| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Schlachten bei Mykale und Platää.
von Wilhelm Wägner
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Leotychides bei Mykale.
Pausanias.
Schlacht bei Platää
Niederlage der Perser.
(S. 287) Die Athener waren in ihre Vaterstadt zurückgekehrt und bauten in
Eile, wie es die späte Jahreszeit forderte, ihre eingeäscherten Wohnungen
wieder auf. Der Frühling rief sie und die übrigen Hellenen zu neuer
Thätigkeit. Sie zogen ihre Schiffe ins Meer und steuerten, 110 Segel stark, bis
gen Delos. Daselbst machten sie Halt, denn was jenseits lag bis nach Samos hin,
schien ihnen damals fast so weit wie die Säulen des Herakles, und sie meinten,
da müsse unzähliges Medervolk zur Abwehr bereit sein.
Endlich, nach Verlauf mehrerer Monate, als zuverlässige Boten von Samos
erschienen und ihnen die Bereitschaft dieser Insel sowie ganz Ioniens zur
Abschüttelung des Barbarenjoch verkündigten, fuhren sie weiter. Sie fanden
aber die feindliche Flotte nicht mehr bei Samos aufgestellt; die Phöniker waren
in ihre Heimat aufgebrochen, die übrigen Schiffe hatte die Mannschaft bei dem
weit ins Meer vorspringenden Gebirge Mykale, Samos gegenüber, ans Land gezogen
und sich daselbst mit einem zahlreichen persischen Landheere zur Verteidigung
vereinigt.
Leotychides bei Mykale. Der
Befehlshaber der hellenischen Flotte war der spartanische König Leotychides.
Derselbe rief den Xanthippos, den Obersten der Athener, und die andern
Schiffsführer zur Beratung, und auf seinen Vorschlag wurde beschlossen, den
Feind in seinen Verschanzungen anzugreifen; denn Leotychides war ein mutiger,
unternehmender Mann, der nach Siegesruhm strebte und, wenn ihm größere Macht
zu Gebote gestanden hätte, geradewegs nach Sardeis marschiert wäre.
(S. 288) Die Landung wurde ohne Schwierigkeiten bewerkstelligt. Auf dem
Flügel am Meere standen die Athener unter Xanthippos; das Zentrum bildeten die
Truppen aus Korinth, Sikyon und Trözen, an welche sich die Megarer und
Ägineten schlossen, den andern Flügel nahmen die Spartiaten ein. Die
Gesamtzahl der hellenischen Truppen an Hopliten belief sich auf etwa 3500 Mann
gegenüber der mindestens zwanzigfach stärkeren Heeresmacht der Feinde. Die
Perser nahmen Stellung vor ihrem verschanzten Lager und deckten sich hinter
ihren als Brustwehr aufgepflanzten Flechtschilden. Als das Zeichen zum Angriff
ertönte, verbreitete sich plötzlich durch die Reihen der Griechen das
Gerücht, es sei an demselben Tage in Hellas ein ruhmvoller Sieg erfochten
worden, und nun stimmten die Krieger freudig den Schlachtgesang an und drangen
tapferen Mutes vor, die Athener mit der Hälfte des Heeres an der ebenen Küste,
die Lakedämonier über Höhen und Schluchten. Jene gelangten deshalb zuerst an
den Feind, der sich lange Zeit, durch günstige Stellung und die Flechtschilde
gedeckt, ihrer erwehrte, endlich aber in die Verschanzung von Steinen und
Pfahlwerk zurückwich. Die Athener drangen jedoch zugleich mit ein, worauf die
Barbaren, mit Ausnahme der eigentlichen Perser, sich zur Flucht wendeten.
Letztere aber stritten mit unverzagtem Mute und konnten in keiner Weise
überwältigt werden, bis die Lakedämonier dazu kamen. Nun wurde jeder
Widerstand niedergeworfen, zugleich empörten sich die entwaffneten Samier, und
die Milesier und andre Ionier an dem Gebirge fielen über die flüchtigen
persischen Scharen her, vollendeten die Niederlage und nahmen Rache für ihre
einst von den Barbaren hingeschlachteten Brüder. Nach diesem entscheidenden
Siege, in dem die Perser 40000 Mann verloren haben sollen, steuerte Leotychides
nordwärts dem Hellespontos zu. Er wollte die Brücke sprengen, die Xerxes
zwischen Abydos und Sestos über die Meerenge geschlagen hatte. Als er sie schon
von Wind und Wellen zerstört sah, hielt er ungeachtet des Widerspruchs
athenischer Trierarchen den Feldzug für beendigt und lenkte nach der Heimat um.
Xanthippos dagegen setzte auf eigene Faust den Krieg fort, um den Persern die
Rückkehr über den Hellespontos gänzlich abzuschneiden. Den thrakischen
Chersonesos, die altes Besitzung des Miltiades, wollte er wieder erobern, daher
belagerte er die starke Festung Sestos. Die Chersonesier, begierig, das
Barbarenjoch abzuschütteln, gewährten kräftigen Beistand. Vergebens leistete
der persische Befehlshaber, ein harter, aber tapferer Mann, die beharrliche
Gegenwehr; die Athener, selbst den Unbilden des Winters trotzend, setzten die
Einschließung fort, bis der Hunger die Widerstandskraft der Besatzung brach.
Der Befehlshaber suchte sich zwar noch durchzuschlagen, allein er wurde nach
einem blutigen Gefechte überwältigt und zur Strafe für die an einem
hellenischen Heiligtum begangenen Frevel grausam hingerichtet.
Mit Anbruch des Frühlings erhob sich indessen Mardonios in Thessalien, um
sein dem Könige gegebenes Wort einzulösen. Er zog langsam durch die offenen
Thermopylen, ohne hier auf den geringsten Widerstand zu stoßen. Die Lokrer,
Böoter und Phoker machten, freiwillig oder gezwungen, gemeinschaftliche Sache
mit ihm und verstärkten seinen Heerhaufen; auch die Athener hoffte Mardonios zu
gewinnen. Er ließ ihnen durch den makedonischen Fürsten (S. 289) Alexander,
einen Gastfreund des athenischen Staates, Wiederaufbau ihrer Tempel und
Wohnungen, Vergrößerung ihres Gebietes und volle Freiheit zusichern, wenn sie
ein Bündnis mit ihm schlössen, im entgegengesetzten Falle aber nochmalige
Verwüstung androhen. - Darauf erteilte der Rat der Fünfhundert mit Zustimmung
des ganzen Volkes die denkwürdige Antwort: "Solange die Sonne ihre Bahn am
Himmel wandelt, werden wir mit Xerxes keinen Bund machen, sondern ihm beherzt
entgegengehen im Vertrauen auf die Hilfe der Götter und Heroen, deren
Heiligtümer er frevelhaft verwüstet hat."
[Abb.]
Den Gesandten von Sparta, welche gekommen waren, um die von Alexander
unterstützten Friedensvermittlungen zu hintertreiben, antworteten die Athener
ähnlich, verlangten aber, daß ungesäumt die gesamte spartanische Macht zur
Hilfeleistung aufgeboten werde.
Die Spartaner säumten indessen nach ihrer engherzigen, selbstsüchtigen
Staatskunst mit ihrer Hilf und dachten nur an die Verteidigung des Peleponnesos.
Daher ergossen sich die Barbaren ungehindert über das attische Gebiet und
verheerten, als ihre wiederholten Friedensvorschläge zurückgewiesen wurden,
Städte (S. 290) und Tempel ebenso schonungslos wie bei dem ersten Einfall,
während sich die Bevölkerung auf Salamis und auf den Schiffen kümmerlich
geborgen hatte.
In ihrer Bedrängnis schickten die Flüchtlinge Abgeordnete nach Sparta, um
zum schleunigen Aufbruch zu mahnen. Die Gerusia aber verschob die Antwort von
einem Tage zum andern, bis endlich Cheileos, ein wohldenkender Mann aus Tegea,
die Notwendigkeit darstellte, Athen bei dem Bunde zu erhalten, wenn man nicht
wolle, daß dem Perser die Thore des Peloponnesos offen stände, wann und wo es
ihm beliebe. Seine Gründe waren so einleuchtend, daß sogleich 5000 Bürger der
Stadt, von denen jeder ein Gefolge von sieben leichtbewaffneten Heloten hatte,
zum Ausmarsch gegen die Barbaren bestimmt wurden. Bei dem immer streitfertigen
Zustande der Bevölkerung konnte der Aufbruch unter Anführung des
kriegskundigen, aber schwankenden und unentschlossenen Königs Pausanias, Sohnes
des Kleombrotos, noch in derselben Nacht geschehen, nachdem der Beschluß
gefaßt worden war. Die athenischen Gesandten aber erfuhren am nächsten Morgen,
als sie unter Drohungen abreisen wollten, den Hergang der Sache und wurden noch
von 5000 Hopliten aus den benachbarten Städten begleitet. Eine solche Macht
hatten die Spartaner noch niemals in auswärtigen Kriegen entfaltet, und
Mardonios, der davon durch die Argiver Nachricht erhielt, zog sich sofort aus
dem ausgesogenen Attika nach Böotien zurück, wo er das befreundete Theben mit
seinen reichen Vorräten als Stützpunkt wählte und für seine treffliche
Reiterei den geeigneten Boden fand.
Pausanias. Zwischen einer Höhenkette, die vom
Helikon ostwärts streicht, und den südlich aufsteigenden Bergen des Kithäron
und Parnes breiten sich fruchtbare Gefilde aus, die teils eben, teils hügelig
den Fluß Asopos begrenzen. Zahlreiche Gewässer strömen von den Bergen herab
und schwellen den Fluß nach starken Regengüssen so an, daß er über seine
Ufer tritt. Am westlichen Ende, wo sich die Berge einander nähern, lag Platää,
und nahe dabei ein von zwei Armen des Baches Öroë umschlossenes Feld, das man
die Insel nannte. Auf der entgegengesetzten östlichen Seite des weiten Thales
hatte Mardonios auf einer Anhöhe nördlich von Asopos ein befestigtes Lager
errichtet und berief dahin die medisch gesinnten Griechen. Doch erstreckten sich
die Zelte der Perser und ihrer Verbündeten auch auf dem südlichen Flußufer
bis in die Gegend von Erythrä und Kysiä. Bald erhielt Mardonios Kunde von dem
Anmarsche der vereinigten griechischen Streitkräfte. Den Kern des hellenischen
Heeres bildeten 5000 Hopliten von Sparta und ebenso viele aus den andern
Städten Lakoniens, mit 35000 leichtbewaffneten Heloten, unter der unmittelbaren
Führung des Pausanias; sodann von dem unerschrockenen Aristeides geführt 8000
Hopliten von Athen und 600 von Platää. 5000 Krieger von Korinth, 1500 Tegeaten,
Scharen von Megara, aus Arkadien und andern Gegenden stießen nach und nach zu
dem Hauptheer, so daß sich die Gesamtzahl der hellenischen Streitmacht auf etwa
110000 Mann belief.
Schlacht bei Platää. Pausanias
überschritt mit dem Heere die Höhen des Kithäron, machte aber am Abhange
Halt, als er die persischen Massen in der Ebene gelagert sah. Ein äußerster
Vorposten von Megarern ward von den (S. 291) persischen Reitergeschwadern
fortwährend beunruhigt. Mit Hohngeschrei über die feigen Hellenen, welche sich
nicht in dei Ebene wagten, stürmten die Reiter heran und überschütteten sie
mit ihren wohlgezielten Wurfspießen und Pfeilen, die viele tapfere Männer
hinrafften. Die Megarer weigerten sich, auf diesem gefährlichen Posten länger
auszuharren. Da des Pausanias Anfrage, wer geneigt sei, auf den gefährlichen
Punkt zu rücken und die Megarer abzulösen, bei den anderen taube Ohren fand,
so traten endlich dreihundert Athener, verstärkt durch auserlesene
Bogenschützen, an ihre Stelle. Auch gegen sie dauerten die Angriffe der
persischen Geschwader fort, die im Fluge dahereilten und wieder fortsprengten,
wenn sie ihre Geschosse entsandt hatten.
[Abb.]
Diese kühnen und rastlosen Angriffe leitete Makistios, ein tapferer und
angesehener Befehlshaber, der mit goldenem Schuppenpanzer und purpurnem Leibrock
geschmückt auf einem weißen, goldgezäumten nisäischen Pferde daherritt. Da
stürzte plötzlich bei einem erneuten Ansturm sein von einem Pfeile getroffenes
Pferd, und er selbst wurde von den herbeieilenden Hellenen nach tapferem
Widerstande getötet. Sobald die Reiter den Verlust ihres geliebten Anführers
gewahr wurden, sprengten sie alle in geschlossenen Massen heran, drängten das
Häuflein der Athener zurück und bemächtigten sich des Leichnams. Gleichzeitig
eile aber auch vom hellenischen Hauptheer zahlreiche Mannschaft herbei, und nach
einem blutigen Gemetzel blieben die Griechen im Besitze des toten Körpers.
(S. 292) Groß war der Jubel und die Siegesfreudigkeit im griechischen Lager,
als man die Leiche des schönen, stattlichen, gefürchteten Mannes durch die
Haufen fuhr, daß jeder sie sehen konnte, und ebenso groß war die Trauer und
Niedergeschlagenheit im persischen Lager. Durch den Erfolg ermutigt, rückte
jetzt Pausanias, zugleich durch den Wassermangel auf den Höhen des Kithäron
veranlaßt, westwärts nach der Quelle Gargaphia vor, die etwa eine Stunde
östlich von Platää entfernt war.
Hier entstand zuerst ein Streit zwischen den Tegeaten und Athenern über den
Vorrang im Lager und in der Schlacht. Erstere rühmten ihre Heldenthaten und
behaupteten, ihnen nur gehöre nach den Lakedämoniern die Ehrenstelle. Die
Athener zählten zwar ihre Thaten auf, um ihren Anspruch auf die zweite Stelle
zu begründen, aber sie schlossen dann mit den Worten: "Hier ist nicht der
Ort, über eitle Ehre zu hadern, sondern mit den Waffen für das gemeinsame
Vaterland wider den Feind unverzagten Mut zu beweisen. Darum sind wir bereit,
ihr Lakedömonier, jeden Posten anzunehmen, wohin und gegen wen ihr uns stellen
werdet. Wo wir stehen, werden wir als Männer streiten. Führet an, wir bleiben
nicht zurück."
Wahrscheinlich hielt Aristeides diese Rede, denn sie entspricht seiner
anspruchslosen Bescheidenheit und seinem unerschrockenen Mute. Einmütig
erkannten die Lakedämonier den Athenern die Führung des linken Flügels als
den zweiten Ehrenposten zu, die Tegeaten aber nahmen sie als liebe Genossen an
ihre Seite auf den rechten Flügel.
Den Lakedämoniern und Tegeaten gegenüber ordnete nun Mardonios die
zahlreichen Scharen der eigentlichen Perser, auf deren Tapferkeit er das
größte Vertrauen setzte; sein Mitteltreffen bildeten die Meder, Baktrier,
Inder und Saken, den Athenern und Platäern stellte er die Thebaner und die
übrigen Bundesgenossen aus Hellas, Makedonien und Thessalien entgegen.
Indessen waren auf griechischer Seite die Opfer für das Wagnis einer
Schlacht nicht günstig. Auch Mardonios, obgleich andern Glaubens, hatte der
Bundesgenossen wegen einen Opferpropheten im Lager; dieser aber fand gleichfalls
keine glücklichen Zeichen. Da nach dem Ausspruch der Priester die Zeichen nur
für die Verteidigung günstig ausfielen, so verharrten beide Heere acht Tage
lang in Unthätigkeit. In einer von dem persischen Oberfeldherrn berufenen
Versammlung gaben die thebanischen Obersten den Rat, zunächst durch die
zahlreiche Reiterei den Feind zu beunruhigen, in seinem Rücken die Zuzüge,
welche täglich anlangten, und besonders die Zufuhren von Lebensmitteln
abzufangen, und endlich durch reiche Spenden persischen Goldes die Oberhäupter
der verschiedenen Bundesstaaten zu gewinnen, wodurch, wie man zuversichtlich
meinte, bald Spaltung und Trennung unter den Hellenen entstehen werde.
Artabazos, der zweite Feldherr des persischen Heeres, stimmte dem Rate bei,
und Mardonios, obgleich voll Siegeshoffnung, gab für den Augenblick nach.
Zunächst erneuerten daher die Reiterscharen ihre unablässigen Angriffe. In der
Nacht vom achten zum neuten Tage besetzten sie den wichtigsten der über den
Kithäron führenden Pässe, die sogenannten Eichenhäupter, und bemächtigten
sich schon am folgenden Morgen eines Zuges von 500 beladenen Saumtieren, (S.
293) die für das hellenische Heer bestimmt waren, hieben die Bedeckung nieder
und führten die Beute in ihr Lager. Ebenso schwärmten sie am Asopos entlang
und versendeten ihre mörderischen Geschosse, so daß die Hellenen am Tage nicht
mehr Wasser zu schöpfen wagten. Dessenungeachtet beharrten sie in ihrer
Stellung. Da beschloß endlich Mardonios, selbst den Angriff am folgenden Tage
zu unternehmen. In der Nacht erschien ein einzelner Reiter bei den athenischen
Vorposten und begehrte die Anführer zu sprechen. Als dieselben erschienen,
sagte er: "Hört, ihr Hellenen, seid gerüstet auf den folgenden Tag, denn
Mardonios gedenkt euch zu überfallen. Ich aber bin Alexander, König von
Makedonien, und wenn euch Zeus den Sieg verleiht, so vergeßt nicht, daß ich
als euer Freund euch gewarnt habe." Als Pausanias am Morgen von dieser
Unterredung Kunde erhielt, ließ er die Athener den Persern gegenüber Stellung
nehmen, weil sie schon öfter im Kampfe gegen dieselben gestritten hätten;
allein Mardonios veränderte nun auch seine Schlachtordnung, und dieser Wechsel
geschah mehrmals, so daß sich zuletzt die Spartaner dennoch den Kerntruppen des
persischen Heeres gegenübersahen. Plötzlich erschienen auf der ganzen Linie
der persischen Reiterscharen, fügten vorüberstürmend den Hellen mit ihren
Geschossen viel Schaden zu und verschütteten die Quelle Gargaphia.
Die griechischen Führer hielten jetzt Rat, was für Maßregeln zu ergreifen
seien, denn zu dem Mangel an Lebensmitteln drohte der Mangel an Wasser zu
treten. Man beschloß daher, in der nächsten Nacht sich westlich gegen Platää
auf die Insel des Baches Öroë zu ziehen und von dort die Hälfte des Heeres
nach dem Kithäron abzuschicken, um den Paß der Eichenhäupter wieder zu nehmen
und die zurückgehaltenen Transporte ins Lager zu geleiten.
Diesem Beschlusse gemäß brachen sogleich mit Eintritt der Dunkelheit die
Korinther und die übrigen Kriegsvölker des Mitteltreffens auf. Sie waren aber
in Sorge, die persischen Reiterhaufen möchten unerwartet in der Finsternis
über sie herfallen, und beschleunigten deshalb ihren Marsch derartig, daß er
zuletzt in wilde Flucht ausartete. Dort, am weithin sichtbaren Heräon (Tempel
der Hera), nahmen sie erschöpft Stellung, ohne, wie befohlen, den Marsch nach
der sogenannten Insel anzutreten.
Die Athener, umsichtiger und unerschrockener als jene, schickten vor dem
Aufbruch einen Herold an die Lakedämonier, um nähere Erkundigung einzuziehen.
Dieser fand den Pausanias in heftigem Wortwechsel mit Amompharetos, dem Obersten
einer tapferen Schar, der ihm gerade heraus erklärte, über den Geboten des
Befehlshabers ständen die Gesetze Spartas, und diese forderten, daß er auch
nicht um eines Haares Breite vor den Fremdlingen weiche. Zugleich warf er dem
Feldherrn einen gewaltigen Feldstein vor die Füße, indem er ausrief, mit
diesem Täfelchen stimme er dafür, im Kampfe mit den Fremdlingen lieber zu
sterben als zu weichen. Pausanias nannte ihn toll, dann wandte er sich zu dem
Herold und trug ihm auf, daß er den Athenern den Stand der Dinge verkünde und
sie auffordere, sich möglichst nach dem Vorgehen der Lakedämonier zu richten.
Während man also haderte, zeigte sich auf den Bergen der erste Schein des
Frührots. Man befahl Pausanias, ohne Rücksicht auf die zurückbleibende (S.
294) Schar den Aufbruch. Die lakedämonische Macht rückte über die Vorhöhen
des Kithäron nach dem Öroëbache, während die westlicher lagernden Athener
ebendahin in dem tieferen Grunde marschierten. Erstere gelangte bis an einen
Tempel der Demeter mitten im Gefilde und wartete daselbst auf den starrköpfigen
Amompharetos, der sich doch endlich entschlossen hatte, mit seiner Mora dem
Heere zu folgen. Die Morgenröte hatte aber auch die persischen Reiter geweckt,
die alsbald über den Asopos setzten und, als sie das Lager leer fanden, den
Hellenen nachjagten. Die Athener, welche voraus waren und in der Tiefe des
Thalgrundes vorrückten, konnten zwar von ihnen nicht gesehen werden, wohl aber
erblickten sie die Lakedömonier, deren Rüstungen im Morgenrot glänzten. Kaum
hatte die Mora des Amompharetos das Hauptheer erreicht, so umschwärmten die
Perser dieses nach ihrer Weise mit Geschrei und mörderischen Geschossen und
hinderten den weiteren Rückzug durch das überall offene Feld.
Auch Mardonios erhielt bald von den Vorgängen Kunde. Nun zügelte er nicht
länger seine Kampflust. Er wähnte das ganze hellenische Heer auf der Flucht
und brach sogleich mit den streitbaren persischen Heerhaufen zu eiligen
Verfolgung auf. Sobald die andern Völker dies bemerkten, drangen sie im
buntesten Gewühl, ohne Ordnung, ihnen nach, so daß ringsum alles Feld von
Barbaren bedeckt war. Die ganze Gewalt des Streites fiel auf die Lakedömonier
und ihre wackeren Genossen, die Tegeaten; denn die Athener, welche sich zu
schneller Hilfe anschickten, wurden gleichzeitig von den Thebanern und deren
Verbündeten angegriffen.
Beim Anblick der spartanischen Ordnung eröffneten die Perser die Schlacht,
indem sie eine Brustwehr von Speeren und daran befestigten Schilden vor sich
aufrichteten und Wolken von wohlgezielten Pfeilen auf den Feind sandten. Da
fielen Kallikrates, der schönste Mann des Heeres, und viele andre tapfere
Krieger. Dennoch standen die Spartaner und Tegeaten unbeweglich, denn die Opfer
waren für einen Angriff nicht günstig. Endlich, als Pausanias, den Blick nach
Heräon bei Platää erhebend, die Himmelskönigin anrief, kamen günstige
Zeichen. Sofort rückte das Heer in festgeschlossener Ordnung auf die Feinde
los; die Brustwehr ward niedergeworfen und es begann ein fürchterliches
Handgemenge.
Überall, wo der Streit am erbittertsten wütete, war Mardonios auf seinem
weißen Streitroß, umgeben von tausend auserlesenen Kriegern, und ermunterte
mit Worten und voranleuchtenden Thaten die Seinigen, die Glieder der Hellenen zu
zersprengen. Es fehlte den Persern weder an Mut noch an Körperkraft, wohl aber
an Geschick und kriegerischer Ordnung. Sie stürzten bald einzeln, bald in
Haufen auf die wohlgerüsteten Hellen, um sie zu zerbrechen, und hielten kühn
ihre schwachen Schilde und die unbewehrte Brust den tödlichen Stößen der
griechischen Lanzen entgegen. Wohl erlagen viele tapfere griechische Männer
unter ihren Speeren, Säbeln und Dolchen, aber die Waffenübung, Kriegserfahrung
und der Heldenmut der Spartaner war ihnen allzu sehr überlegen. Diese drängten
stets ihre Reihen sofort wieder zusammen, wo sie gelichtet waren, und boten
dadurch überall den regellosen Angriffen die Spitze. (S. 295) Sie hörten in
dem Gewühle, unter dem betäubenden Schlachtgeheul der von allen Seiten
anstürmenden Barbaren den Ruf des Vaterlandes [...].
Niederlage der Perser. Da
sank endlich Mardonios, von dem starken Aeimnestos gefällt; es sank um ihn her
die auserlesene Schar, welche ihn bisher verteidigt hatte, es sanken die
edelsten und mutigsten Perser in ganzen Haufen, während die Reiterei wohl die
Heloten bedrängte, aber sich von dem mörderischen Kampfe mit den Spartiaten
fern hielt. Immer ungestümer drangen jetzt diese, durch den Erfolg ermutigt,
weiter vor, und bald kam Schrecken und Entsetzen über die Perser. Es schien
ihnen, als kämpften nicht Menschen, sondern der Götter Macht gegen sie, und
das ganze Heer wendete sich zur unheilvollen Flücht über Hügel und Ebene und
durch die Wasser des Asopos nach dem Lager, wohin ihnen festen Schrittes und in
ungebrochener Ordnung die Sieger folgten. Nur Artabazos, der zweite persische
Feldherr, welcher mit einem Heerhaufen von 40000 Mann langsam der voraneilenden
Hauptmacht nachgerückt war, führte den Rückzug, ohne am Kampfe teilzunehmen,
in guter Ordnung aus. Er zog, verstärkt durch Flüchtlinge, wahrscheinlich auch
durch die entmutigten Geschwader der Reiterei, mit großer Vorsicht nach
Thessalien unter weiter durch Makedonien, Thrakien bis nach Byzantion, wo er den
Übergang nach Asien mit den Trümmern des Heeres bewerkstelligte. Die übrigen
Massen von Flüchtlingen strömten in das befestigte Lager und verteidigten sich
hartnäckig hinter den Wällen desselben.
Mittlerweile hatten auch die Athener ihre böotischen Gegner zum Weichen
gebracht, wurden aber durch die thebanische Reiterei, welche den Rückzug nach
Theben trefflich deckte, an der Verfolgung gehindert. Sie marschierten daher
nach dem persischen Lager, woher das Kriegsgetöse noch herüberschallte, und
halfen die Befestigungen stürmen und die Trümmer des feindlichen Heeres
vollends niederwerfen. Die übrigen Hellenen, welche auf der Höhe von Platää
standen, hörten gleichfalls von dem siegreichen Vorgehen der Spartaner und
eilten darauf ohne Ordnung nach dem Kampfplatz, um an dem Ruhm des Sieges
teilzunehmen. Als die thebanischen Reiter dies bemerkten, machten sie sogleich
einen entschlossenen Angriff, hieben nieder, was Widerstand leistete, und
trieben die ungeordneten Haufen in die Schluchten des Kithäron, worauf sie
selbst dem geschlagenen böotischen Fußvolk nach Theben folgten.
Die Sieger rasteten [...] auf der Walstatt. Sie sprachen von der Befreiung
Griechenlands, von den zu ergreifenden Maßregeln, vieles auch zum Ruhme der in
der Schlacht gefallenen Genossen. Man pries besonders den Aristodemos, der einst
von den Thermopylen entwichen war, [...], den Poseidonios, Philokyon und den
Amompharetos, der, wie er sich vorher dem Rückzug widersetzt, auch in der
Schlacht gleich einem Felsen den Barbaren entgegengestanden hatte. [...]
Während man von diesen Dingen redete, trat ein Mann von Ägina zu Pausanias und
forderte ihn auf, den Körper des Madonios ans Kreuz zu schlagen, wie es die
Perser (S. 296) mit dem Leichnam des Leonidas gemacht hätten. Dadurch, fügte
er hinzu, werde er sein Lob bei allen Hellenen erhöhen.
Ihm erwiderte Pausanias: "Mein äginetischer Freund, du bist auf
falschem Wege, indem du mit rätst, den Leichnam zu schänden. Das ziemt sich
wohl für Barbaren, aber nicht für Hellenen, und wir tadeln es sogar an jenen.
Ich möchte um solchen Preis weder den Beifall der Ägineten erlangen, noch
aller, die ebenso denken; es genügt mir, das Wohlgefallen der Spartiaten durch
lautere Thaten und Worte zu finden. Mein Ohm Leonidas, den ich rächen soll, hat
schon seine volle Rache an den unzähligen Leichen, die auf dem Schlachtfelde
liegen. Darum wage nicht mehr mit solchem Vorschlage vor mein Angesicht zu
treten."
Pausanias ließ auch eine prächtige Mahlzeit nach persischer Sitte
herrichten und daneben ein spartanisches Mahl. Dann führte er die Obersten
herzu, indem er sagte: "Hier erkennt ihr die Thorheit der Meder, die
solcher Tafel sich erfreuen und aus weiter Ferne daher kommen, um unsre
ärmliche Kost zu nehmen."
Darauf befahl er den Heloten, alle Beute zusammenzutragen. Da wurden denn in
Haufen aufgeschichtet viele Zelte, Teppiche, Betten und andres Geräte, das mit
Gold und Silber durchwirkt war, Becher, Schalen und Kessel von Gold, desgleichen
goldene Ketten und Armbänder, die man den Erschlagenen abzog, und noch viele
Kostbarkeiten. Davon ward erst der Zehnte dem Apollon zu Delphoi, ebenso dem
olympischen Zeus und dem isthmischen Poseidon als Dankopfer geweiht, dann bekam
der Feldherr ein Zehntel, und das übrige ward unter die Sieger verteilt. Noch
in späteren Jahren soll man auf dem Schlachtfelde vergessene Kisten mit Silber,
Gold und andern Kostbarkeiten gefunden haben.
Nachdem sodann die Leichname der gefallenen Hellenen bestattet und mehrere
Grabhügel zu ihrem Ruhme errichtet waren, zog das verbündete Heer gegen
Theben, um diese Stadt für den dem Mardonios geleisteten Beistand zu
züchtigen. Nach Verheerung ihres Gebietes bequemten sich die Thebaner,
geschreckt durch die Anstalten zur Belagerung, ihre medisch gesinnten Obersten
auszuliefern, die sofort nach dem Isthmos zur Verantwortung vor der
Bundesversammlung geführt und als Landesverräter mit dem Tode bestraft wurden.
Ehe man den Marsch gegen Theben antrat, hatte man die Platäer, die mit den
Athenern als treue Bundesgenossen vereinigt gewesen waren, feierlich in ihre
Stadt wieder eingeführt. Man hatte ihnen die Bewachung und Ausschmückung der
Grabhügel und die Feier des alle fünf Jahre wiederkehrenden neu gestifteten
Nationalfestes der Eleutherien zum Andenken der gefallenen Helden übertragen,
zu welchem Zwecke sie außer ihrem Anteil an der Beute 80 Talente erhielten.
Sodann wurde der Bund zur Fortführung des Krieges gegen die Perser aufs neue
beschworen, und Platää, wo jährlich die Abgeordneten der hellenischen Staaten
sich versammeln sollten, für eine freie und unverletzliche Stadt erklärt.
So war ein schönes Band der Vereinigung um Hellas geschlungen, das wider
gegenwärtige und künftige Stürme ein zuverlässiges Schutzmittel schien; die
Geschichte der Folgezeit wird jedoch zeigen, wie Leidenschaft und
selbstsüchtige Staatskunst nur zu bald dieses Band zerreißt, welches die
Begeisterung des Augenblicks geknüpft hat.
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| | Wägner, W., Schlachten bei Mykale und Platäa, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 287 -296 (1. Auflage 1859)
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GM (digitale Edition) für psm-data 
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