| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
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HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Übersicht
Ephialtes
Perikles
Kimon
Neuordnung der Heliäa
Abfall von Thasos
Erdbeben in Sparta
Sparta sucht Hilfe bei Athen
Kimons Verbannung
(S. 303) Wohl dem Menschen, der frühzeitig ein hohes Ziel ins Auge gefaßt
und danach mit Kraft und Geistesfrische gestrebt hat! Mag ihn mitten in seinem
Streben das Geschick dahinraffen, oder der errungene Sieg ihm den Kranz reichen,
er ist des Preises wert. Aber mit höherem Interesse begleiten wir ein ganzes
Volk, das siegreich den Kampf für sein gutes Recht gegen eine ungeheure
Übermacht bestanden hat und nun, ohne zu rasten, von Erfolg zu Erfolg weiter
schreitet. Ein solches Volk war das der Hellenen und in seiner Mitte vornehmlich
die freie Bürgerschaft des Ländchens Attika.
Wohl hatten auch die Spartaner ihren alten Heldenmut in den Felsenengen von
Thermopylä und auf dem Blutfelde von Platäa bewährt; aber nach Abwehr der
Gefahr waren sie zu den alten Gewohnheiten zurückgekehrt, trieben ihre
Waffenübungen, feierten ihre Feste und fragten nicht viel nach dem, was jenseits
des Isthmos von Korinth vorging. Nur die Ephoren blickten weiter und sahen
scheelsüchtig auf das wachsende Ansehen Athens; allein die Macht der
Gewohnheit, die Unlust, sich an weitaussehenden Unternehmungen (S. 304) zu
beteiligen, endlich die dem spartanischen Charakter anhaftende Langsamkeit, wenn
es galt, entscheidende Entschlüsse zu fassen, hielt den in seinen Formen
erstaarten Staat ab, eine Stellung einzunehmen, die seinem früheren Ansehen und
den kriegerischen Thaten des Volkes entsprach. Die in rascher Folge sich
entwickelnden Ereignisse gingen über den beschränkten Gesichtskreis des Volkes
hinaus. Infolge der starren, jede freie Entfaltung hemmenden Verfassung konnte
sich kein hervorragender Charaker an die Spitze stellen; vielleicht auch
hinderte die ganze Erziehung und die eng begrenzte Lebensweise die Entwickelung
einer bedeutenden geistigen Persönlichkeit. Männer des Schwertes [...] gab es
viele an den Ufern des Eurotas; aber Männer, die für die Ausbreitung des
staatlichen Ansehens nach außen zu leben verstanden, die mit der Schärfe des
Geistes die Verhältnisse durchschauen und mit der vorhandenen Volkskraft
benutzen und beherrschen konnten, fanden hier keine Veranlassung, sich aus der
Masse zu erheben.
Der Staat von Lakedämon glich einem umschlossenen, unbewegten See, dessen
Wellen wohl von einem heftigen Sturme in Aufregung gebracht werden, der aber
bald zur trägen Ruhe zurückkehrt, während Athen in jener Zeit dem rastlosen
Meer zu vergleichen war, das seine Flotten zu fernen Küsten und Völkern trug.
Wie nach dem Toben des Orkans die Meereswellen den Glanz der Sonne und des
Himmels widerstrahlen und dem Beschauer ein prächtiges, immer wechselndes Bild
darbieten, so gewährt Athen nach dem Sturm der Barbarenkriege einen Anblick von
Lebensfülle und geistiger Regsamkeit, bei dem der forschende Geist gern
verweilt. Auch von den übrigen Völkern Griechenlands erhob sich kein andres,
welches dem attischen zu vergleichen war. Theben war in Verachtung und Verfall
wegen seiner Teilnahme an den Unternehmungen der Perser; die böotischen
Städte, deren Oberhaupt es sonst gewesen war, hatten sich von ihm losgesagt,
und Platäa und Thespiä besonders, doch auch noch andre, die aus ihren
Schutthaufen sich wieder erhoben, neigten sich entschieden zu Athen; das
benachbarte Korinth betrieb einträgliche Handelsgeschäfte und begnügte sich
mit dem reichlichen Gewinne, der dem Volke gutes Auskommen verschaffte, den
Handesherren die Mittel zu einem prunkvollen und üppigen Leben gewährte.
Argos endlich verharrte in dumpfer Zurückgezogenheit, indem es den
Spartanern, vielleicht sogar dem siegreichen Hellas überhaupt grollte. Da war
keine geistige Regsamkeit, kein Aufschwung wahrnehmbar, und doch hoffte die
Bürgerschaft fort und fort, ihr Haupt wieder zu erheben.
Materiellen Gewinn zogen aus den Erfolgen der Perserkriege, wie schon
angedeutet, nur einige Seehandel treibende Staaten, besonders Korinth und
Ägina, die, von der Mitbewerbung der phönikischen Handelsleute befreit, nach
allen Seiten ihre Schiffe aussandten. Bei diesem Gewinn blieben sie jedoch
stehen und mochten nicht einsehen, daß derselbe zugleich mit der Seeherrschaft
dem kriegerischen, unaufhaltsam vorwärts strebenden Volke von Attika in nicht
ferner Zeit zufallen mußte. So kehrt denn unsre Betrachtung, indem wir den
Entwicklungsgang der Hellenen verfolgen, immer wieder zu der kleinen Halbinsel
zurück, die sich von den Höhen des Kithäron und Parnes bis zu (S. 305)
dem meerumspülten Vorgebirge SUnion erstreckt. Hier hatte die gesamte
Bevölkerung die Schrecknisse des Krieges ertragen, Hab' und Gut den Barbaren
preisgegeben, um ihre Selbständigkeit zu bewahren; hier war von jeher der
Bürger gewohnt, in den wichtigsten Angelegenheit des Staates seine Stimme
abzugeben; jetzt, nach überstandener Gefahr, machte sich mehr und mehr das Streben nach Erweiterung und völlig gleichmäßiger Verteilung der Volksrechte
und das Verlangen geltend, daß jeder unbescholtene Bürger ohne Ansehen der
Person und des Vermögens gleichen Anteil an der Verwaltung des Staates erhalte.
Dieses Gefühl trat so unabweisbar hervor, daß Aristeides selbst, ein Mann
der aristokratischen Partei, die ersten Schritte zur Einführung der allgemeinen
Wählbarkeit der Bürger für die Staatsämter that. Freilich hatte schon
Kleisthenes nach Vertreibung der Peisistratiden die Solonische Gesetzgebung
dadurch volkstümlicher gestaltet, daß er durch die räumliche Einteilung
Attikas in zehn Phylen und durch die nach dem Lose erfolgende Besetzung der
Ämter die politische Übermacht der Eupatriden brach. Noch einen Schritt weiter
gingen die Reformen des Aristeides, welche jedem Athener ohne Unterschied des
Standes das Recht der Wählbarkeit zu den Staatsämtern zusprachen. Aber selbst
seine Vorschläge veränderten die Lage der Dinge nur wenig, weil dem reichen
und vornehmen Manne immer noch Einfluß und Machtmittel genug blieben, um den
geringen Mann zu nötigen, bei den Wahlen ihm seine Stimme zuzuwenden. Nun aber
traten zwei Männer hervor, die dem allgemein gefühlten Drange nach gleicher
Berechtigung weitere Geltung verschafften.
Ephialtes war der eine, zwar von geringer
Herkunft und nicht namhaftem Vermögen, aber ohne Furcht vor den Drohungen der
einflußreichen Gegenpartei, rastlos thätig und mit natürlicher Beredsamkeit
begabt. Der andre war der mit Recht hochgefeierte Perikles,
ein Sohn des Xanthippos, des Siegers bei Mykale, und der edlen Agariste, einer
Bruderstochter des oben genannten Kleisthenes. Vor seiner Geburt träumte seiner
Mutter, sie habe einen Löwen geboren, war man auf die künftige Größe des
Sohnes deutete. Deswegen wurde alle Sorgfalt auf eine Erziehung verwendet. Man
wählte die trefflichsten Lehrer, namentlich den damals berühmten Pythokleides,
der ihn in allen Zweigen der Kunst und Wissenschaft unterrichtete.
So entwickelte sich der Knabe, so wuchs er zum vielversprechenden Jüngling
heran, so reiste er frühzeitig zum kräftigen Manne. Sein durch philosophische
Studien gebildeter Geist erfaßte die echte Weisheit des Staatsmannes, der sich
berufen fühlte, sein Volk groß und ruhmvoll zu machen. Er durchschaute die
vorliegenden Verhältnisse und wußte sie für die Verwirklichung seiner
großartigen Pläne zu benutzen. Er ordnete und lenkte mit sicherer Hand die
Begebenheiten, sah das Kommende voraus und ward auch durch ein Mißlingen nicht
entmutigt, da er stets neue Wege zu finden wußte, um sein Ziel zu erreichen.
Nicht durch kleinliche, verwerfliche Mittel erhob er seines Vaterlandes
Ansehen und damit sein eignes, sondern durch Weisheit und durch die Entwickelung
der inneren Kraft, die das Unrecht verachtet, aber mit Bewußtsein und richtiger
Würdigung der Umstände nach dem vorgesteckten Ziele strebt. Er verschmähte
die Künste der Demagogie, welche die Masse leicht gewinnen, (S. 306)
Bestechungen, Umgang und Vertaulichkeit mit dem Pöbel, Teilnahme an seinen
Lustbarkeiten. Seine Haltung war gegen jedermann freundlich und angenehm;
vertrauter Freundschaft aber würdigte er nur Personen, die an geistiger Bildung
ihm ebenbürtig waren. In der Unterhaltung mit berühmten Künstlern wie
Pheidias, mit dem Philosophen Anaxagoras, der ihm den ersten Unterricht in der
Weltweisheit und Beredsamkeit erteilt hatte, im Umgange mit der an Körper und
Geist gleich ausgezeichneten Ionierin Aspasia fand er Erholung von den
Staatsgeschäften. Festliche Gastmähler besuchte er nicht; nur einmal war er
bei dem Hochzeitsfest eines Neffen gegenwärtig, verließ aber die Gesellschaft
noch vor dem Schlusse der Mahlzeit. Überhaupt sah man ihn auswärts selten
anders als auf dem Wege nach der Agora oder zur Ratsversammlung. Seine Mittel,
das Volk zu gewinnen und gleichsam mit seinem Willen zu beherrschen, waren die
Lauterkeit seiner Ansichten, die Richtigkeit seiner Maßregeln, die Größe des
vorgesteckten Zieles, und dieses alles unterstützt durch seine überwältigende
Beredsamkeit. Wenn er sprach, so war es, als ob der Donner des olympischen Zeus
rollte und seine Blitze die Herzen entzündeten. Daher ward er von dem Volke,
das die unwiderstehliche Gewalt seines Wortes empfand, der Olympier genannt.
Dabei war er sparsam mit seiner Rede und wirkte häufiger durch ihm
gleichgesinnte Freunde, die sich um ihn, den Mittelpunkt aller das Wohl des
Landes bezweckenden Bestrebungen, gruppiert hatten.
In seinen Unternehmungen ging er mit Mäßigung und kluger Überlegungen vor,
berechnete die möglichen Wechselfälle und suchte sich im voraus des Erfolges
zu versichern. Daher war er weniger geeignet, die Heere der Republik zu
entscheidenden Siegen zu führen, da ihm jene rasche Entschlossenheit mangelte,
die unter dem Waffenklirren und dem Toben der Schlacht den rechten Moment
erspäht und kühn alles in die Wage legt, um alles zu gewinnen. [...]
Daß er sich endlich auch in seinen Berechnungen irrte, daß er namentlich
den verhängnisvollen Peloponnesischen Krieg heraufbeschwor, der zuletzt dem
Staate den Untergang bereitete, war menschlicher Irrtum, und mit Unrecht hat man
ihm daraus einen Vorwurf gemacht, ja sogar ihm unlautere Beweggründe
untergeschoben. Da er kein andres Mittel sah, sein Vaterland in der errungenen
Stellung zu erhalten, scheute er auch vor dem Äußersten nicht zurück.
Wie er die Götter des Staates nach großen Gesichtspunkten, doch auch im
einzelnen streng gewissenhaft verwaltete, so ließ er auch seine eignen
bewirtschaften. Sein treuer Verwalter Euangelos sorgte dafür, daß alle
Erzeugnisse (S. 307) regelmäßig verwertet wurden, während man die
Bedürfnisse des Hauses durch Einkäufe auf dem städtischen Markte befriedigte.
Durch diese wohlgeordnete Einrichtung war Perikles im Besitz bedeutender eigner
Mittel und konnte bei allem Aufwande für künstlerische Zwecke seine
Uneigennützigkeit und unbestechliche Rechtschaffenheit in Verwendung der
Staatseinnahmen bewahren. Schön und würdevoll wie seine geistigen Bestrebungen
waren auch seine Gesichtszüge und überhaupt der Bau seiner Glieder. Das
Ebenmaß seiner männlichen Schönheit war nur durch eine etwas unförmliche
Verlängerung des Kopfes unterbrochen, weshalb die komischen Dichter seiner Zeit
ihn spottend den Meerzwiebelköpfigen nannten oder wohl auch sagten, er trage
den Parthenon auf seinem Kopfe.
So war der Mann beschaffen, welcher um diese Zeit auf den Schauplatz der
Öffentlichkeit tart, um die das Volk durchdringenden Ideen von gleichmäßigem
Anrecht auf die Staatsverwaltung zur Ausführung zu bringen und dann in
Übereinstimmung mit dem Gesamtwillen der Nation die oberste Leistung zu
übernehmen.
Kimon. Ihm gegenüber stand an der Spitze der
aristokratischen Partei ein würdiger Gegner. Es war der tapfere Kimon, der Sohn
des Miltiades, von dessen Siegen über die Perser wie bereits berichtet haben.
Sein Streben ging dahin, die alten Staatsformen aufrecht zu erhalten und die
Kräfte des unerschütterten Staates zum Kampfe gegen die Barbaren zu verwenden.
Sein Charakter war in vielfacher Beziehung dem des Perikles entgegengesetzt.
Tiefe Studien, ernste Beschäftigung mit der Wissenschaft waren ihm zwar nicht
fremd geblieben, doch entsprachen sie weniger den Neigungen seines mehr auf das
Äußere und Praktische gerichteten Geistes. Er verachtete die berechnende, weit
voraussehende staatsmännische Weisheit und dachte nur daran, das Vorliegende,
das, was der Tag brachte, zu benutzen. Obgleich die Hauptstütze der
Adelspartei, ging er doch heiter und unbefangen mit allen Bürgern um, nahm
fröhlich an ihren Festen teil, hatte immer Sklaven mit gefüllten Säckeln bei
sich, die ohne Ansehen der Person den würdigen Armen wie den Müßiggängern
mit vollen Händen Gaben darreichten. Fand er zu Zeit der Hauptmahlzeit auf dem
Markte noch Leute vor, so nahm er manchmal eine Schar Hungriger mit sich in sein
Haus. Mit nicht geringerer Freigebigkeit ließ (S. 308) er die Einfriedung
von seinen weitläufigen Gütern vornehmen, damit kein Nachbar gehindert wäre,
seinen Bedarf an Gemüse und Früchten daraus zu holen.
Man könnte glauben, auf diese Weise hätte durch die allezeit offene Tafel
und Hand auch das größte Vermögen zu Grunde gerichtet werden müssen; allein
Kimon hatte nach Wiedereroberung des thrakischen Chersonesos die fürstlichen
Güter seines Vater zurückerlangt, und dann lieferten ihm seine Siege eine so
reiche Beute, daß er den Ausfall an seinem Vermögen wohl decken konnte und
nicht nötig hatte, seine Hand mit unredlichem Gewinn zu beflecken.
So war er dem Perikles an Rechtschaffenheit und Liebe zum Vaterlande gleich,
an kriegerischem Geschick ebenso überlegen, wie an geistiger Bildung und
staatsmännischer Weisheit untergeordnet. Er konnte eine Zeitlang durch das
Gewicht des altehrwürdigen Areiopagos und andrer Magistrate, durch das Ansehen
der Partei der Vornehmen und Begüterten und durch seinen Anhang unter der
Volkesmasse die Maßregeln des Ephialtes und Perikles lähmen. Als aber später
die Erbitterung gegen Sparta zunahm, mußte auch Kimon als Gastfreund dieses
Staates und als Anhänger seiner streng aristokratischen staatlichen
Einrichtungen fallen. Er wurde von einem Scherbengericht verbannt, und die
Männer des Volkes konnten nun in Attika an die Ausführung ihrer Pläne gehen.
Bisher war die äußere und innere Staatsgewalt mit der richterlichen Gewalt
vereint gewesen; nur die gesetzgebende Gewalt bruhte auf dem Rate der
Fünfhundert und auf der Volksgemeinde (Ekklesia). Jetzt wurden jene streng
voneinander geschieden, indem die richterliche Entscheidung sowohl über
Staatsverbrechen als über Privatstreitigkeiten dem schon früher erwähnten
Geschworenengericht der Heliäa zugeteilt wurde.
Wir wissen aus dem Vorhergehenden, daß die Heliäa schon längst bestand,
daß sie gewissermaßen der Appellationshof war. Ihre amtlichen Geschäfte
wurden nunmehr bedeutend erweitert. Die Anzahl der durch das Los gewählten und
vereidigten Geschworenen betrug fortan 5000, je 500 für einen Gerichtshof, wozu
noch 1000 Ersatzgeschworne kamen. Zur Aburteilung der gewöhnlichen Straf- und
Prozeßsachen war die Heliäa in zehn, zuweilen in noch mehr Sektionen
eingeteilt, von denen jede ihren besonderen Wirkungskreis hatte. Trotzdem
entsprach die also geordnete Gerichtsverfassung ihrem Zwecke nur unvollkommen.
Anderweite Beschäftigung, Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit hielt die
Bürger ab, an den Sitzungen teilzunehmen, und so blieb die Gerichtsbarkeit
größtenteils in den Händen der Archonten und andrer Magistratspersonen, sowie
des Areiopagos, gegen deren Aussprüche keine weitere Berufung statthaft war. -
Daß bei dieser Lage der Dinge vielfach Parteiinteressen, Leidenschaften, selbst
Bestechungen das Recht in Unrecht verkehrten, daß selbst der ehrwürdige
Areiopagos bei seiner Unverantwortlichkeit nicht immer in seinen Urteilen
unbefangen blieb, ist nicht zu bezweifeln; daher drang namentlich Ephialtes
wiederholt darauf, diesem Übelstand ein Ende zu machen.
Neuordnung der Heliäa. Es ward
auf seinen und seines Mitarbeiters Vorschlag eine Neuordnung der Heliäa
vorgenommen, der Wirkungskreis jedes einzelnen Geschwornengerichts genau
abgegrenzt, und endlich den Geschwornen eine Tagegebühr von je einem, später,
nach Perikles, von drei Obolen (42 Pfennigen) (S. 309) zuerkannt. Zugleich
führte man das Institut der Schiedsrichter (Diäteten) ein. Die prozessierenden
Parteien waren verpflichtet, bevor sie vor die Heliasten traten, ihre
Streitsachen entweder von ihnen selbst zu diesem Zweck erwählten Männern oder
einer vom Staat eingesetzten Kommission von Schiedsrichtern zur Entscheidung
vorzulegen. Sie bildeten die erste gerichtliche Instanz, gegen deren Ausspruch
man bei den ordentlichen Gerichtshöfen der Heliäa Berufung einlegen konnte.
Vor das Forum der Heliäa gehörten dagegen alle öffentlichen, den Staat
betreffenden Sachen, Übertretungen und Verbrechen mancherlei Art.
Kühn gemacht durch die erreichten Erfolge, wagten nunmehr jene Vorkämpfer
der Demokratie, das Ansehen des Areiopagos offen anzugreifen. Dieser oberste
Gerichtshof besaß das Recht, die Amtsführung der Magistratspersonen, die
Gesetzgebung, ja das Privatleben der Bürger zu beaufsichtigen. Er übte dadurch
eine fast unumschränkte Macht. Ohne die Würde des hohen Gerichts zu
schmälern, schob man jetzt andre Behörden ein, welche seine Machtbefugnisse
wesentlich beschränkten.
Künftig sollten sieben Gesetzeswächter (Nomophylakes) die amtliche
Thätigkeit des Rates, der Volksversammlung und der Magistrate überwachen. Eine
andre Körperschaft von 200 bis 1000 Männern, die Gesetzgebungskommission der
Nomotheten, sollte die Gesetze des vorhergehenden Jahres begutachten, verwerfen
oder zur Gültigkeit erheben. Sie wurden durch das Los aus der Heliäa bestimmt,
waren also Geschworne, welche mit mehr Gewissenhaftigkeit verfuhren, als die
leicht bewegliche Ekklesia. Eine dritte Einrichtung war die Graphe Paranomon,
d.h. die Klage gegen Ungesetzlichkeit. Diese Klage konnte gegen jeden
vorgebracht werden, welcher ein der Verfassung entgegenstehendes Gesetz in
Vorschlag brachte. Zum Teil waren diese Verordnungen schon von Kleisthenes
eingeführt, aber außer Gebrauch gekommen.
Die Gewährung von Tagegeldern (Diäten) an die Bürger, welche der Heliäa
oder auch der Ekklesia (Volksversammlung) beiwohnten, setzte nunmehr auch die
arbeitende Klasse in den Stand, sich an der öffentlichen Verwaltung zu
beteiligen. Ebenso billig war es, daß die Ratsmitglieder, Sachwalter,
Gesetzeswächter angemessen Gehalt, die Krieger für ihre Dienste Sold
empfingen. Jeder Hoplite sowie jeder Ruderknecht erhielt täglich vier, jeder
Reiter zwölf Obolen, womit sie zugleich ihre Waffen und Gerätschaften, zum
Teil auch ihren Mundvorrat bestreiten mußten. Damit ferner die Bürger, welche
so große Opfer gebracht und Siege erkämpft hatten, auch an der Freude, an den
Genüssen des Lebens Anteil hätten, wurden sie zu den mit den Festen
verbundenen Opfermahlzeiten zugezogen. Ebenso freigebig bewies sich der Staat
gegen seine Bürger, um ihnen den Besuch der neu eingerichteten Theater möglich
zu machen. Da nämlich Eintrittsgeld erhoben wurde, so traf man die Einrichtung,
daß dem gemeinen Manne zur Festzeit oder auch bei einer andern Gelegenheit
einige Obolen für diesen Zweck verabreicht wurden. Dergleichen Maßregeln lagen
im Wesen der Demokratie. Sie dienten dazu, den Unterschied der Stände
auszugleichen, Bildung, insbesondere Einsicht in die Verwaltung des Staates und
des Rechts, allgemein zu machen; aber es waren schon die ersten Schritte über
die rechte Mitte, es waren die ersten Anzeichen, daß der Höhepunkt
überstiegen, der Weg abwärts zum Verfall angebahnt sei.
(S. 310) Wie die schönste und edelste Blüte sich rasch entfaltet und bald
verwelkend abfällt, so war es mit dem wunderbaren Aufblühen und Verwelken der
athenischen Macht. Die Verteilung von Tagegeldern für die Teilnahme an
Volksversammlungen erzeugte Müßiggang und politische Kannegießerei. Die Masse
des ungebildeten Volkes drängte sich zu den Bürgerrollen, in die Ekklesia und
in die Heliäa, hielt sich für berufene Staatsmänner und brüstete sich mit
den aufgefangenen Brocken von Staatsweisheit. Solange Perikles mit überlegener
Kraft des Geistes, mit dem Donner seiner Rede den Haufen beherrschte, fuhr das
Schiff des Staates noch kühn durch die sturmbewegte Flute dem hohen Ziele zu,
das dem Steuermann vorschwebte. Als er aber gestorben war, traten an seine
Stelle Pöbelführer, Demagogen, Marktschreier, die das Fahrzeug in Klippen und
Riffe führten, wo es scheiternd mit ihnen zu Grunde ging. Noch einmal erhob
sich gegen jene Neuerungen die aristokratische Partei mit ihrer ganzen Macht;
sie erklärte die Herabwürdigung des Areiopagos für eine Handlung verruchter
Gotteslästerung, und da sie endlich sah, daß ihre Anstrengungen vergeblich
waren, so that sie einen Schritt, welcher freilich, statt um Ziele zu führen,
ihre Sache unrettbar machte; sie ließ den Ephialtes heimlich ermorden, eine
That, an welcher jedoch der verbannte Kimon keinen Anteil hatte.
Von diesem Zeitpunkt an stand Perikles allein an der Spitze des Staates, ohne
daß ein ebenbürtiger Bewerber um diese hohe Stellung ihm gegenüber
aufgetreten wäre. Es gab allerdings noch drei Männer, welche ihm den Vorrang
hätten streitig machen können, nämlich Kimon, Aristeides und Themistokles;
allein ersterer war nicht der Rede so mächtig, um die bewegliche Menge nach
seinem Willen zu lenken, und noch weniger als weitschauender Staatsmann
befähigt, den Gang der Staatsmaschine mit fester Hand und sicherem Takte zu
leiten und zu regieren. Der zweite Rivale hatte freilich bei Platäa den
kriegerischen Lorbeer um sein Haupt gewunden und durch Herstellung des Bundes
von Delos ebenso sein politisches Geschick, wie den alten Ruf seiner
Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit bewährt; ihn aber rief das Schicksal zu
derselben Zeit vom Schauplatze der Thaten ab, als Athens Macht sich voll
entfaltete und Perikles die ersten Schritte zu dem ihm vorschwebenden Ziele
that.
Themistokles endlich, der als dritter Bewerber um die höchste Stellung im
Staate hätte auftreten können, lebte, wie wir wissen, als verbannter
Flüchtling im Reiche des Perserkönigs. Er besaß unleugbar sowohl als Feldherr
wie als Staatsmann große Talente, allein keineswegs die Anspruchslosigkeit und
Uneigennützigkeit eines Aristeides. Nicht mit reinen Händen hatte er
Reichtümer angehäuft, und vielleicht war er auch nicht frei von der
Mitwissenschaft um die verräterischen Pläne des Pausanias. Seine politische
Klugkeit und vielseitige Gewandtheit verschafften ihm die Gunst des Königs
Artaxerxes, welcher ihm, wie früher bemerkt, die Städte Magnesia, Myus,
Lampsakos, Perkote und Skepsis in Kleinasien für seinen Unterhalt überwies und
zugleich die Gegend um Magnesia als Statthalterschaft übertrug. Themistokles
hatte ihm dagegen seine Dienste zugesichert, vielleicht nicht zur Unterjochung
von Hellas, wohl aber zur Überwältigung der kleinasiatischen Hellenen und der
Inseln im ägäischen Meere.
(S. 311) [Abb.]
(S. 312) Es muß dahingestellt bleiben, ob er nicht auch daran dachte, alles
aufzubieten, um wieder in Hellas und in Athen, dem Mittelpunkte des hellenischen
Lebens, Aufnahme und Geltung zu gewinnen; aber der rasche Aufschwung, die
Machtentfaltung seiner Vaterstadt, der schnelle Wechsel der Szenen offenbarten
ihm bald, daß er eine abgethane, gefallene Größe sei. Indessen lebte er in
königlicher Pracht; man erzählte Wunderdinge von seinen Palästen, seinen
Gastmählern und seiner Dienerschaft, so daß man unwillkürlich an Wallenstein
erinnert wird, der nach der ersten Dienstentsetzung gleichen aufwand entwaltete.
Es scheint, daß der persische König erst durch die Fortschritte der Athener in
Kleinasien und an der thrakischen Küste bewogen wurde, seinen Gast an die
Erfüllung seiner Versprechungen ernstlich zu mahnen. Aber ein rechtzeitiger Tod
entband, wie wir wissen, den Themistokles seiner dem Großkönige gemachten
Zusagen. -
Perikles waltete im Innern des Staates mit fast unumschränkter
Machtvollkommenheit; alle seine Vorschläge wurden durch seinen immer wachsenden
Einfluß auf die Volksmeinung zu Gesetzen erhoben. Die ganze Bürgerschaft
erhielt durch diese Gesetze gleichen Anteil an der Staatsverwaltung; da aber die
Masse stets eines Führers bedürftig ist, so konnte nur Perikles ihr Stern und
Oberhaupt sein. Er war aber mehr als ein Volksführer; er war nicht dem Namen
nach, aber in Wirklichkeit mit königlicher Macht umgeben. Von seinem Genie
durchdrungen und beseelt, entwickelten sich alle Kräfte des Landes und des
Volkes. [...]
Nach den Siegen am Eurymedon über die Perser fanden die Athener zuerst
Gelegenheit, sich im Norden an der thrakischen Küste auszubreiten. Dort, am
Ausflusse des Strymon, wo sie die Barbaren aus Gion und andern Besitzungen
vertrieben hatten, siedelten sich athenische Kaufleute und andre Kolonisten an
und suchten an dem Gewinne teilzunehmen, den die Thraker aus den reichen
Goldminen des Gebirges Pangöos zogen. Ihnen widersetzten sich indessen nicht
allein die Eingebornen, sondern auch die benachbarten Thasier.
Abfall der Insel Thasos.
Die Insel Thasos war freilich ein treues Glied des Bundes von Delos gewesen;
jetzt aber, wo es galt, eine Quelle ihres Reichtums zu behaupten, scheiten sich
die Einwohner nicht, den Fehdehandschuh gegen das Oberhaupt des Bundes
aufzunehmen. Ihre einst von den Persern niedergeworfenen Mauern waren wieder
aufgebaut und ihre Seemacht nicht unbedeutend. Bald aber erschien der
sieggewohnte Kimon mit seiner Flotte, schlug die Insulaner zur See und begann
die schwierige Belagerung der Hauptstadt zu Wasser und zu Lande. Zugleich drang
ein Heer von 10000 Kolonisten, teils Athener, teils Bundesgenossen, am Strymon
aufwärts, bemächtigte sich daselbst einer thrakischen Stadt und rückte dann
weiter in die goldreichen Berge vor. Dagegen erhoben sich die mächtigsten
Stämme des Landes und schlugen nach blutigen Kämpfen die der Gegend unkundigen
Siedler, so daß nur wenige dem Blutbad entrannen. Auch die Thasier verteidigten
ihre Unabhängigkeit mit unverzagtem (S. 313) Mute; als aber nach zwei
bedrängnisvollen Jahren auch die von Sparta verheißene Hilfe ausblieb, mußten
sie sich ergeben und sich nach Niederreißung ihrer Mauern zur Unterwerfung
bequemen. - Während Athen hier und in andern Gegenden teils durch Waffengewalt,
teils durch kluge Unterhandlungen seine Macht ausbreitete, blieb auch Sparta
nicht ganz müßig. In seiner nächsten Nachbarschaft, in Arkadien, ruhten seine
siegreichen Waffen nicht. Es hielt das Aufstreben der größeren Städte nieder
und bewahrte die Unabhänigkeit der kleineren. In Böotien dagegen stärkte es
wieder das gebrochene Übergewicht Thebens und erzog sich dadurch einen treuen
Bundesgenossen, der Nebenbuhlerin Athen aber einen gefährlichen und nicht zu
verachtenden Nachbarn.
Erdbeben in Sparta. Alle
diese Unternehmungen wurden indessen durch ein großes Nationalunglück
gelähmt; durch ein heftiges Erdbeben sanken nämlich fast die ganze Stadt
Sparta und andre Orte des lakonischen Landes in Trümmer. Der Erderschütterer
Poseidon - glaubte man - zürne, weil man von seinen Altären zu Tänaron
flüchtige Heloten weggerissen hatte, und vor seinem Grimme zittere die
Grundfeste des Landes. Mit dem zürnenden Gotte im Bunde erhoben sich sofort die
messenischen und zum Teil die lakonischen Heloten, um das eiserne Joch der
Knechtschaft zu brechen und ihre verhaßten Unterdrücker zu Boden zu werfen.
Sie fanden aber die Bürgerschaft unter Anführung des jungen Königs Archidamos
in Waffen auf den Trümmern der Stadt und wagten deshalb keinen Angriff auf den
gefürchteten Gegner, sondern zogen sich in die Gebirge, um dort den Kampf auf
Leben und Tod fortzusetzen. Bis in die Ebene von Stenyklaros, dem alten
Hauptorte Messeniens, folgte ihnen der kühne Aeimnestos, derselbe Krieger,
durch dessen Hand einst zu Platäa Mardonios gefallen war. Hier bot er mit
seiner kleinen Schar von 300 entschlossenen Männern den von allen Seiten
heranstürmenden Messeniern die Spitze. Er kämpfte und starb gleich den Helden
von Thermopylä, und seine Tapferen mit ihm. Ihr Heldentod erhob den Mut der
Spartiaten. Sie setzten mit Ausdauer den Krieg fort, bis sich die Heloten
endlich auf die Höhe von Ithome zurückzogen. Diese letzte Burg, wo im ersten
Messenischen Kriege Aristodemos seine Tochter dem Vaterlande zum Opfer gebracht
hatte, verteidigten die Bedrängten mit dem Mute der Verzweiflung. Vergeblich
erschöpften die Belagerer alle Mittel des Angriffs, vergeblich beriefen sie
Hilfsvölker von Ägina und Platäa, die Feste konnte nicht erobert werden.
Sparta sucht Hilfe bei
Athen. Im dritten Jahre des Krieges thaten endlich die Spartaner
einen für sie höchst demütigenden Schritt; sie ließen durch eine
Gesandtschaft in Athen um Hilfe ersuchen. Es war nämlich die Kunst der Athener,
feste Burgen und Städte zu erobern, überall bekannt; daher beschwor der
spartanische Gesandte das versammelte Volk bei den unsterblichen Göttern,
seinem Vaterlande den erbetenen Beistand zu gewähren. Die Beratung schwankte
lange hin und her; da trat Kimon, sonst nur ein Mann der That, nicht des Wortes,
hervor und sprach: "Auf zwei Grundfesten ruht die Wohlfahrt von ganz
Hellas; die eine wurzelt in Attika, die andre am Eurotas, gleichwie der Mensch
auf zwei Füßen einhergeht. Haut ihr den einen ab, so ist der ganze Mann
gelähmt. Darum ist es eure Pflicht, mit allen Mitteln zur Erhaltung des (S.
314) zweiten Grundpfeilers bereit zu sein, damit nicht ganz Hellas und ihr mit
ihm im Umsturze untergeht." Diese Rede bestimmte die Menge; die Hilfe ward
zugesagt, und 4000 Streiter unter Kimon selbst machten sich auf den Weg nach
Lakonika.
Die athenische Hilfsmacht fand indessen die Lage der Sache anders, als sie
erwartet hatte. Da waren nicht künstliche Mauern niederwerfen, sondern Felsen,
steile Abhänge, Schluchten und Abgründe bildeten die Verteidigungswerke von
Ithome. Diese konnten durch keine künstlichen Maschinen weggeschafft werden.
Hinter den Felsen aber und auf den Höhen standen Männer, welche wußten, daß
ihre Rettung allein auf der Entscheidung ihrer Waffen beruhte, und daß sie auf
keine Gnade bei den erbitterten Feinden rechnen konnten. Daher machten auch die
Athener nur geringe Fortschritte; die Belagerung mußte sich auf Einschließung
des festen Platzes beschränken, die Messenier aber wußten stets auf
schwierigen Pfaden und durch verborgene Schluchten Ausfälle und verheerende
Streifzüge in die Umgegend zu machen und so Lebensmittel einzubringen.
Kimons Verbannung. Da sprachen
die Spartaner untereinander: "Haben wir darum die Macht von Athen in das
Herz unseres Landes aufgenommen, daß sie thue, was wir selbst thun können?
daß die ehrgeizigen Verbündeten die Gelegenheit erspähen, künftig auf
bekannten Wegen mit feindseliger Hand zurückzukehren und uns größere
Bedrängnis zu bringen?" Und was anfangs die Menge da und dort insgeheim
murmelte, dem gab die Gerusia offenen Ausdruck; sie entließ das athenische Heer
ohne Ehre und Dank, wie man etwa einen Söldner verabschiedet. Diese schnöde
Verabschiedung veranlaßte allgemeine Erbitterung in Athen. Man erklärte den
Bund mit Sparta für aufgelöst; man nahm das von Korinth bedrängte Megara in
Schutz; man besetzte Pagä und sicherte sich dadurch den Zugang zum
Korinthischen Meerbusen. Dann aber wandte sich der Unwille gegen den Urheber des
Unternehmens, gegen Kimon. Schon einmal war er nach der Unterwerfung von Thasos
vor Gericht gezogen worden, weil er damals seine siegreichen Waffen nicht nach
Makedonien getragen hatte. Er war dieser Anklage nicht einmal mit einer Antwort
entgegengetreten, und sein großer Gegner Perikles war selbst als Vermittler
erschienen, um des Feldherrn Recht und seine ruhmvollen Thaten zu erheben. Jetzt
war die Sache anders; ein Scherbengericht ward für statthaft erklärt, dessen
Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. Weit über 6000 Stimmen sprachen die
Verbannung des großen Mannes aus; er aber schied aus der Vaterstadt, ohne darum
der Liebe zu derselben zu entsagen. Seine Absichten waren lauter und großartig;
es war der Gedanke seines Lebens, die Macht der Hellenen unter den Bannern von
Athen und Sparta zum Kampfe gegen die Barbaren zu einigen und darum jede innere
Erschütterung und jeden Zwiespalt zu verhüten. Er vergaß nur, daß zwei emporstrebende Staaten selten anders als durch die äußere Not zu gemeinsamer
Wirksamkeit bewogen werden, und daß dieselben, wenn die Bedrängnis vorüber
ist, früher oder später in Entzweiung geraten, die nur mit der gänzlichen
Niederlage des einen oder der Unterjochung beider durch einen dritten zu Ende
gebracht wird. - Nach der Verbannung Kimons bekam Perikles freie Hand, und er
führte nun mit sicherem Takt und raschen Schritten sein Volk auf den
Höhepunkt, der ihm vor Augen schwebte.
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| | Wägner, W., Athens Machtentfaltung, in: ders.,
Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 303-314 (1. Auflage 1859)
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GM (digitale Edition) für psm-data 
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