Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Griechische Göttersagen

von Wilhelm Wägner

Göttersagen

(S. 27) Sobald in uralter Zeit der Mensch aus dem Traume der Kindheit erwacht war und zum Bewußtsein seiner selbst und der umgebenden Natur gelangte, ward er sich auch bewußt, daß etwas Göttliches über ihm und außer ihm vorhanden sei. Dieses unfaßbare Etwas suchte er zur sinnlichen Anschauung zu bringen. Noch aber war er versunken und verstrickt in die Fülle der Natur; daher nahm er ihre unsichtbaren Gewalten oder auch sichtbaren Erscheinungen für das Göttliche selbst und weihte ihnen seine Verehrung. So zerspaltete sich in seinem Bewußtsein das Göttliche in eine Vielheit; doch ward er dadurch in den Stand gesetzt, seine (S. 28) Vorstellungen, wie unbestimmt sie auch sein mochten, in Bilder zu fassen: er machte sich sichtbare Götter. Man stellte sich hierbei die göttlichen Wesen in tierischen und andern sinnlichen Gestalten vor, welche an die den Göttern beigemessenen Naturphänomene erinnerten.

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So dachte man sich z.B. die Sonne als Rad, den Sturm als Adler, die regenspendenden Wolken als Kühe. Indessen erkannte man bei fortschreitender Bildung, daß nur der Mensch bewußter Gedanken fähig sei, daß er allein Persönlichkeit habe. Nunmehr gab man den höheren Mächten menschliche Gestalt und behielt die älteren Bilder nur als Symbole oder Attribute derselben bei. Auf die Entwicklung der Gottesidee wie auf den Volkscharakter überhaupt hatten Beschaffenheit des Landes, Lebensweise und Schicksale der Völker entscheidenden Einfluß. [...] (S. 29) Die Hellenen gingen aus von der Verkörperung göttlicher Ideen oder Eigenschaften, die zugleich ihren geläuterten Begriffen von Sittlichkeit entsprachen. Wie den Brahmanen und Hebräern die Offenbarung Gottes in der Idee und im Worte erschien, so glaubten die Hellenen in der idealen Schönheit, welche die Kunst schafft, eine Offenbarung zu besitzen.

 Daher hielten sie den Glauben an ihre Götter fest, solange die Begeisterung für das Schöne bestand. Als diese verflogen war, fand der nüchterne Verstand in den abgelebten Vorstellungen keine Befriedigung mehr. Da standen sie haltlos, ohne Stütze in der Öde der Gottverlassenheit, bis das Wort der Offenbarung vom Vater durch den Sohn zu ihnen gebracht wurde.

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Die Pelasger verehrten, wie erzählt wird, in erster Zeit namenlose Götter, das heißt, sie verehrten die schaffende Natur. Doch lernten sie bald einzelne Naturgewalten von dem Allgemeinen trennen und zogen sie in ihren Glaubenskreis. Das Heiligtum zu Dodona war dem Wolkensammler Zeus, dem Spender befruchtenden Regens, geweiht. Diese schon in ältester Zeit berühmte und vielbesuchte Orakelstätte lag in Epeiros (Epirus), welche Landschaft östlich durch das Pindosgebirge von Thessalien getrennt ist. Der Tomaros, ein Zweig dieses Hauptgebirges, zieht sich westlich herüber, und am Fuß desselben, nicht weit vom See Pambotis (bei dem heutigen Janina) erhob sich das dem Zeus und seiner Gattin Dione geweihte Heiligtum. Nach einer Sage der Pelasger, die damals in dieser quellenreichen Gegend ihre Herden weideten, flogen zwei schwarze Tauben aus dem ägyptischen Theben fort, die eine nach Ammon in Libyen, die andre nach Dodona.

Sie redeten in menschlicher Sprache und geboten, dem allwaltenden Zeus dort wie hier ein Heiligtum zu gründen, weil er daselbst seinen Willen verkünden und seinen Verehrern die Rätsel der Zukunft enthüllen wolle. Dies geschah im Schatten eines heiligen Eichenhaines. Es wurden dann Priester gestellt, die man Hellen oder Sellen nannte. (S. 30) Dieselben weissagten aus dem Rauschen der Blätter, aus dem Klingen von Becken, die an den Zweigen einer mächtigen Eiche befestigt waren, auch aus dem Sprudeln und Murmeln einer nahen Quelle. Erst in späterer Zeit wurde hier ein würdiger Tempel erbaut. Ebenso alt wie die Verehrung des Zeus war die des großen Naturgottes Hermes. Von dem Orakel und dem Prachtbau des Tempels zu Delphoi, wogegen Dodona an Bedeutung bald ganz zurücktrat, werden wir später ausführlich reden.

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Wägner, W., Göttersagen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 27-40 (1. Auflage 1859)

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