Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Übersicht

Deukalion

Geschlecht des Äolos

Argos und seine Heroen

Perseus

Herakles

Theseus

Äakos und seine Nachkommen

Die Tyndariden (Dioskuren) in Lakonika

Pelops und sein Geschlecht

 


Theseus

(S. 60) Als erster König von Attika wird Kekrops genannt, nach attischen Sagen ein Sohn der Erde, halb Mann halb Schlange, der Erbauer der Burg Kekropia. Auf ihn folge Erechtheus (Erichthonios), den Pallas, die Schutzherrin Athens, in ihrem Tempel aufgezogen hatte. Er stellte ein hölzernes Bild der Göttin, das vom Himmel gefallen war, auf der hohen Burg auf und stiftete zur Weihe desselben das Erntefest der Panathenäen. Nachkomme des Erechtheus war Ägeus, der mit drei Brüdern das Land beherrschte. Einstmals reiste er zu einem alten Freunde, dem Pelopiden Pittheus, der im Argiverlande zu Trözen gebot. Er fand gastliche Aufnahme und verband sich heimlich mit Äthra, der Tochter des Gastfreundes. Als der Tag des Abschieds kam, führte er sie hinaus in die Stille eines Pinienhaines, legte seine mit edlem Metall geschmückten Sandalen und sein Königsschwert in eine Vertiefung, wälzte einen schweren Felsen mit kräftiger Hand darauf und sprach: "Wenn der Knabe, den dir die Götten schenken werden, einst zum starken Jüngling herangereift ist, daß er diesen Stein wegzuheben vermag, so gürte ihm die Füße mit den Sandalen und die Hüfte mit diesem Schwert und sende ihn gen Athen. Ich will ihn an diesen Wahrzeichen als meinen Sohn erkennen, und er soll mein Erbe sein." Dieses prophetische Wort ging in Erfüllung. Der Knabe wuchs heran und ward schön und stark wie sein Vater. Ohne Mühe wälzte er den Stein hinweg, der die Kleinodien deckte, und glänzend im Waffenschmuck schied er von der Mutter, um sein väterliches Erbe zu empfangen. Da lauerten aber auf dem Wege von Trözen nach Athen grausame Räuber auf die harmlosen Wanderer, der Keulenschwinger Periphetes, der sie erschlug, der Fichtenbeuger Sinis, der sie an Fichtenstämme band und auseinander schnellen ließ, Skeiron, der dieselben ins Meer stürzte, Damastes oder Prokrustes, der ihnen nach freundlicher Aufnahme seine Bettstellen anwies und die Langen [Menschen] verkürzte, die Kurzen [Menschen] aber [bis zum Tode] ausstreckte. Theseus war auf seiner Hut; nicht mit dem Schwerte, sondern mit ihren eigenen Waffen überwand und vertilgte er die ganze Brut und säuberte die Straße von den Unholden. Glücklich kam er in Athen an und wußte sich unerkannt bei dem alten Ägeus beliebt zu machen. Doch seine Stiefmutter, die berüchtigte Medeia, die nach vielen Greuelthaten bei dem bejahrten König Schutz und Ehebund gefunden hatte, verstand es, das Herz des Gatten umzustimmen, und bereitete mit dessen Wissen dem Fremdling einen Gifttrank. Schon hielt ihn dieser in der Hand, um zu trinken, da erkannte Ägeus das Schwert an seiner Hüfte und fiel ihm, den Becher fortschleudernd, in die Arme. Auf ihrem Drachenwagen entfloh die Giftmischerin in ihr finsteres Heimatland Kolchis.

Zu dieser Zeit verwüstete die Gefilde von Marathon der unbezähmbare Stier, den einst Herakles auf Kreta eingefangen und zu seinem Dienstherrn gebracht hatte. Der königliche Jüngling zog mutig aus, das wilde Tier zu bekämpfen. Nach mühseligem Umherstreifen fand er die frische Spur des Stieres und legte starke, unzerreißbare Schlingen; dann ging er dem heiseren Brüllen desselben nach und war bald des Ungeheuers ansichtig. Teils durch kecke (S. 61) Angriffe, teils durch verstellte Flucht lockte er es in seine Schlinge und ward seiner Meister. Freudig empfing ihn das Volk zu Athen und sein greiser Vater, vor deren Augen er das Tier dem Phöbos Apollon zum Opfer brachte.

Indessen nahte jetzt eine traurige Zeit für die Stadt, nämlich die der Panathenäen. Die Feier dieses Festes, das man sonst mit Opfern, Spielen und Chorreigen zu Ehren der Schirmherrin Pallas Athene in der Mitte des Sommers beging, hatte man seit mehr als achtzehn Jahren unterlassen. Denn damals war Androgeos, der Sohn des meerbeherrschenden Kreterkönigs Minos, Sieger in allen Kampfspielen, bei einem Angriff auf den marathonischen Stier umgekommen. Sein Vater, der den Tod des Jünglings für absichtlich veranlaßt hielt, war darauf mit Flotte und großer Kriegsmacht herangerückt und hatte Athen zu einem schrecklichen Tribut gezwungen. Sieben Jünglinge und ebenso viele Jungfrauen von edlem Blut und untadeliger Schönheit mußten in jedem neunten Jahre nach Knossos in Kreta entsandt werden, um dort im Labyrinth dem Minotauros, einem Ungeheuer, halb Mann halb Stier, zum Fraße zu dienen. Die Zeit des schmählichen Tributs war wieder herangenaht, und große Wehklage erfüllte die Stadt, während die Opfer ausgewählt wurden. Da drängte sich Theseus herzu und begehrte in ihre Zahl mit aufgenommen zu werden. Vergebens widersetzte sich der bekümmerte Ägeus; der junge Held bestieg mit den andern Unglücksgefährten das Schiff. Schwarz wehte die Flagge vom Mast, und schwarze Segel blähten sich im Hauche des günstigen Fahrtwindes. "Kehren wir glücklich wieder", rief der Jüngling dem am Gestade verweilenden Vater zu, "so sollen dir weiße Segel schon von fern unsere Rettung verkündigen."

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Nach einer günstigen Fahrt erreichte man Knossos. Hier dauerten die Vorbereitungen, die der Opferung vorausgingen, noch mehrere Tage, während welcher die Opfer viele Freiheiten genossen. Theseus hatte in dieser Zeit Gelegenheit, die trefflichen Einrichtungen und die staatliche Ordnung zu beobachten, die der mächtige Minos durch seine weise Gesetzgebung ins Leben gerufen hatte. Eines glücklichen Erfolges im voraus versichert, beschloß er, dereinst in seiner Vaterstadt Ähnliches auszuführen.

 

(S. 62) Solche Zuversicht und Sorglosigkeit entsprang übrigens aus seinem Vertrauen auf die verheißene Hilfe der Aphrodite, und dieses Vertrauen täuschte ihn nicht. Denn Ariadne, des Minos Tochter, hatte Mitleid mit dem edlen Jüngling, und dieses Mitleid verwandelte sich bald in herzliche Zuneigung. Sie reichte ihm, als er mit den andern Opfern festlich geschmückt in das Labyrinth eingeführt wurde, ein Schwert und ein Knäuel Garn, und er erriet sogleich den Zweck. Das Garn knüpfte er am Griffe der Pforte fest, befahl seinen Gefährten ihm zu folgen, und schritt langsam, den Faden abrollend, durch die verworrenen Gewinde. So gelangte er in das Innere, wo der Minotaurus lauerte. Er erlegte ihn mit dem Schwerte und trat darauf den Rückweg an, indem er sein Garn aufwickelte. Die Pforte öffnete sich, und die dem Tode Geweihten kamen wieder an das Licht des Tages und erlangten die Freiheit. Denn es war Bedingung des Vertrages zwischen Minos und Athen, daß der Tribut aufhöre, sobald einer der zum Opfertode bestimmten Jünglinge das Ungeheuer erlege und den Ausgang aus dem Labyrinth auffinde.

Fröhlich bestieg Theseus mit seinen Genossen das Schiff, und die liebende Ariadne folgte ihm. Kein Unwetter beunruhigte die Fahrt; man erreichte die blühende Insel Naxos. Hier wurde eine längere Rast gemacht; die jungen Leute durchstreiften die wohlbewässerten Thäler, die Haine von Orangen-, Granat- und Feigenbäumen und schlürften den köstlichen Wein, den die freundlichen Einwohner willig darboten.

Aber eines Tages, ehe die Morgenröte über die Höhen emporstieg, befahl Theseus den Aufbruch. Alle Genossen waren an Bord, als das Schiff gelöst wurde; nur Ariadne ruhte noch in den Armen des Schlafes. Als sie endlich erwachte und in weiter Ferne die fliehenden Segel erblickend unter lauten Klagen die Hände rang, da nahte ihr Dionysos, bekränzt mit Weinlaub und Epheu, tröste sie und erhob die von Menschen Verlassene zu seiner Götterhöhe, wo sie ihn in unverwelklicher Jugend hinfort an seiner Seite thront. So tritt uns aus der Mythe die freundliche Wahrheit entgegen, daß sie die Gottheit gnädig der schuldlos Duldenden annimmt und ihnen hilfreich eine Zufluchtstätte bereitet.

Theseus segelte indessen unbekümmert weiter nach Delos, dem heiligen Mittelpunkte der kykladischen Inseln, dem Geburtsorte des Phöbos Apollon und der Artemis. Hier brachte er dem ersteren ein feierliches Opfer dar und tanzte mit seinen Gefährten den Geranos, einen Tanz, der die labyrinthischen Irrgänge in seinen Verschlingungen darstellte.

Nach diesem letzten Aufenthalte steuerte er seiner Heimat zu.

Da stand gerade der sorgenvolle Ägeus am Strande, wie er dies jeden Tag zu thun pflegte, und schaute über die blaue Flute nach dem Fahrzeuge, das ihm den einzigen Sohn emtführt hatte- Er erkennt es sogleich, wie es sich nähert; aber er erkennt auch die schwarzen Segel, welche man vergessen hatte mit weißen zu vertauschen. Da er nun alle seine Hoffnungen vereitelt sieht und sein kinderloses Alter erwägt, hat all sein Königsgut und das Leben selbst für ihn keinen Wert mehr. Von dem Felsvorsprunge, auf welchem er stand, stürzte er sich ins Meer hinab und ertrank. Theseus fand nur seine Leiche. 

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(S. 64) Er bestattete und betrauerte den Vater; aber der festliche Empfang, den ihm das Volk bereitete, der Jubel, ja die Vergötterung der Menge tröstete ihn. Im Besitze der königlichen Macht konnte er jetzt in Ausführung bringen, was er in Kreta beobachtet und nachzuahmen sich vorgenommen hatte. Er vereinigte die in zwölf Ortschaften lebenden Bewohner des Landes zu einem Volke und soll dieses in drei Ordnungen: Edle (Eupatriden), Ackerbauern (Geomoren) und Gewerbleute (Demiurgen) geteilt haben, die alle gleichen Anteil an der Verwaltung des Ganzen hatten, doch so, daß den ersteren, die früher ziemlich unabhängige Gewalthaber gewesen waren, die richterlichen und priesterlichen Würden allein überlassen blieben. Daß solche Neuerungen auch Unzufriedenheit erregten, war natürlich; denn der Einzelne, der verliert, sieht selten auf den Gewinn des Ganzen, sondern nur auf seinen Verlust, und grollt dem, der ihn veranlaßt hat. Das Murren aber war um so gefährlicher, als Theseus bald darauf von neuem auf Abenteuer zog und Land und Volk sich selbst überließ.

Er hatte gehört, daß die schöne und mutige Königin Antiope im Lande der Amazonen an der Südküste des Pontos Euxeinos herrsche, und beschloß, dieselbe aus der Mitte ihrer kriegerischen Frauenscharen zu rauben. Das Unternehmen gelang vollkommen, und die königliche Frau scheint nicht unzufrieden darüber gewesen zu sein, denn sie ward und blieb das treue Eheweib des Helden bis an ihren Tod. Desto mehr erbitterte der Raub ihre kriegskundigen Unterthanen. Sie sammelten ihre ganze Macht, um Rache zu nehmen, erschienen vor Athen und drangen bis zur Pnyx, dem Versammlungsplatze der Einwohner, wo ihnen Theseus mit seinen tapferen Streitern entgegentrat. Hier wogte die Schlacht hin und her; doch wurden endlich die Amazonen überwältigt und völlig besiegt. Antiope fand an der Seite ihres geliebten Gatten im tapfern Kampfe gegen ihre Schwestern den Tod, und der Held sah seinen Hausstand wieder vereinsamt. Da kam sein alter Freund Peirithoos, der über die lapithischen Männer in Thessalien gebot, mit einem wohlgemeinten Vorschlag zu ihm. Er erzählte ihm nämlich, wie sein treues Weib Hippodameia, das er einst am Hochzeittage selbst mit Hilfe vieler Helden den ungeschlachten Kentauren abgekämpft, gestorben sei, und wie er nun die Absicht habe, sich wieder zu verehelichen. Er meinte ferner, es sei am geratensten, wenn sie gemeinschaftlich aufs Freien auszögen und sich in allen Gefahren einander ehrlich Beistand leisteten. "Da ist", sagte er, "die schöne Helena an den Ufern des Eurotas aufgewacht, wie ein Götterkind; zwar wachen über sie die Tyndariden Kastor und Polydeukes, ihre Brüder, aber ich verschaffe sie dir, wenn du mir nachher in gleicher Weise deine Hilfe leihen willst." Theseus stimmt sogleich bei, und beide machten sich auf den Weg nach Sparta. Sie erspähten daselbst die Gelegenheit, als das junge Mädchen mit Gespielen am Altar der Artemis feierliche Tänze aufführte, rissen sie aus der Mitte ihrer Gefährtinnen und entführten die Geraubte nach Athen. Nach den Festlichkeiten, die man dort beging, forderte Peirithoos des Freundes Hilfe zu dem kühne Wagestück, Persephone selbst, die Beherrscherin der Unterwelt, dem finstern Hades zu entführen.

Die verbrüderten Helden durchzogen abermals die peloponnesische Halbinsel und stiegen durch den Schlund am tänarischen Vorgebirge in das dunkle (S. 65) Reich hinab. Sie bekämpften alle Schrecknisse und bemächtigten sich ihrer Beute. Als sie jedoch einen Augenblick erschöpft ausruhten, fesselte sie Aidoneus, der unsichtbar genaht war, mit diamantenen Banden, und sie konnten sich nicht wieder aufrichten. Wie lange sie also in der traurigen Einsamkeit verweilen mußten, berichtet die Sage nicht; dagegen erzählt sie, daß Herakles auf seiner Fahrt in die Unterwelt den Theseus befreite, nicht aber den zu endloser Qual verurteilten Peirithoos.

Auf diese Weise kam der athenische Held zur Oberwelt zurück und wanderte nach seiner Heimat. Er fand daselbst vieles verändert. Die starken Tyndariden waren während seiner Gefangenschaft mit Heereskraft eingefallen und hatten Stadt und Land in die äußerste Bedrängnis gebracht. Dann waren sie mit der befreiten Helena und großer Beute siegreich nach Sparta zurückgekehrt. Die wiederholten Verluste hatten das Volk zu Athen gegen seinen Helden noch mehr erbittert als die früheren Neuerungen in der Verfassung. Theseus fand bei seiner Heimkehr verschlossene Thore und feindselige Herzen und floh nach der östlich von Euböa gelegenen Insel Skyros. Er suchte daselbst bei dem Könige des Eilands Hilfe, fand aber den Tod, indem ihn der falsche Mann von einer Klippe ins Meer stürzte.

Die politische Vereinigung des ganzen Volkes von Attika in einer Stadt, die von ihm erneuerten Panathenäen, die jährliche Fahrt des heiligen Schiffes nach Delos zur Feier der von ihm gestifteten Opfer und Feste scheinen die Wirksamkeit dieses Helden historisch außer Zweifel zu setzen, wenngleich ersichtlich ist, daß die Mythe viel Fremdartiges auf ihn übertragen hat. Theseus trägt das Gepräge des attischen Nationalcharakters. Er zeigt, was bei den anderen Heroen selten hervortritt, Liebe für die gesetzliche Entwicklung seines Heimatlandes, sowie für das Gedeihen und den Rum desselben überhaupt. Er ist für große Thaten begeistert und jeder Aufopferung fähig. Dagegen erscheint er wankelmütig und unbekümmert um die Folgen seiner Handlungen, was seinem Vaterlande großen Nachteil und ihm selbst endlich den Untergang brachte. Es ist, als spiegelte sich die spätere Geschichte von Athen in diesem seinem Heros ab.

Übrigens läßt sich nicht verkennen, daß auch sonst in der Sage von Theseus geschichtliche Thatsachen enthalten sind. Von Trözen, wo die Athener noch in späterer Zeit gewisse Rechte besaßen, war ein ionischer Stamm in Attika eingewandert. Die Erlebnisse und Theaten desselben faßt die Mythe in dem Leben des Helden zusammen. Er vertilgt die Räuber auf dem Isthmos, um den Verkehr mit dem Heimatlande sicher zu stellen. Die Phöniker herrschten damals noch überall auf dem ägäischen Meere; sie hatten auch im attischen Gebiete Niederlassungen, und die Insel Kreta war der Hauptsitz ihrer Macht; daher verlegt die Sage dahin die Residenz des Minos, der sein Volk durch weise Gesetze beglückt, aber auch den Molochdienst durch Menschenopfer huldigt. Mit seinen Flotten machte er sich Inseln und Küstenländer dienstpflichtig, wie solches die Phöniker thaten. Auch Athen ist ihm unterthan; es kann sich dem schrecklichen Tribut nicht entziehen, bis der heldenmütige Ionierstamm von Trözen durch aufopfernde Thaten das Joch zerbricht. Dazu bietet Astarte, die Liebesgöttin der Phöniker, hilfreiche Hand, was man auf ein zartes Verhältnis zwischen (S. 66) Ariadne und Theseus bezieht, durch das der Bann des Molochdienstes gebrochen wurde. Ferner weist die Erzählung von der Überwindung der Amazonen gleichfalls auf phönikische Gebräuche. Die Griechen lernten den Dienst der Astarte in Kleinasien kennen. Sie sahen die Priesterinnen dieser Geburts- und Wassergöttin, welche in männlicher Rüstung mit kriegerischen Gebräuchen die große Göttermutter verehrten. So bildete sich der Begriff der Amazonen. Die Mythe von dem Siege des athenischen Heros über sie deutet darauf hin, daß der barbarische Dienst der Phöniker von dem edlen Kultus der Hellenen verdrängt wurde.

Äakos und seine Nachkommen

Drei Männer wurden wegen ihrer Gerechtigkeit im Leben nach ihrem Tode zu Richtern in der Unterwelt bestimmt, Minos, Rhadamanthys und Äakos. Die beiden ersten, Söhne des Zeus und der Europa, waren mächtige Könige auf Kreta, wie dies zum Teil aus der Geschichte des Theseus erhellt; der letztere, gleichfalls ein Sohn des Götterkönigs, wohnte lange Zeit einsam auf der Insel Ägina, bis sein Vater die zahlreichen Ameisen daselbst in Menschen verwandelte, die daher den Namen Myrmidonen erhielten. Äakos war fromm und ehrte die Götter, aber seine Söhne ahmten ihm nicht nach. Peleus und Telamon, die älteren Brüder, töteten den jungen Phokos, weil er in allen Kampfspielen den Preis davontrug. Aber der alte Vater wollte lieber kinderlos sein, als die Missethat ungestraft lassen: er verbannte die Mörder aus seinem Lande. Diese bestanden manches Abenteuer, und endlich fand Telamon Wohnsitz und Herrschaft auf der Insel Salamis, Peleus aber mit einem Schwarme tapferer Myrmidonen im thessalischen Lande Phthia. Der letztere gewann eine weit gepriesene Frau, die Seegöttin Thetis, die silberfüßige, wie sie Homer nennt. Er überfiel sie nach dem Rate des weisen Cheiron am Gestade, wo sie der Ruhe pflegte, und hielt sie trotz aller zauberischen Verwandlungen fest. Sämtliche olympische Götter waren bei der Hochzeit gegenwärtig und spendeten beglückende Gaben; nur Eris, die Göttin der Zwietracht, die uneingeladen erschien, gab einen goldenen Apfel, der Hader und Krieg veranlaßte, wie dies später erzählt werden wird.

Fast nicht weniger berühmt als Achilleus, des Peleus Sohn, sind Telamons Söhne, der gewaltige Aias und der kühne Bogenschütze Teukros, von denen Homer ausführlich berichtet, wie sie vor Troja kämpften, wie der ältere Bruder den jüngeren mit seinem Schilde deckte, während dieser seine tödlichen Geschosse unter die troischen Krieger versandte, wie jener in äußerster Not, während die anderen Helden durch Wunden gehemmt sind, als alleiniger Vorkämpfer die Schiffe verteidigt, bis Patroklos Hilfe bringt. Wir werden davon noch ausführlich reden.

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Wägner, W., Deukalion und seine Nachkommen, in: ders., Hellas. Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 41-73 (1. Auflage 1859)

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