Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
Die persische Macht gegen Hellas

von Wilhelm Wägner


Übersicht

Mardonios

Miltiades

Themistokles

Aristeides


Themistokles. Als der Jubel verrauscht, die Siegesfeste gefeiert waren, kehrten die Bürger zu ihren gewohnten Beschäftigungen zurück. Sorglos, als ob keine weitere Gefahr drohe, überließ man sich der Freude über den errungenen Sieg und versäumte es dabei, Vorkehrungen zur Abwehr neuer Angriffe zu treffen. Nur ein Mann richtete den Blick weiter nach Asien und sah die Wolken, die dort aufstiegen und das gesamte Griechenland bedrohten. Dieser Mann hieß Themistokles. Sein Vater Neokles war ein geringer Bürger von Athen, seine Mutter eine Ausländerin; er hatte daher weder durch Geburt noch durch Reichtum Einfluß, sondern mußte sich solchen durch die That erwerben, und dazu war er durch Talente ebenso wie durch Begierde nach Auszeichnung besonders befähigt. 

Schon seine Lehrer erkannten die hervorragenden Eigenschaften des Knaben und sagten zu ihm: "Du wirst eins ein außerordentlicher Mann werden, entweder zum Ruhme oder zur Schande deines Vaterlandes." In der That stand er gewöhnlich an der Spitze gleichalteriger Knaben und Jünglinge, wenn ein lustiger, mutwilliger Streich mit (S. 262) Keckheit und Geschick ausgeführt wurde; aber durch alle Ausgelassenheit des übersprudelnden Jugendmutes verfolgte Themistokles das ihm vorschwebende Ziel, Athen zur höchsten Macht zu erheben und selbst in Athen das höchste Ansehen zu erlanegn. Daher verschmähte er es, in Gesang und Spiel, ja selbst in den ehrenvollen Wettkämpfen nach dem Siegeskranze zu streben; dagegen eignete er sich mit seltener Beharrlichkeit alle Kenntnisse an, die der Redner, der Staatsmann und der Feldherr nötig hat. Die Verfassung von Athen bot jedem Talente Gelegenheit, sich Geltung zu verschaffen. In der Volksversammlung wurde nicht nach Geburt und Rang gefragt, sondern die wohlgesetzte, überzeugende Rede, die Weisheit des Rates fand Beifall, und wer damit hervortrat, erlangte Ehre und Ansehen, mochte er ein Sprößling Alkmäons sein oder der Sohn eines Handwerkers. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich ein Mann wie Themistokles Bahn brach und nach und nach an die Spitze des Staates trat. Er wußte überall die rechten Maßregeln und Wege anzugeben und mit klarer, gewinnender Rede für seine Ziele zu wirken, und wo diese Mittel nicht ausreichten, scheute er auch andre nicht, wenig bekümmert darum, ob sie hier und da über die Schranken des Rechts hinübergriffen. Nach der Schlacht bei Marathon, an der er teil genommen hatte, schien er in tiefe Schwermut versunken. Als ihn seine Freunde deshalb befragten, antwortete er: "Die Siegesehren des Miltiades lassen mich nicht schlafen." Bald jedoch fand er Gelegenheit, diesen seinen Vorgänger noch zu übertreffen. Er erkannte, wie schon gesagt, daß die Perser mit weit größerer Macht von neuem heranrücken würden. Ihnen dann zu Lande zu begegnen, schien ihm unmöglich, wohl aber glaubte er von der kriegerischen Tüchtigkeit und Gewandtheit der Hellenen zur See glänzenden Erfolg erwarten zu dürfen. Er lenkte daher die Aufmerksamkeit des athenischen Volkes auf Vermehrung der Flotte, und dazu gab ihm der nächsten Anlaß die Erbitterung gegen die meerbeherrschenden Ägineten, mit welchen nach der Niederlage der Barbaren der Krieg von neuem entbrannt war.

Aristeides. Seinen Plänen trat hier der nicht weniger berühmte Aristeides entgegen. Dieser Mann, von Freund und Feind der Gerechte genannt, war von edler Geburt. Er bewährte in allen Verhältnissen geistige Tüchtigkeit, Mut und Geschick, und wenn er auch an Scharfsinn und umfassendem Glück dem Themistokles nachstand, so übertraf er ihn doch an strenger Rechtlichkeit und Uneigennützigkeit. Das Gute, dasjenige, was Staat und Bürgern heilsam war, verfolgte er unverdrossen auf dem gerade Wege der Pflicht und des Rechts, mochten ihm daraus Vorteile oder Nachteile entstehen. Selbstsucht und Eigennutz schienen in seiner Seele keinen Raum zu haben. Unbekümmert um äußeren Schein und um Gunst oder Übelwollen der Menge war er nur darauf bedacht, dem Staat zu nützen und das Gemeinwohl zu fördern. Von solchen Anschauungen ausgehend hielt er es deshalb auch für das Beste, daß die Bürger von Attika ihre Wohlfahrt auf den Grundbesitz, auf den sorgfältigen Anbau ihres vaterländischen Bodens gründeten, nicht aber auf den unsicheren Gewinn, den Handel und Verkehr darboten. Solches Streben, meinte er, verlocke zu Unredlichkeit und Üppigkeit und entferne von der Anspruchslosigkeit und den schlichten, einfachen Sitten der Väter.

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(S. 264) Aristeides hatte eine Zeitlang die Einnahmen und Ausgaben des Staates verwaltet, die übrigen Angelegenheiten aber ohne Neid dem Themistokles überlassen. Sobald der jedoch dessen weitere Absichten auf Brüdnung einer Seemacht durchschaute, tart er ihm unverhohlen mit seinem ganzen Ansehen entgegen. Themistokles sah wohl ein, daß er dadurch in allen seinen Entwürfen gehindert sei, und beschloß kühn die Entscheidung durch den Ostrakismos herbeizuführen. Die überwiegende Macht der beiden Männer war allgemein bekannt. Rat und Volk beschlossen daher, als der Antrag auf ein Scherbengericht über einen dem Staate gefährlichen Bürger gestellt wurde, daß dieses statthaben solle. Themistokles ließ nun durch seine zahlreichen Anhänger das Volk auf jede Art bearbeiten und beeinflussen, während sein Gegner, im Bewußtsein seiner lauteren Absichten, ruhig den Tag des Gerichts abwartete. Die Versammlung war zahlreich, denn es hatten sich auch viele Landleute eingefunden, um über Männer abzustimmen, deren Wirksamkeit sie zum größeren Teil gar nicht beurteilen konnten.

Ein des Schreibens unkundiger Landmann, erzählt man, tart auch zu Aristeides, der dem seltsamen Gerichtsverfahren beiwohnte, als ob er gar nicht dabei beteiligt sei. Er bat ihn, daß er ihm den Namen Aristeides auf die Tafel schreiben möge. Der Angeredete that es und fragte ihn dann, warum er diesen Mann für so staatsgefährlich halte. "Ich kenne ihn gar nicht", war die Antwort, "aber es verdrießt mich, daß er sich von allen Leuten den Gerechten nennen läßt." Wo solche Bestimmungsgründe Geltung hatten, war der Ausgang leicht voraus zu sehen. Mehr als 6000 Stimmen verurteilten Aristeides zur Verbannung; er aber verließ ohne Groll die Vaterstadt, indem er zu den Göttern flehte, sie möchten von Athen die Zeit fern halten, da man seine Vertreibung vielleicht bereuen würde.

Nach Entfernung des unbequemen Gegners setzte Themistokles alle Triebfedern in Bewegung, um seine wohlerwogenen Pläne zur Ausführung zu bringen. Dazu benutzte er eine bisher im Staatshaushalt nicht verwendete Einnahme, die von den Bergwerken bezogen wurde. Südöstlich von Athen ragt nämlich der vielgipfelige Hymettos empor. Ein südlicher Zweig desselben, Laurion genannt, erstreckt seine mit Wäldern bewachsenen Anhöhen bis zur äußersten Spitze der Halbinsel, wo das Vorgebirge Sunion schroff und steil dem anstürmenden Meere die Spitze bietet. Nun hatte der Staat im Gebirge Laurion zahlreiche Silbergruben, deren damals sehr ergiebiger Ertrag jährlich unter die Bürger verteilt wurde. Themistokles machte jetzt den Athenern den Vorschlag, auf die Verteilung zu verzichten und die Einnahme zur Erbauung von Schiffen zu verwenden. Er gab als Grund nicht einen zu erwartenden neuen Angriff der Barbaren an, welcher noch zu fern lag, sondern die Züchtigung der Insel Ägina, die bisher mit ihrer überlegenen Seemacht Attika schon große Verluste zugefügt hatte. Der Beschluß des Volkes entsprach dem Antrage des Themistokles, und unter Leitung des rastlosten Mannes wurden in kurzer Zeit 200 Schiffe erbaut. Die Einnahmen von den Bergwerken reichten indessen bei weitem nicht hin, die Kosten für die FLotte zu decken. Daher mußte die Staatskasse zu Hilfe genommen werden, welche auch noch durch die Anlage der neuen Werften und des (S. 265) Kriegshafens Peiräeus mit schweren Ausgaben belastet wurde. Um die Staatskasse für solche Leistungen in den Stand zu setzen, wurden zu den Steuern jetzt auch die Bürger der vierten Klasse, nämlich diejenigen herangezogen, welche ohne Grundbesitz waren. Bisher hatten die Höchstbesteuerten, zumeist Männer des alten Adels, neben andern Lasten auch die Stellung der Kriegsschiffe allein besorgt. Es gab 48 Genossenschaften, von denen jede eine Triere (Kriegsschiff) zu stellen hatte. Die reichsten und diesen Genossenschaften oder Naukrarien unterzogen sich dieser Pflicht und hatten dann die Ehre, als Trierarchen das Fahrzeug und die Mannschaft zu befehligen. Jetzt wurde diese Anordnung dahin verändert, daß man auch Kaufherren, Reeder und Kapitalisten, die man nach ihrem beweglichen Vermögen schätzte, zu den Lasten und Ehren des neuen Seedienstes heranzog, während man die übrige besitzlose Menge als Bootsleute, Ruderer und Speerschützen zur Bemannung verwendete. So war das Staatsgebäude der Bürgerfreiheit, der Bürgergleichheit vollendet. Themistokles wußte alle Klassen der Bevölkerung für seine Entwürfe zu gewinnen, daß sie genehmigten, was er vorschlug, daß sie für das Vaterland freudig Lasten übernahmen und Opfer brachten, die sonst nur die Willkür eines Gewaltherrschers von seinen Sklaven forderte. Hoch über allen Staaten der Hellenen stand Athen durch den Gemeingeist, der alle Schichten der Bevölkerung durchdrang. Gerüstet mit den Waffen der Begeisterung für seine Freiheit trat es in den Kampf gegen die asiatische Sklavenwelt, welche der Perserkönig heranführte. Groß waren die Opfer, welche gefordert wurden; aber das freie Volk zögerte nicht sie zu bringen, um den Staat zu erhalten, der allein seinen Bürgern gleiches Recht, gleiches Gesetz gewährte.

Emsig wie der Schiffbau wurden auch die Übungen der Seeleute betrieben, und es ward bald ersichtlich, daß Führer und Volk von ganz andrer Thatkraft und Ausdauer waren, als die weichlichen Ionier. Nicht ohne Glück wagte die neue Flotte sich mit der Seemacht von Ägina zu messen, und dieser Krieg war eine treffliche Vorschule für den bevorstehenden entscheidenden Kampf gegen die Perser.

Themistokles war die Seele aller dieser Anordnungen und Bestrebungen. Er wußte auch in andern hellenischen Staaten das Nationalgefühl zu wecken, so daß ein allgemeiner Friede verkündigt und gegenseitig die Geiseln und Gefangenen ausgelöst wurden, daß sich sogar das feindliche Ägina dem Bunde für die Freiheit Griechenlands anschloß. Doch kamen keineswegs alle Feindschaften und selbstsüchtigen Parteirücksichten zum Schweigen. Die Argiver verweigerten aus Haß gegen Sparta ihren Zutritt zu dem Bunde, das thessalische Fürstengeschlecht der Aleuaden knüpfte zum Sturze der andern Adelsgeschlechter des Landes Verbindungen mit dem Großkönig an, und die aristokratische Partei von Theben und Böotien zeigte in ihrer Eifersucht gegen das demokratische Athen sogar unverhohlene Neigung, zu den Persern abzufallen, um mit ihrer Hilfe die Hegemonie in Hellas zu erlangen.

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Wägner, W., Die persische Macht gegen Hellas, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 253 -265 (1. Auflage 1859)

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