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| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Es genügt hier zu bemerken, daß diese Stätte dem Lustbringer
Apollon geweiht war, dem auch die alten Pelasger ebenso wie dem großen
Naturgott Hermes und der Pallas, der Göttin des blauen Himmels, Opfer und
Gebete darbrachten. An die Stelle der Dione trat frühzeitig die Himmelsgöttin
Here oder Hera, die der Erde wie dem menschlichen Ehestand Fruchtbarkeit
verleiht. Diese und andere Gottheiten waren, wie gesagt, der Erkenntnis von
der überwältigenden Macht der Natur, der Ahnung des Göttlichen im
menschlichen Gemüt entsprungen; sie ruhten noch gestaltlos im Bewußtsein und
erhielten erst Form und Bedeutung durch die schöpferische Hand der Poesie,
die das Göttliche dem Menschen näher zu bringen sucht. Wir müssen es übrigens
der Mythologie überlassen, die griechischen Göttersagen ausführlich zu
behandeln, weshalb wir hier nur eine Übersicht vorausschicken, um die erste
Entwickelung der hellenischen Anschauung darzustellen und die folgenden
Heldensagen einzuleiten.

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(S. 31) Am Anfang war das Chaos, der regellose Kampf der
Elemente untereinander. Daraus stiegen die liebliche Gäa (Erde), der finstere
Tartaros (Unterwelt) und der alles verbindende Eros (Liebe) hervor. Die Erde
gebar den Uranos (Himmel) und durch seine Umarmung den Kronos (Zeit) und die
gewaltigen Titanen, dann die Kyklopen und die hunderthändigen Riesen. Uranos
stürzte aus Furcht, seine Herrschaft zu verlieren, die eignen Kinder in den
Tartaros; aber Gäa berief den Kronos und hieß ihn mit diamantener Sichel
seinen Vater entmannen. Aus den niederträufelnden Blutstropfen entstanden die
schlangenfüßigen Giganten und die Erinnyen, die Göttinnen der Rache und
Strafe. Kronos herrschte nun mit den Titanen und verschlang seine eigenen
Kinder, was gewöhnlich auf die noch nicht gezählten Jahre gedeutet wird,
aber mit besserm Recht auf denjenigen Zustand der Seele zu beziehen ist, der
im Bewußtsein noch keine klaren Vorstellungen hervortreten läßt. Von der
Gattin des Kronos, der Rhea, die wieder nicht andres ist als die Erde, wurde
Zeus, das jüngst geborene Kind, dem Vater entzogen. Mit Hilfe der Metis
(Klugheit) zwang dieser seinen Erzeuger, die andern Geschwister wieder von
sich zu geben, und begann mit ihnen den Kampf gegen die Titanen. Die Kyklopen
schmiedeten ihm Blitze, die hunderthändigen Riesen traten auf seine Seite,
ebenso der den Ausgang schauende Prometheus, einer der Titanen; da ward der
Sieg gewonnen, der Sieg des zum klaren Bewußtsein erwachten Geistes, der Sieg
der Ordnung und des göttlichen Gesetzes. Die Titanen sanken in den Tartaros,
weil auf der Oberwelt die regellose Gewalt nicht länger herrschen konnte.
Vergebens zürnt Gäa über das Schicksal ihrer Kinder und bietet die Giganten
gegen die neuen Götter auf; vergebens gebiert sie den Typhon, ein Ungeheuer,
das den Raum zwischen Himmel und Erde erfüllt. Obgleich anfangs Sieger,
erliegt auch er den Blitzen des Zeus und ruht seitdem in tiefem Abgrunde, über
welchem der Ätna als Grabeshügel aufgetürmt ist. Die Götter der Ordnung
herrschen hinfort im Himmel auf und unter der Erde und im Schoße der Gewässer.
Zeus, der oberste Gott, wurde als Ordner der Welt gedacht,
nicht als ihr Schöpfer. Er war die in leiblicher Gestalt erschienene Idee des
geistigen Wesens, das über dem Leben waltet, gleichsam die verkörperte
Allmacht und Weisheit. Als Urgeist der Natur wurde er, wie oben angeführt, in
den wilden Gebirgen Thesprotiens, zwischen dem Pindos und dem ionischen Meer,
verehrt. Da sangen die Pleiaden, weissagende Frauen: "Zeus war und ist
und wird sein! O großer Zeus! Die Erde läßt unsre Früchte reifen; darum
ehrt sie als unsre Mutter!" In diesen Worten spricht sich schon deutlich
die große Verehrung aus, die man dem höchsten Gotte weihte. Denn er, so
sprachen die frommen Väter, (S. 32) er, der im hohen Äther herrscht, der den
Blitz und den verheerenden Sturm senden kann, ist auch der Stifter staatlicher
Ordnungen, löblicher Gesetze und Rechte. Er schirmt den König, die Gemeinde
und das Haus des Bürgers und gibt Gedeihen allem, was gut und edel ist.

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Mit Hera oder Here, gleichfalls einer Tochter des Kronos und
der Rhea, trat der olympische Zeus in Ehebund. Man glaubt, ihr Name bezeichne
die obere Luft; vielleicht aber dürfte sie auf die Allmutter Erde zu beziehen
sein. Sie wird mit dem Sterndiadem dargestellt, wie die Erde von dem
Sternenhimmel umwölbt ist. - Als Vermittlerin zwischen den irdischen Mächten
und der geistigen, himmlischen Gewalt erscheint Pallas Athene, die Göttin der
Weisheit. SIe galt nach dem alten Glauben als dem Wasser oder dem Feuer
entsprossen. Nachdem man die dem Naturdienst angehörigen Vorstellungen überwunden
hatte, dachte man sich Pallas Athene als Helferin in den Kämpfen des Lebens,
als Lehrerin der nützlichen Künste und Geschäfte, als Göttin der
Lebensweisheit im Frieden und im Kriege, die aus dem Haupte des Zeus in voller
Waffenrüstung entsprungen sei.
Hermes, ein segenspendender Gott, der in der pelasgischen
Urzeit vielleicht zuerst aus dem unbestimmten Gefühl von dem Göttlichen
hervorging, war ursprünglich der die ganze Natur durchdringende Geist. Er
ruft nach ältester Vorstellung das Leben hervor und versenkt es wieder in die
Nacht des Todes; er ordnet und fügt die Verhältnisse im menschlichen Leben
und waltet im Wechsel der Dinge überhaupt. Seine Macht ist groß im Himmel
und auf Erden, im Werden und Vergehen, im Wachstum und Welken. Deshalb
verehrten ihn auch besonders die Hirtenvölker am Tomaros, in Thessalien und
Arkadien. Sie opferten ihm und flehten um seinen Segen für ihre Triften wie für
das Gedeihen der Herden. Von dieser Höhe sank er im Volksglauben herab, als
man die Mythen über die Götterwelten weiterbildete und ordnete. Da ward er
ein Sohn des Zeus und der Maia, einer Tochter des Atlas, die ihn in finstrer
Grotte am arkadischen Berge Kyllene gebar. Da streifte er, kaum geboren, die
Windeln (Nebel) ab, die ihn verhüllten, und entwendete listig die
Rinderherden, die Apollon in Pierien weidete. Er sollte sie nach Zeus'
Ausspruch zurückgeben; aber er spielte so melodisch auf der von ihm
erfundenen Lyra, einer besaiteten Schildkrötenschale, daß ihm Apollon für
das (S. 33) Saitenspiel die Rinder überließ und ihn in der niederen
Weissagung unterrichtete. Zeus selbst bewunderte die Gewandtheit und Klugheit
des jungen Gottes, gab ihm Flügelschuhe, Flügelhelm und Heroldstab und erwählte
ihn zum Herold der Götter.

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Er blieb aber auch der Förderer der Gewerbe und der Geschäfte,
wie überhaut des Handels und Verkehrs, und ward daher von Kaufleuten und
Schiffern als Geber des Reichtums angerufen. Ferner stand er der Redekunst und
Gymnastik vor, war Hüter der Grenzen und Straßen, und endlich der Totenführer
auf dem Wege in die Unterwelt, was aus der ursprünglichen Vorstellung von
seinem Wesen hervorging. Er trat dadurch in Beziehung zu den geheimnisvollen Mächten,
die in der Tiefe über Leben und Tod, Wachstum und Sterben walten, und denen
man in den Mysterien Verehrung weihte. Man errichtete ihm Denksteine oder
Hermessäulen, kleine Pfeiler mit Hermeskopf, die man an Straßen, öffentlichen
Plätzen und an den Thüren der Häuser aufstellte und später mit sinnreichen
Denksprüchen verzierte.
Wie Pallas dem bürgerlichen Leben überhaupt vorstand, so
verehrte man die freundliche, mütterlich sorgende Hestia als Vorsteherin des
Familienlebens, die am Herdefeuer des Hauses waltete - den Hephästos dagegen,
den hinkenden Gott des Feuers und der Schmiedekunst, als den Lehrer und den
Vorstand in allen Gewerben, bei welchen Feuer bebraucht wird. Aber man
erkannte seine Macht auch in den rauchenden und feuerspeienden Vulkanen und
weihte ihm Tempel und Altäre, um ihn zu besänftigen und sich seines
hilfreichen Beistandes zu versichern.
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| | Wägner, W., Göttersagen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6.
Auflage. Leipzig 1886, S. 27-40 (1. Auflage 1859) |
GM (digitale Edition) für psm-data 
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