und bewog
es, ungesäumt noch am Nachmittag des Kampftages in einem Gewaltmarsche zum
Schutze der Hauptstadt zu eilen.
[Abb.]
In der That gelang es der unermüdlichen Ausdauer der Truppen, ihr Ziel spät
abends zu erreichen; nahe bei Athen am Herakleion bei Kynosarges brachten sie
die Nacht zu. Als an demselben Abend die Perser auf der Höhe von Phaleron
erschienen, erblickten sie die Kämpfer von Marathon sich gegenüber,
entschlosse, die Landung der Feinde zu verhindern; da die Barbaren vielleicht
auch gleichzeitig von dem Anzuge einer spartanischen Hilfsmacht Kunde erhielten,
so steuerten sie, statt einen Angriff zu wagen, bald darauf heimwärts nach
Asien.
Sie brachten die Gefangenen von Eretria mit und stellten sie dem großen
Könige vor, daß er an ihnen Rache nehme. Dareios aber, so verstimmt er auch
durch den üblen Ausgang des Zuges war, schenkte denselben die Freiheit und
ließ ihnen sogar Ländereien zur Ansiedlung anweisen. Er hielt es seiner und
des Reiches für würdiger, die Besiegten zu schonen, dagegen alles aufzubieten,
(S. 260) um die Sieger durch einen abermaligen Heereszug zu züchtigen. Indessen
machten sich schon die ersten Anzeichen des nahenden Verfalls der persischen
Macht bemerkbar. Denn ein Aufstand in Ägypten und andre Unruhen
unterbrachen die Rüstungen, und der Tod ereilte den König, ehe er seine
Absichten ausführen konnte.
Der ruhmvolle Sieg der Athener erfüllte ganz Hellas mit Stolz und freudiger
Bewegung. Die Furcht vor der persischen Macht verschwand; denn glänzender als
jemals hatte sich die Überlegenheit griechischer Waffen über die ungeordnete
Menge der Barbaren bewährt. Noch ehe sich die Kunde von dem Siege verbreiten
konnte, langte ein spartanisches Hilfsheer in Athen an. Es waren 2000 Krieger,
die den weiten Weg (29 Meilen) in drei Tagen zurückgelegt hatten. Nach kurzer
Zeit begehrten sie das Schlachtfeld zu sehen, und als sie daselbst ankamen,
betrachteten sie mit Stauen die Haufen von persischen Leichen, die Waffen und
Reichtümer in dem eroberten Lager, und die tapfere Schar, welche unter
Aristeides die Beute bewachte. Darauf zogen sie wieder in ihre Heimat, wo man
wohl erkannte, daß Athen zu einer Macht erwachsen sei, die früher oder später
einen Wettkampf mit Sparta um den Vorrang nicht scheuen werde.
Nachdem man sich in Athen vom völligen Rückzuge der feindlichen Flotte
überzeugt hatte, ging man an die feierliche Bestattung der gefallenen Krieger.
Zwei Totenhügel erhoebn sich; der eine bezeichnete die Asche der Platäer, der
andre die der Athener. Auf marmornen Denksäulen wurden die Namen eingegraben.
Nicht weit von dem großen Grabhügel wurde ein Siegesdenkmal und ein besonderes
Denkmal dem Miltiades zu Ehren aufgerichtet und dieses in späterer Zeit mit
seiner Bildsäule geschmückt. [...]
Der Wanderer, welche jetzt die berühmte Ebene betritt, sieht noch im
südlichen Teile der völlig baumlosen Niederung einen künstlich
aufgeschütteten Hügel von 36 Fuß Höhe und etwa 2000 Schritt Umfang,
vermutlich das Grabmal der gefallenen Athener; der andre Hügel ist heute
spurlos verschwunden. Die Denksäulen und Statuen sind längst verfallen, die
heutigen BeEwohner von Marathon wissen nichts mehr von den Thaten ihrer
Vorfahren, aber die Geschichte hat sie aufbewahrt, damit man erkenne, was
entschlossene Männer in gefährlicher Zeit auszuführen vermögen.
Große Ehre ward natürlich dem heimkehrenden siegreichen Heere zu teil. Die
Krieger, und unter ihnen besonders ausgezeichnet Miltiades mit den Strategen,
zogen bekränzt in die Stadt. In einer Säulenhalle, Poikile genannt, welche an
die Agora (Marktplatz) stieß, wurde die Schlacht von dem berühmten Maler
Polygnotos bildlich dargestellt. Die Gestalt des Feldherrn an der Spitze der
Strategen war auf dem Gemälde besonder hervorgehoben; auch ward seine Statue
neben denen des Harmodios und Aristogeiton aufgestellt.
Weise Männer lehren, daß Unglück von den Menschen leichter ertragen werde
als Glück, und die Erfahrung hat diese Lehre sehr oft bestätigt. Einen Beleg
für die Wahrheit derselben bietet auch das Ende des Siegers von Marathon.
Vom Ruhme seiner Thaten, von der Bewunderung seiner Mitbürger erhoben,
schien Miltiades das größte menschliche Glück erlangt zu haben; niemand
konnte sich mit ihm vergleichen. Er aber war damit nicht zufrieden, sondern (S.
261) benutzte das Ansehen, welches ihm der glorreiche Siegestag verschafft
hatte, dazu, seine hochfliegenden Pläne in trotzigem Eigenwillen zu verfolgen.
Daher begehrte er eine Ausrüstung an Schiffen und Mannschaft und verhieß Ruhm
und reiche Beute, ohne jedoch das Ziel seines Unternehmens näher zu bezeichnen.
Das blinde Vertrauen auf sein Glück bewog das athenische Volk, ihm die
ungewöhnliche Forderung zu bewilligen. Mit einem Geschwader von 70 Schiffen
verheerte er zunächst einige der kleineren Inseln, die sich den Persern
unterworfen hatten, und steuerte dann nach der Insel Paros, um ihre reichen
Bewohner dafür zu züchtigen, daß sie die Perser auf ihrem Zuge gegen Athen
unterstützt hatten. Sein Plan aber scheiterte an der tapferen Verteidigung der
Einwohner, und er selbst zog sich durch einen unglücklichen Sprung eine schwere
Verletzung des Beines zu. Krank und sieglos kehrte Miltiades nach Athen zurück,
und alle Bewunderung und Dankbarkeit des Volkes schien plötzlich ausgelöscht.
Er wurde zur Verantwortung wegen des unglücklichen Feldzuges gezogen, und da
er, auf einem Tragbette in die Volksversammlung getragen, sich in seinem elenden
Zustande nicht verteidigen konnte, so erlangten seine Freunde nur mit Mühe den
Erlaß der gesetzlichen Todesstrafe; die Verurteilung zu einer Geldbuße von 50
Talenten (235500 Mark) als Ersatz für die aufgewendeten Kriegskosten konnten
sie nicht abwenden. Ehe die große Summe aufgebracht wurde, starb Miltiades an
den Folgen seiner schlecht gepflegten Wunde, aber nicht im Gefängnis, wie
spätere Historiker angaben. Die ihm auferlegte Geldbuße wurde später von
seinem Sohne Kimon bezahlt.
Themistokles. Als der Jubel verrauscht, die
Siegesfeste gefeiert waren, kehrten die Bürger zu ihren gewohnten
Beschäftigungen zurück. Sorglos, als ob keine weitere Gefahr drohe, überließ
man sich der Freude über den errungenen Sieg und versäumte es dabei,
Vorkehrungen zur Abwehr neuer Angriffe zu treffen. Nur ein Mann richtete den
Blick weiter nach Asien und sah die Wolken, die dort aufstiegen und das gesamte
Griechenland bedrohten. Dieser Mann hieß Themistokles. Sein Vater Neokles war
ein geringer Bürger von Athen, seine Mutter eine Ausländerin; er hatte daher
weder durch Geburt noch durch Reichtum Einfluß, sondern mußte sich solchen
durch die That erwerben, und dazu war er durch Talente ebenso wie durch Begierde
nach Auszeichnung besonders befähigt. Schon seine Lehrer erkannten die
hervorragenden Eigenschaften des Knaben und sagten zu ihm: "Du wirst eins
ein außerordentlicher Mann werden, entweder zum Ruhme oder zur Schande deines
Vaterlandes." In der That stand er gewöhnlich an der Spitze
gleichalteriger Knaben und Jünglinge, wenn ein lustiger, mutwilliger Streich
mit (S. 262) Keckheit und Geschick ausgeführt wurde; aber durch alle
Ausgelassenheit des übersprudelnden Jugendmutes verfolgte Themistokles das ihm
vorschwebende Ziel, Athen zur höchsten Macht zu erheben und selbst in Athen das
höchste Ansehen zu erlanegn. Daher verschmähte er es, in Gesang und Spiel, ja
selbst in den ehrenvollen Wettkämpfen nach dem Siegeskranze zu streben; dagegen
eignete er sich mit seltener Beharrlichkeit alle Kenntnisse an, die der Redner,
der Staatsmann und der Feldherr nötig hat. Die Verfassung von Athen bot jedem
Talente Gelegenheit, sich Geltung zu verschaffen. In der Volksversammlung wurde
nicht nach Geburt und Rang gefragt, sondern die wohlgesetzte, überzeugende
Rede, die Weisheit des Rates fand Beifall, und wer damit hervortrat, erlangte
Ehre und Ansehen, mochte er ein Sprößling Alkmäons sein oder der Sohn eines
Handwerkers. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich ein Mann wie
Themistokles Bahn brach und nach und nach an die Spitze des Staates trat. Er
wußte überall die rechten Maßregeln und Wege anzugeben und mit klarer,
gewinnender Rede für seine Ziele zu wirken, und wo diese Mittel nicht
ausreichten, scheute er auch andre nicht, wenig bekümmert darum, ob sie hier
und da über die Schranken des Rechts hinübergriffen. Nach der Schlacht bei
Marathon, an der er teil genommen hatte, schien er in tiefe Schwermut versunken.
Als ihn seine Freunde deshalb befragten, antwortete er: "Die Siegesehren
des Miltiades lassen mich nicht schlafen." Bald jedoch fand er Gelegenheit,
diesen seinen Vorgänger noch zu übertreffen. Er erkannte, wie schon gesagt,
daß die Perser mit weit größerer Macht von neuem heranrücken würden. Ihnen
dann zu Lande zu begegnen, schien ihm unmöglich, wohl aber glaubte er von der
kriegerischen Tüchtigkeit und Gewandtheit der Hellenen zur See glänzenden
Erfolg erwarten zu dürfen. Er lenkte daher die Aufmerksamkeit des athenischen
Volkes auf Vermehrung der Flotte, und dazu gab ihm der nächsten Anlaß die
Erbitterung gegen die meerbeherrschenden Ägineten, mit welchen nach der
Niederlage der Barbaren der Krieg von neuem entbrannt war.
Aristeides. Seinen Plänen trat hier der
nicht weniger berühmte Aristeides entgegen. Dieser Mann, von Freund und Feind
der Gerechte genannt, war von edler Geburt. Er bewährte in allen Verhältnissen
geistige Tüchtigkeit, Mut und Geschick, und wenn er auch an Scharfsinn und
umfassendem Glück dem Themistokles nachstand, so übertraf er ihn doch an
strenger Rechtlichkeit und Uneigennützigkeit. Das Gute, dasjenige, was Staat
und Bürgern heilsam war, verfolgte er unverdrossen auf dem gerade Wege der
Pflicht und des Rechts, mochten ihm daraus Vorteile oder Nachteile entstehen.
Selbstsucht und Eigennutz schienen in seiner Seele keinen Raum zu haben.
Unbekümmert um äußeren Schein und um Gunst oder Übelwollen der Menge war er
nur darauf bedacht, dem Staat zu nützen und das Gemeinwohl zu fördern. Von
solchen Anschauungen ausgehend hielt er es deshalb auch für das Beste, daß die
Bürger von Attika ihre Wohlfahrt auf den Grundbesitz, auf den sorgfältigen
Anbau ihres vaterländischen Bodens gründeten, nicht aber auf den unsicheren
Gewinn, den Handel und Verkehr darboten. Solches Streben, meinte er, verlocke zu
Unredlichkeit und Üppigkeit und entferne von der Anspruchslosigkeit und den
schlichten, einfachen Sitten der Väter.
(S. 263) [Abb.]
(S. 264) Aristeides hatte eine Zeitlang die Einnahmen und Ausgaben des
Staates verwaltet, die übrigen Angelegenheiten aber ohne Neid dem Themistokles
überlassen. Sobald der jedoch dessen weitere Absichten auf Brüdnung einer
Seemacht durchschaute, tart er ihm unverhohlen mit seinem ganzen Ansehen
entgegen. Themistokles sah wohl ein, daß er dadurch in allen seinen Entwürfen
gehindert sei, und beschloß kühn die Entscheidung durch den Ostrakismos
herbeizuführen. Die überwiegende Macht der beiden Männer war allgemein
bekannt. Rat und Volk beschlossen daher, als der Antrag auf ein Scherbengericht
über einen dem Staate gefährlichen Bürger gestellt wurde, daß dieses
statthaben solle. Themistokles ließ nun durch seine zahlreichen Anhänger das
Volk auf jede Art bearbeiten und beeinflussen, während sein Gegner, im
Bewußtsein seiner lauteren Absichten, ruhig den Tag des Gerichts abwartete. Die
Versammlung war zahlreich, denn es hatten sich auch viele Landleute eingefunden,
um über Männer abzustimmen, deren Wirksamkeit sie zum größeren Teil gar
nicht beurteilen konnten.
Ein des Schreibens unkundiger Landmann, erzählt man, tart auch zu
Aristeides, der dem seltsamen Gerichtsverfahren beiwohnte, als ob er gar nicht
dabei beteiligt sei. Er bat ihn, daß er ihm den Namen Aristeides auf die Tafel
schreiben möge. Der Angeredete that es und fragte ihn dann, warum er diesen
Mann für so staatsgefährlich halte. "Ich kenne ihn gar nicht", war
die Antwort, "aber es verdrießt mich, daß er sich von allen Leuten den
Gerechten nennen läßt." Wo solche Bestimmungsgründe Geltung hatten, war
der Ausgang leicht voraus zu sehen. Mehr als 6000 Stimmen verurteilten
Aristeides zur Verbannung; er aber verließ ohne Groll die Vaterstadt, indem er
zu den Göttern flehte, sie möchten von Athen die Zeit fern halten, da man
seine Vertreibung vielleicht bereuen würde.
Nach Entfernung des unbequemen Gegners setzte Themistokles alle Triebfedern
in Bewegung, um seine wohlerwogenen Pläne zur Ausführung zu bringen. Dazu
benutzte er eine bisher im Staatshaushalt nicht verwendete Einnahme, die von den
Bergwerken bezogen wurde. Südöstlich von Athen ragt nämlich der vielgipfelige
Hymettos empor. Ein südlicher Zweig desselben, Laurion genannt, erstreckt seine
mit Wäldern bewachsenen Anhöhen bis zur äußersten Spitze der Halbinsel, wo
das Vorgebirge Sunion schroff und steil dem anstürmenden Meere die Spitze
bietet. Nun hatte der Staat im Gebirge Laurion zahlreiche Silbergruben, deren
damals sehr ergiebiger Ertrag jährlich unter die Bürger verteilt wurde.
Themistokles machte jetzt den Athenern den Vorschlag, auf die Verteilung zu
verzichten und die Einnahme zur Erbauung von Schiffen zu verwenden. Er gab als
Grund nicht einen zu erwartenden neuen Angriff der Barbaren an, welcher noch zu
fern lag, sondern die Züchtigung der Insel Ägina, die bisher mit ihrer
überlegenen Seemacht Attika schon große Verluste zugefügt hatte. Der
Beschluß des Volkes entsprach dem Antrage des Themistokles, und unter Leitung
des rastlosten Mannes wurden in kurzer Zeit 200 Schiffe erbaut. Die Einnahmen
von den Bergwerken reichten indessen bei weitem nicht hin, die Kosten für die
FLotte zu decken. Daher mußte die Staatskasse zu Hilfe genommen werden, welche
auch noch durch die Anlage der neuen Werften und des (S. 265) Kriegshafens
Peiräeus mit schweren Ausgaben belastet wurde. Um die Staatskasse für solche
Leistungen in den Stand zu setzen, wurden zu den Steuern jetzt auch die Bürger
der vierten Klasse, nämlich diejenigen herangezogen, welche ohne Grundbesitz
waren. Bisher hatten die Höchstbesteuerten, zumeist Männer des alten Adels,
neben andern Lasten auch die Stellung der Kriegsschiffe allein besorgt. Es gab
48 Genossenschaften, von denen jede eine Triere (Kriegsschiff) zu stellen hatte.
Die reichsten und diesen Genossenschaften oder Naukrarien unterzogen sich dieser
Pflicht und hatten dann die Ehre, als Trierarchen das Fahrzeug und die
Mannschaft zu befehligen. Jetzt wurde diese Anordnung dahin verändert, daß man
auch Kaufherren, Reeder und Kapitalisten, die man nach ihrem beweglichen
Vermögen schätzte, zu den Lasten und Ehren des neuen Seedienstes heranzog,
während man die übrige besitzlose Menge als Bootsleute, Ruderer und
Speerschützen zur Bemannung verwendete. So war das Staatsgebäude der
Bürgerfreiheit, der Bürgergleichheit vollendet. Themistokles wußte alle
Klassen der Bevölkerung für seine Entwürfe zu gewinnen, daß sie genehmigten,
was er vorschlug, daß sie für das Vaterland freudig Lasten übernahmen und
Opfer brachten, die sonst nur die Willkür eines Gewaltherrschers von seinen
Sklaven forderte. Hoch über allen Staaten der Hellenen stand Athen durch den
Gemeingeist, der alle Schichten der Bevölkerung durchdrang. Gerüstet mit den
Waffen der Begeisterung für seine Freiheit trat es in den Kampf gegen die
asiatische Sklavenwelt, welche der Perserkönig heranführte. Groß waren die
Opfer, welche gefordert wurden; aber das freie Volk zögerte nicht sie zu
bringen, um den Staat zu erhalten, der allein seinen Bürgern gleiches Recht,
gleiches Gesetz gewährte.
Emsig wie der Schiffbau wurden auch die Übungen der Seeleute betrieben, und
es ward bald ersichtlich, daß Führer und Volk von ganz andrer Thatkraft und
Ausdauer waren, als die weichlichen Ionier. Nicht ohne Glück wagte die neue
Flotte sich mit der Seemacht von Ägina zu messen, und dieser Krieg war eine
treffliche Vorschule für den bevorstehenden entscheidenden Kampf gegen die
Perser.
Themistokles war die Seele aller dieser Anordnungen und Bestrebungen. Er
wußte auch in andern hellenischen Staaten das Nationalgefühl zu wecken, so
daß ein allgemeiner Friede verkündigt und gegenseitig die Geiseln und
Gefangenen ausgelöst wurden, daß sich sogar das feindliche Ägina dem Bunde
für die Freiheit Griechenlands anschloß. Doch kamen keineswegs alle
Feindschaften und selbstsüchtigen Parteirücksichten zum Schweigen. Die Argiver
verweigerten aus Haß gegen Sparta ihren Zutritt zu dem Bunde, das thessalische
Fürstengeschlecht der Aleuaden knüpfte zum Sturze der andern Adelsgeschlechter
des Landes Verbindungen mit dem Großkönig an, und die aristokratische Partei
von Theben und Böotien zeigte in ihrer Eifersucht gegen das demokratische Athen
sogar unverhohlene Neigung, zu den Persern abzufallen, um mit ihrer Hilfe die
Hegemonie in Hellas zu erlangen.
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| | Wägner, W., Die persische Macht gegen Hellas, in: ders.,
Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 253 -265 (1. Auflage 1859)
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GM (digitale Edition) für psm-data 
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