| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
|
|
Leben und Kultur während der Zeit des Aufschwungs -
Dichtkunst
von Wilhelm Wägner
|
Übersicht
Pindar
Äschylos
Sophokles
Euripides
Im griechischen Theater
Komödie
Im griechischen Theater.
Man denke sich nun die Aufführung. In den halbkreisförmigen, an den Felsen der
Akropolis aufsteigenden Sitzreihen harrt (S. 382) nicht mit schaler Neugierde,
sondern mit Andacht eine Zuschauermenge von wohl 30000 Menschen. Denn das
Schauspiel ist eine Spende, die man dem heiligen Dionysos statt blutiger Opfer
darbringt. In dem inneren Halbkreise, der Orchestra, befindet sich die Thymele,
der Altar des Gottes, die nachmals in ein Grabmal umgewandelt wird. Vor der
Orchestra ist eine breite Straße, auf welcher die Festzüge mit Rossen und
Wagen heranziehen und abgehen. Eine breite Treppe führt zur Vorbühne, Logeion,
wo die handelnden Personen sich befinden. Hinter derselben ist die Bühne, von
Seitenflügeln mit mancherlei inneren Zimmern und Räumen und von der Hinterwand
umschränkt. Auf der Bühne gruppiert sich das Gefolge; die Hinterwand stellt
einen Palast oder Tempel mit der Königspforte und reichem Schmuck von Säulen
und Statuen dar. Die Bühne kann durch einen Vorhang geschlossen werden, wenn
ein Wechsel der Dekoration notwendig ist. Die Schauspieler tragen Masken mit
scharf markierten Zügen, da diese sonst wegen der weiten Entfernung den
Zuschauern nicht erkennbar wären, vielleicht auch zur Verstärkung der Stimme.
Wir treten in die Sitzreihen.
Das erste Stück der Oresteia, "Agamemnon", beginnt.
Man erblickt das Haus der Atriden und darüber hinaus die
argivische Stadt und Landschaft. Auf dem flachen Dache der Sklavenwohnung
richtet sich der grämliche Wächter auf und redet von der Mühseligkeit seines
Amtes. Plötzlich lodern Flammen auf fernen Bergen empor: es ist das Zeichen von
Trojas Fall und des Königs siegreicher Heimkehr. Der Wächter eilt in das Haus,
um die Botschaft zu verkünden, bemerkt aber, daß er noch manches wisse, was er
dem zurückkehrenden Könige nicht zu sagen wage. Gleichzeitig naht der Chor
argivischer Greise von der Straße her, um Nachricht von dem entfernten Heere zu
empfangen. Ihre Gesänge unter Umwandlung der Thymele behandeln diesen
Gegenstand.
Indessen treten aus dem Palast festliche Züge von Dienern zu
den Altären der Bühne, und zuletzt erscheint in reichem Schmuck Klytämnestra,
ein Opfer zu bringen. Der Chor singt, wie der kriegsfrohe Feldherr Agamemnon
einst zur Beschleunigung der Heerfahrt auf Geheiß des Sehers die blühende
Tochter Iphigeneia am Altar der Artemis geschlachtet habe; dann begehrt er von
der Königin Nachricht. Sie berichtet stolz und kalt von den Feuerzeichen, fügt
aber hinzu:
"Und käme schuldlos auch den Göttern heim das Heer, Wach
könnte dennoch werden der Erschlag'nen Blut, Geschäh' hinfort auch keine neue
Frevelthat."
Nach mancher Wechselrede erscheint der Herold, die schöne,
teure Heimat begrüßend und den König ankündigend. Klytämnestra äußert
ihre Freude über den Sieg und rühmt ihre treue Wartung des Hauses; das stolze
Weib erniedrigt sich zur Lüge, um ihre Entschließungen auszuführen. Nachdem
sie sich mit dem Gefolge entfernt hat, kommt auf der Straße der Siegeszug mit
Gefangenen, Trophäen und Waffen heran. Unter den Kriegern fährt auf hohem
Siegeswagen Agamemnon; zu seinen Füßen sitzt die gefangene königliche Seherin
Kassandra. Der König begrüßt die heimischen Götter, antwortet dem Chor und
schließt mit den Worten:
(S. 383) "Und nun zum Herde, zum Palaste heimgekehrt, Heb' ich den
Göttern betend meine Hand empor, Die fern hinaus mich sandten, die mich
heimgeführt Siegreich; sie seien schirmend mit mir immerdar."
Klytämnestra, die mit dem Gefolge wieder vorgetreten ist,
erzählt, was sie in Sorge um den entfernten Gatten geduldet, heißt die
Dienerinnen Purpurdecken für den Gemahl ausbreiten und nötigt ihn, obgleich er
dieser Ehre widerstrebt, darüber hin nach dem Palaste zu gehen. Der Chor
verschweigt nicht seine Ahnung von jammervollem Geschick. Dagegen verharrt
Kassandra in lautlosem Schweigen, obgleich die Königin sie erst freundlich,
dann mit schonungsloser Härte drängt, in das Haus einzutreten. Endlich ruft
sie mit dem ergreifenden Tone der Seherin: "Apollon! o Apollon!" und
so viermal fast immer dieselben Worte, nachdem der Chor ihr zugeredet hat. Sie
erzählt dann die vergangenen Greuel des Hauses und die nahe bevorstehenden: den
Königsmord, die Rache durch den Muttermörder und ihren eignen Tod.
"O dieses Menschenleben, wenn es glücklich ist, Ein
Schatten stört es; ist es kummervoll, so tilgt Ein feuchter Schwamm dies Wild,
und alle Welt vergißt's; Und mehr denn jenes schmerzt mich dies: vergessen
ist's!"
Mit diesen Worten geht sie in den Palast.
Während des Chorgesanges hört man Agamemnons Weheruf zweimal.
Der Chor will mit dem Schwerte eindringen, aber Klytämnestra,
das blinkende Beil über der Schulter, kommt mit Gefolge heraus und verkündigt
reuelos, ja fast frohlockend, die begangene entsetzliche That.
"Hier steht' ich nach dem Morde, wie ich ihn erschlug; Ich
hab' es so vollendet und bekenn' es laut, Daß er dem Tod nicht wehren konnte,
noch entflieh'n. Ich schlang ein endlos weit Gewebe um ihn her, Gleich einem
Fischnetz, falschen Glückes Prunkgewand. Ich schlug ihn zweimal, zweimal
weherufend läßt Er matt die Glieder sinken - - - - - - Da liegt er tot; und
sie, die einem Schwane gleich Sich noch ein letztes Sterbelied gesungen hat, Tot
neben ihrem Liebsten; meinen Nächten ist's Der süßen Wollust eine neue Würze
mehr."
Auf die Vorwürfe des Chor's antwortet sie:
"Nicht, glaub' ich, ist unwürdiger Tod Dem worden zu
teil; Wie? hat er nicht blutige Tücke zuerst In das Haus mir gebracht? Nein,
der mein Kind, Das von ihm ich empfing, das ich ewig bewein', Iphigenien mir
unwürdig erschlug, Litt Würdiges jetzt; der beklage sich nicht In des Hades
Reich, daß mordender Stahl Ihn strafe für das, was er anhob."
In ihrem Schutze erscheint Ägisthos, dessen sie sich als ihres
Genossen gerühmt hat, mit Speerträgern. Er berichtet, warum er sich rühme,
dieses Mordes Schmied zu sein. Drohend stehen der greise Chor mit gezogenen (S.
384) Schwertern und Ägisthos mit seinen Bewaffneten einander gegenüber.
Klytämnestra tritt vermittelnd zwischen beide Gruppen, und diese scheiden unter
wiederholten Drohungen voneinander.
Nach einer Pause wird das zweite Stück der Oresteia, "die
Grabesspenderinnen", vorgeführt. Die Thymele ist durch eine Aschenurne als
Grabmal bezeichnet. Auf der Straße schreiten Orestes und Pylades in
Heroentracht, doch durch Stab und Reisehut als Wanderer kenntlich. Sie gehen
zusammen zum Grabe, wo Orestes, nachdem er die Stufen erstiegen, eine Locke
seines Haares niederlegt. Er spricht:
"O Grabeshermes, Retter und Mitkämpfer sei Mir selbst, den
Vater rufend mir an Grabesrand, Daß er mich anhört, meinen treuen Schwur
vernimmt. Denn dich zu rächen, Vater, bin ich heimgekehrt, Dein Sohn Orestes,
der im fernen Phokerland, Verwaist, verstoßen durch der Mutter arge List,
Aufwuchs, der Heimat fern. - - - "
Von der Bühne herab kommt der Chor in Trauerschleiern und
Magdgewändern, mit ihm Elektra in gleicher Tracht der Erniedrigung. Während
Orestes und Pylades sich entfernen, bringt der Chor Grabesspenden auf den Altar,
wie die von schrecklichen Träumen geängstige Klytämnestra ihm aufgetragen
hat. Elektra erkennt die Locke des Bruders, dann seinen auf der Straße
eingedrückten Fußtritt und endlich, wie er sich nähert, ihn selbst an dem
Mantel, der ein Geschenk von ihrer Hand ist. Sie fordert ihn zur Rache auf.
Nach der ersten Szene erscheinen wieder die beiden Freunde als
Wanderer und begehrten Einlaß in den Palast. Klytämnestra wird von dem
Thürhüter gerufen. Sie ist durch die Schrecknisse milder geworden, bietet den
Fremdlingen gastliche Pflege und erfährt mit mühsam beherrschter Freude die
Nachricht, ihr Sohn Orestes, den sie als Rächer des Vaters fürchtet, sei
gestorben. Sofort wird Ägisthos gerufen. Er geht zu den Männern in die
Gastwohnung; bald aber verkündet ein Hilferuf, daß er erschlagen wird. Ein
herausstürzender Knecht sagt es der Königin an, die kühn nach ihrem Vorteil
verlangt. Dem Sohne gegenüber fleht sie:
"Halt' ein, o Sohn! Nein, scheue diese Brust, o Kind, Die
Mutterbrust, an welcher du einschlummernd oft Mit deinen Lippen sogst die süße
Muttermilch."
Er schwankt.
"Was thu' ich? Scheu' ich, Pylades, der Mutter
Blut?"
Da stellt ihm dieser, der sonst nicht redet, das Gebot Apollons und seine
eignen Eide im Heiligtum des Gottes dar. So erfolgt denn die zweite That der
Rache im Innern des Palastes. Orestes tritt mit blutigem Schwert und großem
Gefolge wieder heraus und spricht:
"Da seht ihr dieses Landes Doppeltyrannei; In stolzer
Hoheit saßen sonst sie auf dem Thron, Und jetzt vereint sie Liebe noch, wie
dort ihr Los Es zeigt, und treu bleibt altem Schwure noch ihr Bund. Vereint den
Vater umzubringen schwuren sie, Vereint zu sterben; nun geschah's nach ihrem
Schwur."
(S. 385) [Abb.]
(S. 386) Allmählich steigt das Grauenvolle der That vor ihm auf:
"Meines Herzens Entsetzen will Sein Lied beginnen, seinen Tanz zum
Schall der Wut! Solange mir Bewußtsein bleibt, hört, Freunde, mich: Die eigne
Mutter schlug ich, doch mit Fug und Recht."
Die Angst wächst; er glaubt die rächenden Eumeniden (Furien) zu sehen:
"Ihr Frau'n, erkennt sie dort, dort, den Gorgonen gleich, Die faltig
schwarz verhüllten, von der Schlangenbrut Das Haar durchflochten! Bleiben nicht
mehr kann ich hier!"
Vergebens sucht ihn der Chor zu trösten; er stürzt fort.
Im dritten Stück der Oresteia, den "Eumeniden", sind die Szenen,
sehr kunstvoll geordnet, für die Zuschauer von höchstem Interesse. Man sieht
zuerst den prächtigen dorischen Tempel zu Delphoi, darüber den Parnaß. Die
Seherin tritt aus einer Seitenhalle, verkündet den Ruhm des Ortes, ihr Amt, und
öffnet die Pforten des Tempels, um hinein zu gehen. Da erblickt man einen
Hilfeflehenden, der den Altar umklammert, und schwarze Gestalten umher gelagert.
Die Seherin tritt erschrocken zurück, schildert die seltsame Erscheinung und
geht nach der Seite.
Apollon in hoher Göttergestalt führt darauf Orestes heraus und übergibt
ihn dem Götterboten, daß derselbe ihn sicher gen Athen geleite, wo ihm
Sühnung zu teil werden soll.
Aus der stygischen Pforte, die sich unter den Sitzreihen, der Bühne
entgegengesetzt, öffnet, steigt, in graue Grabgewänder gehüllt,
Klytämnestras Geist hervor und bewegt sich zur Thymele. Von hier aus redet sie
die schlafenden Eumeniden an, erinnert sie an ihr Amt, an die Flucht des
Muttermörders und an die Schmach, daß der Schlaf ihre Kraft gelähmt habe. Der
Chor stöhnt, heult dumpf, ruft dann im Traume:
"Ergreif'! ergreif'! ergreif' ihn! Laß entrinnen
nicht!"
Indem das Schattenbild verschwindet, erhebt sich eine Eumenide
nach der andern, dann stürzen alle in wilder Verwirrung hervor. Sie schmähen
Apollon und singen, wie kein Verbrecher ihnen entrinne. Der Gott erscheint und
weist sie fort:
"Hinweg sogleich, fort aus des Sehers Heiligtum, Daß nicht
geflügelt euch die Silberschlange trifft, Geschnellt vom goldnen Bogen, euch
zum herben Schmerz."
Die zweite Szene stellt den Tempel der Athene in Athen vor.
Ein Altar mit dem Bilde der Göttin befindet sich vor demselben.
Orestes naht auf der Straße, steigt zur Bühne hinauf und umfaßt der Göttin
Bild. Gleich nachher erscheint der Chor der Eumeniden. Er ist der Blutspur des
Muttermörders über Land und Meer nachgeeilt und umringt ihn jetzt. Athene
erscheint und versammelt den Areiopag, um Recht zu üben. Währenddessen ertönt
der Gesang der Eumeniden, worin der Dichter die Heiligkeit der alten Rechte
preist und zugleich kühn gegen den deutlich genug bezeichneten Perikles und
seine staatlichen Neuerungen auftritt.
(S. 387) "Und welcher so sonder Zwang gerecht sich zeigt, Des wird
reicher Lohn sein. Zu Grunde gehen soll er nun und nimmermehr! Doch sag' ich
laut: Tolldreiste Frevler, Die alles wild vermischen, höhnend frommes Recht,
Gewaltsam werden die versinken Einst, wenn gebrochener Masten Sturz Zugleich
entrafft die Segel."
Der Areiopag gibt, nachdem die Sache von beiden Seiten
vorgetragen ist, die Stimmen ab. Sie werden gleich befunden; aber Athene legt
einen weißen Stein hinzu, und Orestes ist entsühnt. Fürchterlich ist die Wut
des Chores, der Verwünschungen und grauenvolle Flüche über Stadt und Land
ausruft, wo das alte Recht mit Füßen getreten werde. Zuletzt gelingt es der
Göttin, durch Verheißung eines Tempels und friedlicher Opferspenden die
Eumeniden zu versöhnen und ihre Flüche in Segen umzuwandeln.
Unter diesen Darstellungen ist der Abend herangekommen, und nun
beginnt ein Nachspiel des Dichters, "Proteus". Es steht mit der
Oresteia insofern in Verbindung, als es den Menelaos auf seinen Irrfahrten
vorführt. Er ist an eine wüste Küste verschlagen, wo gaukelnde Satyrn hausen
und Proteus mit Robben und anderen Seetieren zu lagern pflegt. Menelaos mit
einigen Gefährten sucht ihn zu fangen, und vergebens steigt Proteus als Baum,
dann als lodernde Feuersäule auf, er muß sich endlich ergeben. Zuletzt
erscheinen in der späten Dämmerung unter allerlei neckischen Satyrspielen die
Genossen des Helden mit Fackeln, um ihn zu suchen. So schließt der Tag mit
einem prächtigen Fackelzug.
Den gewaltigen Gestalten, welche in der Oresteia auf dem Kothurn
vorüberschreiten, der erschütternden Wahrheit, welche die einfache Handlung
aufrollt, stehen die Charaktere und die Handlung in der "Elektra" des
Sophokles weit nach, so kunstreich auch diese sich entwickelt. Es fehlen darin
die Eumeniden, die Buße des Muttermörders und seine Sühne, deren
Notwendigkeit beim Anschauen der schrecklichen That dem menschlichen Gemüte
sich aufdrängt, und damit fehlt der rechte Abschluß, die Vollendung des
Kunstwerks. Höher steht Sophokles als Dichter in den drei Tragödien
"Ödipus der König", "Ödipus in Kolonos" und
"Antigone". Die ganze Idealität eines edlen weiblichen Charakters hat
der Dichter in seiner Antigone vereinigt, die, um dem Bruder die Grabesruhe zu
gewähren, dem eignen grausamen Verderben mutig entgegengeht. In der
"Elektra" des Euripides, wo effektvolle Szenen nicht mangeln, muß die
wenig motivierte Erscheinung Apollons den gefälligen Schluß herbeiführen,
der, wie ein modernes Drama, in zwei Hochzeiten ausgeht.
Komödie. Wie die Tragödie, so
entstand die antike Komödie aus den Festen des Dionysos. Da wurden zu Ehren des
heitern Weinspenders fröhliche Umzüge unter Chorgesängen gehalten. Der
Chorführer recitierte dazwischen burleske Neckereien, Spottgedichte und
Schwänke, anfänglich aus dem Stehgreif, dann nach sorgfältiger Vorbereitung,
um das Spiel und die Mummereien ergötzlicher zu machen. Bald fand sich ein mit
natürlichem Witz begabter Chorgenosse, der dem Führer antwortete, und so war
der Dialog eingeführt.
(S. 388) Bei den dorischen Griechen in Sizilien, wo man mit
besonderem Geschick lächerliche Thorheiten auffand und geißelte, erhielt die
Komödie zuerst künstlerische Ausbildung. In Griechenland kam sie besonders zu
Megara in Aufnahme und wanderte von da nach Athen, wo sie nach dem Muster der
Tragödie ihre volle Ausbildung erhielt. Daselbst dichtete während der
Blütezeit mit unerschöpflicher Laune Kratinos, der ungeachtet seiner Liebe zum
Weine und zu mancher Ausgelassenheit sehr alt wurde, und ließ seine Stücke
durch seine Mimentruppe aufführen. In seinem neunzigsten Jahre verfaßte er
noch "Die Weinflasche", worin er sich selbst mit seinen zwei Weibern,
der Komödie und der Weinflasche, darstellte. Er gewann damit den letzten Sieg
über seine Mitbewerber. Vollständig erhalten sind uns nur die Komödie des
reichbegabten Aristophanes. Obgleich derselbe schon der folgenden Zeit
angehört, führen wir ihn doch des Zusammenhanges wegen hier ein.
Aristophanes war der Sohn des Philippos, eines athenischen
Bürgers, und hatte das Bürgerrecht erhalten, wiewohl er im Auslande geboren
war.
Als denkender Mann erkannte er die Vorzüge der alten,
schlichten Religiosität, Sitte und Verfassung und die Nachteile der von
Perikles eingeführten maßlosen Demokratie, deren Führung nach dem Tode des
großen Staatsmannes dem Schreier Kleon, einem begüterten Lederhändler,
zufiel. Er züchtigt daher mit der Geißel der Lächerlichkeit und dem
vielseitigsten Humor alles, was ihm in den religiösen Ansichten seiner
Mitbürger, in der Staatswirtschaft, der Volkssitte, in Philosophie und Kunst
verkehrt und gemeinschädlich scheint.
In seiner Richtung trifft er ganz mit Äschylos zusammen; dieser
aber erhebt, was groß und edel ist, Aristophanes tritt in den Staub, was
niedrig und verwerflich ist, und er thut es ohne Rücksicht auf Personen, ohne
vor einer Gefahr für sich selbst zurückzuschrecken. Weder der eine noch der
andre vermag den Gang der Begebenheiten zu verändern, doch zeugen ihre Werke
für ihre Gesinnung. Nach der dem antiken Dichter eingeräumten Freiheit nennt
Aristophanes auch das Gemeinste, das nach modernem Begriff Unanständigste
ungescheut bei dem rechten Namen; um die Lachluft der Athener zu befriedigen,
übertreibt er Charaktere und Situationen bis zur Karikatur; doch durch alle
Ausgelassenheit und Übertreibung erkennt man die Wahrheit und den sittlichen
Ernst, die seinen Darstellungen zu Grunde liegen. Wir können hier wegen
mangelnden Raumes nur einige kurze Inhaltsangaben von den Stücken des
Aristophanes machen:
"Die Ritter" sind gegen den Volksführer Kleon, den
Abgott des bethörten Volkes, gerichtet, der so gefürchtet war, daß kein
Schauspieler dessen Rolle übernehmen wollte, weshalb der Dichter selbst darin
auftrat. Ein Wursthändler bewirbt sich in diesem Stücke um die Gunst des
Volkes, da der abgefeimte Paphhlagonier, der sie bisher besessen, gestürzt
werden soll. Zwischen beiden gibt es eine Prügelszene, dann bringen sie den
Streit vor das Volk, und jeder sucht dieses durch eine Abspeisung zu gewinnen.
"Die Wolken" geißeln die Sophistik jener Zeit, die
mit ihren Spitzfindigkeiten und Grübeleien Recht und Unrecht zu verkehren
verstand. Folgendes ist der Inhalt dieser genialen Dichtung voll
übersprudelnder Laune. - (S. 389) Ein verschuldeter Bauer will seinen
verschwenderischen Sohn bei Sokrates, dem Repräsentanten der Sophisten, in die
Lehre geben, von dem er gehört hatte, er verstände es, durch kunstvolle Reden
eine ungerechte Sache zu einer gerechten zu machen; durch solche Künste meint
er seine Gläubiger um ihre Forderungen bringen zu können. Er geht einstweilen
selbst hin und findet den Philosophen in einer Hängematte sich schaukelnd,
während seine abgemagerten Schüler verlumpt und schmutzig in komischen
Stellungen umherkauern. Sokrates beruft ihn zuerst zur Verehrung der Wolken,
seiner einzigen Gottheit; dann will er ihn unterweisen, wie er seine Gläubiger
überführen könne, daß er ihnen nichts schuldig sei. Da der Bauer ungelehrig
ist, so jagt er ihn fort, nimmt aber darauf dessen Sohn an, der besser
einschlägt. Am drängenden Zinstage kommt der Vater wieder, um zu sehen, was
sein Sohn gelernt habe, weist die Gläubiger ab, weil sie weder Grammatik noch
Naturkunde verstehen, und wird von seinem Sohne tüchtig durchgeprügelt, der
klar darlegt, er thue dies ganz mit Recht, weil ihn sein Vater als Knaben auch
gezüchtigt habe. Schließlich steckt der zornige Bauer dem Philosophen das Haus
in Brand.
"Die Wespen" sind gegen das Volk selbst gerichtet,
gegen seine Prozeßsucht, seine Begierde, täglich um einige Obolen den endlosen
gerichtlichen Verhandlungen beizuwohnen und dabei seine Stimme abzugeben.
"Der Friede" ist eine wahre Friedensrede in dem
peloponnesischen Kriege, der Hellas verheerte. Ein Bauer reitet auf einem
Mistkäfer in den Olymp, um den Frieden zu holen. Er erfährt dort, der
"Krieg" herrsche nach Austreibung aller Götter und habe die
Friedensgöttin in eine Höhle gesperrt. Während nun der "Krieg" eine
Keule schnitzt, um Athen zu zerstampfen, befreit der Bauer mit Hilfe des Chors
unter großem Geräusche die Göttin und ihre Gefährtinnen, Fruchtspenderin und
Feier, und erhält die eine von ihnen zur Frau. Nach seiner Heimkehr ist
Hochzeit, wobei viele Handwerker - der Sensenschmied erfreut, die Waffenschmiede
voll Klagen - sich einfinden.
"Die Vögel", worin der Dichter die reichste und
kühnste Phantasie mit dem derbsten Spaß und gemütlichsten Humor vereinigt,
zeigen die Thorheit vieler Athener, die damals trotz des Unglücks des Staates
die tollsten Luftschlösser von Ruhm und Ehre bauten. Zwei Auswanderer von Athen
kommen in das Reich der Vögel und bereden dieselben, eine große Stadt,
"Wolkenkuckucksheim", anzulegen und göttliche Ehre von den Menschen
zu verlangen, da sie früher als die Götter von der dem Urei entschlüpften
Liebe und dem Chaos erzeugt worden seien. Ein nach Athen entsandter Herold kommt
mit der Nachricht zurück, daß das städtische Volk bereits die Vögel hoch
verehre und eine Kolonie nach der neuen Stadt entsenden werde.
"Die Frösche" sind insbesondere gegen den Verfall der
tragischen Kunst gerichtet und greifen den Euripides an. Dionysos und Silen, in
höchst burleskem Aufzug, gehen in die Unterwelt, um einen tragischen Dichter
heraufzuholen, da man an solchen Poeten großen Mangel habe.
Als nach dem Sturze der dreißig Tyrannen die Demokratie mit
ihren Mängeln wiederhergestellt war, verfaßte der schon bejahrte Dichter die
"Ekklesiazusen" (etwa Weibervolksversammlung), einen lustigen Schwank
voll (S. 390) sprudelnden, nicht selten unsauberen Humors, der die ewige
Neuerungssucht der Athener geißelt. Die Frauen nehmen die Staatsverwaltung
selbst in die Hand und entwerfen eine kommunistische Verfassung. Anfangs geht
alles vortrefflich, auch die häßlichsten erhalten Männern und leben herrlich
und in Freuden, dann aber folgt Verwirrung auf Verwirrung.
Man ersieht aus unsrer Darstellung, wie die großen lyrischen
und dramatischen Dichter in ihren Schöpfungen das gottgeliebte Hellas und die
Thaten seiner Söhne verherrlichten, um die Nation zur Nachahmung anzuregen. Es
war, wie die Folge lehrt, vergeblich. Der innere Hader entbrannte, und das
entkräftete Hellas war die Beute eines verschlagenen Eroberers.
[...] Wir haben bessern Glauben; denn das neue [deutsche] Reich
ist fester geeinigt, als Griechenland jemals gewesen ist, und der engherzige
Partikularismus, welcher hin und wieder lau wird, vermag nicht die Bande zu
sprengen [...].
[zurück] [weiter]
| | Wägner, W., Leben und Kultur während der Zeit des Aufschwungs - Dichtkunst, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 374 - 390 (1. Auflage 1859)
|
GM (digitale Edition) für psm-data 
|