Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Übersicht

Deukalion

Geschlecht des Äolos

Argos und seine Heroen

Perseus

Herakles

Theseus

Äakos und seine Nachkommen

Die Tyndariden (Dioskuren) in Lakonika

Pelops und sein Geschlecht

 


 

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Herakles

(S. 53) Herakles, Sohn des Amphitryon und der Alkmene, zweier Enkelkinder des Perseus, nach einer andern Mythe Sohn des Zeus und der Alkmene, hatte das Mißgeschick, daß er um einige Tage später geboren ward als Eurystheus, ein andrer Abkömmling jenes Helden und Sohn des Sthenelos; er wäre sonst Beherrscher der argivischen Halbinsel geworden. Die Sage erzählt genau, wie Zeus voll Behaglichkeit beim Kreisen des Nektarbechers sich einst rühmte, daß in wenigen Tagen ein Sprößling von ihm werde geboren werden, der bestimmt sei, über weite Länder zu herrschen, und wie darauf die eifersüchtige Here zur Erde hinabstieg und die Geburt des Eurystheus zu Tiryns beschleunigte. Diese Weiberlist nötigte den Göttervater, dem letzteren die Herrschaft zu bestätigen, da derselbe gleichfalls durch Perseus von ihm abstammte. Die Geburtsstadt des Herakles war übrigens Theben, wohin sich Amphitryon eines begangenen Mordes wegen geflüchtet hatte. Hierher sandte, das verhaßte Kind zu verderben, Here zwei Schlangen; aber der Knabe richtete sich in der Wiege auf, faßte die Tiere wie Spielzeug um die Hälfte und erwürgte sie, ungeachtet ihres Sträubens und Zischens. Frühzeitig entwickelte sich seine gewaltige Kraft, aber auch seine (S. 53) unbändige Natur, die, wie bei andern sterblichen Menschen, erst durch die rauhe Hand des Schicksals gezügelt werden mußte. Er erschlug den Sänger Linos, der ihn im Saitenspiel unterrichtete, als er von ihm gestraft wurde, weil seine Finger zu starr warem, um die Harmonie der Töne zu finden. Er mußte deshalb die Stadt verlassen und die Herden weiden. Aber er konnte dabei nicht rasten; er legte Sümpfe trocken, verfolgte und tötete Räuber und Raubtiere und schirmte überall den Ackerbauer, der unter seinem Schutze ungestört Saaten streuen und die Ernte einbringen konnte.

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Zum Lohne für seine tapferen Thaten gab ihm der König Kreon von Theben seine Tochter zur Ehe, mit der er acht Kinder zeugte. Aber Here, seine unversöhnliche Feindin, sah mit Neid auf sein blühendes Glück. Sie verwirrte seinen Sinn, und in einem Wutanfalle ermordete er sein Weib und seine Kinder. Wieder zu sich selbst gekommen, wandte er sich zur Sühne dieser Frevelthat an das Orakel zu Delphoi. Die Pythia, die ihm, weil er seiner Todfeindin Here seinen Ruhm verdankte, damals zuerst den Namen Herakles gegeben haben soll, erteilte ihm die Weisung, zwölf Jahre lang im Dienst seine Vetters Eurystheus zu treten.

Er unterwarf sich, von dem selbstverschuldeten Unglück gedemütigt, dem Götterausspruch und ward Knecht. Auf Eurystheus' Geheiß vollbrachte er jene zwölf gewaltigen Arbeiten, von denen uns die Sage berichtet. Zuerst erwürgte der in den Wildnissen des Nemeer-Waldes im argivischen Gebiete einen unverwundbaren Löwen mit den Händen und hing das Fell um seine gewaltigen Schultern.

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Darauf hieb er in den Sümpfen von Lerna einer ungeheuern Schlange ihre neun Köpfe ab und ließ von seinem treuen Waffengefährten Iolaos die WUnden ausbrennen, wodurch allein verhütet werden konnte, daß neue Köpfe nachwuchsen. In das Gift des Ungeheuers tauchte er seine Pfeile, die seitdem todbringend wurden. Ferner fing er die Hindin der Artemis, deren Stirn mit goldenem Geweihe gekrönt war, und später in den fast unzugänglichen Schluchten des erymanthischen Gebirges in Arkadien einen Eber, dessen Anblick so schrecklich war, daß Eurystheus davor in ein Faß kroch. 

Herakles aber richtete eine Mahlzeit an und verzehrte mit seinen Gefährten den ungeheuren Wildbraten bis auf die Knochen. Eine weitere Aufgabe war die, dem reichen Augeias, König von Elis, der 3000 Rinder in nie gemisteter Stallung stehen hatte, diesen Behälter zu reinigen. Der Alkide - so wurde Herakles oft nach seinem Großvater Alkäos genannt - machte zur Bedingung, daß ihm nach vollbrachter Arbeit ein Teil der Herde zum Lohne gegeben werde. Als dies bewilligt war, schleppte er den Dung nicht auf seinen (S. 54) Schultern fort, sondern leitete den Fluß Alpheios in den Stall, der bald reine Arbeit machte. Der reiche Herr meinte aber, diese Art Stallreinigung bringe mehr Schaden als Nutzen, und er gebe dafür nicht eine Klaue. Er fürchtete sich auch nicht, als Herakles feindlich in Elis einfiel; denn er hatte handfeste Streitgenossen, nämlich das Zwillingspaar der Molioniden, die sich rühmten, daß Poseidon ihr Erzeuger sei.

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Diese Kämpfer waren aber nicht nur groß und stark, sondern auch von ganz besonderer Leibesbeschaffenheit. Von den Hüften abwärts erschienen sie als ein einziger wohlgewachsener Mensch, oberhalb gingen die Leiber auseinander und bildeten zwei stattliche Männer. Diese Zwillinge widersetzten sich mit andern Gefährten dem eindringenden Heros. Mit zwei Schilden fingen sie seine Geschosse und Keulenschläge auf und erwiderten sie mit zwei geschleuderten Speeren und zwei geschwungenen Schwertern so kräftig, daß er nach hartnäckigem Kampfe vor ihnen zurückweichen mußte.

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Als sie aber, stolz auf ihren Sieg über den Sohn des Zeus, zu den isthmischen Spielen wanderten, überfiel er sie in den Schluchten bei Kleonä in Argolis und erschlug sie. Nun kam das Verderben über Augeias und sein ganzes Haus. Nach diesen Thaten kehrte Herakles in die Dienstbarkeit zurück und erhielt sogleich neue Beschäftigung. Die zahlreichen Raubvögel mit ehernen Krallen, die um die stymphalischen Sümpfe in Arkadien schwärmten und Menschen und Tiere anfielen, vertilgte er mit seinen nie fehlenden Geschossen. Einen unbändigen Stier fing er auf der Insel Kreta und brachte ihn seinem Dienstherrn, der ihn zum Schrecken der Einwohner von Attika gen Marathon wieder frei ließ. 

Mit vielen Helden bekämpfte er in Thrakien glücklich den König Diomedes und entführte seine menschenfressenden Rosse, die, losgelassen von Eurystheus, in den lykäischen Bergen von wilden Tieren zerfleischt wurden. Ebenso siegreich raubte er den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte, die seinen Waffen unterlag, und die Rinder des Riesen Geryones im äußersten Westen.

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Wägner, W., Deukalion und seine Nachkommen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 41-73 (1. Auflage 1859)

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