| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Leben und Kultur während der Zeit des Aufschwungs
von Wilhelm Wägner
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Die öffentlichen Feste. Eleusinien und
Panathenäen.
Leben und Feste in
Sparta.
Häusliches Leben.
Erziehung
Gymnasien
Heerwesen.
Bewaffnung
Die Hopliten
| (S. 325) Wie das öffentliche, so bot auch das Privatleben
Athens ein wechselreiches Bild. Der Glanz des Staates, der allgemein verbreitete
Wohlstand, endlich der Charakter der Einwohner trugen dazu bei, es angenehm,
gesellig und heiter zu gestalten. Man konnte daher sagen, ein Jahr in jener
Stadt sei so viel wert wie in einer andern eine lange Lebenszeit.
Fast täglich konnte man zu Athen die Reden und Erörterungen
großer Staatsmänner, oder die kunstvollen Chorgesänge bei Opferzügen, oder
in Säulenhallen den Unterricht der Lehrer der Weisheit hören, oder man konnte
in dem Theater die unsterblichen Dichtungen eines Äschylos, Sophokles,
Euripides aufführen sehen, oder im Anschauen der Meisterwerke der Architektur,
der Bildhauerkunst, der Malerei, oder im Volksgewühl auf dem Weltmarkte des
Peiräeus, oder bei einem fröhlichen Gastmahle sich ergötzen. |
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Was nur den Leib
nährt und erfrischt, was das Herz erfreut, den Geist erhebt und veredelt, das
war in Athen zu finden. Selbst der Umgang mit geistig gebildeten Frauen fehlte
nicht; denn wenn auch die Unterhaltung mit den auf den Haushalt beschränkten
Athenerinnen vielfach einförmig und selbst langweilig sein mochte, so fanden
sich daneben doch auch solche, meist freilich Ausländerinnen, die durch
Schönheit wie durch Bildung gleich ausgezeichnet waren. Man nannte sie
Hetären, das heißt Freundinnen. Manche von ihnen waren feile, verworfene
Geschöpfe; manche aber auch, wie die schon genannte Aspasia, versammelten die
edelsten Athener um sich, hatten gleichsam ästhetische Schulen errichtet,
Schulen, wo in zwanglosem geselligen Umgang der feinste Geschmack gelehrt wurde,
nicht Liebeshöfe, wo die Jugend an Körper und Geist Schiffbruch leidet. Auch
für Ausbildung körperlicher Kraft, Anmut und Gewandtheit bot sich in Athen
reiche Gelegenheit. (S. 326) Denkt man sich hierzu noch den Anblick der großen
Umzüge bei Festen und Opfern, der Handels- und Kriegsflotten, welche vor Anker
gingen oder mit vollen Segeln nahen und fernen Küsten zustrebten, so hat man
einigermaßen ein Bild des bewegten attischen Lebens, wo das sinnlich Schöne
vom Hauche des Geistes verklärt erscheint.
Die öffentlichen Feste. Eleusinien und
Panathenäen. Von höchster Bedeutung nicht nur für die Athener, sondern
zum Teil für ganz Griechenland waren die Eleusinien und die Panathenäen.
Erstere, die Eleusinischen Mysterien genannt, hatten ihren Grund in dem Mythos
von den Naturgottheiten Demeter, Persephone oder Kore und Dionysos, hier Jakchos,
dem Sprößling der Kore und des Beherrschers der Unterwelt. Sie deuteten
symbolisch die Ansichten und Hoffnungen der Weisen von einem edleren Leben der
Seele nach dem Tode gegenüber jenem schattenhaften Dasein, von welchem Homer
redet.
Demeter, die Geberin der Fruchtfülle - so lautet die Mythe -
verließ den seligen Kreis der Olympier, als sie erfuhr, ihre Tochter Kore sei
von dem finsteren Hades geraubt und für sie unwiederbringlich verloren. Sie
wanderte nach Eleusis und setzte sich in Gestalt einer alten Frau auf einen
Stein am "Blumenbrunnen", wo die Mädchen Wasser schöpften. Die
Töchter des Königs Keleos fanden sie hier in ihren Gram versenkt. Da sie
erfuhren, die trauernde Frau sei von Schiffern geraubt worden, den Räubern
hierher entkommen ohne Obdach, Heimat und Freunde, so nahmen sie dieselbe mit
sich in die königliche Wohnung. Bald gelang es der fröhlichen Magd Jambe, den
Kummer der Göttin durch ausgelassene Scherze zu zerstreuen, und diese unterzog
sich darauf der Pflege des kleinen Königskindes Demophoon. Sie reichte ihm am
Tage Ambrosia, des Nachts legte sie es in himmlisches Feuer, um es für die
Unsterblichkeit zu läutern.
So gedieh der Knabe wunderbar; aber die Mutter, welche ihn einst
in der läuternden Lohe erblickte, riß ihn erschreckt heraus. Da stand
plötzlich die göttliche Wärterin, verklärt in ihrer Strahlenglorie, vor ihr,
zürnend der menschlichen Thorheit. Sie gebot den Eleusiniern, einen Tempel zu
erbauen, und verhieß ihnen die heiligen Gebräuche zu offenbaren, durch deren
Beobachtung sie der höchsten beseligenden Wohlthaten teilhaftig werden würden.
Als der Tempel erbaut war, barg sich darin die trauernde
Göttin, und es wuchs Jahre hindurch keine nährende Halmfrucht, also daß
Menschen und Tiere aus Mangel an Nahrung hinstarben, bis endlich der allwaltende
Zeus den Ausspruch that, die geraubte Kore solle zu ihrer Mutter auf die
Oberwelt zurückkehren, zwei Drittel des Jahres mit ihr sich freuen, ein Drittel
aber bei ihrem Gemahl in der Tiefe zubringen.
Es geschah nach dem Gebote Kronions, und wie Demeter die Tochter
in den Armen hielt, erwachte der junge Frühling, und die Erde brachte Knospen
und Blüten, Getreide und Baumfrucht in üppiger Fülle hervor.
Die Göttin aber lehrte die Häupter der Stadt die Geheimnisse
ihres Dienstes und deren Deutung: wie ihre Tochter Kore gleich das Samenkorn in
die Erde gesenkt werde, um im Frühling frisch und lebensvoll wieder
hervorzutreten, und wie in gleicher Weise der Mensch im irdischen Tode zur Tiefe
niedersteige, um sich, (S. 327) geläutert von den Schlacken des Erdenlebens, zu
einem höheren Dasein zu erheben. Solche Lehren faßten und bewahrten freilich
nur die Edeln und Weisen; darum blieben sie in mystisches Dunkel gehüllt, darum
glaubte man auch, die Gottheit selbst werde den ruchlosen Frevler strafen, der
sie offenkundig mache. Das Geheimnis wurde auch so wohl bewahrt, daß erst
spätere Schriftsteller einige Aufschlüsse darüber gaben, die wenigstens in
der Hauptsache unsere Wißbegierde befriedigen.

Die Eleusinien waren ursprünglich Ernte- und Weinlesefeste, die
man anfänglich wohl in einfacher Weise beging und erst später mit dem Nimbus
eines göttlichen Mysteriums umgab. Es standen ihnen die Häupter der
vornehmsten Familien in Eleusis vor, bei denen die Priesterwürde erblich blieb.
Der oberste dieser Priester war der Hierophantes (der die Heiligtümer zeigt)
aus dem Geschlechte der Eumolpiden (Schönfänger), ein Mann, dessen
Unsträflichkeit anerkannt sein mußte. Der Daduch oder Fackelträger, sowie der
Hierokeryx, heilige Herold, und der Epibomios, Altardiener, bildeten mit ihm das
Kolleg der Hohenpriester, zu dem auch noch gleichnamige Priesterinnen gezählt
wurden. Sie nahmen die Weihen derjenigen vor, welche in die Mysterien
eingeführt zu werden wünschten, und zwar im Frühjahr bei den kleineren
Mysterien die erste Weihe, im Herbste die Vollendung oder das Schauen, wozu nur
die würdig befundenen Brüder des ersten Grades zugelassen wurden. Erforderlich
war, daß der Eintretende von griechischer Abkunft und von Lastern und
Verbrechen frei sei. Dadurch wirkte der Bund auf Hebung der Sittlichkeit, da
sich der Eingetretene der erlangten Gemeinschaft mit der Gottheit und ihrer
Wohlthaten würdig beweisen mußte.
Im Frühling, und zwar schon im Februar, wenn Mandel- und
Granatbäume in reicher Blüte standen, feierte man die kleinen Mysterien in
einer Vorstadt Athens am Flüßchen Ilissos. Man ließ sich in den Bund
aufnehmen und vermählte auf mystische Weise den Dionysos mit der auferstandenen
Kore durch Opfer, Reinigungen und Weihungen. Im Herbst, und zwar im September,
fanden die großen Mysterien statt, wozu aus ganz Griechenland Teilnehmer oder
Zuschauer in Athen sich einfanden. In der Gemäldehalle auf dem Markt kamen
Tausende zusammen und wurden von dem Hierophanten nach dem Grade ihrer Weihe in
Klassen eingeteilt. Am nächsten Tage gebot der Herold ans Meer zu ziehen, um
sich und die Opfertiere in der heiligen Salzflut zu reinigen. An den folgenden
Tagen fanden Prozessionen zu den Heiligtümern der drei Gottheiten statt, dann
endlich der Zug der festlich geschmückten und mit Myrten und Eppich bekränzten
Mysten (Eingeweihten) unter dem Geleite von Fackelträgern und unter
Vorantragung des Gottesbildes von der (S. 328) Agora nach dem vier Stunden
entfernten Eleusis. Die Wanderung dauerte einen ganzen Tag; man hielt Rast an
einem heiligen Feigenbaum, welchen einst Demeter geschenkt hatte, an der
Kephisosbrücke, wo man Neckereien und Kurzweil trieb in Erinnerung und
Nachahmung der Magd Jambe, und an mehreren andern Heiligtümern auf der heiligen
Straße. Abends spät gelangte der Festzug nach Eleusis und lagerte auf der
thriasischen Ebene. Während der Nacht wurden zu Ehren des Jakchos heitere
Fackeltänze aufgeführt. Es gewährte einen zauberhaften Anblick, wie sich die
Chöre der Fackelträger folgten und durchkreuzten, in der Ferne sich verloren
und wiederkehrten, um das Suchen der Demeter nach ihrer Tochter auszudeuten.
Die Geheimfeier fand im großen Tempelgebäude statt, das einen
geschlossenen Raum mit einer von Säulen getragenen Vorhalle bildete. Man hat in
den Ruinen dieses Baues große unterirdische Anlagen entdeckt, welche, mit
Andeutungen alter Schriftsteller zusammengehalten, keinen Zweifel lassen, daß
man den Eingeweihten den Tod als einen Übergang zu einem höheren, reineren
Dasein versinnlichen wollte. Es geschah dieses nicht durch Worte, nicht durch
dogmatische Vorträge, sondern symbolisch. Die Geweihten sollten nicht lernen,
sondern fühlen, ahnen und glauben, wie Aristoteles sagt. Daher traten sie ein
in die Finsternis der unterirdischen Räume; sie hörten Geheul, Gestöhne,
brausende Wasser, Rollen des Donners, sie empfanden alle Schrecknisse des
Tartaros. Dann that sich die Pforte des Lebens auf; der Lichtglanz Elysiums
strahlte den Pilgern entgegen, zeigte ihnen die verehrten Götter in himmlischer
Schönheit, Priester und Selige um sie her. Da erkannten die Wissenden, daß die
Ahnung geistiger Unsterblichkeit Wahrheit sei, während die große Menge
freilich für diese Ahnung wenig Sinn hatte; aber sie begriff doch, daß dem
Geweihten, dem sittlichen Menschen einst Vorzüge, Freuden und Ehren
bevorständen.
Am Feste der Panathenäen nahm die Bevölkerung von Athen, Freie
wie Sklaven, ebenso lebhaft teil. Dieses Fest wurde zur besondern Verehrung der
Schutzgöttin Athene gefeiert, unter deren Beistand einst Theseus die Bewohner
von Attika zu einem gleichberechtigten Volke verschmolzen hatte. Es wurde
jährlich, am feierlichsten aber jedes vierte Jahr, sechs Tage lang begangen.
Wettkämpfe zu Fuß und zu Roß, Chorreigen, Fackelläufe, begeisterte Vorträge
homerischer Gesänge, musische Spiele, wozu Perikles das Odeion hatte erbauen
lassen, wechselten miteinander ab. Als Schluß der Feier fand der große Festzug
von Kerameikos durch die Hauptstraßen der Stadt auf die Burg zum Heiligtum der
Athene statt. Freigelassene und Schutzverwandte schmückten schon vorher die
Agora; ihre Frauen und Töchter trugen Schalen zum Opfer oder Sessel für die
Frauen und Tochter der Bürger. Diese trugen Körbe mit Opfergerät und umgaben
ein künstliches Schiff auf Rollen, dessen Segel ein neues Safrangewand für das
älteste Bild der Göttin war. Die hohen Staatsbeamten und andre edle Athener
folgten mit Ölzweigen bekränzt, dann die übrige Bürgerschaft und zuletzt die
athenische Jugend im Waffenschmuck, teils zu Fuß, teils zu Pferde. Bei solchen
Gelegenheiten wurden auch abends von Reitern Umzüge mit Fackeln gehalten. - Ein
so bewegtes, von geistigem Leben beseeltes Bild wie Athen bot keine andre Stadt
in Hellas.

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| | Wägner, W., Leben und Kultur während der Zeit des Aufschwungs, in: ders.,
Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 325 - 348 (1. Auflage 1859)
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