Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

[P|S|M]

(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
Zug des Xerxes

von Wilhelm Wägner


Übersicht

Überschreitung des Hellespontos

Thermopylä

Artemision

Leonidas und seine Helden

Seeschlacht bei Salamis

  Themistokles

  List des Themistokles

  Sieg der Griechen

Niederlage des Mardonios


(S. 266) In Persien saß nach einigen Thronstreitigkeiten und nach Überwältigung des ägyptischen Aufstandes Xerxes, der Sohn des Dareios und der ehrgeizigen Atossa, auf dem wieder befestigten Throne. Von seiner Mutter und dem kriegerischen Mardonios angetrieben, beschloß er, sich an die Spitze eines allgemeinen Heereszuges gegen Hellas zu stellen.

Vier volle Jahre dauerten die Rüstungen in den Provinzen des ungeheuern Reiches. Zu Anfang des fünften Jahres zogen heran und sammelten sich in den Ebenen jenseits des Euphrat die Krieger der zahllosen Nationen, welche dem persischen Weltreich angehörten. Sie alle, an Trachten, Waffen, Sprache und Sitten verschieden, hatten sich auf das Machtgebot eines Mannes aus ihren uralten Wohnsitzen erhoben, um gegen ein gering geachtetes freies Völkchen in den Streit zu ziehen.

Da war kein Volk zwischen dem Mittelmeere und dem Indischen Ozean, welches nicht seine Scharen gestellt hätte, je nach der Landesweise gekleidet und bewaffnet. Den Kern dieser Kriegsmacht bildeten die Perser. Sie trugen, gleich den Medern, Tiaren oder zurückgebogene Filzhüte, mit Federn und allerlei Schmuck verziert, Ärmelröcke und darüber glänzende Schuppenpanzer, sowie kleine Schilde aus starkem Leder oder von Flechtwerk aus zähem Holz. Zum Angriffe führten sie kurze, aber starke, mit Metall beschlagene Speere, Bogen und Pfeile, und für den Nahkampf einen scharf geschliffenen Dolch.

(S. 267) Die Assyrier trugen leicht eherne Helme, linnene, wohlgesteppte Waffenröcke und mit Eisen beschlagene Keulen. Die Saken, ein skythisches Volk, gingen mit hohen Turbanen einher, welche oben spitz zuliefen, und führten im Kampfe eine Streitaxt. Die Inder trugen Kleider von Baumwolle, die Kaspier von Pelz, die Sarangen prunkten mit gefärbten Mänteln, und ihre Stiefel reichten bis an die Kniee. Die Araber wieder waren mit weiten Oberkleidern umgürtet und führten Lanzen und kunstreichen Bogen, die man nach Belieben auf beiden Seiten spannen konnte. Die afrikanischen Äthiopen waren mit Panther- und Löwenfellen umgürtet, ihre Pfeile waren von Rohr mit Feuersteinspitzen von besonderer Härte, ihre stattlichen Speere dagegen hatten Spitzen von Antilopenhörnern. Wenn sie in die Schlacht zogen, hatten sie ihren Leib gar seltsam halb mit Kreide, halb mit roten Menning bemalt. Die Libyer gingen in lederner Kleidung, die Thraker trugen einen Fuchsbalg auf dem Kopfe, einen bunten Pelz über dem Rock und an den Beinen Stiefel von Hirschleder. Die Chalyber schmückten sich den Helm mit ehernen Hörnern und mit Büschen, die asiatischen Äthiopen dagegen bedeckten sich das Haupt mit abgezogenen Pferdestirnhäuten, an denen noch die Ohren gerade in die Höhe standen und die Mähne hinten wallen herabhing. An Glanz zeichneten sich vor allem die Perser aus. Sie waren zugleich, wie schon bemerkt, die tapfersten und zuverlässigsten Krieger des ganzen Heeres. Ihre schön gearbeiteten Rüstungen strahlten von der Masse edlen Metalles, welches dazu verwendet war. Zahlreiche, ebenfalls schön geschmückte Diener folgten ihnen zu Wagen nach. Unter der Reiterei, welche die Hauptstärke des Heeres ausmachte, that sich das persische Hirtenvolk der Sagartier hervor. Diese hatten achttausend Reiter gestellt, welche keine andre Waffe führten als einen Dolch und eine aus Riemen geflochtene Schlinge, womit sie im Gefecht den Gegner fingen und, ihn mit fortschleifend, töteten. Die Inder kamen teils zu Fuß, teils zu Roß, teils in Wagen, die mit wilden Eseln bespannt waren. Die arabische Reiterei ritt auf raschen Kamelen und mußte unter allen Reitergeschwadern zu hinterst stehen, da bekanntlich die Pferde beim Anblick jener Tiere zu scheuen pflegten.

Als das Heer im Frühjahr weiterrückte, schwoll es immer furchtbarer an, gleich einer Lawine, die über weite Schneefelder stürzend im Niederrollen alles mit sich fortreißt. Phryger, streitbare Lyder, Thraker und andre Völker mußten sich anschließen. Zu Fuß, zu Roß, auf Streitwagen und auf schnellen Kamelen, so wälzte sich die aufgebotene Menge mit einem unermeßlichen Troß von Sklaven und Sklavinnen, Fuhrwerk und Lasttieren daher, durchwanderte Kappadokien und Phrygien und fand daselbst Herberge und treffliche Bewirtung bei dem reichen Lyder Pythios, des Atys Sohn, dem alles Land ringsum gehörte. Als derselbe sich auch erbot, den König mit barem Gelde zu dem Feldzuge zu unterstützen, fragte dieser erstaunt, wer er wäre. Er erfuhr, daß der nämliche Mann einst dem großen Dareios einen Platanenbaum und einen Weinstock von lauterm Golde dargebracht habe, und daß sein Reichtum nur dem königlichen nachstehe. Xerxes fragte ihn nun selbst nach dem Betrage seines baren Vermögens. "Herr", erwiderte er, "ich habe alles genau berechnet und gefunden, daß ich 2000 Talente an Silber (etwa 9420000 Mark) und 4 mal 10000 weniger (S. 268) 7000 Goldstateren habe, und das alles sei deinem Dienste geweiht, weil ich noch nicht genug an Landgut und Sklaven besitze." Darauf sagte der König: "Du bist der erste, der mich so gastfrei bewirtet und mir freiwillig so viel Geld angeboten hat. Darum nenne ich dich meinen Gastfreund und mache dir die 4 mal 10000 Stateren voll, damit du gerade Rechnung hast. Behalte deinen redlichen Erwerb und beharre in deiner löblichen Gesinnung."

Überschreitung des Hellespontos. Auf dem ferneren Zuge durch Lydien rastete der König einmal mit seinem Gefolge unter einem weitschattenden Platanenbaum. Zum Andenken an diese Rast ließ er den Baum mit goldenem Schmuck behängen und einen Wächter dabei bestellen. Von da gelangte er in einer Tagesreise nach Sardeis und erreichte endlich bei Abydos den Hellespontos. Hier fand er schon die Flotte, Kriegs- und Lastschiffe, welche von den Küsten Ägyptens, Phönikiens, Kariens, Ioniens und von den Inseln des mittelländischen und ägäischen Meeres zusammengekommen waren. Unter allen Schiffen zeichneten sich fünf von Halikarnassos gesendete unter Anführung der mutigen Königin Artemisia von Karien durch Tüchtigkeit des Baues und Gewandtheit der Mannschaft besonders aus. Nicht weniger kriegerisch zeigte sich die Flotte von Sidon. 674 Fahrzeuge wurden zur Erbauung von zwei Schiffsbrücken über den Hellespontos verwendet, nachdem ein Sturm die schon hergestellten Brücken zerschellt hatte. Es ist wohl eine griechische Phantasie entsprungene Sage, wenn erzählt wird, der Könige habe das Meer mit Fesseln und Ruten züchtigen, die unglücklichen Baumeister aber zum Tode führen lassen. Ebenso unwahrscheinlich ist der Bericht, daß er dem reichen Pythios, der von fünf Söhnen einen bei sich zu behalten wünschte, nicht nur die Bitte abschlug, sondern auch den ältesten töten ließ.

Xerxes bestieg an der Küste des Hellespontos einen von weißem Marmor erbauten Thron und überschaute das unermeßliche Gewühl von Schiffen und Mannschaft, welches die ganze Meerenge und die Gestade bis in unabsehbare Ferne erfüllte. Anfangs freute er sich des Anblicks und pries sich glücklich, daß ihn die Götter so große Macht gewürdigt hätten; dann aber war er plötzlich sehr ernst und rief unter Thränen aus: "Wie kurz und beklagenswert ist doch das menschliche Leben! Von dieser zahlreichen Versammlung wird in hundert Jahren nicht einer mehr übrig sein." - Und wie elend ist der Mensch selbst", versetzte sein Oheim Artabanos, "denn von allen Sterblichen ist keiner, der nicht in der kurzen Lebenszeit durch Unglücksfälle dahin gebracht würde, daß er einmal oder mehrmals den Tod dem Leben vorzöge." Der König war jedoch bal wieder guten Mutes und ermahnte die versammelten Fürsten und Heerführer, freudig und kühn zum Streite zu sein, weil sie nicht nur zur Bekämpfung der tapferen Männer in Hellas auszögen, sondern zu Eroberung von ganz Europa bis an die äußersten Grenzen und zur Erlangung unsterblichen Ruhmes.

In der Frühe des folgenden Tages war das ganze Heer zum Übergange gerüstet. Kostbares Räucherwerk ward auf der Brücke verbbrannt und der Weg mit Myrten bestreut. Als die Sonne, der Abglanz der segnenden Gottheit nach persischem Glauben, über dem Horizont erschien, opferte der König aus goldener Schale und betete vor allem Volk, daß kein Unfall dem Heere begegnen möge. (S. 269) Dann senkte er die Schale, einen goldenen Milchkrug und einen persischen Säbel in das Meer. Auf ein gegebenes Zeichen erfolgte sodann der Aufbruch.

Voran zogen 10000 auserlesene Perser, die Unsterblichen genannt, weil ihre Schar stets vollzählig erhalten wurde. Sie hatten ihre Häupter bekränzt, als Männer die zum Siege zogen, und trugen prachtvolle Gewänder und goldenen Zierat. Nach ihnen kamen Krieger von allerlei Völkern in mannigfaltiger Bewaffnung und Kleidung. Am zweiten Tage eröffneten den Zug stattliche Reiter und Speerträger mit niedergesenkten Waffen. Ihnen folgte der heilige Wagen, auf welchem das weithin strahlende goldene Abbild der Sonne sich befand.

[Abb.]

Hinter diesem kam der König selbst, von zahlreichen Lanzenträgern und Reitern umgeben. Zu gleicher Zeit segelte die Flotte nach dem jenseitigen Ufer. Sieben Tage ununterbrochen dauerte der Zug. Als endlich der Übergang vollendet war, steuerten die Schiffe durch den Hellespontos und weiter der thrakischen Küste entlang bis zum Ausflusse des Hebros, wo sich eine weite Ebene ausbreitete, welcher von der Festung Doriskos beherrscht wurde. Daselbst warteten sie, bis das Landherr anlangte. Hier waren schon längst Vorbereitungen für den Feldzug getroffen, Magazine angelegt und Vorräte aller Art zusammengebracht; auch sollte hier vor dem Beginn des Kampfes eine allgemeine Musterung des Heeres und der Flotte gehalten werden. Xerxes befahl eine Zählung des gesamten Kriegsvolkes, und es soll sich ergeben haben, (S. 270) daß die Menge der streitbaren Männer 1700000, die Zahl der Schiffe über 1200 betrug. Der König selbst fuhr auf seinem glänzenden Wagen durch alle Scharen und ließ sich die nötigen Mitteilungen machen, welche seine Schreiber aufzeichneten; ebenso besuchte er, auf einem sidonischen Schnellsegler unter einem goldenen Baldachin ruhend, die einzelnen Geschwader der Flotte. 

Als die Musterung beendet war, ließ Xerxes den Demaratos, den vormaligen König in Sparta, zu sich bescheiden, der auf des Kleomenes Betreiben aus seiner Vaterstadt hatte entweichen müssen. Diesen fragte er, ob er wohl glaube, daß die Hellenen wagen würden, ihm Widerstand zu leisten. "Herr", sagte Demaratos, "es sind zwar alle Hellenen tapfere Leute, doch will ich nur von den Lakedämoniern reden, weil ich ihre Weise am besten kenne. Diese sind, einzeln genommen, nicht stärker als andre Menschen; in geordneter Heerschar dagegen sind sie die tapfersten von allen Völkern und werden deine Vorschläge nicht annehmen, sondern, ohne nach der Zahl zu fragen, zum Streit ausziehen, ob sie auch von den andern Hellen allein gelassen würden. Denn sie haben auch einen Herrn, nämlich das Gesetz, und das befiehlt ihnen, vor keiner Macht aus der Schlacht zu fliehen, sondern in ihrer Ordnung zu bleiben, zu siegen oder zu sterben." Xerxes verlachte damals die Rede, welche ihm thöricht schien, entließ jedoch den Demaratos gnädig.

Vom Hebros bewegte sich die Landmacht in drei Heeressäulen weiter; die erste zog längs der Küste unter Mardonios und Masistes; die zweite, von Xerxes selbst angeführt, mehr im Innern des Landes, die dritte in noch weiterer Entfernung vom Meere. Alle Völker Thrakiens und Makedoniens gaben Tribut und leisteten Heeresfolge, außer denen, die in den Bergklüften wohnten. So gelangte man nach Therma, wo auch die Flotte vor Anker ging. Diese hatte diesmal nicht das gefährliche Vorgebirge Athos umschifft, sondern war durch einen Kanal gefahren, an welchem man schon seit mehreren Jahren gearbeitet hatte. Schon hieraus ist ersichtlich, daß der große Heereszug nicht unbedacht, sondern nach langen und umsichtig getroffenen Vorbereitungen unternommen wurde.

Jenseit Therma, von der Mündung des Echedoros um den unteren Lauf des Axios, des Hauptstromes von Makedonien, bis an den Ausfluß des Haliakmon, lagerte das Heer in einer Ausdehnung von fünf Meilen. Es hielt Rast, um sich durch Ruhe und gute Verpflegung von den Anstrengungen des weiten Marsches zu erholen und zum bevorstehenden Kampfe zu stärken, zu welchem Zwecke in großen Magazinen reichlicher Mundvorrat angehäuft war.

Der König vernahm während der Rast manche Wundersage von dem Götterberg Olympos, dessen schneebedeckte Gipfel herüberleuchteten, und von dem schönen Tempe, dem einzig gangbaren Passe in das Innere von Thessalien. Er fuhr auf einem sidonischen Schiffe an die Mündung des Peneios und erkannte, daß es unmöglich sei, die zahllose Masse der Streiter und des Trosses durch die enge Schlucht zu führen. Er meinte, die Thessaler hätten weise gehandelt, sich zu unterwerfen, denn er hätte sonst den Ausgang zugedämmt und das Land in einen See verwandelt. Aber er besuchte nicht das reizende Thal mit seinem frischen Rasen, seinen duftigen Kräutern und blütenreichen (S. 271) Sträuchern; er sah nicht die steilen Abhänge und überhängenden Berghäupter, noch hörte er den melodischen Vogelgesang, welcher hier den ganzen Tag unter dem Schatten der Platanen um den Peneios ertönt. Er fuhr zurück zu dem Heere, wo ihm die roten Kriegsgewänder, die von Gold strahlenden Rüstungen seiner Trabanten und die Schmeichelreden seiner Höflinge besser behagten.

Einige Zeit lagerte die persische Heeresmacht an diesen Orten, bis die Wege über das Gebirge gangbar gemacht waren; dann setzte sie sich wieder in Bewegung und rückte durch das Land der Thessaler und durch Achaia über Halos und Antikyra in das Gebiet der Malier, welches von den thrachinischen Felsenhöhen umschlossen ist. In der Ebene um die Stadt Trachis, zwischen den Flüssen Melas und Asopos, ward abermals Halt gemacht, denn man erfuhr, daß mittagwärts, wo sich das unwegsame Gebirge dem Meere nähert, hellenische Krieger sichtbar würden.

Die griechischen Staaten waren indessen schlecht gerüstet gegen den furchtbaren Feind, der unaufhaltsam zum Verderben des ganzen Landes heranzog; etlich, namentlich die Thebaner und Argiver, dachten an Unterwerfung, andre an Widerstand. Abgesandte der zum Widerstande entschlossenen Staaten waren schon lange auf dem Isthmos von Korinth versammelt und berieten, was zu thun sei. Sie schickten Boten nach den westlichen Inseln, andre nach Sizilien, um Bundesgenossen zu werben, aber vergeblich. Gelon zwar, der damals mit Weisheit und Waffengewalt über Syrakus und viele andre sizilische Städte herrschte, verhieß mächtige Hilfe zu Wasser und zu Lande, wenn man ihm den Oberbefehl übertragen wolle; aber die Männer von Lakedämon, die bei der Gesandtschaft waren, sprachen: "Wahrlich, wie würde sich der Atride Agamemnon im Hades grämen, wenn er vernähme, ein Syrakusier habe den Lakedömoniern die Führerschaft entzogen!" Ähnlich sprachen die Athener, und Gelon verweigerte deshalb seine Unterstützung, um so mehr weil er zugleich durch ein großes Heer der Karthager bedroht wurde, das er nachmals glücklich besiegte.

Auf sich selbst angewiesen, beschlossen die zum Widerstande verbündeten hellenischen Staaten nunmehr den Versuch zu machen, die Barbaren im Thale Tempe durch eine vorgeschobene Kriegsschar aufzuhalten. In der That wurden 10000 Hopliten unter Anführung des spartanischen Polemarchen Euänetos und des Themistokles nach dem Thale Tempe gesendet. Sie sollten in Verbindung mit den thessalischen Stämmen zugleich die wenigen steilen Straßen über den Olympos decken. Indessen da das feindliche Argos, ganz Böotien, die Malier und selbst die Mehrzahl der thessalischen Völker, wie Doloper, Perrhäber, Magneten u.a. dem Perserkönige Erde und Wasser als Zeichen der Unterwerfung sendeten, und da der den Griechen befreundete König Aexandros von Makedonien unter Hinweis auf die gewaltige Übermacht der persischen Heeres die Griechen vor der drohenden Gefahr, umzingelt zu werden, warnte, so zog man den im Rücken bedrohten Heerhaufen wieder zurück. Dagegen ward nach Beseitigung aller inneren Zwistigkeiten nicht ohne Umsicht und Sachkenntnis ein andrer Plan entworfen und ausgeführt. Es wurde nämlich ein 7200 Hopliten starker, auserlesener Kriegshaufen zur Verteidigung des Engpasses von Thermopylä abgesandt; die Flotte aber von nicht ganz 300 Schiffen (S. 272) erhielt Befehl, in die Meerenge von Euböa zu steueren und dort in der Nähe jenes Passes der Seemacht der Barbaren die Spitze zu bieten.

Thermopylä. Wäre das gesamte Aufgebot des Peloponnesos ausgerückt, um die Pässe des Öta zu besetzen, so wäre vielleicht durch die vereinigten hellenischen Streitkräfte der weitere Vormarsch der persischen Macht zu Lande zu hemmen gewesen. Daß man aber nur jene immerhin unbedeutende Vorhut nach dem entlegenen Posten entsandte, beweist die geringe Zuversicht, welche man auf diese Verteidigung setzte. Den Spartanern und überhaupt den Peloponnesiern kam es vor allem darauf an, im Notfalle wenigsten den Isthmos zu behaupten; zu diesem Zwecke behielten sie ihre Hauptmacht zurück, und die zunächst bedrohten Athener mußten sich vorläufig mit der Versicherung trösten, daß dieselbe dem voraufgesandten kleinen Heerhaufen bald nachfolgen werde.

Zum äußersten Kampfe für hellenische Freiheit war übrigens, wie Athen, so auch Sparta entschlossen. Durch Sendboten hatte man schon in Sardeis die persische Rüstung erspähen lassen. Diese Kundschafter waren ergriffen, aber von dem König zurückgesendet worden, um ihren Landsleuten die Furchtbarkeit seiner Macht zu schildern. Ihre Beschreibungen hatten Schrecken verbreitet. Noch mehr thaten dies unheilverkündende Sprüche des Orakels von Delphoi. "Unselige", sprach die Priesterin, "was sucht ihr hier? Verlaßt eure Häuser und flieht bis ans Ende der Erde; denn alles in Staub reißt Feuer und Ares' Grimm, der den Syrierwagen einhertreibt!"

Ungeachtet solcher Schicksalssprüche dachten die Vorkämpfer von Hellas nicht an Unterwerfung, und die streitbaren Männer welche nach dem Engpaß entsandt wurden, zogen getrosten Mutes ihrer Bestimmung entgegen.

Die Örtlichkeit war für den Zweck wohlgeeignet, denn schroff und unwegsam zieht sich vom Pindos die Öta-Kette bis nahe an den malischen Meerbusen, dessen nächste Ufer bodenlose Sümpfe bedecken. Zwischen den Mooren und den steil abfallenden Bergwänden führt eine enge Straße aus dem Lande der Malier in das der Lokrer und weiter in das innere Land. Der Paß verengt sich an zwei Stellen derartig, daß kaum einige Wagen nebeneinander fahren können, und tritt hierauf in freieren Raum, wo am Fuße des Gebirges warme Quellen entspringen; sodann wird die Schlucht von vorspringenden Felsen dicht umlagert, bis sie am rauschenden Asopos sich wieder erweitert und endlich in die trachinische Ebene ausläuft.

Noch bestand ein altes, ursprünglich von den Phokern zur Abwehr der Einfälle der Thessaler erbautes Mauerwerk als Schutzwehr im östlichen Teile des Passes, der von den warmen schwefelhaltigen Quellen den Namen Thermopylä (warme Thore) führte. Dahin rückte der hellenische Heerhaufen von ungefähr 7000 schwergerüsteten Kriegern, deren Kern 300 spartanische Bürger unter ihrem Könige Leonidas bildeten. Die Streiter aus Arkadien, Mykenä, Phlius, Korinth, Lokris, Phokis, besonders 700 aus der böotischen Stadt Thespiä, ferner 1000 Periöken aus Lakonia, waren alle zuverlässige Leute; nur den 400 Hopliten aus Theben war weniger zu trauen, weil diese Stadt den Persern heimlich zugethan war. Während sich diese Handvoll Leute zum Kampf auf Leben und Tod wider die ganze Macht der Barbaren rüstete, (S. 273) feierte das übrige Griechenland die Spiele zu Olympia. Es läßt sich nicht entscheiden, ob dies aus thörichter Sorglosigkeit oder aus religiöser Gewissenhaftigkeit geschah, oder ob die Spartaner den verzögerten AUszug des Hauptheeres dadurch entschuldigen wollten.

Artemision. Besser gerüstet waren die Hellenen zur See. Ihre Flotte in einer Stärke von 280 Trieren, wozu die Athener bei weitem die Mehrzahl gestellt hatten, steuerte durch den Sund von Euböa und weiter an dem malischen Busen vorbei, wo Leonidas mit seinem Heerhaufen lagerte. Sie nahm Stellung an der nordöstlichen Spitze jener Insel unter dem Schutze der Artemis, deren Hain und Tempel das Vorgebirge Artemision schmückte. 

[Abb.]

Zwei leichte Fahrzeuge unterhielten die Verbindung mit Leonidas, drei Kriegsschiffe ankerten nördlich an der Insel Skiathos, um die Bewegungen der Perser zu erspähen. Diese ließen nicht lange auf sich warten, und weithin war, als sie heranzogen, das Meer längs der Küste der Magneten, welche die Höhen des Pelion überlagern, mit Segeln bedeckt; denn die ganze feindliche Flotte mit Einschluß der leichten Kriegsschiffe und der Frachtschiffe betrug über 3000 Fahrzeuge, eine Armada, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

Zehn persische Schnellsegler machten sogleich Jagd auf die hellenische Vorhut bei Skiathos und nahmen zwei Schiffe derselben; das dritte aber, ein athenisches, lief auf den Strand, so daß die Mannschaft sich rettete. 

(S. 274) Ein Feuersignal, das auf der Insel emporstieg, verkündigte den Hellenen die nahende Gefahr, worauf sie erschrocken nach Chalkis in die Mitte der Meerenge zurückwichen. Die Barbaren gingen indessen an der Küste des festen Landes vor Anker. Der Großadmiral Achämenes, ein Bruder des Königs, wagte nicht, in der Dunkelheit des Abens an den Klippen von Skiathos vorüber zu segeln; er ließ einen Teil der Schiffe am Strande selbst anlegen, die andern in acht langen Reihen weit ins offene Meer hinaus Stellung nehmen.

Am folgenden Tage war der Himmel ganz hell, kein Lüftchen wehte, tiefe Ruhe schien über Land und Meer ausgebreitet. Kundige Seeleute aber wußten, daß diese trügerische Stille der Vorbote großen Sturmes sei, und suchten ihre Schiffe am Lande zu bergen. Bald wogte auch die See, und ein fürchterlicher Orkan stürmte von Nordost her. Da kam schweres Unglück über die Schiffe der Barbaren, welche noch nicht geborgen waren. Wohl an 400 scheiterten an den Klippen des Pelion oder an dem Vorgebirge Sepias, denn das Unwetter dauerte drei Tage und drei Nächte trotz der Opfer und Beschwörungen der persischen Magier.

Als die Hellenen, welche in sicheren Buchten geborgen waren, von dem feindlichen Verlust Kunde erhielten, fuhren sie mutig wieder nach Artemision, denn sie meinten, die Flotte der Barbaren sei größtenteils zu Grunde gerichtet. Die Perser dagegen steuerten in den Meerbusen von Pagasä, wo einst die Könige von Jolkos geherrscht hatten. Daselbst vernahmen sie, daß die schwache hellenische Flotte bei Artemision Stand zu halten entschlossen scheine, und sendeten deshalb 200 Schiffe um die Insel Euböa, damit jene, völlig eingeschlossen, mit Mann und Maus in ihre Gewalt geriete. Als die Griechen die feindliche Seemacht in weit überlegener Zahl heransegeln sahen, erfaßte sie Bestürzung. Der Spartaner Eurybiades, der Befehlshaber der ganzen Flotte, ordnete sofort den abermaligen Rückzug an; aber der umsichtige Themistokles, welche die Athener befehligte, bewog ihn durch ein Geschenk von fünf Talenten und den Feldherrn der Korinthier Adeimantos durch ein solches von drei Talenten, das Glück der Schlacht zu versuchen. Er hatte aber diese und weit größere Summen (30 Talente = 141000 Mark) von den Euböern empfangen, damit er sie vor den Barbaren beschütze, und auf diese Art bereicherte er sich selbst, während er zugleich seinen Zweck erreichte. Die Schlacht begann gegen Abend. Die Griechen eröffneten mit kühnem Ungestüm das Gefacht und stritten mit großem Heldenmute, und erst die Nacht machte dem unentschiedenen Kampfe ein Ende. Es folgte aber dem blutigen Tage eine fürchterliche Nacht. Dunkle Wetterwolken zogen unter dem Rollen des Donners und dem Aufleuchten der Blitze vom Pelion daher, der Sturm wühlte das Meer auf und trieb Leichen und Schiffstrümmer an Land; die Elemente schienen mit allen ihren Schrecknissen entfesselt zu sein, um die Macht der Barbaren zu brechen, während die Griechen die ihnen bekannten sicheren Häfen aufgesucht hatten. 

Am schrecklichsten war das Unwetter für die 200 persischen Schiffe, welche Euböa umsegelten. Sie strandeten teils auf Untiefen und an Klippen, teils wurden sie auf offener See von den Wellen verschlungen. Poseidon und Boreas stritten für das gottgeliebte Hellas, wie die Griechen glaubten. - Am Tage nach der Schreckensnacht wagten die Hellenen, deren Kampfesmut durch (S. 275) das Eintreffen von 53 weiteren attischen Kriegsschiffen gehoben wurde, mit glücklichem Erfolge verschiedene neue Angriffe; am dritten Tage aber hatten die Perser ihren Schaden, so gut es gehen wollte, ausgebessert, rückten wieder zur Schlacht vor und stritten mit Mut und Ausdauer, so da0 auf beiden Seiten viele Schiffe und Mannschaften zu Grunde gingen. Am Abend nach der Schlacht sahen die Griechen mit Schrecken, wie gar übel sie zugerichtet waren, wie namenlich die Hälfte der athenischen Schiffe kaum noch die See halten konnte. Da nun überdies folgenden Tags ein Späherschiff traurige Nachrichten von Thermopylä herüberbrachte, so ward ungesäumt der Rückzug nach dem Saronischen Golfe angetreten. -

Als die Perser zu Trachis im Malierlande lagerten, erblickten sie vor sich im Engpaß hellenische Waffen, wie wir oben bereits erzählt haben. Ein Späher auf schnellem Rosse ward abgesandt, zu erkunden, was das für Leute wären. Der Mann ritt vorsichtig heran und sah nur die Spartaner, welche die Vorhut bildeten; die übrigen aber, welche die phokische Mauer deckte, sah er nicht. Von den Spartanern beschäftigten sich etliche mit kriegerischen Übungen, andre putzten ihre Waffen, nach andre kämmten und schmückten ihr Haupthaar. Der Bote kehrte unangefochten zurück und berichtete dem Könige, was er beobachtet hatte. Das schien diesem eine sehr thörichte Sache, und er meinte, die einfältigen Leute würden wohl bald davonlaufen. Indessen geschah dies keineswegs; er schickte daher einen Herold an Leonidas und ließ ihm die Waffen abfordern. "Der König komme und hole sie!" antwortete der Held mit lakonischer Kürze. Ein trachinischer Mann, der dabei stand, versicherte, die Meder würden mit ihren Geschossen die Sonne verdunkeln. "Wohl gesprochen, trachinischer Freund", rief ein andrer Spartaner, "dann fechten wir im Schatten."

Der persische König, dessen Geduld jetzt erschöpft war, befahl dem Heerhaufen der Meder und Kissier, vorzurücken und die Verteidiger des Passes womöglich lebendig einzufangen und vor ihn zu führen. Sofort rückten jene in großen, doch ungeordneten Massen heran, konnten aber durch ihre wiederholten Angriffe nichts ausrichten, sondern erlitten selbst beträchtlichen Verlust. Da ward es denn offenbar, daß der König wohl viele Menschen, aber wenig Männer habe. Noch vor Abend rückten die Perser selbst heran, und zwar die von Gold strahlende Schar der Unsterblichen unter dem Befehle des Hydarnes. Sie zogen in beserer Ordnung einher und eröffneten den Kampf, indem sie eine Wolke von Pfeilen voraussandten. Die Lakedämonier ergriffen sogleich die Flucht, und die Barbaren folgten mit lautem Geschrei. Aber gerade hier offenbarte sich die überlegene Kriegserfahrung der Spartaner. Die Flucht war eine verstellte; im Augenblicke standen sie wieder in festgeschlossenen Rotten, drangen auf den nachjagenden Feind ein und warfen ihn überall unter großem Blutvergießen zu Boden. In der Enge konnte die Übermacht nichts helfen, Tausende sanken unter dem furchtbaren Stoße der langen Speere, gegen welche der leichte persische Schild und die kurze Lanze unzureichende Waffen waren.

Auch am dritten Tage erneuerten sich fast ohne Unterbrechung die Angriffe, doch mit gleich schlechtem Erfolge. Die Hellenen wechselten nach den verschiedenen Völkerschaften miteinander ab und kämpften unter spartanischer (S. 276) Führung mit spartanischem Mute. Die Phoker standen unterdessen auf der Höhe des Gebirges, um den wenig bekannten Bergweg Anopäa zu bewachen, auf welchem die Thermopylen umgangen werden konnten.

Xerxes befand sich ratlos am Eingange von Hellas. Wie eine alles überwältigende Wasserflut war sein Heer dahergerauscht, und nun setzten ihm schwache Menschenhände eine unüberwindliche Schranke entgegen. Da bat ein Malier, mit Namen Ephialtes, um Gehör und berichtete, als er Zutritt erhalten hatte, von dem verborgenen Bergweg; zugleich erklärte er sich bereit, einen persischen Heerhaufen in den Rücken der Griechen zu führen. In später Abenddämmerung setzte er sich mit jenen 10000 Persern, welche man die Unsterblichen nannte, in Bewegung und stieg vom rechten Asoposufer den schmalen Pfad, die sogenannte Anopäa, der auf den Gipfel des Berges führte, immer aufwärts im Dunkel der Nacht durch Fichten- und Eichenwälder. Leichtsinnig hatten die Phoker versäumt, Wachen aufzustellen; erst die im dürren Laube raschelnden schweren Fußtritte verkündeten ihnen die drohende Gefahr. Eilends wollten sie sich jetzt wappnen, doch die aus dem Walde hervorbrechenden Perser überschütteten sie sogleich mit ihren Geschossen. Da hielten die Phoker nicht Stand; sie flohen auf den Gipfel des Berges und ließen den überlegenen Feind ungehindert den Weg fortsetzen.

Leonidas und seine Helden.  Mit der ersten Morgendämmerung hatte sich auch die Heerschar im Engpasse zum Streit erhoben. Der Opferpriester Megistias schlachtete die Opfertiere und forschte nach Vorbedeutungen. Als er alles genau betrachtet hatte, sprach er: "Die Götter haben heute unsern Tod und immerdauernden Ruhm beschlossen." Während ihn die Umstehenden erstaunt ansahen, kamen Späher eilenden Laufes von den Bergen und verkündigten die Umgehung durch die Perser. Leonidas berief sofort den Kriegsrat. An erfolgreichen Widerstand war nicht mehr zu denken, daher befahl er den Bundesgenossen, den Rückzug anzutreten, um in glücklicherer Zeit für das Vaterland zu kämpfen; ihn und seine Spartiaten, erklärte er, verpflichte das Gesetz, an dem Orte, wo sie gekämpft, zu sterben.

So verließen ihn denn die meisten Verbündeten; die Krieger von Thespiä aber, 700 an der Zahl, erklärten, sie wollten lieber mit den Spartanern in den Tod gehen. Dasselbe sprach und that der Opferpriester Megistias. Nur die Thebaner zwang Leonidas, zur Strafe für ihre medische Gesinnung, wider ihren Willen zum Bleiben. [...]

(S. 277) Nachdem er seine Schar geordnet hatte, schien es ihm unwürdig, daß sie als Leute, die zum Tode entschlossen seien, sich ferner durch die Enge und die Mauer deckten, und er zog hervor in die Breite der Schlucht, wo er bald mit den Feinden zusammentraf. Da dachte nun keiner mehr sein Leben zu schirmen, sondern nur daran, durch tapfere Thaten Ruhm zu gewinnen. Unzählige Perser, die durch Geißelhiebe ihrer Führer vorwärts getrieben wurden, fielen unter ihren Speeren, besonders auch zwei Stiefbrüder des Xerxes, andre wurden im Gedränge erstickt und zertreten, noch andre in die Sümpfe getrieben.

[Abb.]

Wie ein Fels stand Leonidas lange Zeit im Gewühl. Lanzen und Geschosse schwirrten um ihn her und klirrten auf Helm und Schild; endlich sank er tödlich getroffen zu Boden. Über seinem Leichnam entbrannte der Kampf noch heftiger. Viermal wurden die Barbaren in die Flucht geschlagen, dann zogen sich die Hellenen auf die Kunde vom Anrücken des Hydarnes mit ihres Helden Leib durch die Engen zurück. Im östlichen Teil derselben, in der Nähe der Quellen, erhebt sich ein Hügel, noch jetzt mit Lorbeerbäumen, Oleander, Rosmarin, Jasmin und vielen durftigen Kräutern bewachsen, auch (S. 278) hier und da mit weitschattenden Platanen geschmückt, die der Weinstock üppig in reichen Guirlanden umrankt.

Westwärts von diesem Hügel steigen die schroffen, vielfach durchklüfteten Bergwände des Öta empor, wo silberhelle Quellen und Bäche zwischen nackten Felsen und dunklen Waldungen hervorblitzen. Gegen Osten breiten sich Sümpfe und der glänzende Spiegel des malischen Golfes aus, den die thessalischen Höhen in weiter Ferne begrenzen. Hier, von einer lieblichen Natur umgeben, die Blicke über Land und Meer sendend, standen zuletzt die müden Helden. Ihre Speere waren zerbrochen, ihre Helme und Schilde zerhauen. Sie zogen die kurzen Schwerter und kämpften, von allen Seiten umringt und angegriffen, treulich bis in den Tod. So starben die Helden von Thermopylä; aber ihre That ist nicht vergessen. [...] Die Gebeinde des Leonidas und seiner tapfern Schar wurden später an dem Orte begraben, wo die Helden gefallen waren, und auf Befehl der hier tagenden Amphiktyonen wurde daselbst ein steinerner Löwe aufgestellt und eine Denksäule aufgerichtet mit der Inschrift:

"Wanderer, bringe von uns Lakedämons Bürgern die Botschaft:
Folgsam ihrem Gesetz liegen im Grabe wir hier."

Zwei Krieger, Eurytos und Aristodemos, waren vor dem letzten Kampfe wegen Augenkrankheit aus dem Lager fortgesendet worden. Der erstere legte, als er von der Gefahr hörte, seine Rüstung an und ließ sich von seinem Heloten nach dem Kampfplatze führen, wo er bald den Tod fand. Aristodemos dagegen kehrte nach Sparta zurück und war infolgedessen daselbst für ehrlos erklärt, so daß niemand mit ihm verkehren wollte, bis er durch verzweifelte Tapferkeit und einen ruhmvollen Tod in der blutigen Schlacht bei Platäa die Schuld wieder austilgte.

Der thebanische Polemarch Leontiades und seine Hopliten, die widerwillig und nur dem Zwange gehorchend am Kampfe teilgenommen hatten, baten während desselben um Gnade und erhielten sie als Freunde der Perser. Der König ließ aber allen das Mal der Sklaverei aufbrennen, und sie ertrugen es, gebrandmarkt in ihre Vaterstadt zurückzukehren.

Seeschlacht bei Salamis

Durch den offenen Paß von Thermopylä strömten die Wogen des Kriegs unaufhaltsam über Hellas. Doris, Lokris, Euböa und Böotien fielen den Persern widerstandslos in die Hände, nur die Bewohner von Phespiä und Platäa flüchteten zu den Athenern, da sie sich nicht unterwerfen wollten und doch allein zum Widerstande zu schwach waren. Die Phoker flohen in die Wildnisse des Parnassos oder nach dem Meere und hinüber nach dem Peloponnesos. Ihre Städte gingen in Flammen auf. Männer, Weiber und Kinder wurden entehrt, erwürgt oder als Sklaven fortgeschleppt. Auch in das wilde Thal des Pleistos, das gegen Delphoi führt, zogen Horden von Barbaren, um die Schätze des Tempels zu rauben. Aber es überfiel sie ein schweres Unwetter; der Donner rollte unaufhörlich durch die Gebirge, während aus den aufgetürmten Wolken Blitze hervorbrachen. Bei ihrem Aufleuchten (S. 279) sahen sie das Heiligtum von Gewappneten umringt; zugleich schlugen herabstürzende Felsstücke und ein Hagel von Steinen und Geschossen unter die emporklimmenden Haufen, so daß sie sich zur Flucht wendeten.

Die Hauptmacht der Perser rückte indessen nach Attika vor, an dessen Küste die hellenische Flotte bei der Insel Salamis vor Anker gegangen war. Als hier die Führer der athenischen Geschwader vernahmen, daß die Peloponnesier, statt dem gemeinsamen Feinde in Böotinen zu begegnen, nur auf Verschanzung und Verteidigung der korinthischen Landenge bedacht wären, erkannten sie, daß der Untergang ihrer Vaterstadt nicht abzuwenden sei.

[Abb.]

Etliche von ihnen, darunter Themistokles, begaben sich deshalb persönlich nach Athen, wo sie alles in der größten Bestürzung und Ratlosigkeit fanden, so daß Themistokles nur mit Mühe und unter Aufbietung seines ganzes Einflusses und seiner ganzen Beredsamkeit das Volk dem Unvermeidlichen gegenüber zu einer männlichen Entschließung zu bewegen vermochte. Boten hatten von der Pythia zu Delphoi den Spruch erhalten:

"Wenn auch alles Land den Feinden erliegt, was des Kekrops
Berg einschließt und die Schlucht der heiligen Höhe Kithäron,
Bleibt die hölzerne Mauer allein der Trotogeneia (Athene)
Unbezwungen, die sich samt deinen Kinder errettet."

Themistokles. Man stritt hin und her, was unter den rettenden hölzernen Mauern zu verstehen sei; da trat Themistokles unter die zweifelnden Bürger und bewies mit beredten Worten, daß der Gott damit nichts andres meine als die wohlgerüstete Flotte, die wie eine sichere Burg auf dem befreundeten Meere daherschwimme und ein Asyl gewähre, wenn auch die altehrwürdige (S. 280) Stadt in Schutt und Asche verwandelt werde. Seine Rede war so überzeugend, daß sogleich Kimon, des Miltiades Sohn, an der Spitze einer Schar der vornehmsten Jünglinge, da der Staat keiner Reiter, sondern tapfere Kämpfer zur See bedürfe, die Zügel seines Pferdes in dem Tempel der Athene aufhängte, einen der dort befestigten Schilde nahm und damit an Bord ging. Der größte Teil der Bürger folgte seinem Beispiel. Sie retteten, was zu retten war, sich selbst, ihre Weiber, Kinder und Sklaven und alle bewegliche Habe, die man fortbringen konnte. Die wehrhafte mannschaft verstärkte die Besatzung der Schiffe, die wehrlosen Leute und die Habe wurden nach Salamis oder nach Ägina und Trözene in Sicherheit gebracht. Es wird erzählt, daß bei der Überfahrt ein Hund des Xanthippos, den dieser zurückgelassen hatte, schwimmend den Schiffen bis Salamis folgte und dann, nachdem er noch einmal seinen Herrn angeblickt, infolge der übergroßen Anstrengung verendete. Einige Greise und eine Anzahl von Bürgern aus den niederen Ständen hatten die Stadt nicht verlassen wollen. Sie deuteten den Orakelspruch auf die ehemals mit einem hölzernen Pfahlwerk befestigte Akropolis und rüsteten sich hier zur Verteidigung. Bald brachen die Barbaren in die Stadt und schossen vom Areiopagos her Brandpfeile nach der Burg, wodurch die Belagerten in die äußerste Not gerieten. Als diese dennoch den Andrang der Feinde gegen die Thore durch herabgewälzte Steine abzuwehren suchten, erstiegen endlich einige feindliche Haufen die unbewachte steile Nordseite der Burg, metzelten die Verteidiger nieder und zündeten die Tempel an. Die aufsteigenden Feuersäulen verkündigten den Athenern auf der Flotte, daß ihre Vaterstadt nicht mehr sei. Es war ein schauerlicher Anblick; doch beugte er den Mut der Männer nicht, denn sie hatten ihr teuerstes Gut, ihre Freiheit bewahrt und sie erkannten, daß jetzt allein auf ihrer Tüchtigkeit und auf ihren Waffen das Wohl des Vaterlandes beruhe.

Dagegen gerieten die Führer der peloponnesischen Geschwader in große Sorge. Das Schicksal Athens schien ihnen auch das ihrer eignen Städte zu bedeuten, wenn sie nicht eilten, dieselben zu beschirmen. Wohl war die Flotte viel zahlreicher als bei Artemision. Sie zählte gegen 370 wohlbemannte Kriegsschiffe, von denen über die Hälfte athenische waren. Die verschiedenen Staaten hatten fast ihre ganze Seemacht abgesandt; selbst von Kroton aus Großgriechenland war ein gut gerüstetes Schiff angekommen. Dennoch fürchtete man die Übermacht der Perser. Die Mehrzahl der Führer entschied sich daher für einen ferneren Rückzug nach dem Isthmos, um dort im Angesichte des peloponnesischen Heeres den Kampf der Entscheidung zu bestehen.

Tief bekümmert kehrte Themistokles aus dem Kriegsrate zurück. Einer seiner Freunde aber ermunterte ihn, noch einen letzten Versuch zu machen, den obersten Befehlshaber Eurybiades zur Schlacht zu bewegen. Themistokles ging daher nochmals zu dem Feldherrn an Bord und stellt ihm die Lage der Dinge in beweglicher Rede vor, wie durch Ausführung des Beschlusses auch Salamis, Megara und Ägina verloren seien, wie die Barbaren an den Künsten des Peloponnesos landen und die Verteidigung des Isthmos nutzlos machen könnten, und viele andre Dinge.

Eurybiades berief abermals eine Versammlung der Flottenführer, in welcher Themistokles sogleich das Wort ergriff. Adeimantos, der korinthische (S. 281) Führer, unterbrach ihn, indem er ausrief: "Bei den Kampfspielen werden die gestraft, die voreilig aufstehen." - "Aber die zurückbleiben, werden niemals bekränzt", erwiderte ihm der Athener und wendete sich dann mit feuriger Rede an Eurybiades. Er zeigte ihm, wie in seiner Hand die Rettung von Hellas liege, wie die Schlacht in der Enge bei Salamis auch gegen die Übermacht wohl mit tapferem Mute gewonnen werden könne, nicht aber im offenen Meere am Isthmos, wie nur durch einen Sie an dieser Stelle Salamis und die dahin geflüchteten Frauen und Kinder der Athener und zugleich Megara und Ägina, ja der ganze Peloponnesos gerettet werden könnten, während durch Verlassen der günstigen Stellung alles ohne Schwertstreich den Barbaren preisgegeben würde.

Themistokles schloß seine Rede mit den für alle Zeiten geltenden Worten: "Wenn man einen vernünftigen und mutigen Entschluß faßt, so ist der Erfolg fast immer günstig; geht man aber unklug und mutlos zu Werke, so verweigert uns auch die Gottheit ihre Hilfe." Ihm erwiderte Adeimantos mit großer Bitterkeit, er habe kein Vaterland mehr, daher dürfe er, ein heimatloser Mann, gar nicht mitreden Darauf versetzte Themistokles, er habe ein größeres Vaterland, als Korinth oder irgend ein hellenischer Staat sei, nämlich 200 athenische SChiffe, die jetzt die Hauptstütze in der allen bevorstehenden Not seien. Wolle man diese Heimat verachten und gemeinsamen Widerstand gegen die Barbaren verweigern, so nehme er die Hausgenossen auf Salamis an Bord und steuere nach Italien, wo ein alter Orakelspruch ihnen am Siris Wohnsitze verheiße, und gründe dort ein andres, glücklicheres Athen. Diese Drohung entschied und man rüstete sich zur Schlacht. Als jedoch eine Botschaft nach der andern ankam und berichtete, daß die feindliche Flotte, verstärkt und zahlreicher als zuvor, in dem Hafen von Phaleron und an der Küste umher vor Anker gegangen sei, während das Hauptheer der Barbaren nach dem Peloponnesos vorrücke, da entsank den Führern der Mut, und die Peloponnesier drangen mit Ungestüm in den Oberfeldherrn, ungesäumt den Rückzug anzuordnen, weil im Fall einer Niederlage die ganze Seemacht der Hellenen verloren sei.

List des Themistokles. In dieser Bedrängnis that Themistokles einen Schritt, der ebenso ein Beweis seiner Kühnheit wie seiner nie um einen Ausweg verlegenen Verschlagenheit war. Er schickte nämlich heimlich seinen treuen Diener Sikinnos, der Erzieher seiner Kinder, zu dem Befehlshaber der feindlichen Flotte und ließ ihm sagen, daß die Hellenen nur auf Flucht bedacht wären, daß sie jetzt mit einem Schlage vernichtet, sonst aber nur durch viele einzelne Kämpfe überwunden werden könnten. Dieser Rat schien der eines heimlichen Freundes, welcher dem großen König Sieg und Ruhm wünschte. Da nun der Angriff auf die Hellenen schon vorher festgesetzt war, so beschloß man, von dem Rate Vorteil zu ziehen. Die persische Flotte lag von Phaleron bei Athen bis zum Vorgebirge SUnion. Der aus Phönikern bestehende rechte Flügel erhielt jetzt Befehl, um Salamis herum zu steuern und durch die westliche Enge in den Busen von Eleusis einzulenken. Ebendahin ruderte das Mitteltreffen, welches die Trieren von Kilikien, Kypros und Ägypten bildeten. Es trat jenseits des Höhenrückens Ägaleos wieder mit den Phönikern in Verbindung, während die Ionier und Karer des linken Flügels, der Bewegung (S. 282) folgend, den Halbkreis um die hellenische Flotte vollendeten. Ihnen diente das von persischen Kriegern besetzte Eiland Psyttaleia am östlichen Eingange der Meerenge zur Stütze; die übrigen Geschwader fanden einen Rückhalt an der persischen Landmacht, die von Athen bis über Eleusis ausgebreitet war. Die ganze Nacht hindurch dauerten die Bewegungen; am Morgen war die beabsichtigte Aufstellung gelungen, und der Admiral Achämenes durfte wohl beim Anblick des fest geschlossenen Ringes einen glänzenden Sieg für unzweifelhaft halten.

Noch immer haderten die griechischen Schiffsführer, welche bei Eurybiades versammelt waren, als Themistokles plötzlich herausgerufen ward. Auf das Verdeck tretend, sah er den Mann vor sich stehen, dem er einst bitteres Leid zugefügt hatte, den verbannten Aristeides. Derselbe hatte in der Not des Vaterlandes alles erlittene Unrecht vergessen und war mit äußerster Gefahr auf einem äginetischen Fahrzeuge herbeigekommen, um seinen Landsleuten die Einschließung der hellenischen Flotte durch die Perser und die Notwendigkeit des Kampfes zu verkünden. "Themistokles", sagte er, "jetzt ist die Zeit da, und sie sollte immer da sein, daß wir miteinander streiten, wer von uns beiden dem Vaterland die größte Wohlthat erzeigt. Darum bringe ich jetzt Nachricht von den Barbaren. Sie haben sich ringsumher aufgestellt, und nun mögen die Peloponnesier nur immer von Abfahrt reden; es ist kein Ausweg mehr vorhanden als derjenige, welchen wir uns mit den Waffen öffnen."

"Du bist ein glücklicher Bote", versetzte Themistokles, "denn was ich wünschte, ist geschehen. Gehe du nun selbst zu den Obersten und melde, wie die Sache steht." - Der Morgen brach an, die Schiffe lichteten die Anker; die Führer, jetzt nicht mehr unschlüssig, ermahnten zum tapfern Streit. Von allen Seiten drangen die Barbaren vor, während die Hellenen langsam rückwärts in die Enge der Bucht ruderten. Da hörte man da und dort den lauten Ruf: "Feigherzige, wie lange weicht ihr noch zurück!" Zugleich war das Schiff des Atheners Ameinias, eines Bruders des großen Dichters Äschylos, von einem Phöniker geentert; man eilte von beiden Seiten zu Hilfe, und das Treffen war allgemein. Den Athenern gegenüber, abendwärts nach Eleusis zu, stritten die Phöniker, wider die Peloponnesier auf dem östlichen Flügel der Aufstellung kämpften die Ionier. Die Schlacht war hartnäckig, und im Anfang, solange von beiden Seiten vereinzelt gekämpft wurde, überwältigten die Barbaren viele hellenische Schiffe, als aber die Hellenen ihre Ordnung herstellten und sich in der Enge mit Geschick und Kühnheit bewegten, nahm die Sache eine andre Wendung.

Sieg der Griechen. Xerxes hatte sich einen Thron auf einem Vorsprung des Höhenzugs Ägaleos, südwestlich von Athen, errichten lassen. Er sah vergnügt über das Meer und die darin zerstreut liegenden Inseln. Da lag seine unermeßliche Armada in stolzer Haltung, dort ragten die Felsen von Psyttaleia hervor, weiter sah er die zusammengedrängte Flotte der Hellenen, dahinter die nackten Höhen von Salamis, von wo einige Scharen Hopliten und Greise, Weiber und Kinder gespannt auf den Ausgang des blutigen Schauspiels herabsahen. Sein Blick streifte bis zu den Hochgebirgen des Peloponnesos, der, wie er glaubte, bald ihm unterthan sein sollte. Als die Schlacht begonnen hatte, wendete Xerxes seine Aufmerksamkeit dem kleine Raume zu, wo sie wütete.

(S. 283 und 284) [Abb.]

(S. 285) Da erkannte er staunend, wie seine Flotte, da und dort in Unordnung geriet, wie die vordersten Fahrzeuge zurückwichen, die hinteren vordrangen, wie sie sich gegenseitig im Gedränge Steuer und Ruder zerbrachen und dadurch großen Schaden zufügten, wie die Ägineten die Waffen seines linken Flügels mit siegender Gewalt durchbrachen, wie auch die Phöniker und Ägypter vor den Athenern zurückwichen und die Unordnung, das Gedränge nach dem östlichen Ausgange der Meerenge noch vermehrten. Wohl bemerkte der König einzelne tapfere Thaten seiner Schiffsobersten, aber er sah zugleich, daß sie die Ordnung nicht herstellen, die Niederlage nicht abwehren konnten. Mit großer Tapferkeit stritten die Schiffe der karischen Königin Artemisia, ebenso die der Samier. Ein Kriegsschiff von Samothrake bohrte ein athenisches in den Grund, ward darauf aber von einem äginetischen zum Sinken gebracht; indes die Mannschaft überwältigte die Ägineten mit ihren Geschossen und erstieg das Schiff derselben, während ihr eignes schon als Wrack forttrieb.

Themistokles stürmte auf das hochragende Schiff des Achämeniden Ariabignes los, welches ihn mit Wolken von Geschossen empfing. Aber gleichzeitig durchbohrte es der schon oben genannte kühne Ameinias mit dem ehernen Schnabel seiner Galeere, und als der tapfere Perser, ein Bruder des Königs Xerxes, mit seinem Gefolge an Bord des feindlichen Fahrzeuges sprang, empfingen ihn die Hopliten mit ihren Speeren und stießen ihn ins Meer hinab. Der Äginete Krios, welcher vor den Augen des Themistokles ein sidonisches Schiff nahm, rief den Athenern zu: "So beweisen die Ägineten ihre medische Gesinnung!" Mehr und mehr nahmen Verwirrung und Schrecken unter den Barbaren zu, so daß die Feldherren bald nicht mehr auf Sieg, sondern nur auf Rettung bedacht waren.

Die Hellenen beweisen sich nicht säumig in der Verfolgung; viele Schiffe bohrten sie in den Grund, andre nahmen sie mit siegender Hand. Die Königin Artemisia entging ihren Verfolgern nur dadurch, daß ihre Triere ein im Wege stehendes persisches Schiff niederrannte. Was sich von der persischen Flotte retten konnte, floh nach Phaleron, wo sich ein Teil des Landheeres zum Schutze aufgestellt hatte; die persische Besatzung auf Psyttaleia fiel nach vergeblichem Widerstande durch die Speere der unter Anführung des Aristeides gelandeten Hopliten.

Den folgenden Tag verwendeten die Griechen dazu, ihre vielfach beschädigten Schiffe auszubessern und zur Erneuerung des Kampfes herzurichten. Sie waren einer zweiten Seeschlacht gewärtig, denn die Perser machten Anstalten, eine Brücke zum Übergange nach Salamis zu schlagen. Als aber die hellenische Flotte am nächsten Morgen die Barbaren aufsuchte, fand sie den Hafen von Phaleron leer. Sie segelte bis Andros, ohne den Feind anzutreffen. Hier war Beratung gehalten, was zu thun sei. Die erbitterten Athener drangen auf fortgesetzte Verfolgung, um womöglich dem König den Rückzug abzuschneiden; die Peloponnesier aber meinten, es sei durchaus thöricht, die ungeheure Macht der Barbaren im Herzen von Griechenland zurückzuhalten, und auch Themistokles trat dieser Ansicht bei, nachdem ein Angriff auf das den Persern ergebene Andros zurückgeschlagen war.

König Xerxes hatte nach der großen Niederlage alles Vertrauen zu sich selbst und zu seiner Kriegsmacht verloren. Die Flotte, die mehr als 200 Schiffe (S. 286) und gegen 50000 Mann eingebüßt hatte, war zwar noch zahlreich genug, um auf offenem Meer die Hellenen zu überwältigen; aber der König wie seine fürstliche Ratsversammlung erkannten, daß von der entmutigten Mannschaft kein Seesieg mehr zu erwarten sei. Daher befahl er ihren Rückzug nach dem Hellespontos, um den Übergang des Landheeres nach Asien zu sichern. Am liebsten hätte er sich gleich selbst mit eingeschifft, denn er hatte die Lust am Kriege wider verzweifele Männer verloren. Dochh mochte er andererseits auch nicht als Flüchtling ohne Heer und Waffen in sein Reich heimkehren.

Niederlage des Mardonios. Da trat Mardonios, der als Haupturheber des mißlungenen Zuges für seinen Kopf fürchtete, vor den König und erbot sich, mit 300000 auserlesenen Kriegern alles hellenische Land ihm unterthänig zu machen. Er zeigte, wie die große Menge nur hinderlich sei, wie aber ein kleineres, jedoch streitbares Heer den Sieg über die schwachen, unter sich uneinigen Völker Griechenlands leicht erringen werde. Er machte wohl auch auf die späte Jahreszeit aufmerksam, welche die Verpflegung der großen Menge erschwere. Denn die denkwürdige Schlacht war am 20. September geliefert worden; daher mußte man auf die Annäherung des Winters Bedacht nehmen. Freudig billigte der König den Plan seines Feldherrn. Er ließ die mutigsten und bestgerüsteten Leute, besonders Perser, Meder, Saken u.a., nach des Mardonios Wahl aussondern und übertrug demselben den Oberbefehl über dieses Heer, während er selbst mit den übrigen Truppen den Rückzug antrat.

Bis nach Thessalien, wo Mardonios sein Winterlager nahm, ging der Marsch in ziemlicher Ordnung; dann aber entstand, da für Verpflegung nicht gesorgt war, arge Verwirrung; das Schwert wilder Völker, die sich der Plünderung widersetzten, Hunger und Seuchen richteten Verwüstungen unter den keinem Befehle mehr gehorchenden Banden an. So gelangte der zuchtlose Troß, so viel davon dem Tode entronnen war, Mitte November 480 an den Hellespontos. Stürme hatten die Brücken zertrümmert, doch fand man Schiffe zur Überfahrt.

Die Hellenen kehrten nach dem mißlungenen Angriff auf Andros nach Salamis zurück und dachten nicht weiter daran, den ruhmvollen Sieg zu verfolgen. Selbst das Landheer auf dem Isthmos hatte nichts Eiligeres zu thun als auseinander zu gehen, anstatt nach Böotien dem Mardonios, welcher die Pässe von Thermopylä besetzt hielt, entgegenzurücken und ihn zur Schlacht zu zwingen. Unbekümmert um den Feind, verteilten die Strategen bei Salamis die Beute und vergaßen auch nicht, den Göttern, insbesondere dem delphischen Apollon, reiche Gaben darzubringen. Als sie dann über den Preis der Tapferkeit abstimmten, zeigten sich die einzelnen Heerführer freilich nicht allzu bescheiden. Die erste Stimme nämlich gab jeder sich selbst, die zweite aber erteilten die meisten Themistokles. Obgleich man daher nicht zu einem Beschluß gelangte, ward doch Themistokles' Name in ganz Hellas gepriesen, und als er nach Sparta kam, überhäufte man ihn mit großen Ehren, und es geleiteten ihn sogar 300 edle Bürger bis an die Grenze von Tegea, eine Ehrenbezeigung, die noch keinem Fremdlinge widerfahren war. Indessen erregten diese Auszeichnungen selbst in seiner Vaterstadt Neid, und er wurde für das folgende Jahr von den Athenern nicht zum Strategen gewählt.

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Wägner, W., Zug des Xerxes, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 266 -286 (1. Auflage 1859)

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