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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Kalydonische Jagd

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(S. 74) Schon einmal sind wir dem Helden Herakles in die
wohlangebauten, von Wäldern und Bergen umgebenen Ebenen von Kalydon im Ätolerlande
gefolgt und haben gesehen, wie er daselbst die schöne Deianeira zum Weibe
gewann; jetzt ruft uns das laute Hallo kühner Jäger dahin. Ein Keiler, groß
und stark wie ein Stier, verwüstete weit und breit die Gefilde, weil Artemis
dem König Öneus zürnte. Zwar hatte Althäa, die Königin, ihrem Gatten außer
der Deianeira noch zwei Söhne geboren, den Meleagros und Tydeus, den Vater des
Diomedes, und beide waren schon durch tapfere Thaten bekannt; aber alle ihre Mühe,
das Wild zu erlegen, war bisher vergeblich gewesen. Deswegen beriefen sie die
gefeiertsten Helden aus Hellas zu einer allgemeinen Jagd. Da stellten sich ein
Kastor und Polydeukes, Theseus und Peirthoos, Nestor, Peleus, Telamon, Jason,
Amphiaraos und andre, besonders auch die kriegerische Jugend der Ätoler und der
ihnen benachbarten Kureten. Selbst aus den Bergen von Arkadien war die kühne Jägerin
Atalanta gekommen, deren Bogenschützenkunst und Schnelligkeit im Wettlauf berühmt
war.
Die Weidleute zogen mit Sang und Klang in den Wald. Sie spürten
das Wild auf, folgten der Fährte und umstellten es. Oft aber durchbrach es die
(S. 75) Reihen der Verfolger, und mancher fühlte seine Hauer. Schon waren Ankäos
und mehrere Helden zum Tode verwundet; doch wurde der Angriff immer wieder
erneuert, und endlich krönte der Erfolg die Ausdauer der kühnen Jäger.
Atalanta, allen voranstrebend, traf zuerst den Eber, der aus einem Dickicht
hervortobte, mit ihrem Geschoß. Diese Wunde sowie eine zweite machten ihn zwar
noch wilder und gefährlicher, aber nun schleuderte ihm Meleagros einen starken
Speer in den Rücken und fing ihn dann, als er gegen ihn anrannte, mit einer
kurzen Lanze auf. Jetzt eilten die Weidleute, auch die verzagten, aus Büschen
und Sträuchern herbei und halfen das stattliche Wild vollends überwältigen.
Hierauf zogen sie durch den grünen Wald mit ihrer Jagdbeute nach Kalydon zurück
und berieten, wem die Trophäen des Tages, die borstige Haut und der Kopf des
Ebers mit den Hauern, zufallen sollten. Bald vereinigten sich alle Stimmen
dahin, daß der mutige Meleagros durch Glück und Geschick sie verdient habe.
Der junge Held dagegen übergab die seltene Jagdbeute der Atalanta, weil sie
zuerst das Wild verwundet hatte. Am folgenden Tage, als die Jagdgenossen sich
wieder zerstreuten und jeder in seine Heimat zurückzog, erfuhr Meleagros zu
seinem großen Verdruß, daß die Brüder seiner Mutter der Jägerin die Beute
wieder entrissen hätten, um sich selbst mit dem Raube zu schmücken. Er eilte
zornig herbei, und da die Männer nicht gutwillig die Trophäen abtraten,
entspann sich ein Streit, in welchem sie erschlagen und ihr Gefolge zerstreut
wurde. Die Flüchtlinge regten ihre Landsleute, die Kureten auf, welche sofort
gegen Kalydon mit Waffengewalt anrückten. Solange der streitbare Held Meleagros
an der Spitze der Ätoler focht, waren diese siegreich; aber bald erlag er einem
unentrinnbaren Verhängnis.
Die Mythe erzählt das Lebensende des Helden auf verschiedene
Art; wir folgen der bekannteren, wenngleich späteren Dichtung. Seiner Mutter
Althäa waren bei seiner Geburt die Mören, die den Faden des menschlichen
Lebens spinnen und abschneiden, erschienen. Klotho hatte verkündigt, der Knabe
werde einst großmütig, Lachesis, er werde ein Held werden, Atropos, er werde
nur so lange leben, als der lodernde Feuerbrand auf dem Herde dauere. Sofort
hatte Althäa den Brand ausgelöscht und wohl aufbewahrt. Als sie jetzt den Tod
ihrer Brüder erfuhr, warf sie in heftigem Zorn über den Sohn den Brand ins
Feuer, und wie die Glut ihn verzehrte, schwand auch die Kraft und das Leben des
jungen Helden unrettbar dahin. Atalanta erreichte indessen mit der
wiedererlangten Jagdbeute ihr Vaterland Arkadien, wo die von Würmern zernagte
Haut und der Eberkopf mit den gewaltigen Hauern zu Tegea im Tempel der Athene
noch viele hundert Jahre aufbewahrt und von den glaubhaftesten Augenzeugen
gesehen wurden. Die Griechen verstanden es, durch solche Reliquien ihre Mythen
zu begründen.
Von der Jägerin Atalanta gibt uns die Mythe noch weitern
Bericht. Sie verschmähte das eheliche Leben. Es dünkte ihr luftiger im
hallenden Walde als im engen Frauengemach. Die Freier, die sie bedränkten,
waren ihr verhaßt. Sie bot daher jeglichem einen Wettlauf an und setzte sich
selbst als Preis aus. Der Läufer erhielt einen Vorsprung; aber sie folgte ihm
mit geschwungenem Speere, und wenn sie ihn erreichte, so durchbohrte sie ihn.
Mehrere fanden (S. 76) auf diese Art statt des Brautgemaches den Tod, was den fröhlichen
Jünglingen endlich die Minne der Jungfrau verleidete. Nur der beharrliche
Meilanion scheute den gefährlichen Wettlauf nicht. Er hatte durch Aphrodites
Gunst drei goldene Hesperidenäpfel erhalten; diese warf er einen nach dem
andern der Jägerin in den Weg, wenn sie beflügelten Laufes ihn beinahe
erreicht hatte. Sie konnte der Begierde nach den köstlichen Früchten nicht
widerstehen, raffte sie auf und verspätete sich dadurch, so daß der glückliche
Freier das Ziel erreichte. Dem Vertrage gemäß mußte sie sich nun in das verhaßte
Ehejoch fügen; doch verschweigt die Sage, ob sie es später vorzog, die eignen
Kinder an die Brust zu drücken, oder den klingenden Bogen und die tödlichen
Geschosse.
Einige Dichter wollten wissen, sie sei nach geschlossenem
Ehebund in so unmäßiger Liebe zu dem Gemahl entbrannt, daß die große Göttermutter
Kybele beide Gatten in ein Löwenpaar verwandelt habe. Wieder andre erzählen
Preiswürdiges von ihrem ehelichen Leben, und wie Athene selbst die Geschäfte
des Haushaltes, namentlich die Kunst des Webens, gelehrt habe. Denn diese Göttin
war nicht allein die Herrscherin in der männerehrenden Feldschlacht, sondern
auch die Lehrerin der friedlichen Künste. Darum war sie es auch, welche die kühnen
Helden und Seefahrer, von denen unser nächster Abschnitt handelt, im kunstverständigen
Bau ihrer Argo unterwies.

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| | Wägner, W., Gemeinsame Unternehmungen, in: ders., Hellas. Bd.
1, 6. Auflage. Leipzig 1886, S. 74-90 (1. Auflage 1859) |
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