Sekundärliteratur
Antike | Griechenland

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(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)

Troja

von Wilhelm Wägner


Übersicht

Der Zug nach Troja

Die Belagerung von Troja

Patroklos' Tod

Hektors Fall

Der Priester Laokoon

Der Fall von Troja

Rückkehr der hellenischen Helden

Die Schliemannschen Ausgrabungen


Der Zug nach Troja

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(S. 91) Südlich vom Hellespont an der asiatischen Küste erhebt sich das Gebirge Ida in mannigfaltigen Kuppen und Abdachungen. Zwei Flüßchen, Skamandros und Simoeis, entströmen seinen Thälern und bewässern die Ebene, welche sich von seinem Fuße nach dem ägäischen Meere erstreckt. Einzelne Hügelketten ziehen, die Einförmigkeit anmutig unterbrechend, vom Hochgebirge hinunter; ein üppiger Pflanzenwuchs bedeckt das fruchtbare Land und wird unter dem glücklichen Himmel Kleinasiens niemals vom winterlichen Eis und Schnee unterbrochen. In dieser Ebene lag vor Zeiten das alte, berühmte Ilion, gewöhnlich Troja genannt.

 Götter hatten seine stattlichen Mauern aufgetürmt, und diese waren ungebrochen geblieben, bis Herakles mit stürmender Hand eindrang, um an König Laomedon Rache für erlittenes Unrecht zu nehmen. Reicher und mächtiger breitete Priamos, der Nachfolger Laomedons, seine Herrschaft aus. Schätze von Gold, Silber, Erz und Kunstwerken waren in seinem Palaste angehäuft; eine zahlreiche Nachkommenschaft tapferer Söhne und blühender Töchter und Enkel umgab und stützte sein Alter, und viele umwohnende Völker waren ihm dienstbar und verbündet. Unter seinen fünfzig Söhnen waren besonders der starke Hektor, Deiphobos, Polites, Troilos, der schöne Paris, und unter seinen Töchtern Kreusa, Polyxena und die Seherin Kassandra berühmt. Als einstmals Paris, die väterlichen Herden am Fuße des Ida windend, unter einem Baume der Ruhe pflegte, erregte eine lichte Wolke, die sich mit großer Schnelligkeit näherte, seine Aufmerksamkeit. Er unterschied bald in dem durchsichtigen (S. 92) Nebel einen von Gold funkelnden Wagen und ein Gespann beflügelter Rosse. Jetzt ließ sich das wunderbare Gefährt bei ihm nieder, und heraus stiegen Gestalten, die er wohl kannte, weil er ihnen oftmals in ihren Tempeln Opfer dargebracht hatte. Vor ihm standen mit dem Diadem der Herrschaft geschmückt Here, die Himmelskönigin, Pallas Athene behelmten Hauptes, vom Glanze göttlicher Weisheit und kriegerischen Mutes umstrahlt, und Aphrodite in der Fülle des Liebreizes, welcher Götter und Menschen bezwingt. Ihnen voraus schritt Hermes, der Götterbote, und eröffnete dem erstaunten Hirten, was die Göttererscheinung zu ihm führe. Mit beredter Zunge berichtete er ihm, es sei jenseits des Meeres in dem thessalischen Lande Phthia eine große Hochzeit gefeiert worden, indem daselbst Peleus, der Beherrscher der Myrmidonen, sich mit der Meeresgöttin Thetis ehelich verbunden habe. Alle Götter seien eingeladen und gegenwärtig gewesen, nur Eris, die Unheil stiftende Zwietracht, habe man ausgeschlossen. Sie habe deswegen unter die Versammelten einen goldenen Apfel rollen lassen mit der Inschrift: "der Schönsten". Sofort hätten die drei obersten Göttinnen Anspruch auf die Goldfrucht erhoben und Zeus zur Entscheidung aufgerufen; der aber habe sie an den königlichen Hirten am Ida verwiesen, weil derselbe ein besonderer Kenner der Schönheit sei. Paris war über diesen Antrag höchst erfreut. Er hatte dadurch Gelegenheit, das Herrlichste, was im Himmel und auf Erden war, mit Kenneraugen zu schauen. Das Mißliche der Sache, die weibliche Eitelkeit, von der auch Göttinnen nicht frei sind, zog der unerfahrene Jüngling nicht in Betracht. Inzwischen umstanden ihn die hohen Ankömmlinge und drängten ihn zur Entscheidung. Here verhieß ihm Reichtum und Herrschaft über Asien, Pallas Weisheit und Kriegsruhm vor allen Helden der Erde, Aphrodite aber eine Frau, die unter allen Sterblichen an Liebreiz ihr selbst am nächsten komme. Der königliche Hirt, der bei seinem müßigen Hüteramte schon oft ans Freien gedacht hatte, fand das letztere Anerbieten seinen heimlich genährten Wünschen sehr entsprechend. Er überreichte daher, nicht ahnend das dadurch hervorgerufene Verhängnis, der Göttin der Liebe und Schönheit die Goldfrucht. Hierauf bestiegen die Unsterblichen ihren luftigen Wagen und fuhren, die Besiegten niedergeschlagen, die Siegerin frohlockend, nach den Höhen des Olympos zurück.

Jahre verflossen, ehe die Verheißung in Erfüllung ging. Einst aber ruhte Paris wieder unter dem schattigen Baume am Abhange des Ida; da erschien ihm abermals die Göttin der Liebe und forderte ihn auf, nach Hellas zu ziehen: dort in dem Königshause des Atriden Menelaos zu Sparta werde er finden, was er suche. Den Worten der Göttin folgsam trat er die Reise an. Luft und Meer waren günstig; man landete bald an der lakonischen Küste. Der Jüngling begab sich, von einem stattlichen Gefolge umgeben, mit reichen Gastgeschenken nach Sparta und hielt an den Pforten der Königsburg, bis ein Diener ihn erblickt und die Botschaft dem König hinterbracht hatte. Sogleich wurde er in das Innere des reichen Palastes eingeführt.

Während die Männer nach beendigter Mahlzeit miteinander redeten und Paris von Ilion und seinen Schätzen erzählte, wandelte aus dem hohen, prächtigen Gemache des Königs Gattin Helena mit ihrer glänzenden Spindel daher, (S. 93) um an den Gesprächen teilzunehmen. Sie, die Tochter des Lyndareos, oder des Zeus und der Leda, wie früher bemerkt, schien an Schönheit eines der Unsterblichen. Der troische Jüngling erkannte in ihr das Bild, das er sich von seiner künftigen Gattin gemacht hatte; denn sie war nicht unähnlich der Aphrodite selbst, wie sie ihm einst erschienen war. Deswegen blieb er auch einen Tag um den andern im gastfreien Hause zu Sparta. Der treuherzige Held Menelaos, selbst ohne Falsch, dachte so wenig an List und Trug, daß er sich vielmehr über die verlängerte Anwesenheit seines Gastes freute. Ein festliches Opfer berief ihn um diese Zeit nach Kreta. Während seiner Abwesenheit gewann Paris mit Aphrodites Hilfe die Zuneigung der Helena und entwich mit ihr und vielen Schätzen auf sein an der Küste liegendes Schiff, das die Flüchtlinge wohlbehalten nach Ilion führte. Aber noch zürnte dem Paris die stolze Here und sandte ihre Botin Iris zu Menelaos, um ihm den geschehenen Frevel zu verkünden. Der beraubte Held kehrte in die verödeten Hallen des Palastes zurück und sann auf schwere, blutige Rache. Der mächtige Agamemnon zu Mykenä war sein Bruder, der greise, viel erfahrene Nestor zu Pylos sein Freund. Mit beiden ging er wegen der Sache zu Rate, und man beschloß, alle Völker des Hellenenstammes zu gemeinschaftlichen Rachekrieg aufzufordern. Nestor ging mit dem klugen Palamedes von Stadt zu Stadt, überall mit beredten Worten das erlittene Unrecht vorstellend. Here selbst entflammte die Herzen, indem sie rastlos dahin und dorthin eilte. Nicht überall folgten die Helden willig der Einladung, denn der Zug war weit, die Macht von Ilion groß; doch siegte die Klugheit und Überredungskunst der Abgesandten über alle Hindernisse.

Besonders notwendig war die Teilnahme des starken Achilleus an dem Unternehmen. Er war der Ehe des Peleus und der Thetis entsprossen. Seine göttliche Mutter kannte das Orakel, welches ihm entweder ein thatenreiches und kurzes, oder ein thatenloses und langes Leben verheißen hatte. Deswegen machte ihr seine Begierde nach Ruhm viele Sorge, und sie führte ihn auf die Insel Skyros zu Lykomedes, wo er sich in weiblicher Kleidung untern den Töchtern des Königs verbergen mußte. Die Boten konnten den schönen Jüngling unter den Frauen nicht herausfinden. Der verschlagene Odysseus breitete daher Frauenschmuck und köstliche Gewänder aus und fügte auch glänzende Waffenrüstung hinzu. Dann ließ er kriegerische Instrumente schmettern, wie wenn Feinde eingedrungen wären. Die Mädchen wendeten sich sogleich zur Flucht; Achilleus aber warf die schleppenden Gewänder ab, legte Helm und Harnisch an und ergriff die ragende Lanze. So war er entdeckt, und nun wählte er ein ruhmvolles, wenn auch kurzes Leben und folgte den Boten.

Fürsten und Helden mit ihren Scharen versammelten sich nun aus allen Teilen Griechenlands in der Bucht von Aulis, einer böotischen Seestadt, der Insel Euböa gegenüber. Da war durch Macht und Reichtum allen voranstehend Agamemnon, der in hundert Schiffen seine wehrhafte Mannschaft aus Mykenä und in fünfzig andern die arkadische Jugend herführte. Menelaos brachte sechzig Schiffe, der alte Nestor neunzig, Idomeneus von Kreta und der tapfere Diomedes von Argos jeder achtzig. Odysseus hatte nur zwölf Schiffe bemannt, und ebenso viele der Telamoniade Aias [Ajax]; aber jener brachte (S. 94) seinen klugen Rat, dieser seinen starken Arm. Die leicht bewaffneten Lokrer erschienen unter den Anführung des Aias, Sohnes des Oileus, die Athener aber unter Menestheus. Fünfzig Fahrzeuge trugen den unüberwindlichen Achilleus und seine tapferen Myrmidonen. Man zählte überhaupt an 1200 Schiffe und mehr als 100000 streitbare Männer.

Widrige Winde, von der beleidigten Artemis gesandt, hemmten die Flotte, denn Agamemnon hatte eine heilige Hindin [Hirschkuh] auf der Jagd erlegt. Darum verkündigte der Oberpriester Kalchas, daß die zürnende Göttin eine reine Jungfrau, die Iphigeneia, Tochter Agamemons als Opfer begehre. Der Vater willigte ein, und die Jungfrau ward von Mykenä aus den Armen ihrer Mutter Klytämnestra weggeführt. Als schon auf dem Altare das Opfermesser über ihr gezückt war, ließ sich eine Wolke nieder. Artemis selbst hatte Barmherzigkeit, entzog sie dem Tode und trug sie nach Tauris, wo sie als Priesterin im Heiligtume der Göttin waltete, um einst dem Bruder und dem Vaterhause Entsühnung zu gewähren. Bald schwellte nun ein günstiger Wind die Segel und führte die Flotte nach der Insel Tenedos, dem troischen Strande gegenüber. Odysseus und Menelaos wurden abgeordnet, Rückgabe der Helena und der geraubten Schätze zu fordern; aber sie kehrten unverrichteter Sache zurück, und die Flotte steuerte nun dem Lande zu, voran das Fahrzeug des Menelaos, wie es auf einem Gemälde Polynots in der Lesche (Gesellschaftshalle) zu Delphoi (Delphi) dargestellt war. 

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Wägner, W., Troja, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage. Leipzig und Berlin 1886, S. 91-122 (1. Auflage 1859)

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