| Sekundärliteratur |
| Antike | Griechenland |
[P|S|M] |
(GES,S) HELLAS, von Wilhelm Wägner, 1. Bd., 6. Aufl., Leipzig 1886 (1.Aufl.1859)
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Troja
von Wilhelm
Wägner
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Übersicht
Der
Zug nach Troja
Die
Belagerung von Troja
Patroklos'
Tod
Hektors
Fall
Der
Priester Laokoon
Der
Fall von Troja
Rückkehr
der hellenischen Helden
Die
Schliemannschen Ausgrabungen
Die Belagerung
von Troja soll eine lange Zeit, nach der Dichtung zehn Jahre, gedauert
haben. Man konnte die Stadt wegen ihrer mächtigen Mauern weder mit stürmender
Hand einnehmen, noch wegen ihrer Weitläufigkeit sie einschließen und durch
Hunger bezwingen. Im Gegenteil hatten Hilfsvölker und Zufuhr von Lebensmitteln
freien Zugang. Die Hellenen hatten ihre Schiffe aufs Land gezogen und ein Lager
um sie her am Strande errichtet. Auf dem Felde zwischen Stadt und Lager war der
Tummelplatz der beiderseitigen Scharen. Da war aber von keiner Schlachtordnung
die Rede. In ungeordneten Haufen standen die Streiter einander gegenüber; die
Führer, durch starke Rüstungen und Waffenübung den gemeinen Kriegern
überlegen, jagten auf Wagen daher oder sprangen herab und kämpften zu Fuß.
Die Hauptwaffe war der Speer, der selten zum Stoß, gewöhnlich zum Wurf
verwendet wurde; dann griff man zu Feldsteinen und endlich zum zweischneidigen
ehernen Schwert. Das Haupt des Kriegers deckte der Helm mit wallendem
Roßhaarbusch, den linken Arm der Schild, die Brust der Panzer; alle diese
Waffenstücke waren von Rindsleder, oft mit Erz beschlagen. Jeder Krieger
bewegte sich unabhängig von den andern, focht gewöhnlich im Einzelkampf, den
oft Rede und Gegenrede unterbrach, und offenbarte die Leidenschaft, welche ihn
erfüllte, und die Kraft, die ihm innewohnte. So anziehend dies in der
Erzählung hervortritt, so wenig kann es mit der Waffenwirkung der griechischen
Heere in der späteren historischen Zeit verglichen werden, da die Krieger in
geschlossenen Reihen, Schild an Schild und Speer an Speer gedrängt, von einer
Willenskraft in Bewegung gesetzt, von einem und demselben Gedanken durchdrungen
und geleitet, die unzähligen Haufen der Barbaren zu Boden warfen.
(S. 95) Natürlich
war auch bei dem Belagerungsheer keine regelmäßige Zufuhr von Lebensmitteln
eingerichtet. Die Scharen zerstreuten sich plündernd in der Nachbarschaft,
zogen auch wohl in weitere Entfernung auf Raub und Beute aus. Besonders wird von
Achilleus berichtet, wie er zwölf Städte an der Künste und elf im Innern des
Landes erstürmte und stets mit reicher Beute zurückkehrte. In den Kämpfen vor
der Stadt tötete er mehrere Söhne des Priamos, und seine Kraft war bald so
gefürchtet, daß sich die troischen Scharen gar nicht mehr ins offene Feld
wagten, wenn er im Lager war.
Es entstand aber
Zwiespalt zwischen ihm und dem Völkergebieter Agamemnon. Dieser hatte Chryseis,
die Tochter eines Priesters des Apollon, als Beute in das Lager geführt.
Darüber zürnte der Gott, und der Priester Kalchas verlangte ihre Rückgabe.
Agamemnon mußte Folge leisten; allein er ließ dafür die schöne Briseis, eine
Beute des Achilleus, von diesem fordern. Heftig zürnte der Held über diese
Ungerechtigkeit und beschloß, sich der Teilnahme an den Kämpfen zu enthalten.
Er wollte fortan nur ein müßiger Zuschauer des Kampfes sein und flehte zu
seiner göttlichen Mutter, daß sie den Achäern Demütigung schaffe. Thetis
vernahm die Bitte des Sohnes. Sie stieg empor zu den Höhen des Olympos. Da
umfaßte sie die Kniee des Donnerers Zeus, damit er das Flehen des Sohnes
erfülle.
Und Erhörung winkte
mit dunklen Brauen Kronion,
Und die ambrosischen Locken des Königs wallten ihm vorwärts
Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höh'n des Olymps.
Die Troer aber waren
wieder zur offenen Feldschlacht ausgerückt; denn Zeus, von der flehenden Thetis
bewegt, hatte ihnen gute Botschaft gesendet, und aus Paphlagonien, Thrakien,
Mysien waren frische Kriegsvölker angekommen. Besonders trugen die streitbaren
Lykier unter Sarpedon und Klaukos Verlangen, mit den Feinden zusammenzutreffen.
Anders war die
Stimmung im Heere der Belagerer. Agamemnon berief eine Versammlung und schlug,
um den Mut der Helden zu prüfen, die Heimkehr vor. Kaum aber hat er das Wort
gesprochen, so strömen alle Krieger nach den Schiffen. Nestor und Odysseus
haben viele Mühe, sie zur Versammlung zurückzuführen, und Thersites, der alle
Welt tadelt und auch den Völkerhirten nicht verschont, erhält dabei
gelegentlich einen gewichtigen Hieb von der nervigen Hand des Odysseus. Durch
solche fühlbare Zurechtweisung und die Macht der Rede wird der sinkende Mute
des Heeres wieder erhoben; es rückt zur Feldschlacht aus.
Da schreitet Paris
oder, wie Homer ihn nennt, Alexandros im Vordertreffen der Troer daher. Ein
Pardelfell flattert von seinem Nacken herab, der Bogen hängt an der Schulter,
das Schwert an der Hüfte; vom stattlichen Helme wallt der Roßschweif, und zwei
Speere schwingt er in den Händen. Ihn erblickt Menelaos, der bräunliche Held,
und wie der Löwe auf den Raub, so stürzt er auf den Urheber des unseligen
Krieges. Aber der Jüngling erschrickt vor dem schwer gekränkten Helden und
birgt sich eilends im Gewühl der anrückenden Troer. Hektor, zürnend über
solche Schmach, schilt ihn mit eifernder, schwer treffender Rede.
"Weichling", ruft er, "du mit dem schönen Antlitz, wärst du (S.
96) doch lieber gestorben, bevor du Frauen verführt! Es wäre heilsamer, als
daß du jetzt den Troern zur Schmach, den Griechen zum Lachen wie ein
furchtsames Knäblein vor der Rute davonläufst."
"Bruder",
versetzte Paris, "ich weiß nicht, wie mir geschah, als ich diesen Mann
erblickte. Die andern alle hätte ich mutig bestanden, nur ihn nicht, welchem
ich das Leid zugefügt. Aber nun will ich auch ihm entgegentreten im offenen
Kampfe, vor allem Volk."
Freudig vernahm
Hektor diese Rede. Er eilte sogleich in die Vorderreihen, wo schon die Lanzen
schwirrten, und störte die blutige Arbeit.
"Hört mich,
ihr Achäer!" rief der Held mit weithin schallender Stimme;
"Alexandros, welcher den Krieg veranlaßt, will ihn durch offenen Kampf mit
Menelaos endigen. Wer dem anderen obsiegt, soll Helena und die geraubten
Schätze als Preis des Sieges hinnehmen, und Bund und Gastfreundschaft soll dann
die streitenden Völker versöhnen."
Dies Wort ward von
beiden Seiten mit Beifall aufgenommen. Die Heere lagerten sich, das Opfer und
den Kampf zu schauen. Agamemnon schlachtete die Opfertiere, dann erhob er betend
die Stimme: "Vater Zeus, du Herrscher über Götter und Menschen, und du
Helios, der du alle Dinge siehst; Mutter Erde, und ihr, überirdische Götter,
die ihr die Seelen der toten Menschen richtet, seid Zeugen unsres Bundes. Siegt
Alexandros, so behalte er seinen Raub, und wir kehren auf den Schiffen in die
Heimat zurück. Gewinnt Menelaos ruhmvollen Sieg, so geben die Troer ihm den
Raub und uns die gerechte Buße."
Alle Fürsten
schwuren ihm nach und gossen dann aus dargereichten Bechern den Göttern zu
Ehren einige Tropfen Weines auf die Erde.
Nachdem Hektor und
Odysseus den Kampfplatz bezeichnet und durch Verlosung dem Paris den ersten
Lanzenwurf zuerkannt hatten, traten die Streiter hervor: Alexandros strahlend in
Schönheit und glänzenden Waffen, Menelaos bräunlich und in unscheinbarer,
eherner Rüstung. Jener schleuderte den Speer mit Macht auf den Gegner, aber er
traf nur den ehernen Schildrand, von dem die Waffe machtlos abprallte.
"Hilf mir,
Kronion, Rächer der Frevelthaten", rief Menelaos, "daß ich den
Knaben strafe, der das Gastrecht mit frechem Vergehen verletzt hat." Mit
diesen Worten schwang er die Lanze so gewaltig auf den Feind, daß sie dessen
Schild durchbrach. Nur durch eine rasche Wendung entging Paris dem Tode und
blickte erschrocken auf das durchbohrte Waffenstück. Aber schon stürmte
Menelaos zu neuem Angriff heran. Er traf ihn mit schmetterndem Schwertstreich
auf das behelmte Haupt; doch die spröde Klinge zersprang, ohne zu verletzen.
Jetzt ergriff er den Gegner am Roßhaarbusch mit gewaltiger Faust, und er hätte
ihn schmählich fortgeschleift zu den Achäern, wäre nicht das Helmband
zerrissen. Paris entfloh nun abermals eilenden Fußes vor dem erzürnten Helden,
der, den leeren Helm in den Händen, Zeus anklagte, daß er ihm die Züchtigung
des frevelhaften Jünglings versagt habe.
Jauchzend
begrüßten die Hellenen ihren Helden als Sieger, die Troer aber standen
schweigend umher. Einer von ihnen, der ruhmvolle Bogenschütze Pandaros, konnte
dem Unmut über die Niederlage nicht widerstehen; (S. 97) er griff zu seinem
Geschoß und traf den frohlockenden Menelaos, daß ein Blutsrom alsbald dessen
Rüstung rötete. Jedoch war die Wunde nicht tödlich. Agamemnon, der besorgt zu
dem Bruder geeilt war, schwur, nicht zu rasten, bis das ganze treulose
Geschlecht durch das Schwert, die Stadt aber durch Feuer von der Erde vertilgt
sei. Darauf folgten ihm die gleichfalls sehr erbitterten Fürsten mit ihren
Kriegern in die Schlacht.
| Allen
voran stritt des Tydeus Sohn, Diomedes. Auf seinem Wagen, den sein
Waffenbruder Sthenelos, des Kapaneus Sohn, lenkte, rollte er kühn durch
die Haufen der Troer und sandte mit gewaltigem Speere den Tod in ihre
Reihen. Pandaros aber, der nie fehlende Bogenschütze, erspähte und traf
ihn mit herbem Geschoß derart durch die Rüstung, daß die Spitze tief in
der Schulter haftete. Eilend entwich der Held dem grausen Verhängnis und
ließ sich von Sthenelos den schmerzenden Pfeil aus der Wunde
ziehen. |

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Dann aber nahte ihm
hilfreich Pallas Athene, Blut und Schmerzen stillend und sein Herz mit
unbezwinglichem Mut erfüllend. "Vor keinem Sterblichen weiche
zurück", sagte sie zu ihm, "auch nicht vor Aphrodite, wenn sie sich
in das Getümmel wagt. Nur den anderen Göttern fürchte zu begegnen."
Sofort stürzte der Held von neuem in das dichteste Gewühl. Wie er aber durch
die Reihen der troischen Krieger stürmte, (S. 98) wie er die tapfersten
Streiter niederwarf und Waffengeschmeide und edle Gespanne raubte, da trat
Äneias, der ruhmvolle Sohne des Anchises und der strahlenden Aphrodite, zu
Pandaros. "Wo hast du deinen nie fehlenden Bogen". sprach er, auf den
Tydiden deutend, "daß du ihn nicht auf den Mann spannst, der so
entsetzlich die Troer dahinrafft?"
Ihm erwiderte
Pandaros: "Jenen kenne ich wohl; es ist Diomedes, Tydeus' Sohn. Aber ihm
zur Seite streitet ein unsterblicher Gott; denn schon einmal traf ihn mein
Geschoß, daß das Blut niederrann, und siehe, sein Speer mordet schrecklicher
als zuvor. Ich möchte lieber gleich nach Hause zurückkehren und die
gepriesenen Waffen ins Feuer werfen; denn sie treffen immer, ohne zu töten, und
reizen den Feind nur zu größerer Wut."
"Nicht
also", rief Äneias; "erst versuche dein Geschoß nochmals gegen den
entsetzlichen Mann, ob du Ruhm gewinnest. Steige zu mir auf den Wagen; du wirst
Freude haben an dem trefflichen Gespann, dem kein andres auf dem Felde zu
vergleichen ist."
Pandaros, statt des
Bogens die eschene Lanze ergreifend, steig zu ihm ein, und Äneias lenkte sofort
die schnaubenden Rosse auf den Feind.
Als Sthenelos die
Männer heranjagen sah, rief er: "Sieh, Diomedes, da stürmen zwei rüstige
Streiter auf uns los. Ich werde umlenken, denn sie sind stattlich und mutig, du
aber bist von der langen Blutarbeit und vom Schmerze der Wunde erschöpft."
"Nimmermehr",
versetzte Diomedes; "es ist nicht meine Art, vor dem Feinde zu fliehen. Ich
springe vom Wagen und greife sie an. Ich denke, beide sollen mir nicht
entrinnen."
Er that nach seinen
Worten; aber alsbald traf des Pandaros Speer mitten in seinen Schild, durchbrach
ihn und schmetterte gegen den Panzer, daß der starke Held einen Augenblick
bestürzt zurückwich.
"Ha", rief
Pandaros, "das ist doch wohl in die Weiche gedrungen. Ich hoffe, du wirst
der Schmerzen bald ledig sein." Diomedes dagegen schüttelte das Geschoß
von seinem Schilde und schleuderte, während Äneias erschrocken umkehrte, jenem
den Speer hinten in den Kopf, daß die Spitze aus dem Munde hervorstarrte.
Frohlockend stürzte er auf den Niedersinkenden, um sich der Rüstung zu
bemächtigen. Schon war Äneias herabgesprungen, denn er wollte den Leib des
Waffenfreundes vor Mißhandlungen bewahren. Da warf ihm der schreckliche Tydide
einen aufgerafften Feldstein an die Hüfte; er sank in die Kniee und seine Augen
umfing dunkle Nacht. Auch er war verloren, wenn nicht Aphrodite, die über den
Sohn wachte, ihn aufgehoben hätte. Diomedes stutzte bei dem Anblicke der
Göttin. Doch erinnerte er sich der Worte seiner Beschützerin; deshalb fuhr er
kühn mit dem Speer auf jene los und verwundete sie an der Hand, daß klarer
Ichor (Götterblut) herausfloß. Im Schmerze der brennenden Wunde verließ
Aphrodite den Sohn und stieg eilends wieder zu den Höhen des Olympos empor.
Dagegen schirmte
Phöbos Appolon den troischen Helden. "Weiche zurück, Sohn des
Tydeus!" rief er dem wild andringenden Diomedes zu, indem er mit dem
Schilde dessen Streiche auffing; "wage nicht mit unsterblichen Göttern den
(S. 99) Kampf, daß dich nicht das Verderben erfasse!" Jetzt erst erkannte
der Tydide den Pythier und ließ vom Kampfe ab, um ein andres Feld für seine
Thaten aufzusuchen.
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Auch
Agamemnon, Odysseus, Aias, der Telamoniade, und Aias, Sohn des Oileus,
streckten tapfere Männer nieder. Endlich drang Hektor auf Seiten der
Troer in die Vorderreihen, ermutigte die weichenden Krieger und wütete
mit mordendem Speere unter den Griechen. Ares selbst, der Kriegsgott,
stand ihm (S. 100) zur Seite, der erbittert über die Bewunderung der
Aphrodite vom Olympos herabgestiegen war. Aber auch Here und Pallas Athene
sahen den Umschlag des Kriegsglückes. Schnell ließen sie die
beschwingten Rosse anschirren und fuhren zur Walstatt. Athene fand ihren
Liebling Diomedes, wie er außerhalb des Getümmels das geronnene Blute
aus der Wunde drückte. Sie tadelte ihn, daß er so müßig stehe,
während das Heer eines starken Armes bedürfe. - |
Er erkannte freudig
die Göttin. "Pallas Athene, du Spenderin unsterblichen Ruhmes", rief
er, "siehe, dort mordet Ares, dem mächtigen Hektor gesellt. Vor dem
unsterblichen Gotte wich ich allein zurück, wie du selbst mit geboten."
"Wohlan denn,
auch ihm sollst du getrosten Mutes begegnen", versetzte die Göttin, indem
sie seinen Wagen bestieg und die Rosse dem wilden Ares entgegenlenkte. Dieser
sah den Helden heranstürmen, aber seine Beschützerin gewahrte er nicht, weil
der Helm des Aides sie dem Auge der Menschen und Götter entzog. Er bog sich
herüber, den Tydiden zu durchbohren, doch lenkte Athene den Stoß ab, und nun
fuhr ihm der Speer des kühnen Diomedes in die Hüfte, daß er, aufschreiend wie
zehntausend Männer, entfloh und in einer dunklen Wetterwolke zum Olympos
hinaufstieg. Auch Athene verließ das Schlachtfeld; aber Diomdes wütete fort
mit dem männermordenden Speere und dem funkelnden Schwert unter den troischen
Scharen. Da begegnete ihm ein junger Krieger, schön wie einer der
Unsterblichen, in glänzender Rüstung. Es war Glaukos, Fürst der Lykier, der
mit dem herrlichen Sarpedon den Troern zur Hilfe geeilt war. Er fragte ihn, ob
er einer der Götter sei, daß er so kühn ihm entgegentrete. "Was
forschest du nach meinem Geschlecht?" erwidert der junge Held; "der
Menschen Geschlechter sind wie die Blätter im Walde. Der Wind weht sie herab,
und wenn der Frühling neues Leben bringt, so treiben sie wieder im knospenden
Wald hervor; so auch wächst ein Geschlecht, das andre schwindet. Ich
aber", fährt er fort, "stamme aus dem Rosse nährenden Lande Argos,
woher mein Ahnherr Bellerophontes in das Land der Lykier wanderte. Ich bin ein
Sprößling seines Sohne Hippolochos, sowie mein Wehrgenosse Sarpedon von seiner
Tochter und dem allwaltenden Kronion abstammt. Darum, Sohn des Tydeus, strebe
ich in der Schlacht voran und scheue nicht den Kampf der Entscheidung mit
dir." Aber Diomedes senkt den mörderischen Speer, indem er mit
freundlicher Rede entgegnet: "Wahrlich, so bist du mein Gast von der Väter
Zeiten her, denn mein Ahnherr bewirtete einst den herrlichen Bellerophontes.
Daher ziemt es sich nicht, daß wir uns feindlich begegnen, sondern der Väter
Freundschaft unter uns zu erhalten und auf die späteren Enkel zu vererben, das
dünkt mir löblich vor Göttern und Menschen. Auf denn, Trautester, laß uns
gleich die Rüstungen tauschen, daß die Völker erkennen, wie wir der Ahnherren
Gastgenossenschaft ehren."
Freudig schlug
Glaukos in die dargebotene Rechte, und er gab hin die goldstrahlende Rüstung,
hundert Rinder an Wert, und empfing des Tydiden eherne, die man nur neun Rindern
gleich achtete.
Der blutige Tag
neigte sich zu Ende, da eilte Hektor in die Stadt, um den Göttern ein Opfer zu
bringen, daß sie die wütenden Dräger von Ilions ragender Feste abhalten
möchten. Auf dem Rückwege nach dem Schlachtfelde begegnete ihm seine treue
Gattin Andromache, der die Wärterin mit seinem (S. 101) Söhnlein Astyanar
nachfolgte.
| Freudig
erblickte der Held sein Weib und sein Kind; sie aber trat mit Thränen zu
ihm heran und umschloß seine Hand, indem sie sagte: "Seltsamer Mann,
dich tötet dein Mut, und nicht erbarmst du dich meiner, des
unglücklichen Weibes, noch des unmündigen Kindes, die bald verlassen und
verwaist sein werden. O möchte die Erde mich dann hinabschlingen, denn
wenn dich das Verhängnis dahinrafft, bin ich des Trostes beraubt. Den
Vater und sieben Brüder erschlug mir der göttergleiche Achilleus; die
Mutter raffte der Artenus Geschoß im heimischen Palast dahin." |

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"Du Hektor,
hilf mir Vater und Mutter und Bruder, du, mein blühender Gatte. So erbarme dich
meiner, daß nicht ich selbst als Witwe, das Knäblein als Waise dir
nachweinen."
Erschüttert durch
ihre Worte versetzt Hektor:
"Mich auch
härmt das alles, o Trauteste, aber ich scheue
Trojas Männer zu sehr und saumnachschleppende Weiber,
Wenn als ein Feiger ich schnöd' entwich aus der ehrenden Feldschlacht.
Auch verbeut es mein Herz; denn ich lernte biederen Mutes
Immer zu sein und zu streiten in Vorderreihen der Troer,
Schirmend zugleich des Vaters Ruhm und den meinen.
Darauf wollte er das
Kind auf den Arm nehmen, aber das schmiegte sich vor dem wallenden Helmbusch
erschreckend, an die Brust der Wärterin. Nun nahm er den Helm ab, und das
Söhnchen, des Vaters Antlitz erkennend, (S. 102) ließ sich willig von Ihm auf
den Armen wiegen und lächelte ihm entgegen, wie er es küßte. Voll herzlicher
Vaterfreude sagte er:
"Zeus und ihr
andern Götter, o laßt doch dieses mein Söhnchen
Werden hinfort, wie ich selbst, vorstrebend im Volke der Troer,
Auch so stark an Gewalt und Ilion mächtig beherrschend;
Und man sage dereinst: Der ragt noch weit vor dem Vater,
Wenn er vom Streit heimkehrt, mit blutiger Beute beladen
Eines erschlagenen Feindes. Dann freue sich seiner die Mutter."
Mit diesen Worten
gab er das Kind der Mutter zurück, die unter Thränen lächelnd ihm an die
Brust sank. Scheidend strich er ihr mit der Hand über die blühende Wange und
sagte:
"Armes Weib,
nicht mußt du zu sehr im Herzen mir trauern.
Nie zum Hades sendet ein Mann mich gegen des Schicksals
Spruch; doch niemand entrann jemals dem grausen Verhängnis.
Auf, zum Gemach hingehend, besorge du deine Geschäfte,
Spindel zugleich und Webstuhl, den dienenden Weibern gebietend
Fleißig am Werke zu sein. Den Männern gebühret des Krieges
Sorge und mir zumeist in Ilions ragender Feste."
Darauf eilte der
Held fort in das Kampfgetümmel, das der Dichter in seiner Mannigfaltigkeit und
Beweglichkeit zur Anschauung bringt. Die Darstellung ist so einfach und doch so
farbenreich und gewaltig, wie die Natur selbst, und manchmal blickt durch die
wilden Leidenschaften der Männer, durch das Toben des Streites das warme,
weiche Gefühl der bessern Menschennatur hindurch, daß man sich der Rührung
nicht erwehren kann. Einen solchen Eindruck macht der Abschied Hektors von
Andromache.
Der Held aber hat
nicht Muße, sich den zarten Gefühlen hinzugeben; er will den Schimpf
austilgen, welchen die Feigheit des Bruder über die Troer gebracht hat. Er
fordert deshalb selbst die griechischen Führer zum Kampfe auf.
Die Fürsten
vernehmen das Wort und zaudern; denn gar stark und gewaltig erscheint ihnen
Hektor. Darüber zürnst der greise Nestor und rühmt die Thaten seiner Jugend,
wie er niemals einen Gegner gescheut habe, und nun erhebt sich zuerst der
bräunliche Held Menelaos, der zwar die Überlegenheit des Gegners erkennt, doch
die Schmach nicht dulden will. Mit herbem Verweis ruft er den zaudernden
Fürsten zu: "Wehe mir ob solcher Schmach, daß kein Danaer mehr dem Hektor
zu begegnen wagt! Mögt ihr denn herzlos und ruhmlos dasitzen; ich selber gürte
mich zum Kampf. Oben im Himmel hängt des Streites Ausgang in der Hand der
unsterblichen Götter." Also hüllt er sich in den Waffenschmuck und hätte
alsbald von dem gewaltigen Hektor das Ziel seines Lebens erreicht; aber die
Fürsten hielten ihnen zurück, den stärkeren Mann zu bekämpfen. Neun der
tapferen Helden, unter ihnen Diomedes, Aias, der Telamoniade, Odysseus und
Agamemnon selbst, der Völkerhirte, sie alle drängten sich zu dem gefahrvollen
Streite und wafen das Los, um den Willen der Götter zu erkennen; es entschied
für den siegbegierigen Aias, an Mut und Macht der Glieder dem Troer wohl
vergleichbar.
"Siehst
du", ruft er stolz und freudig dem Gegner zu, "daß im Heere der
Griechen noch kriegerische Männer dir zu begegnen wagen? Auf denn, greif' an,
wie du vermagst.!"
(S. 103) Meist du
mit trotzigem Worte mich zu schrecken?" versetzte Hektor; "ich habe
gelernt in der Feldschlacht zu streiten, und mein Thun bürgt für meine Rede.
Darum schirme Haupt und Brust, denn nicht mit heimlicher List, sondern mit
offenem Angriff gedenke ich dich zu fällen?"
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Mit
diesen Worten schleuderte er die Lanze, die des Telamoniers Schild in die
Mitte traf, doch nicht durch den siebenfachen Beschlag von Leder und Erz
drang.
Dagegen
durchbrach des Aias Speer Hektors Schild, und dieser vermied nur durch
eine geschickte Wendung das grause Verhängnis. Auch den Wurf der
mächtigen Feldsteine wehrten die Schilde ab.
Die Helden
griffen nun zum Schwerte, um die Entscheidung herbeizuführen; aber jetzt
nahten Herolde und ermahnten, von ferneren Kampfe abzulassen, weil die
Nacht hereinbreche und man ihr gehorchen müsse. |
Aias folgte noch mit
aufmerksamen Auge jeder Bewegung des Gegners. "Fordert von jenem die
Waffenruhe", rief er den Herolden zu; "willigt er ein, so bin ich
damit wohl zufrieden."
Hektor erwiderte
darauf: "Du hast tapfern Mut bewährt, und ein Gott hat dich mit Kraft und
klugem Sinne ausgerüstet. So mögen die Waffen denn heute ruhen, weil die Nacht
es gebietet. Morgen oder an einem andern Tage werde der Kampf zu Ende geführt.
Doch bevor wir scheiden, wollen wir gegenseitig uns ehrend rühmliche Gaben
einander darreichen, daß man von uns sage: (S. 104)
"Seht, sie
kämpften den Kampf der blutigen Zwietracht wie Männer,
Und dann schieden versöhnt die Streiter nach Sitte der Freunde."
Darauf reichte er
dem Aias sein treffliches Schwert und empfing dagegen einen mit köstlichem
Purpur gefärbten Leibgurt.
Am Abend versammelte
Agamemnon die Helden in seinem Gezelt zum festlichen Mahle und legte selbst dem
tapfern Telamoniaden das leckere Rückenstück vor, ihn für seine Thaten zu
ehren. Als der Becher kreiste, nahm der greise Nestor das Wort. Er riet, die
nächsten Tage zu ruhen und nach geschlossenem Waffenstillstande die Toten zu
bestatten, zugleich aber auch eine starke Mauer um Lager und Schiffe zu bauen.
Ähnlichen Rat
erhielten die Troer, um Priamos versammelt. Sie ermahnte der ehrwürdige Antenor
vergeblich, Helena und die geraubten Schätze zurückzugeben. Nur letztere wolle
Alexandros missen, die die schönst der Frauen. Das Anerbieten verwarfen die
erzumschienten Archäer; die Waffenruhe aber war von beiden Seiten angenommen.
Als die Toten bestattet und Mauer und Graben um das Lager vollendet waren,
begann wieder der Kampf.
Zeus hatte bisher
von den Höhen des Ida herab den Kämpfen zugesehen. War er auch so mächtig,
daß vom Winken seiner Brauen der Olympos erbebte, so stritten doch die Achäer
mit Hilfe der irdischen Gottheiten glücklich, und sein der Thetis gegebenes
Versprchen blieb unerfüllt. Er kündigte daher der Götterversammlung an, daß
er jetzt allein die Schlacht lenken wolle, und verbot jede andre Einmischung.
Das Gefecht war an
diesem Tage hartnäckig. Diomedes hatte den Wagenlenker Hektors gefällt; da
zogen Wetterwolken herauf; der Donner rollte krachend über den Heeren, ein
flammender Blitzstrahl erschreckte die Rosse des Tydiden, und der greise Nestor,
dessen Pferd von einem Pfeil getroffen war, lenkte den zürnenden Zeus scheuend,
nach dem Lager. Dreimal wollte der Held umkehren und dem höhnenden Hektor die
Spitze bieten, und dreimal trieben ihn Blitz und Donner zu erneuter Flucht. Nur
die Mauer, welche um das Lager und die aufs Land gezogenen Schiffe getürmt war,
hemmte die siegenden Troer. Es war auch vergebens, daß die Griechen von
Agamemnon ermuntert nochmals hervordrangen. Nachdem Hektor den tapferen Teukros,
dessen Pfeile viele Troer niederstreckten, mit einem Feldstein schwer verwundet
hatte, scheuchte er die Achäer mit mordendem Speer und grauenvollem Schlachtruf
in ihr Lager. Es aber samt dem Heere blieb die Nacht über bei loderndem Feuer
im offenen Felde.
Am Abend erkannten
die Griechen, daß sie der Hilfe des Achilleus nicht ferner entraten könnten.
Die Rückgabe der schönwangigen Briseis und reiche Geschenke wurden ihm
angetragen; aber es war nicht etwa der Verlust des Gutes, was ihn so schwer
kränkte, sondern der Übermut der Völkerhirten Agamemnon. Er verweigerte
beharrlich jede Teilnahme am Kampfe. Mit diesem Bescheid entließ er die Boten
Diomedes und Odysseus, nachdem er sie gastlich geehrt hatte.
Die Fürsten suchten
ihr Lager auf, um von den Mühen des Tages zu rasten; aber Agamemnon fand keine
Ruhe, denn seine Seele war bekümmert um die Völker, die er selbst in
Bedrängnis gebracht hatte. Er verließ sein Zelt und irrte durch die finstere
Nacht. Da begegnete er seinem Bruder Menelaos, der gleich ihm den erquickenden
Schlaf nicht fand. Beide suchten der reisigen (S. 105) Nestor, den Beherrscher
von Pylos, auf und beriefen nach dem Rate des Greises die Fürsten abermals zur
Versammlung. Hier erboten sich Diomedes und Odysseus, zu den gelagterten Troern
zu schleichen, um wo möglich Kunde von ihren ferneren Absichten zu bringen. -
| Sie
begneten einem Boten Hektors, der Mauer und Schiffe erspähen sollte,
Nachdem sie denselben erlegt, trafen sie auf thrakische Krieger unter dem
Befehle des Rhesos, die abwärts von den troischen Wachen und Feuern im
Schlafe ruhten. Diese töteten sie mit der Schärfe des Schwertes und
entrannen auf den schnell zusammengekoppelten Rossen den Verfolgern. - Es
mag hier beiläufig erwähnt werden, daß neuerdings die Ansicht
aufgetaucht ist, daß wir in diesen Thrakern möglichenfalls ein
Wandervolk gotischen, also germanischen Ursprungs erblicken dürfen, so
daß wir also auf diese Weise bereits im Homer eine erste sagenhafte Kunde
von den Stammesgenossen unsrer eignen Altvorderen erhalten würden. |

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(S. 106) Die
nächtliche That der beiden Helden erhob den Mut des Heeres. Es rückte am
frühen Morgen zur Schlacht aus. Allen voran zog der Völkergebieter Agamemnon.
Seinem tödlichen Speer erlagen die edelsten Troer; bis an das skäische Thor
trieb er die flüchtigen Scharen zurück. Auch hier, wo sich die Waffen
sammelten, drang er unwiderstehlich vor, bis ihm der tapfere Sohn Antenors mit
der Lanze den Arm durchbohrte. Blutend verließ er die Walstatt, und Hektor
führte die ermutigten Haufen der Troer wieder vorwärts. Doch hemmt ihn
Diomedes, indem er ihn mit gewaltigem Schwunge auf den Helm traf, daß er
zurücktaumelte. Nun würgte der starke Thydide unter der Menge. Aber Paris, im
Hinterhalte lauernd, schnellte ihm den herben Pfeil in den Fuß, und die eherne
Spitze drang hindurch bis in den Boden. Den Verwundeten schirmte mit ragendem
Schild der erfindungsreiche Odysseus, blieb aber allein im Gewühl zurück, als
man den Freund nach den Schiffen führte. Vergebens bestürmten ihn die Troer in
dichten Scharen; er brach bald da, bald dort, edle Krieger niederwerfend, durch
die feindlichen Reihen. Doch endlich stieß ihm ein starker Kämpfer den Speer
durch Schild und Harnisch in die Seite. Auf seinen Hilferuf erschienen Aias und
Menelaos zu seinem Schutze und wehrten die Troer ab. Hektor indessen ordnete und
ermunterte seine Scharen. Er führte sie, indem selbst Aias zurückwich, in
unwiderstehlichem Andrang nach der Mauer des Lagers, hinter welcher die Achäer
Schutz suchten.
Umsonst mahnte der
Seher Helenos den Bruder, hier vom Kampfe zu ruhen, weil ein ungünstiges
Wahrzeichen erschienen war. Hektor rief ihm entgegen: "Ein Wahrzeichnen nur
gilt, das Vaterland zu erretten!" und befahl den Sturm. Hin und her wogte
der Streit; da riß der starke Sarpedon die Brustwehr herab und widerstand, an
die Mauer geklammert, dem Angriffe der achäischen Heldenbrüder Aias und
Teukros, der Söhne des Telamon.
Hektor sah freudig
den Erfolg. Er ergriff einen der herabgerissenen Steine, dergleichen mehrere
Männer einer späteren Zeit kaum mit Hebeln auf einen Wagen wälzen würden,
trug diesen so leicht, wie ein Schäfer etwa ein Bündel Wolle trägt, und
schmetterte ihn mit voller Wucht gegen das Lagerthor, daß es krachend
auseinander brach. Jauchzend stürzte er, von seinen Scharen gefolgt, in den
inneren Raum, und kaum hätte ihn ein Gott in seinem stürmischen Andrange
gehemmt. Erst an den Schiffen ordnete der noch unbezwungene Telamonier die
geschlagenen Scharen der Griechen, daß sie fest zusammengeschlossen
beharrlichen Widerstand leisteten.
In dieser Gefahr
beschlossen Here, Pallas Athene und der meerbeherrschende Poseidon, den
Bedrohten auf eigne Hand Hilfe zu bringen. Die Himmelsgöttin entlieh
schmeichelnd von Aphrodite den Gürtel der Anmut. Schön geschmückt trat sie zu
Zeus auf den Ida. Dieser, sonst gewohnt, seine Ehegenossin im Widerspruch mit
sich zu finden, war von dieser Anmut und Liebenswürdigkeit berauscht. Unter
ihren Liebkosungen entschlief er sanft.
Jetzt eilte Athene
zu den durch die Erfolge der Feinde entmutigten Griechen, und aus der Tiefe des
Meeres erhob sich Poseidon und rief in Gestalt eines alten Kriegers mit
weitschallender Stimme die Scharen zur Schlacht. Die Troer wurden nun über die
Mauer zurückgedrängt; Hektor, von einem (S. 107) Feldstein auf die Brust
getroffen, mußte vom Kampfplatz getragen werden; näher und näher wälzte sich
das Getümmel von den Thoren der Stadt zu.
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Zeus,
vielleicht durch das Geschrei der Männer aufgeweckt, sah mit Erstaunen
den Umschlag des Kriegsglückes. Fast hätte er im Zorn die schmeichelnde
Here in die Tiefe gestürzt. Auf sein Geheiß mußte Iris dem
Erderschütterer Botschaft bringen, daß er sogleich in sein feuchtes
Reich zurückkehre. Darauf stärkte Phöbos Apollon den tapfern Hektor,
der noch immer ächzend in den Armen seiner Getreuen lag. Derselbe erhob
sich in seiner Kraft und scheuchte die Achäer vor sich her, wie der Wolf
die furchtsamen Lämmer schreckt. Auf dem vordersten Schiffe stand als
feste Schutzwehr Aias, Telamons Sohn. |
Gleich einem Turm
ragte er unter den Krieger hervor. Die Geschosse rasselten in Schauern auf Helm
und Schild; der Aufruhr des Streites rauschte um ihn wie der Ansturz der
Meereswogen; er keuchte von der unendlichen Mühe; doch schleuderte er Speer auf
Speer unter die Troer, welche die Reihen der Achäer zu durchbrechen suchten und
schon Feuerbrände herantrugen, um die Schiffe zu verbrennen. Aber Hektor,
grauenvoll anzusehen, mit flammenden Augen und schäumenden Lippen, öffnete
sich eine blutige Bahn. Er ergriff vorstürzend das Steuerruder des Fahrzeugs,
und als Aias gegen ihn andrang, hieb er ihm die Spitze von der Lanze und zwang
ihn zurückzuweichen. Von Siegesglück vor den Völkern strahlend, drängte er
unaufhaltsam dem Weichenden nach. Er warf Feuer in das Fahrzeug, und himmelan
loderten die Flammen auf; weithin den Untergang der Achäer verkündend.
(S. 108) Während
dieser Vorgänge stand Achilleus mit seinem Waffenbruder Patroklos auf einem
seiner weit abwärts aufgestellten Schiffe. Er bemerkte wie Nestor einen
verwundeten Krieger sorgsam vom Schlachtfelde wegführte, und glaubte in dem
letzteren Machaon, den trefflichen Arzt des Heeres, zu erkennen. Er sandte
seinen Freund ab, daß er ihm gewisse Nachrichten brächte. Patroklos eilte zu
Nestor und erfuhr den Verlauf der Begebenheiten und den drohenden Untergang der
ganzen griechischen Macht. Die wachsende Not läßt ihn nicht rasten; er eilt zu
Achilleus; er stellt ihm beweglich die verzweifelte Lage, ihre eigne Gefahr vor.
Dies endlich stimmt den trotzigen Helden zu einiger Nachgiebigkeit. Er waffnet
den trauten Genossen mit seiner eignen Rüstung und verstattet, daß er an der
Spitze der Myrmidonen die Troer von den Schiffen zurücktreibe, schärft ihm
aber ein, die Verfolgung nicht fortzusetzen, sondern alsdann zurückzukehren.
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| | Wägner, W., Troja, in: ders., Hellas, Bd. 1, 6. Auflage.
Leipzig und Berlin 1886, S. 91-122 (1. Auflage 1859) |
GM (digitale Edition) für psm-data 
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