| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Hellenische Kunst
von Wilhelm Wägner
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Hellenische Kunst
Die Baukunst
Bau der Akropolis
Das Monument des
Lysikrates.
Prytaneion
Das Erechtheion.
Das Parthenon.
Theater
Bildhauerkunst und Malerei
Theater (S. 366) Vor den Tempeln, und zwar gegenüber
den Haupteingängen derselben, errichtete man kunstreiche, geschmackvolle
Brandopferaltäre, und ebenso schmückte man die Ruhestätten der Toten mit
würdigen Monumenten. Ein besonders reicher künstlerischer Schmuck wurde aber
auch auf jene Räumlichkeiten verwandt, wo Architektur, Plastik und die edelste
Poesie sich vereinigten, nicht nur um der Schaulust der Menge zu genügen,
sondern um sie durch Scherz und Ernst von Fehlern abzuhalten, und um das Gemüt
über das einförmige Tagesleben zu erheben und es zu frommer Andacht zu
stimmen. Die Theater der alten Hellenen waren solche Stätten der Weihe für das
kunstsinnige Volk. Ursprünglich waren es Örtlichkeiten, die durch ihre
natürliche Lage und Beschaffenheit für die Aufführung von Chorreigen und
Chorgesängen geeignet waren, etwa ein ebenes, an einen Hügel grenzendes Feld.
Auf der Anhöhe standen die Zuhörer, in der Ebene sangen oder bewegten sich
rhythmisch die Chöre. Später brachte man Brettergerüste an für die
Zuschauer, und ein transportables Podium für die szenischen Aufführungen. Als
einmal in Athen ein solches hölzernes Sitzgerüst einstürzte, errichtete man
das erste feststehende Theater.
Selten genügte für diese festen Theater, die bald in allen größeren
Städten entstanden, die natürliche Bodenbeschaffenheit; man mußte durch
Ausfüllung und Mauerwerk an der Böschung nachhelfen, damit diese gleichförmig
sich erhob, und das Feld für die Chöre in die Anhöhe hineinarbeiten, damit
auch die entfernt sitzenden Zuschauer darauf niedersehen konnten. Man mußte
endlich eine Bühne für die handelnden Personen schaffen, nachdem in die
lyrischen Chöre die dramatische Poesie auch die Handlung in ergreifenden Szenen
eingeflochten hatte.
(S. 367) Das griechische Theater in seiner Vollendung, welches diesen
Anforderungen entsprach, war nicht ein geschlossenes Haus, wie bei uns, sondern
ein freier, unbedeckter Raum, der einen Halbkreis oder auch ein größeres
Kreissegment bildete.
[Abb.]
Es bestand aus drei Hauptteilen, nämlich dem Koilon oder Zuschauerraum, der
Orchestra, dem innersten konzentrisch angelegten Halbkreis, unserem Parterre
entsprechend, aber für die Chöre bestimmt, und der eigentlichen Bühne oder
Szene, die in einem schmalen, länglichen Viereck außerhalb des Kreissegments
bestand, an welches sie sich jedoch unmittelbar anlehnte. In der Mitte der
Orchestra stand die Thymele, der dem Dionysos geweihte Altar, (S. 368) reich
verziert und von allen Seiten sichtbar. Die hintere Wand der Bühne, mit Säulen
und baulichem Schmuck dekoriert, stellte gewöhnlich einen Palast vor. Sie
Seitenwände waren verschiebbar, also unsern Dekorationen zu vergleichen, was
auch bei manchen Theatern mit der Hinterwand geschehen konnte. Man hatte auch
Flugmaschinen, durch welche Götter und Heroen in die Luft erhoben wurden und
verschwanden, ebenso Vorrichtungen, um Sturm und Donner nachzuahmen. Die Sitze,
an der Höhe aufwärts stiegend, bildeten konzentrische Halbkreislinien. Sie
waren zuweilen durch breitere Zwischengänge getrennt, während quer durch, wie
Radien von der Orchestra aus, andre Gänge liefen, auf welchen die Zuschauer
nach ihren Sitzen gingen. Die Sitze waren selten von Holz, gewöhnlich von
Stein, oft mit Marmor überkleidet, oder in den Felsen gehauen. [Abb.] Eine
Mauer umschloß die Sitzreihen und ließ gewöhnlich einen freien Raum offen, wo
man vielleicht Erfrischungen einnahm. Der römische Schriftsteller Vitruvius
nimmt hier eine Säulenhalle an.
Auf dem beigefügten Plan bezeichnen a a a Stufen und Sitze für die
Zuschauer, also das Koilon, b b Zugänge und Durchgänge, c c c bedeckte
Portiken oder Mauern, welche die Umgebungen verdeckten, vielleicht auch zugleich
dazu dienen sollten, den Schall der Stimme zu verstärken, d Thymele und Altar,
e e Durchgänge zwischen den Seitenflügeln und den Sitzreihen, die oft zu
besonderen Aufzügen benutzt wurden, f Proscenium oder Logeion, vorn, wo die
handelnden Personen auftraten, während das Gefolge den hinteren Teil der
Bühne, die Szene, nicht verließ, l die Königspforte in der Mitte der
Hinterwand, m m Maschinen an den zwei Seiteneingängen der Bühne, durch welche
der Dekorationswechsel bewirkt wurde.
(S. 369) Da die Theater ohne Bedachung waren und nach Bedürfnis das
Koilon durch Hinzufügung neuer Sitzreihen nach außen erweitert werden konnte,
so faßten sie eine zahlreiche Volksmenge. Das Theater des Dionysos am
südlichen Abhange der Akropolis zu Athen hatte Raum für 30000 Menschen. In
solchen größeren Theatern wurden auch Volksversammlungen und Beratungen über
wichtige Staatsangelegenheiten gehalten; auch die Pnyx in derselben Stadt hatte
eine ähnliche Einrichtung.
[Abb.]
Die Sitz- und Treppenstufen waren möglichst bequem hergestellt. Je zwei
Treppenstufen mußten einer Sitzstufe entsprechen; auch wurden letztere mit
Polstern belegt. Besonders wurde die bequeme Einrichtung der leicht
ausgehöhlten Sitze in Sparta, noch mehr im Theater zu Epidauros gerühmt, wo
die Sitze wie Sessel hergestellt waren. Die Plätze waren manchmal numeriert,
auch wohl mit dem Namen der Inhaber bezeichnet. Für hohe Staatsbeamte, Priester
und fremde Gesandte waren die vordersten Reihen vorbehalten; mit den obersten,
also den letzten, mußten sich die Sklaven begnügen, auch fanden sich daselbst
manchmal Frauen der niederen Volksklassen ein; ehrsame Bürgerinnen dagegen
besuchten, wenigstens in der besseren Zeit, die Theater gar nicht oder nur tief
verhüllt.
(S. 370) Um die namhaften Kosten der Einrichtung und der veranstalteten
Aufführungen zu decken, wurde ein Eintrittsgeld erhoben, in Athen 2 Obolen, d.
i. 25 Pfennig, was verhältnismäßig sehr bedeutend ist, da man mit 3 Obolen
seinen täglichen Unterhalt bestreiten konnte. Bessere Plätze kosteten mehr,
bis zu einer Drachme (etwa 80 Pfennig). Man löste dafür Bronzemarken, die beim
Eintritt ins Theater abgegeben wurden.
Ein kleineres Theater, oder vielmehr ein für Musik und Gesang bestimmtes
Gebäude nordöstlich neben dem Theater des Dionysos, das Odeiom, hatte Perikles
errichten lassen. Wir haben oben der der Übersicht, die wir von Athen gaben,
bemerkt, daß es mit einem schirmförmigen hölzernen Dache versehen war. Man
glaubt, diese Decke, welche die Wirkung der Musik erhöhte, sei dem Zelte des
Xerxes nachgebildet worden.
Daß die Instrumentalmusik noch in der Perikleischen Zeit hauptsächlich nur
zur Begleitung der menschlichen Stimme verwendet wurde, dürfte nicht zu
bezweifeln sein. Gebräuchlich waren Saiten- und Blasinstrumente. Erstere waren
die Lyra und die Kithara, durch Bau und Material, Höhe und Tiefe der Töne
voneinander wesentlich verschieden. Das Saitenspiel wurde mit dem Plektrom,
einem gerade oder gebogenen Stäbchen aus Holz oder Metall, geschlagen, zuweilen
auch mit den Fingern gegriffen. Die Blasinstrumente waren Flöten und Pfeifen,
welche teils an der Seite wie unsre Flöten, teils oben wie die Klarinette
mittels eines Mundstücks geblasen wurden.
Die lydische Flöte, von weichem, sanftem Ton, wurde besonders bei
künstlerischen Aufführungen in Anwendung gebracht. Die Flöte oder Pfeife,
deren man sich bei kriegerischen Bewegungen auf dem Marsche und in der Schlacht
bediente, hatte einen durchdringenden, schneidenden Ton; ebenso war die
trompetenartig geformte lautschallende Salpinx als Signalhorn im Kriege und bei
Gottesdienst üblich. Eigentliche Noten hatte die Hellenen nicht; sie bedienten
sich dafür der Buchstaben, was die Erlernung ungemein erschwerte, indem man
eine Menge von Tonzeichen auswendig behalten mußte.
Bildhauerkunst und Malerei. Der
schönste Schmuck der Bauwerke waren die Skulpturarbeiten, die Werke der
bildenden Kunst. Diese Kunst entsprach ganz besonders der Anschauungsweise des
griechischen Volkes. Es hatte die Erinnerung an die ursprüngliche Bedeutung der
von ihm verehrten Götter verloren; kaum war noch ein Nachklang davon in den
Mysterien übrig. Die einst vergötterten Naturkräfte hatten sich im
Bewußtsein des Volkes zu idealen Wesen, zu übermenschlichen Gestalten
verkörpert und mit den Heroensagen von den Stammesführern verschmolzen. In
diese sinnliche Götterwelt griff nun die Kunst anfänglich mit Schüchternheit,
dann, als sie mündiger ward, kühner und zuversichtlicher, um sie im Bilde zu
vergegenwärtigen. Phantasie, bildendes Gefühl und abmessender Verstand waren
dabei in gleichem Grade thätig, in die plastischen Werke Schönheit und
Ebenmaß zu legen, damit selbst in phantastischen Gestalten das Urbild des
Geschlechts, das Göttliche im Menschen, nicht verloren gehe, wie dies bei
andern Völkern der Fall war. Die künstlerische Entwickelung des Volkes ging
(S. 371) mit seiner politischen Hand in Hand. Die Perioden sind daher nahe
zusammengedrängt. Wir haben schon von den alten Holzbildern der Götter
geredet, die von rohen Blöcken wenig unterschieden waren. Die herben,
unschönen Züge, in welchen die Unbeholfenheit der frühesten Zeit Gesicht und
Gestalt geformt hatte, hielt man lange Zeit fest. Zuerst versuchte man vor den
Perserkriegen athletische Gestalten freier und beweglicher zu bilden. Man hat
aus dieser Periode des alten Stils noch die um das Jahr 470 hergestellten
äginetischen Giebelgruppen (jetzt in der Glyptothek zu München), welche den
Kampf des Herakles und seines Genossen Telamon gegen Laomedon von Troja und den
Streit um den Leichnam des Patroklos darstellen. Sie schmückten die
Giebelfelder des Tempels der Athene auf Ägina und sollten die Äakiden (Telamon
und Aias) verherrlichen, deren Geister, wie man glaubte, bei Salamis den Sieg
erfechten halfen. Ein Streben nach Naturwahrheit, sorgfältiges Studium des
menschlichen Körpers ist hier unverkennbar; doch treten besonders an den
Figuren des Westgiebels Muskeln und Gelenke hart und scharf heraus, die Kniee
sind spitz und stark gebogen, an den leblosen Köpfen sind die Stirnen
zurückliegend, die Augen lang gezogen, der Mund gekniffen, die Ohren sind zu
weit oben, und endlich ist die Haltung und besonders der Gang auf den
Fußspitzen immer in gleicher Weise dargestellt.
Mit Pheidias, von dessen Schöpfungen wir schon ausführlich geredet haben,
beginnt die Periode des erhabenen Stils. Alle Meister dieser Zeit eiferten dem
großen Künstler nach, aber keiner erreichte ihn an Idealität der Auffassung
des göttlichen Wesens und genialer Vollendung in der Ausführung, daher seine
Athene und sein Zeus Typen wurden, von denen man nicht mehr abwich. Erhabene
Majestät und der Ausdruck göttlicher Ruhe und Zuversicht charakterisierten die
Bilder dieser Periode.
Polykleitos (Polyklet), aus Sikyon gebürtig, lebte und wirkte in Argos.
Neben seiner künstlerischen Thätigkeit machte er den menschlichen Körper zum
Gegenstande seiner eindrigendsten Studien und behandelte wissenschaftlich in
einer eignen Schrift, dem "Kanon", die Proportionslehre. Seinen
Bildnissen, die meist ruhige Haltung und einfachen Rhythmus zeigen, wird Adel
und würdevolle Schönheit nachgerühmt. Eine seiner vollendetsten und reifsten
Leistungen ist ein Kolossalbild der Here von Elfenbein und Gold für den Tempel
der Göttin zu Argos. Besonders ausgezeichnet war er in der Darstellung von
Athleten und jugendlichen Gestalten. Seinen Doryphoros (Speerträger), seinen
(S. 372) Diadumenos (der sich die Siegerbinde umschlingt), sowie eine für
Ephesos bestimmte Amazone hielt man für unübertroffene Muster.
Myron aus Eleutherä in Attika, an der Grenze von Böotien, ein Schüler des
Ageladas von Argos, strebte vor allem nach dem Ausdruck lebhafter Bewegung. Er
schuf von hoher Naturwahrheit beseelte Werke jeder Art und Größe aus Erz und
verschmähte auch das Scherzhafte nicht, wie er denn das Grabmal einer Cikade
bildete. Sein Herakles für das Heräon zu Samos erlangte große Berümtheit,
nicht weniger seine Siegerstatuen, der Wettläufer Ladas, der Diskos-Schleuderer,
ferner seine in Erz gegossene säugende Kuh, die sogar von Dichtern besungen
wurde, und vier eherne Stiere. Ungeachtet dieser mannigfaltigen Thätigkeit soll
Myron in hohem Alter arm gestorben sein, was sich bei der Freigebigkeit der
Staaten gegen hervorragende Künstler schwer begreifen läßt.
Die Leistungen der Hellenen in der Kunst der Malerei kennt man nur aus
Beschreibungen, da von den Werken selbst nichts erhalten ist. Die Gemälde
trugen das Gepräge der heiteren und schönen Sinnlichkeit, die dem griechischen
Volke überhaupt eigentümlich war, erreichten aber niemals die tiefsinnige
Bedeutsamkeit der späteren christlichen Kunst. Auch waren die Mittel
beschränkter. Man malte auf Holztafeln, Leinwand, Pergament, auch schon auf
frischen Kalkputz der Wände (al fresco). Man bediente sich der Wasserfarben,
die man mit einem Zusatz von Leim oder Gummi auftrug. Lange Zeit beschränkte
man sich auf die vier Hauptfarben Weiß, Schwarz, Gelb und Rot und ihre
Mischungen, und erst später lernte man auch andre teuere und glänzende Farben
kennen. Eine besonders dauerhafte und glänzende, aber auch mühsame Art von
Gemälden waren die enkaustischen (eingebrannten). Es wurden Elfenbein- oder
Holztafeln mit gefärbtem Wachs nach Maßgabe der darzustellenden Gegenstände
überzogen, dann die Umrisse mit glühenden Griffeln eingebrannt und darauf die
Farben ineinander geschmolzen. Diese Kunst ist völlig verloren gegangen.
Die ältesten Gemälde, einfach gemalte Umrißzeichnungen, waren, wie die
ersten Werke der Skulptur, steif, einförmig, die dargestellten Bewegungen
vielfach übertrieben und unnatürlich. Nach den Perserkriegen strebten die
Künster danach, Natur und Leben möglichst getreu nachzubilden. Mikon und
besonders Polygnot aus Thasos schmückten die Halle Poikile in Athen mit
Gemälden, ebenso den nördlichen Flügel der Propyläen, die spätere
Pinakothek, den Tempel des Theseus und die Lesche zu Delphoi. Polygnot war ein
Freund Kimons und mit dessen Schwester Elpinike verlobt, weshalb er ihr Bild in
der Poikile anbrachte. Er verlangte für seine Werke in der Gemäldehalle vom
Staate keine Belohnung; es genügte ihm die Ehre, daß man ihn für solche
Ausführung würdig befunden hatte. Der Athener Apollodor wendete zuerst die
Perspektive an, indem er die Wirkungen der Bleuchtung und die durch Licht und
Schatten bedingten Stimmungen der Farben beobachtete. Berühmt war sein vom
Blitze getroffener Aias Oïleus.
Zeuxis, aus der italischen Stadt Herakleia, unternahm größere
Kompositionen, besonders die einer Kentaurenfamilie, wo der Kentaur wild und
struppig erscheint, während sein Weib, ihre Jungen säugend, auch in der (S.
373) wilden Natur noch den Sieg der Mutterliebe offenbart. Die Darstellung
zarter weiblicher Anmut und sittiger Keuschheit gelang ihm besonders
vortrefflich in seiner Helena und in seiner Penelope, der Gemahlin des Odysseus.
Als ein noch größerer Meister in der Perspektive und in der körperlichen
Abrundung der Gestalten wird Parrhasios aus Ephesos genannt. Es soll seine
Bilder in getreuester Nachahmung der Natur so aus der Fläche herausgearbeitet
haben, daß sie wirkliche Körper zu sein schienen. In einem Wettstreite mit
Zeuxis malte dieser Trauben so natürlich, daß Vögel herbeikamen und danach
pickten, Parrhasios aber eine Leinwanddecke, durch die selbst sein Mitbewerber
getäuscht wurde, indem derselbe verlangte, er solle sie von dem Gemäle
wegziehen. Do ward er in einem andern Wettstreite von Timanthes besiegt. Die
Aufgabe war ein Gemälde, welches den Streit des Aias und des Odysseus um die
Waffen des Achilleus darstellen sollte. Ein andres, ebenso berühmtes Werk des
Timanthes, das Opfer der Iphigeneia, erhielt nicht geringeren Beifall. Da
erschienen Kalchas und Odysseus voll tiefer Trauer, Aias schien zu klagen,
Menelaos weinte, Agamemnon aber verhüllte im väterlichen Schmerze sein Haupt.
Um die Aufgaben, welche sich die alten Meister stellten, richtig würdigen zu
können, erwähnen wir hier noch eines Gemäldes, dem eine ergreifende Idee zu
Grunde lag. Aristeides aus Theben malte es nach dem Untergange der griechischen
Freiheit und seiner eignen Vaterstadt. Es stellte eine eroberte Stadt vor, wo im
Vordergrunde eine Mutter ihren Säugling abzuhalten sucht, aus der verwundeten
Brust statt der Milch Blut zu saugen.
Übrigens ward den alten Meistern für ihre Werke nicht bloß Ehre, sondern
auch großer materieller Gewinn zu teil. Polygnot erhielt in Athen das
Bürgerrecht und in allen zum Amphiktyonenbund gehörigen Städten freie
Bewirtung, solange er sich irgendwo aufhalten wollte. Auch waren nicht alle so
genügsam wie dieser Künstler. Zeuxis ließ seine Gemälde für Geld sehen und
verschenkte sie dann, weil er sie für unbezahlbar erklärte. Parrhasios, voll
eitlen Selbstbewußtseins, trug ein Purpurkleid und einen goldenen Kranz auf dem
Kopfe und hielt sich gar, nachdem sein Ruhm weithin erklungen war, für einen
Nachkommen Apollons.
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| | Wägner, W., Hellenische Kunst, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 349 - 373 (1. Auflage 1859)
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