| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Artemis,
gewöhnlich als Göttin der Jagd bezeichnet, weilte gern in der Dämmerung
des Waldes, oder sie zog als Göttin des Mondes leuchtend am nächtlichen
Firmamente daher. Im taurischen Chersones (Halbinsel Krim), bei den
barbarischen Skythen, wurde sie als zornige, strenge Gottheit verehrt;
(S. 37) daselbst brachte man ihr grausame Menschenopfer. Völlig
verschieden war ihr Kultus in Kleinasien, wo bei Ephesos ihr im
Altertume hochberühmter Tempel stand. Sie wurde daselbst als die große
Mutter Natur vorgestellt, die das All mit ausgebreiteten Armen umfängt.
Wie diese Gottheiten dem Lichte zugewendet sind, das Leben des Geistes
und die Entwickelung des Göttlichen in der Menschenbrust fördernd, so
gehören andre der Erde an, dem Werden und Vergehen, dem Leben und dem
Tode. Im Reiche des Todes herrscht Hades, auch Aidoneus oder Pluton
genannt. Er sitzt auf finsterem Throne und trägt den Helm, der ihn den
Augen der Götter und Menschen entzeiht. Seiner Herrschaft sind die
Grinyen (Furien), die Rächerinnen des Mordes, die Keren, weibliche
Gottheiten von furchtbarer Erscheinung, Personifikationen des
gewaltsamen Todes in der Schlacht, und die Mören (Parzen), die das
Leben spinnen und abschneiden, unterworfen.
Auf schwarzen Rossen der Tiefe entsteigend, raubte er
Persephone oder Kore auf den blühenden Fluren von Trinakria (Sizilien), damit
sie die Herrschaft im Reiche der Schatten mit ihm teile. Demeter, die Mutter
der geraubten Jungfrau, die unter den Menschen Ackerbau, Gesetz und Ehestand
einführte, suchte ihr Kind auf dem ganzen Erdkreis. Sie fragte Hekate, die
Tochter der Asteria, der Sternennacht, und ward von ihr an Helios, den Bringer
des Tages, gewiesen.
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Von ihm erfuhr sie den Raub. Zürnend den Göttern und
Menschen, ließ sie keine nährenden Früchte mehr reifen, bis Zeus entschied,
Persephone solle einen Teil des Jahres in der Tiefe bei ihrem Gemahle
zubringen, den andern auf der Oberwelt in seliger Gemeinschaft mit den
Unsterblichen, die sich des goldenen Lichtes erfreuen.

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So wird die Saat dem dunklen Schoß der Erde übergeben und
steigt frisch und grün wieder hervor, und so sinkt auch der Mensch in die
Nacht des Grabes, um in ein neues Leben einzugehen. Diesen schönen Glauben
umhüllten die Hellenen mit der angeführten lieblichen Mythe, und in dem
geheimen Gottesdienst zu Eleusis wurde die Wanderung durch das Reich des Todes
zu neuer Lebenslust symbolisch dargestellt. Damit stand in Vereinigung die
Mythe von Dionysos oder Bakchos. Derselbe war der Verbindung des Zeus und der
Semele entsprossen, die den Gott in seiner Herrlichkeit zu sehen begehrt
hatte, aber den Schrecknissen der flammenden Blitze erlegen war, wie aus der
Vermählung des Himmels mit der Allmutter Erde im fruchtbaren Gewitterregen
des Frühlings die köstliche Frucht hervorkeimt. Zeus hatte den ungebornen
Dionysos in seine Hüfte aufgenommen und gerettet. Schnell reifte darauf das Götterkind
heran; es war zart und weich, zu Freude und Wollust geneigt, aber durch den
Vater (S. 38) mit Wunderkraft begabt. Begleitet war Dionysos von Thyiaden oder
Mänaden, Weiber, die trunken seine Feste feierten, ferner von Silenen, Faunen
und anderm Volk. So zog er als Sieger durch Asien, allenthalben den Weinstock
pflanzend und die Wildheit der Völker bändigend. Mit ihm verwechselt oder
gleichbedeutend erscheint Iakchos, ein zartes Knäblein, von Persephone dem
Aidoneus geboren, von Demeter aufgesäugt, ein andres Bild des aus dem Tode
hervorgehenden Lebens. Ihn riefen die GEweihten zu Eleusis an, wenn sie aus
den unterirdischen Räumen zu Licht emporstiegen. - Dies waren nach der
Vorstellung der Hellen die göttlichen Wesen, denen sie Altäre bauten und
Opfer und Gebete darbrachten, um ihrer Gunst und Hilfe teilhaftig zu werden.
Viele dieser Anschauungen hatten sie sich schon in der Urheimat vor der
Wanderung als Gemeingut [...] zu eigen gemacht [...].

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(S. 40) [...] Wir haben übrigens den religiösen
Glaubenskreis der Hellenen nur in den wichtigsten Momenten dargestellt, weil
gleichzeitig mit unserm "Hellas" eine ausführlichere Mythologie von
H. Göll in demselben Verlage erschienen ist und sich an unser Buch anschließt.
Da findet man anschaulich ausgeführt, wie die Mythen sie aus der
Naturanschauung entwickelten, nach der Örtlichkeit, der Denkungsweise und den
Schicksalen der Stämme in mannigfaltiger Weise aufgefaßt und endlich von der
Poesie, besonders von den Dichtern Homer und Hesiod, geordnet und in ein
System zusammengefügt wurden, so daß all die verschiedenen Götter und
Gottheiten in ihrer Vereinigung gleichsam einen eignen Götterstaat bildeten.
Ebenso ist in jenem Werke die sittliche Bedeutung der göttlichen Wesen
hervorgehoben, namentlich auch ihr Einfluß auf Familie und Staatenbildung, während
die poetische Auffassung oft durch Anführung der Worte der Dichter zur
Anschauung gebracht wird.
Es war ein schöner, heiterer Glaube, der in alter Zeit in
der Menschenbrust lebte, und man möchte mit unserm Dichter ausrufen:
"Wohl tiefere Bedeutung
Liegt in den Märchen unsrer Kinderjahre,
Als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.
Die heitre Welt der Wunder ist's allein,
Die ihre heitern Räume uns eröffnet,
Uns tausend Zweige reich entgegenstreckt,
Worauf der trunk'ne Geist sich selig wiegt.
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| | Wägner, W., Göttersagen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6.
Auflage. Leipzig 1886, S. 27-40 (1. Auflage 1859) |
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