Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Leben und Kultur während der Zeit des Aufschwungs - Dichtkunst

von Wilhelm Wägner


Übersicht

Pindar

Äschylos

Sophokles

Euripides

Im griechischen Theater

Komödie

 

(S. 374) Wir haben bisher die Hellenen in ihrem öffentlichen und Privatleben beobachtet und die Werke betrachtet, welche sie in Marmor, Erz und Farbe bildeten; es liegt uns zunächst noch ob, die poetischen Schöpfungen jener Zeit näher kennen zu lernen.

Pindar. Noch tönten die Klänge der lyrischen Poesie, welche wir in der vorigen Periode belauscht haben, ungeschwächt fort, und gerade der größte lyrische Dichter, Pindar, ist hierher zu rechnen. Er war 521 in Theben geboren. Frühzeitig wurde er von dem Dichter und Musiker Lasos aus Hermione unterrichtet, auch hatte er mit der berühmten böotischen Dichterin Korinna Umgang, wodruch seine poetischen Anlagen gefördert und ausgebildet wurden. Er erhielt in Athen und Delphoi Gastrecht und hielt sich längere Zeit bei dem kunstsinnigen Hieron, dem Beherrscher von Syrakus, auf. In seinem achtzigsten Lebensjahre starb er zu Argos im Theater. Er soll noch kurz vor seinem Tode eine fromme Hymne auf Persephone, die Göttin der Unterwelt, begonnen haben, da ihm dieselbe im Traume erschienen sei, um ihn dazu aufzufordern. Dieses Lied, erzählte man weiter, habe er nach dem Gebote der Göttin in der Unterwelt vollendet und einer Verwandten nachts im Traume vorgesagt, die es dann behalten und aufgeschrieben habe.

Er verfaßte besonders Gesänge zum Preise der Sieger (Epinikien) in den olympischen, pythischen, isthmischen, nemeischen und andern Wettspielen, dann (S. 375) auch Lobgesänge auf Fürsten (Enkomien) und Trauerlieder (Threnen) zum Preise Verstorbener. Jene Hymnen wurden später bei der Rückkehr der Sieger in ihre Heimat und auch nachmals am Jahrestage des Sieges von Chören aufgeführt. Nach einem Dankopfer trat nämlich der Chor auf und bewegte sich in anmutigen Reigen, bald sich teilend, bald wieder sich vereinigend, unter Lyraspiel und Flötenklang um den Altar. Pindar preist übrigens in seinen erhabenen Oden nicht allein die glücklichen Sieger, sondern auch ihr Vaterland, ihre Vorfahren und andre Heroen, die er ihnen als Muster vorführt; dann wieder wendet er sich mit seinem Preise und Danke an die Götter, die er anruft, daß sie die Vaterstadt des Siegers und das ganze Land der Hellenen beschirmen möchten. Seine Trauergesänge sind von dem festen Glauben an die Unsterblichkeit durchdrungen.

Von ergreifendem Inhalte sind besonders die achte pythische und die achte nemeische Ode auf äginetische Jünglinge, die im Wettkampfe gesiegt hatten. Sie wurden beide vor dem letzten verzweifelten Kampfe der Ägineten gegen die Übermacht Athens gedichtet.

In dem nemeischen Gesange rühmt Pindar den Äakos, den Stammvater Äginas, wie seinen Herrscherworten Sparta und Athen willig folgten; dann redet er von dem tapfern Aias, der durch die Ränke des Odysseus den Tod fand, und deutete damit auf die bis dahin wenige berühmten Athener, die nun den bei Salamis allen vorankämpfenden Ägineten den Untergang bereiteten.

Eine Rückkehr edler Menschen zur Oberwelt, wo sie während ihres Lebens schwere Schicksale erduldet haben, verkündigt er in folgendem merkwürdigen Bruchstück aus einem Trauergesange:

"Allen, die Persephoneia büßen ließ uraltes Leid,
Denen entsendet die Seelen sie dann gleich zur Sonne der obern Welt
Wiederum im neunten Jahr;
Und herrliche Könige sieht man stark und kühn und prangend in trefflichster Weisheit
Draus hervorgehen, die der Menschheit heilige Helden genannt werden bis in
späteste Zukunft."

Die pythische Ode ist ein Lobgesang auf die Huld der Götter, die Ägina durch edle Thaten sich errungen habe, und die seine Bürger im Unglück erheben, im Glück bescheiden erhalten möge. Mit Bezug auf den jugendlichen Sieger, dem die Ode geweiht war, singt der Dichter am Schlusse:

"Wer nun im Jünglingsalter stets
Neue Kränze sich kühn gewann,
Schwingt, eigner Tugenden Flug
Vertrauend, stolz, hoch sich empor und strebt
Eifriger nach höherem Glanze. Aber wie schnell das Glück
Der Menschen immer sich mehrt, also fällt's zu Boden auch
Abwend'gen Sinns, wenn dran gerüttelt wird. (S. 376)
O Tagesmenschen, was seid ihr? Nichts? Etwas? Alle gleich
Dem Schattenbild des Traums! Nur in göttlichen Strahlen
Bleibet leuchtend der Menschen Licht, bleibt sanftlieblich das Leben.
Ägina, o laß, Mutter, in freien Bahnen stets
Den Staat wandeln! O gib es, Zeus; gib es; Äakos, König und Herr:
Gib's Peleus, edler Telamon, gib's! und du, Achilleus!"

Aus den Chorgesängen, die an den Festen des Dionysos in seinen Tempeln oder an andern ihm geweihten Plätzen aufgeführt wurden, entstand allmählich die Tragödie. Der Chorführer, der ursprünglich nur ein Weihegebet zu Anfang sprach, stellte durch Mimik und Gesang, abwechselnd mit dem Chor, eine Begebenheit aus dem Sagenkreise des Gottes dar. Später wählte man auch andre Stoffe und ließ den Chorführer als handelnde Person besonders hervortreten.

Thespis, den man für den Begründer der Tragödie hält, soll schon zur Zeit Solons mit seinen geschminkten Genossen umhergezogen sein und den Karren, auf welchem er fuhr, als Bühne hergerichtet und für seine Vorstellung benutzt haben. Phrynichos, sein Schüler, ließ die Eroberung von Milet aufführen. Er ward deshalb zu einer Geldbuße verurteilt, weil er das Volk bis zu Thränen gerührt und dadurch das Fest entweiht habe.

Äschylos. Mit besserem Rechte als Thespis wird Äschylos der Vater der Tragödie genannt. Er war 525 zu Eleusis geboren, blutete als tapferer Krieger bei Marathon und nahm teil an den Siegen bei Salamis und Platäa. Voll feuriger Liebe für den Ruhm Athens und des ganzen Hellenlandes strebte er, denselben durch seine Thaten und Werke zu erhöhen und seine Mitbürger zu gleicher Gesinnung zu begeistern. Darum wird er mit Recht an Großartigkeit des Charakters und der seinem Streben zu Grunde liegenden Ideen einem Perikles und Pheidias an die Seite gestellt. Ebenso erhaben ist seine Weltanschauung. Das Schicksal ist ihm eine das Ganze umfassende Weltordnung. Es zermalmt das titanenhafte Trachten des Menschen; aber indem der Mensch unterliegt, bleibt sein Geist stark und ungeborchen, wenn er edler Art ist, und dann führt endlich das Schicksal selbst das, was herb und unerträglich schien, zur freundlichen Versöhnung. Diese Idee führt Äschylos in seinen Tragödien aus, und wenn in den meistern derselben die Versöhnung zu mangeln scheint, so rührt dies nur davon her, daß sie nicht vollständig auf uns gekommen sind. Sie bstanden durchgängig aus drei Stücken, gleichsam drei Akten, und einem Satyrspiel; wir besitzen aber nur von einer Tragödie die drei Stücke vollständig.

Einfach, groß und gewaltig sind des Dichters Entwürfe, erschütternd seine Motive, mächtig seine Sprache. Daher siegte er dreizehnmal in Wettkämpfen mit andern Dichtern und mußte nur einmal dem Sophokles den Preis überlassen. Da man ihn jedoch der Entweihung der Mysterien beschuldigte, ging er an den Hof des kunstliebenden Fürsten Hieron in Sizilien. Noch einmal kehrte er später in seine Vaterstadt zurück, fand daselbst die ehrwürdigen Institutionen, besonders den Areiopagos, entwürdigt und suchte sie durch seine Oresteia wieder aufzurichten. Es gelang ihm nicht, so großen Beifall auch seine Tragödie fand; daher begab er sich wieder nach Sizilien. Hier, unter Felstrümmern sitzend, sinnend über neue Schöpfungen, fand er 455 in Gela seinen Tod, indem nach der bekannten Sage ein Adler eine Schildkröte auf seine Stirn fallen ließ.

(S. 377) Sophokles, der zweite unter den großen tragischen Dichtern der Hellenen, war um 496 in dem attischen Flecken Kolonos geboren. Sein vermögender Vater besaß eine Waffenfabrik und ließ den schönen, vielversprechenden Knaben in allen Künsten und Wissenschaften unterrichten, die dem freien Bürger geziemten. Derselbe sang nach der Schlacht bei Salamis mit andern Jünglingen ein Siegeslied, wobei alles Volk seine Anmut und Gewandtheit im Tanz bewunderte. Zwölf Jahre später wurde im dramatischen Wettkampf mit Äschylos dem jugendlichen Dichter der Preis zugesprochen, und welch hohens Ansehen er sich auch mit seinen späteren Stücken zu erwerben wußte, das beweist am besten die Auszeichnung, welche ihm nach der Aufführung seiner Antigone zu teil wurde, indem ihn seine Mitbürger im Jahre 440 zugleich mit Perikles zum Feldherrn gegen das abtrünnige Samos wählten. Er lebte in sehr glücklichen Verhältnissen, und es ist unverbürgte Sage, daß in seinem achtzigsten Lebensjahre seine Söhne ihn der Verschleuderung seines Vermögens aus Altersschwäche anklagt, und daß er sich nur durch Vorlesung eines von ihm gedichteten Chorliedes mit glücklichem Erfolg verteidigt habe. Er starb 91 Jahre alt in der Freude über einen letzten Sieg in einem tragischen Wettkampf. In seinen dramatischen Werken sind Ruhe und ideale Schönheit, Anmut und richtiges Maß auch im heftigen Sturme der Leidenschaft vorherrschend. Man wird überall an das Walten des Schicksals erinnert, wenn man, der fortschreitenden Handlung folgend, wahrnimmt, wie selbst die Heroen unterliegen, sobald sie die gesetzten Schranken zu durchbrechen wagen. Das Schicksal steht dem Dichter nicht eigentlich über dem Menschen; es ist vielmehr in ihm, in der dunklen Tiefe seines Gemüts; da zieht der Mensch selbst seine tragische Moira groß, aber da findet er auch Beruhigung und Unterwerfung, die dem Edlen ziemt. So nähert sich der Dichter der christlichen Weltanschauung.

Euripides. Am Tage der Schlacht von Salamis soll Euripides geboren sein, der den geschlossenen Organismus der sophokleischen Kunstform aufgab und von der Würde und Herrlichkeit der alten Kunst merklich abwich. Er hatte, wie Sophokles, treffliche Lehrer, besonders des Perikles Freund Anaxagoras, und begann frühzeitig seine Laufbahn als Dichter, konnte jedoch erst im Jahre 441 einen Preis erlangen. Von seiner ersten Frau schied er wegen Untreue derselben und machte auch in seiner zweiten Ehe üble Erfahrungen, weshalb die weiblichen Personen in seinen Stücken fast sämtlich in absprechendster Weise charakterisiert sind. Vielleicht rührte auch daher überhaupt seine düstere Gemütsart, die ihn veranlaßte, die meiste Zeit zu Hause bei seinen Büchern oder in einer ihm gehörigen Grotte auf Salamis zuzbringen. Hierzu kam noch der Spott, den die komischen Dichter jener Zeit reichlich über ihn ausgossen. Mißmutig begab er sich daher endlich nach Pella zum Könige Archelaos von Makedonien und starb daselbst noch vor Sophokles, wie man erzählt, durch die Bisse wütender Hunde.

In seinen Tragödien erscheinen Handlung und Charaktere künstlich gebildet und zusammengefügt, ein Prolog muß immer vorangehen, um den Zusammenhang klar zu machen; der Chor steht in loser Verbindung mit der Handlung und ergeht sich oft in moralischen Sentenzen, die wohl heilsame (S. 378) Lebensregeln enthalten, aber selten zur Sache gehören. Das Schicksal ist ein blindes, planloses Ungefähr, das den Knoten schürzen hilft, während oft die Lösung nur durch die unmotivierte Erscheinung eines Gottes herbeigeführt wird. Euripides setzt an die Stelle des Tragischen kleinliche Leidenschaften des alltäglichen Lebens, an die Stelle der in ewiger Gesetzmäßigkeit sich bewegenden Weltordnung eine mehr äußere, vom bloßen Zufall abhängige Gewalt, an Stelle des alten Glaubens eine atheistische Aufklärung, wie er denn unter anderm sagt: "Den Göttern dienen wir, was immer auch die Götter sind." Er wurde in späterer Zeit zwar hoch gerühmt, aber nur weil man das Verständnis für die alte einfache und erhabene Kunst eines Äschylos und Sophokles bereits verloren hatte.

Wie wir die gefeierten Denkmäler der Architektur näher betrachtet haben, so wollen wir auch zu den Werken treten, welche die dramatische Kunst der Griechen hervorgebracht hat. Wir thun dies mit um so lebhafterem Interesse, da viele dieser Erzeugnisse nicht nur als Trümmer und Bruchstücke auf uns gekommen sind, sondern einige auch vollständig erhalten in ihrer Größe und Vollendung vor uns stehen.

Zunächst wenden wir uns zu dem "Prometheus" des Äschylos. Es ist vielleicht die kühnste Dichtung, welche der Genius jemals hervorgebracht hat. Leider ist nur das mittlere Stück, "der gefesselte Prometheus", erhalten; das erste, "Prometheus, der Feuerbringer", sowie das letzte, "der befreite Prometheus", sind nur in spärlichen Bruchstücken vorhanden. Wir geben den Zusammenhang nach Droysens Auffassung und Übersetzung.

Zeus mit seinen Göttern ist noch im Kampfe mit den Titanen begriffen, da tritt Prometheus mit seiner Mutter, der die Zukunft ahnenden Themis, zu ihm über und verhilft ihm zum Siege. Nun herrschen die neuen Götter, die alten sind gestürzt, und auch die sterblichen Menschen sollen untergehen. Prometheus bittet für sie und verheißt eine Zeit, wo "aus staubgebornem Samen einst ein sterblich Weib den Helden gebären wird, der Zeus' Herrschaft noch erretten kann von dem Fluche des Vaters." Aber die Menschen sind elend, ohne Gedanken, ohne Heimat, ohne Hoffnung. Und wieder erbarmt sich ihrer der Titane. Umsonst tritt ihm seine Mutter Themis mit der Weissagung entgegen, daß er für seine Barmherzigkeit drei Jahrtausende angeschmiedet dulden werde; er holt das göttliche Feuer aus der Esse des Hephästos und bringt es seinen Menschen und damit alle Kunst und Wissenschaft, ohne welche das Dasein kein Leben zu nennen ist.

Im zweiten, uns erhaltenen Teile schmieden auf Zeus' Befehl Hephästos mit Bedauern, die riesige rohe Kraft mit Hohn den Prometheus an den Felsen. Nun erscheint der Chor der Okeaniden, welche mit dem gequälten Titanen klagen, darauf deren Vater Okeanos, der für ihn bei Zeus bitten will, und endlich die von der Bremse verfolgte Jo (vgl. die Mythologie). Prometheus verkündigt der Geängstigten, welchen Weg sie nach dem heißen Lande, dem Lande ihrer Ruhe, wandern müsse, und wie von ihrem Geschlecht einst sein Befreier kommen werde.

"Doch diesem Stamm entsprießen wird ein kühner Held,
Der Held des Bogens, der mich selbst aus dieser Qual
Wird retten. Meine urgeborne Mutter hat,
Titanis Themis, dies Orakel mir gesagt."

(S. 379) Jo stürzt fort mit den Worten, welche die originale Kraft des äschyleischen Sprache bezeichnen:

"Eleleu! Eleleu!
Wie mich wieder der Krampf, des zerrütteten Sinns
Wahnwitz mit durchzuckt! wie die Bremse mich sticht
Mit dem Stachel der Glut! Es zersprengt mein Herz in Entsetzen die Brust,
Und im Kreis schweift wild der verwilderte Blick;
Von der Bahn mich hinweg reißt taumel=gepeitscht,
Ohnmächtig des Worts, mich des Wahnsinns Sturm!
Mein Wehegeschrei, es verhalltet umsonst
In des Unheils tobender Brandung!"

Prometheus offenbart darauf dem Chor, daß auch Zeus einst mit den neuen Göttern von seiner Höhe gestürzt werde.

"Zeus selbst erscheint noch trotz des stolzen Eigensinns
Einst tief erniedrigt; denn zum Netze knüpft er selbst
Sein Ehebündnis, welches ihn aus seiner Macht
Schmachvoll von seinem Throne stürzet. Dann erfüllt
Alloffenbar sich seines Vater Kronos Fluch,
Den seines ew'gen Throns entstürzend der geflucht.
Wie dieses Unheil abzuwenden, das vermag
Der Götter keiner zu verkünden außer mir."

Die Okeaniden stellen ihm vergebens vor, wie noch schwerere Qual ihm bevorstehen könne; er antwortet:

"Bet' an, verstumme, beuge dich dem Herrschenden!
Mich aber kümmert minder dieser Zeus denn nichts.
Er schalt' und walte diese kurze Spanne Zeit,
Wie's ihm gefällt; nicht dauert seine Herrschermacht!"

Nun erscheint Hermes, von Zeus gesandt, um von dem Titanen die Deutung des rätselhaften Wortes vom künftigen Sturz der Götter, und wie derselbe vermieden werden könne, zu erfragen, und droht größere Marter, wenn er die Antwort verweigere. Trotzig erwidert Prometheus:

"Nicht eine Qual erfindet Zeus, noch arge List,
Durch die er das zu offenbaren mich beweg',
Es sei zuvor denn dieser Fesseln Schmach gelöst."

Auf wiederholte Drohung fährt er fort:

"Von dem Feinde der Feind'
Solch Leiden zu empfahn, das entehrt niemals.
So fahr' auf mich zweischneidig des Zorns
Aufflammender Blitz denn herab, und die Luft,
Sie zerreiße vom Krachen des Donners, vom Krampf
Des empörten Orkans, und die Erde zerwühl'
In den Tiefen empor aus den Wurzeln der Sturm,
In den Tartaros stürze zerschmettert der Leib;
Doch werd' ich nimmermehr sterben!"

Darauf versinkt der Fels mit Prometheus unter Donner, Blitz und Erdbeben.

Das dritte Stück, "der befreite Prometheus", zeigt wieder den gefesselten Dulder, dem an jedem dritten Tage der Adler die Leber zernagt. Sein Trotz ist gebrochen; er verlangt nach Frieden. Da kommen aus ihren Grotten die (S. 380) Titanen, ein greiser, riesiger Chor, die von ihren Fesseln befreit und mit der neuen Weltordnung versöhnt sind. Sie beschreiben ihren Weg:

"Vorbei dem purpursandigen Sund
Des Erythrä=Meeres,
An den erzgleich blitzenden Wassern des Teichs,
Dem Okeanos nah', Äthiopia's allernährendem Teich ..."

Sie raten zu Versöhnung. Dasselbe thut des Dulders greise Mutter; denn die Zeit sei gekommen, da Zeus' Verhängnis sich erfüllen werde, wenn Prometheus ihn nicht durch seinen Rat errette. Dieser will die Versöhnung nicht von sich weisen; er ist müde zum Tod. Auch Zeus, der in seinem Olymp den Rat der urweisen Mutter vernommen, ist zum Frieden geneigt. So naht denn Herakles, der verheißene Sprößling der Jo, und mit dem Ausruf: "Du Gott des Bogens, lenke sicher mein Geschoß!" schießt er den Adler herunter. Dann löst er die Fesseln des Prometheus, und dieser verkündigt dem mit freundlicher Botschaft heranschwebenden Hermes, wie Zeus, wenn er die meerbeherrschende Thetis zur Ehegefährtin erwähle, einen Sohn zeugen werde, der ihn selbst vom Throne stürze, wie aber aus der Verbindung der Thetis mit dem Könige Peleus der herrlichste Held unter allen Hellenen entsprießen werde. Noch weiht sich der verwundete Cheiron, einer der Unsterblichen, an Prometheus' Statt den Schatten des Hades, und Meermädchen kommen zum Schluß, den glücklichen Peleus zur hochzeitlichen Feier abzuholen.

Wir wollen uns in die Ideenverbindung zu versetzen suchen, die, wenn auch in unbestimmten Umrissen, dem Dichter vorschwebte. Prometheus ist der Mensch in seiner Allgemeinheit, der Genius des Menschengeschlechts überhaupt, einer der Titanen, eine der kämpfenden Gewalten der gestaltlosen Urzeit. Er erkennt frühzeitig die neue gesetzliche Weltordnung, die aus dem Kampfe der bewußtlosen Mächte entstehen wird, und wendet sich ihr hilfreich zu. Aber in der neuen sittlichen Ordnung muß jede individuelle Einzelheit ringen, Schweres dulden und endlich im Tode untergehen. Der Genius der Menschenheit sträubt sich dagegen; er gibt liebevoll dem Geschlechte, welchem er angehört, den Hephästos=Funken und damit Heimat, Gedanken und Hoffnung, obgleich er selbst durch Erweckung des Einzelwesens zur Freiheit der That und zur Kraft des Widerstandes in Schuld und Qual verfällt. Er weiß, daß auch die neue Weltordnung des Kroniden Zeus endlich einer andern weichen müsse, und erblickt in ferner Zukunft seine Erlösung. Diese wird ihm durch das von Zeus und einer Sterblichen erzeugte Hervengeschlecht zu teil, das durch Kampf und Schmerz und freiwillige Knechtschaft auf dem Scheiterhaufen der Endlichkeit zur höheren Unendlichkeit sich erhebt.

Der hellenische Dichter konnte von seinem Standpunkte aus keine andre Lösung finden; es ist aber schöner, kindlicher Glaube, daß ihm eine Ahnung von dem Sterne vorgeschwebt habe, der über der Krippe von Bethlehem aufgehen sollte, und daß diese Ahnung unter der glänzenden Hülle des hellenischen Lebens wie eine dunkle, unaussprechbare Sehnsucht nach Erlösung geruht habe und in der Dichtung sei, wie sie in bestimmterer Form in (S. 381) den Weissagungen des Propheten Israels hervortrat. Es ist ein schöner, kindlicher Glaube; ob ihn freilich der kritische Verstand billigen wird, wagen wir nicht zu bejahen; doch

"Was kein Verstand des Verständigen sieht,
Das ahnet in Einfalt ein kindliches Gemüt."

Von andrer Art als der "Prometheus" ist die "Oresteia" desselben Dichters, die vollständig auf uns gekommen ist. Äschylos offenbart darin seine Begeisterung für den Ruhm der Hellenen, indem er den Sieg über Troja und damit über Asien verherrlicht.

[Abb.]

Sodann sucht er durch seine Dichtung die Ehrfurcht vor dem Areiopagos zu erheben, dessen Ansehen er auf die Aussprüche der Gottheit gründet.

Die Handlung selbst, wenngleich der Mythe entnommen und von mythischen Gestalten durchwebt, ist dagegen eine solche, die aus der menschlichen Willensfreiheit hervorgeht, und deren Verlauf in der sittlichen Weltordnung begründet ist. Ein Verbrechen findet durch ein andres, gleich schreckliches seine Strafe, worauf endlich nach schwerer Buße die Sühnung erfolgt.

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Wägner, W., Leben und Kultur während der Zeit des Aufschwungs - Dichtkunst, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 374 - 390 (1. Auflage 1859)

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