Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

[P|S|M]

(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Übersicht

Deukalion

Geschlecht des Äolos

Argos und seine Heroen

Perseus

Herakles

Theseus

Äakos und seine Nachkommen

Die Tyndariden (Dioskuren) in Lakonika

Pelops und sein Geschlecht

 


Argos und seine Heroen.

(S. 47) Die Sage weiß noch manche Wunderdinge von den Nachkommen des Äolos zu erzählen; wir wenden uns aber jetzt der argivischen Halbinsel zu, wo sich die griechische Mythe nicht weniger reich entfaltet.

Als der älteste König und Begründer von Argos wird Inachos, der Gott des Hauptflusses des Landes. genannt, ein Sohn des Okeanos und der Tethys. Er soll über 1900 Jahre vor unsrer Zeitrechnung gelebt haben. Von seiner Tochter Jo, deren Abenteuer ein Lieblingsthema der alten Dichter waren, werden noch wunderbarere Reisen erzählt als von Phrixos. Sie war Priesterin der Here in deren berühmten Tempel zwischen Mykenä und Argos. Daselbst trat Zeus mit ihr in Verbindung. Als Here den Betrug ihres Gemahls entdeckte, verwandelte er, um ihren Vorwürfen zu entgehen, die Priesterin in ein weißschimmernde Kuh.

Alsbald sandte Here eine giftige Bremse, und die geängstigte Jo floh vor ihr über Land und Meer und kam endlich nach Ägypten, wo ihr Zeus Ruhe vergönnte und ihr die natürliche, schöne Menschengestalt wiedergab. Nach andern Angaben ward die Priesterin von phönikischen Schiffern, die des Handels wegen an der argivischen Küste gelandet waren, geraubt und nach Ägypten verkauft.

Nachkommen von ihr sollten Ägyptos und Danaos gewesen sein. Jener hatte fünfzig Söhne, dieser ebenso viele Töchter, welche von der ersteren zur Ehe begehrt wurden. Danaos verabscheute diese Verbindung, befrachtete ein Schiff mit seinem Reichtum an Mädchen und Habe und entrann über das Meer nach Argos. Indessen folgte ihm auch dahin der beharrliche Ägyptos mit all seinen Söhnen und setzte, unterstützt durch die stattlichen Jünglinge und ihre Waffen, die Bewerbung mit solchem Erfolge fort, dass er endlich seinen Zweck erreichte.

Am Abend des Hochzeitstages berief Danaos seine Töchter noch einmal zu sich und erfüllte ihre Herzen mit demselben Zorn gegen die erzwungene Verbindung, der er selbst fühlte. Er ließ sie zugleich geloben, daß eine jede von ihnen in der Nacht den aufgedrungenen Gatten ermorden wolle. Die blutige That ward von neunundvierzig der Neuvermählten vollbracht.

Perseus. Nur die liebende Hypermnestra hatte Lynkeus, ihren Gatten, verschont und ihm Mittel zur Flucht verschafft. Ihre mörderischen Schwestern starben früh und büßten in der Unterwelt für ihren Frevel. Ohne Rast und Ruhe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß tragen und also die ewige Pein vergeblicher, mühevoller Arbeit erdulden.

Ein Nachkomme jenes Lynkeus nun ist Perseus, dessen Geschichte uns völlig in die orientalische Märchenwelt versetzt. Die üppige, übersprudelnde Phantasie des Morgenlandes hat darin Gestalten und Begebenheiten erfunden, in denen der nüchterne Verstand sich schwer zurecht findet. Die Sage ist offenbar phönikischen Ursprungs; sie versinnlicht, wie es scheint, die Thaten des Sonnengottes, der die Mächte der Finsternis im fernen Westen bezwingt. Indessen leiteten die Griechen von Perseus das Geschlecht ihres Nationalhelden Herakles ab, dessen sich die spartanischen Könige als ihres Stammvaters rühmten. Wir begleiten daher die Mythe in die labyrinthischen Gänge ihrer Wunderwelt.

(S. 48) Zwei Brüder, Akrisios und Prötos, hatten sich in die Herrschaft der argivischen Halbinsel geteilt.

Den letzteren, der Tiryns zum Wohnsitz erwählte, haben wir schon in der Geschichte Bellerophons kennen gelernt; der erstere war in Argos ansässig. Diesen hatte der Ausspruch eines Orakles gelehrt, daß er durch die Hand seines Enkels sterben werde. Er verstieß daher seine einzige Tochter Danae in ein unterirdisches Gemach, das er künstlich von Erz hatte erbauen lassen, und gedachte dadurch vor aller Nachkommenschaft sicher zu sein. Aber mit einem goldenen Schlüssel kann man selbst die festesten Schlösser öffnen, und dessen bediente sich der allwaltende Zeus.

Nach der Mythe drang er in Gestalt eines Goldkörnerregens durch die Ritzen des Daches zu der einsamen Königstochter. Aus dieser Verbindung des unsterblichen Gottes mit der Sterblichen erblühte das liebliche Kind Perseus. Die Geburt des Enkels konnte dem lauernden Großvater nicht verborgen bleiben. Voll Sorge um sein Eignes Leben beschloß er, die Tochter samt ihrem Knaben zu verderben. Er warf sie beide in eine Lade und übergab sie dem stürmischen Meere in der Voraussicht, daß sie nun umkommen würden. Aber die Wellen waren barmherziger als der Vater und trugen die Lade hinüber nach der Insel Seriphos, wo Mutter und Kind bei Diktys, dem Bruder des dortigen Königs, freundliche Aufnahme fanden. Der liebreiche Beschützer erzog den schönen Knaben, als ob er ihm selbst angehöre, und seine Sorgfalt ward reich belohnt, denn Perseus wuchs zu einem starken, mutigen Jüngling heran, der unter den jungen Leuten, die den König Polydektes umgaben, sich rühmlich auszeichnete. Er war aber dem letzteren im Wege, da sich derselbe gern um die Hand seiner Mutter Danae beworben hätte. Einst begehrte nun der Herrscher von den Männern seines Gefolges eine Beisteuer zu seinem Brautschatz. Alle brachten ihre Gaben, nur der arme Perseus konnte nichts bieten. Da er nun deshalb getadelt wurde, sagte er: "König, ich hab nichts als ein mutiges Herz und einen starken Arm; in bin bereit, dir damit zu dienen und dir alles zu verschaffen, wonach dein Herz gelüstet, und sollte es auch das Haupt der Medusa sein."

Eine solche Gabe, meinte Polydektes, der nach einer Gelegenheit suchte, ihn zu entfernen, sei gar nicht zu verachten, und wer ihm diese darbringe, den werde er für seinen besten Freund und für den kühnsten unter aller Sterblichen halten.

Perseus kannte die Gefahren des Unternehmens; er wußte, daß die drei Schwestern, Gorgonen genannte, Töchter des Drachen Phorkys und des Ungeheuers Keto waren, und daß Medus, eine derselben, schon durch ihren Anblick in Stein verwandle; er hatte jedoch das dreiste Wort gesprochen und mochte nicht als eitler Prahler erscheinen. Er trat daher seine Heldenfahrt an. Zuerst galt es den Aufenthalt der Schwestern zu ermitteln. In seiner Verlegenheit flehte der Jüngling zu Pallas Athene und fand Erhörung.

Der Götterbote Hermes erschien und zeigte ihm den Weg zu den unliebenswürdigen Graien, die gleichfalls von Phorkys abstammten. Von ihrer Geburt an waren sie schon eisgraue Mütterchen und hatten zusammen nur ein Auge und einen Zahn, deren sie sich abwechselnd bedienten. Dieses eine Auge war aber von merkwürdiger Beschaffenheit, denn die Schwestern, die es allein richtig zu (S. 49) gebrauchen verstanden, konnten damit durch alle Länder spähen und die verborgensten Dinge auskundschaften. Der Weg zu ihnen war freilich der weiteste, denn sie wohnten am Ende der Welt; doch langte Perseus mit Hilfe des Hermes wohlbehalten bei ihnen an. Er brachte sofort die kostbaren Kleinodien an sich, die gerade unbenutzt zur Seite lagen. Die Schwestern waren von Natur neugierig und fast den ganzen Tag hungrig. Es dauerte daher nicht lange, so tasteten sie nach ihren Instrumenten und zankten und keiften miteinander, weil jede glaubte, die andern wollten sie ihr vorenthalten.

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Als sie aber den Raub gewahr wurden, da brach ihr Jammer in greulichen Wehklagen aus. Jetzt machte Perseus seine Anwesenheit bemerklich und zeigte sich bereit, die Werkzeuge zurückzugeben, wenn ihm der Aufenthalt der Gorgonen und der Weg dahin beschrieben werde. Die Graien belehrten ihn nun, daß er ihre Nachbarinnen, drei liebliche Nymphen, aufsuchen und von ihnen das nötige Rüstzeug erbitten solle, daß er dann über den Okeanos nach den Grenzen der Nacht wandern müsse; dort seien die Gorgonen zu finden. Für diese Nachricht (S. 50) händigte er den hungrigen Mütterchen Zahn und Auge wieder aus und zog weiter. Er fand die Nymphen, die den Jüngling mit Flügelsandalen, einem Beutel und dem unsichtbar machenden Helm des Aides versahen. Als er an die schauerliche, von Schlamm und Ungeziefer umlagerte Grotte kam, in welcher die drei Schwestern gerade ihre Mittagsruhe hielten, näherte er sich rückwärts, indem er in seinen blanken Schild, den ihm Athene geschenkt, wie in einen Spiegel blickte. So sah er die entsetzlichen Schläferinnen, von Schlangen umgürtet, von Schlangenhaaren umwallt, und erkannte Medusa unter ihnen. Mit einem rückwärts geführten Schwertstreich trennte er ihr Haupt vom Rumpfe und ließ es in den Beutel gleiten. Die andern Schwestern erwachten zwar alsbald, aber durch seinen Helm, der ihn ihren Augen entzog, entging er der tödlichen Umarmung, womit sie ihn umstricken wollten. Ehe er auf seinen beflügelten Sandalen die Rückreise antrat, fesselte ein neues Wunder seine Augen. Aus dem mütterlichen Schoße der Erde nämlich, der von dem Blute der enthaupteten Gorgo rauchte, erwuchs das Flügelpferd Pegasos. Das stattliche Tier breitete sogleich seine Schwingen aus, um in die blauen Lüfte zu entweichen; aber Perseus schwang sich schnell auf seinen Rücken und bändigte und lenkte es nach Willkür. Zuerst brachte er den Nymphen Sandalen und Helm zurück; den wertlosen Beutel durfte er mit ihrer Zustimmung behalten. Dann schwebte er über den Graien hin, die ihn abwechselnd mit ihrem Auge beschauten; hierauf sah er an der heißen Küsten von Äthiopien eine schöne Jungfrau an einem Felsen angekettet. Es war Andromeda, Tochter des Königs Kepheus, von ihrem unglücklichen Vater auf das Geheiß eines Orkales einem Seeungeheuer zum Fraße preisgegeben. Der tapfere Jüngling hieb mit seinem Schwerte auf das Ungetüm los, als es aus dem Wasser herausfuhr, um seine Beute zu verschlingen. Es war jedoch hieb- und stichfest und drohte durch die Wasserströme, die es aufregte, Roß und Reiter zu verderben. Da streckte ihm der Held in der äußersten Gefahr das Gorgonenhaupt entgegen und verwandelte es in Stein. Hierauf führte er die befreite Andromeda zu ihrem Vater und erhielt zum Lohne für seine tapfere That ihre Hand und reiche Schätze. Sein Weib und sein gewonnenes Gut hinter sich auf seinem Flügelpferde, ritt er gen Seriphos. Daselbst gab es neue Arbeit. Seine Mutter nämlich und seinen Pflegevater Diktys fand er als Flüchtlinge, den Altar der Pallas Athene umklammernd, wo sie vor den Nachstellungen des Königs Polydektes Schutz suchten. Auch in dieses Asyl verfolgte sie der gewalttätige Mann mit seinen gewappneten Trabanten, aber zu seinem eignen Verderben. Denn Perseus, am Portale des Heiligtums Wache haltend, hatte die Gorgo enthüllt, und wie Marmorsäulen, die der Baumeister um einen Tempelbau reiht, standen plötzlich die versteinerten Verfolger umher.

Es war der letzte Gebrauch, den der Held von seiner Beute machte. Er übergab das Haupt und das Flügelroß seiner Beschützerin Pallas Athene. In ihrem Schilde prangte hinfort das erstere verhüllt, bis sie es in der männermordenden Feldschlacht zum Schrecken ihrer Feinde enthüllte.

Noch mußte der Orakelspruch in Erfüllung gehen, den einst Akrisios vor der Geburt seines Enkels empfangen hatte, denn dem unerbittlichen Schicksale (S. 51) sind Götter und Menschen unterworfen. Vergebens verließ Akrisios seine Stadt, um der Begegnung mit dem Enkel auszuweichen; in Thessalien bei der Feier festlicher Spiele schwang Perseus den Diskos und traf seinen in weiter Ferne zuschauenden Großvater so unglücklich, daß er tödlich verwundet zu Boden sank. Trauernd über den unabsichtlichen Mord ging der Held nicht nach Argos zurück, sondern übernahm die Herrschaft über Tiryns und gründete Mykenä, dessen kyklopische Mauern noch jetzt in ihrem zerstörten Zustanden von der einst berühmten Stadt Kunde geben.

Ein Nachkomme des Perseus war Herakles, der Nationalheros des Gesamtvolkes der Griechen, insbesondere des dorischen Stammes, der sich der Abkunft von ihm rühmte. Er ist das Ideal der Heroenzeit, in welchem die Mythe die wundervollsten Thaten und Erlebnisse vieler Helden zu einem farbenreichen Ganzen zusammengetragen hat. [...]

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Wägner, W., Deukalion und seine Nachkommen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 41-73 (1. Auflage 1859)

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