Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Übersicht

Deukalion

Geschlecht des Äolos

Argos und seine Heroen

Perseus

Herakles

Theseus

Äakos und seine Nachkommen

Die Tyndariden (Dioskuren) in Lakonika

Pelops und sein Geschlecht

Original

Geschlecht des Äolos.

(S. 43) Ein Enkel des Aethlios, Ätolos, aus dem Peloponnes vertrieben, eroberte das nach ihm genannte Ätolien und hatte zur Gattin eine Tochter des Doros, wodurch die Verbindung zwischen den Ätolern und Doriern erklärt wird. Das ursprüngliche Land der Äoler war dagegen Thessalien. Die Dorier waren nicht auf das kleine Doris am Fuße des Öta beschränkt, sondern wohnten und herrschten bis an den korinthischen Meerbusen; die Ionier und Achäer aber hatten den Peloponnes unter sich geteilt und standen mit den Einwohnern von Attika in verwandtschaftlicher Beziehung.

Doros war nach der mythischen Geschichte ein streitbarer Held, der eine Schar Krieger vom Olympos nach den Gefilden am Öta führte; Xuthos, aus Thessalien verdrängt, wanderte erst in den Peloponnes, dann, wie oben bemerkt, nach Attika, wo er sich durch tapfere Hilfe im Kriege die Hand der Königstochter erwarb und Stammvater der Ionier und Achäer wurde. So hatte die Mythe die Wanderungen der Stämme auf ihre sagenhaften Ahnherren übertragen. Von den Nachkommen des Äolos wußte man viel zu erzählen. Sieben Söhne und fünf Töchter schmückten sein Alter und schwelgten im Überflusse, den das fruchtbare Thessalien darbot, und den sie nach dem Tode des ehrwürdigen Patriarchen erbten. Aber wenn sie auch seine Reichtümer und sein Ansehen bekamen, so blieb ihnen doch die Rechtschaffenheit und die Frömmigkeit ihres Anherrn Deukalion fremd. Wie das versunkene eherne Geschlecht waren sie von Hochmut erfüllt und erhoben die trotzigen Häupter wider Götter und Menschen.

Salmoneus, der eine von den Söhnen, herrschte zu Iolkos in den fruchtreichen Thälern südlich vom Pelion bis an das Meer. Er dünkte sich dem olympischen Zeus gleich. In einem mit ehernen Becken behängten Wagen fuhr er rasselnd daher und schleuderte Feuerbrände gegen den Himmel, um Donner und Blitz nachzuahmen. Er geriet daher in Zorn, als er erfuhr, daß seine Tochter Tyro (S. 44) sich mit dem meerbeherrschenden Poseidon verbunden und Zwillingssöhne, Pelias und Neleus, geboren habe. Er erlaubte seiner zweiten Frau Sidero, die unglückliche Tyro ihres lockigen Haares zu berauben, sie zu mißhandeln und in einem düstern Kerker einzusperren. Seine beiden Enkel, die man ausgesetzt hatte, hielt er für tot; allein ein mitleidiger Schäfer hatte sich ihrer angenommen, sie gepflegt und groß gezogen. Als sie nun zu kräftigen Jünglingen herangewachsen waren, brachen sie unerwartet in das Königshaus ein, befreiten ihre Mutter und verfolgten deren grausame Stiefmutter. Vergebens flüchtete sich dieselbe in den heiligen Tempel der Götterkönigin Here; sie wurde auf dem Altare von den Verfolgern getötet. Darum zürnten die Unsterblichen vom Olymp herab und verhängten eine schwere, wenn auch späte Strafe über die Mörder. Salmoneus selbst konnte die That nicht rächen. Er war in seinem Wagen, Fackeln und Feuerbrände schleudernd, weit umhergefahren, aber Zeus hatte ihn mit seinem Blitze endlich zerschmettert. Sein Stolz und Übermut war auch auf seine Enkel übergegangen und zeigte sich alsbald in ihrem Hader um das väterliche Erbe. Keiner wollte dem anderen einen Anteil gönnen. Pelias, der den größten Anhang hatte, nötigte endlich seinen Bruder zur Flucht und blieb im alleinigen Besitze von Iolkos. Neleus verließ Thessalien, wanderte in den Peloponnes und gründete im südwestlichen Teile desselben eine Herrschaft in Pylos. Er hatte zwölf Söhne und eine Tochter. Viele böse, ruchlose Thaten werden von ihm berichtet; doch blieb die Bestrafung nicht aus. Es kam nämlich Herakles, von dem wir später ausführlich reden werden, als ein Bittender zu ihm. Neleus wies ihn mit harten Worten ab und befahl ihm, Stadt und Land zu verlassen. Da erwachte der leicht erregte Zorn des Fremdlings, und er erschlug den Neleus und alle seine Söhne mit Ausnahme des Nestor, der zufällig von dem königlichen Sitze abwesend war. Dieser erhob den erloschenen Glanz seines Hauses von neuem und war im hohen Alter, da er nicht mehr die Waffen führen konnte, durch seine Weisheit berühmt unter den griechischen Helden vor Troja. Seine Nachkommen flohen zur Zeit der Eroberung des Peloponnes durch die Dorier nach Athen, wo sie zu königlichen Ehren gelangten. Von diesen mythischen Helden leiteten in der Folge die vornehmsten Führer der ionischen Kolonisten ihre Abkunft her.

Ein andrer von den Söhnen des Äolos war Sisyphos, ein Erzschelm, dem an List und Verschlagenheit weder Gltter noch Menschen gleich kamen. Er sammelte ein Schar rüstiger Jünglinge und zog südwärts, bis er auf der Landenge, welche Hellas und den Peloponnes verbindet, den passenden Ort zu einer Niederlassung fand. Er gründete daselbst zwischen zwei angrenzenden Meeren das für den Handel wohlgelegene Korinth, oder Ephyra, wie es in früherer Zeit hieß. Hier verübte er ungescheut Raub, Mord und Plünderung. Von den geraneiischen Klippen herab rollte er Felsen auf die harmlosen Wanderer und bereicherte sich mit ihrer Habe, wenn sie zerschmettert erlagen. Zwar entging er während seines irdischen Lebens der Strafe, dafür aber büßte er in der Unterwelt, indem er unaufhörlich einen schweren Felsen auf einen Berg wälzen muß.

Ein Enkel des Sisyphos war Bellerophon, der Sohn des Glaukos, Königs von Korinth. Dieser mußte wegen eines unabsichtlichen Mordes von Korinth entweichen und fand gastliche Aufnahme zu Tiryus bei dem befreundeten (S. 45) König Prötos. Der junge, blühende Held zeichnete sich hier sowohl in ernsten Kämpfen als bei den kriegerischen Spielen durch Kraft und Mut vor allen aus, aber sein edelster Schmuck war ein keuscher, tugendhafter Sinn. Denn als die Königin Anteia in unziemlicher Leidenschaft für ihn entbrannte und ihm dies zu erkennen gab, wies er sie entrüstet zurück, indem er sich auf die ihm widerfahrene Gastfreundschaft berief, die er nicht durch ein Verbrechen verletzen dürfe. Die Liebe der Königin verwandetle sich jetzt in Haß, und sie beschloß, ihn zu verderben.

 

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Auf ihre verleumderischen Anschuldigungen schickte Prötos den Jüngling zu Jobates, dem Könige von Lykien in Kleinasien, der sein Schwiegervater war. Er gab ihm eine zusammengefaltete Tafel mit, welche in geheimnisvollen Zeichen den Auftrag enthielt, den Überbringer zu ermorden. Arglos langte der junge Held im lykischen Königshause an, wurde gastlich aufgenommen und nach damaliger Sitte nicht sogleich nach Herkunft und Zweck der Reise gefragt. Als er endlich die Tafel abgab, mochte der König das heilige Gastrecht nicht durch Mord verletzen. Er trug ihm aber verderbliche Unternehmungen auf, die seinen Untergang herbeiführen sollten. Zunächst wurde er in den Kampf gegen die fürchterliche Chimära ausgesandt, ein feuerschnaubendes Ungetüm, das vorn ein Löwe, in der Mitte eine wilde Bergziege und hinten eine Schlange war. Er machte sich auf den Weg, ein Weg des Todes für ihn, wenn nicht göttliche Hilfe ihn errette. Da nahte ihm Pallas Athene, die Beschützerin mutiger Helden, und gab ihm das Flügelroß Pegasos. Dieses trug ihn im Fluge an den Ort, wo das Ungeheuer auf Beute lauerte. Vergebens spie dasselbe Feuerströme gegen ihn aus, vergeblich suchte es ihn mit Zähnen und Krallen zu zerfleischen; es erlag den Angriffen des kühnen Jünglings, dessen Ruhm durch ganz Lykien verbreitet wurde.

(S. 46) Mit gleichem Glück besiegte er die wilden, unbändigen Solymer in ihren Bergschluchten, über welche ihn das Flügelroß trug, und das kriegerische Frauenvolk der Amazonen. Seine Siege erwarben ihm endlich die Gunst des Königs, der ihm seine Tochter zur Ehe und zugleich einen ansehnlichen Teil des Reiches übergab. Seine Enkel Sarpedon und Glaukos stritten ruhmvoll unter den Mauern von Troja als Verbündete der Troer gegen die griechische Macht.

Athamas, ein dritte Sprößling des Äolos, war der Gründer von Orchomenos in Böotien, am See Kopais, nicht weit von der Einmündung des Kephissos in denselben. Wahrscheinlich führte er einen kriegerischen Stamm, Minyer genannt, über die Othrys- und Ötaberge. Wir haben dieser Minyer und des von ihnen errichteten Schatzhauses schon weiter oben erwähnt. Sie finden sich da und dort in einer weiten Ausdehnung von Iolkos in Thessalien bis nach Pylos in Messenien und scheinen ein seefahrendes Abenteurervolk gewesen zu sein, das weithin seine Fahrten ausdehnte und wahrscheinlich auch mit den Phönikern in Handelsverbindungen trat. In Orchomenos gelangten sie zu besonderem Wohlstand und Ansehen, und sie waren es, die den Bau der kolossalen Katabothren durch das Ptoongebirge unternahmen, wodurch der Überfluß des Sees Kopais dem Meere zugeführt wurde. Die Überreste dieses alten großartigen Werkes von Menschenhand sind noch jetzt zu sehen und geben ein Zeugnis von der Beharrlichkeit und Kunstfertigkeit der Minyer.

Die Geschichte des Athamas ist in viele Mythen verflochten. Sein Weib Nephele (Wolke) war göttlichen Geschlechtes und schenkte ihm zwei Kinder, Phrixos und Helle. Seine zweite Frau Ino zeigte sich gegen diese Kinder als eine bösartige Stiefmutter. Besonders war ihr Phrixos verhaßt, der, zum Jüngling erwachsen, ihren Mißhandlungen kecken Widerstand entgegensetzte. Ihre arglistigen Anschläge weihten ihn dem Tode; aber Nephele, die ihm unsichtbar genaht war, übergab ihm einen Widder mit goldenem Vliese, damit er sich desselben zur Flucht bediene. Sofort bestieg er mit seiner Schwester Helle das wunderliche Lasttier und trabte über Berg und Thal davon. Es war ein lustiger Ritt durch gründe Waldung und blühende Felder; als aber der Widder ans Meer kam, ohne Umstände hineinsprang und die Reise durch die brausenden Wellen pfeilschnell fortsetzte, da war es der armen Helle bange. Noch hielt sie sich an dem Bruder fest auf der Fahrt durch die Gewässer des ägäischen Meeres, aber in der Meerenge, wo die Wellen heftig bewegt waren, fiel sie von dem Tiere herunter und ertrank, weshalb dieser Teil des Meeres von ihr den Namen Hellespont führt. Phrixos gelangte wohlbehalten an die Küsten von Kolchis, wo Äetes über ein rauhes Barbarenland herrschte. Dieser gewährte dem müden Reisenden Schutz und hing das Vlies des geopferten Widders im Haine des Kriegsgottes auf.

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Wägner, W., Deukalion und seine Nachkommen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 41-73 (1. Auflage 1859)

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