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Sekundaerliteratur
Frühe Neuzeit | Lebensverhältnisse

[P|S|M]

Der Bauer - Die Verhältnisse in Ostelbien
Der Alltag der untertänigen Bauern wurde beherrscht von der dominierenden Position und der ökonomischen Übermacht der Gutsbesitzer. Der Gutsherr (S. 87) war nahezu allmächtig und allgegenwärtig: als Patronatsherr, als Gerichtsherr, als fordernder Arbeitsgeber, als Berechtigter für zahlreiche Abgaben, als derjenige dessen Erlaubnis man einholen musste, wenn man heiraten wollte, und der die Kinder zum Gesindedienst anforderte. Der Alltag der Landbevölkerung wurde darüber hinaus auch durch die zahlreichen Monopole, die dem Gutsbesitzer zustanden, geprägt: durch die Braugerechtsame, den Mühlenzwang, die Ziegel- und Kalkbrennmonopole. Das Mehl durfte nur in der gutsherrlichen Mühle gemahlen, Bier und Branntwein nur von der Gutswirtschaft erstanden werden, auch wenn die Qualität zu wünschen übrig ließ. Besonders fragwürdig war die vielerorts geltende Vorschrift, dass bei Familienangelegenheiten, wie Heirat, Taufe und Begräbnis und bei den hohen kirchlichen Festtagen ein bestimmtes Quantum an Bier und Schnaps bei der Gutsherrschaft gekauft werden musste. - Diesen Sitten parallel liefen die allerorts zu hörenden Klagen über die Verkommenheit der Bauern, speziell über ihre maßlose Trunksucht. Die Einträglichkeit der landwirtschaftlichen Nebenerwerbszweige war für die Gutsbesitzer außerordentlich hoch. Speziell das Bier- und Branntweinmonopol machte ein Drittel und mehr der Gutserträge aus.

Die Bauern als der "staatstragende" Stand der vorindustriellen Gesellschaft waren in Preußen der Doppelbelastung durch Guts- bzw. Domänenwirtschaften und Staat ausgesetzt. Die Dienstbelastung unterlag großen Schwankungen. Sie ist erst für Ostpreußen systematisch untersucht worden und konnte dort zwischen einem und 500 Tagen (Personenscharwerk je Hof) im Jahr schwanken. Die Bauern des Adels waren dort überall am stärksten mit Diensten und Abgaben belastet. Von ihren Höfen mussten zwischen 251 und 500 Tagen auf den Gütern der Herren gearbeitet werden. Dabei musste meist der Bauer mit einem Knecht oder einer Magd zur Arbeit kommen. Besser erging es den landesherrlichen Scharwerkern und den Adelsbauern mit besseren Besitzrechten. Sie arbeiteten ca. 80 bis 85 Tage auf den gutsherrlichen bzw. den Domänenäckern. Mit geringer Dienst- und Abgabenbelastung lebten die Hochzinser und königlichen "Schatuller", die Köllmer und Freien in Ostpreußen. [...]

Um die Belastung der Bauern zu quantifizieren, muss man davon ausgehen, dass die dem Guts- oder Grundherrn geleistete Arbeit für die Bewirtschaftung des eigenen bäuerlichen Betriebes ausfällt. Es ist kaum möglich, die Gesamtbelastung, die aus Diensten, Abgaben und Steuern besteht, auf Geldeinheiten umzurechnen, da es speziell für die Dienste keine überzeugenden Vermutungen gemeinsamer Geldwerteinheiten gibt. Statt dessen lassen sich aber Dienst, Abgaben und Steuern dadurch ermitteln, dass man für alle die aufgewandten Arbeitsanteile schätzt. Teilt man die Woche in zwölf halbe Arbeitstage, lassen sich gute Gründe für die nachfolgende Schätzung anführen.

(S. 88) Man kann von einer Arbeitsbelastung von sechs halben Tagen oder drei ganzen Tagen für den Herrn ausgehen, das sind 156 Tag im Jahr. Da das Arbeitsjahr kürzer ist als das Kalenderjahr, rechnet man noch einen halben Tag hinzu (AB). Die in Arbeitsanteile umgerechneten Angaben ergeben einen weiteren halben Arbeitstag (AC). Für Steuern und Dienstleistungen für den Staat (Kontribution, Fouragelieferung, Wegebau, Hilfen beim Schulbau usw.) wird im Modell ein weiterer halber Tag angesetzt (AD), so dass dem Bauern für die eigene Produktion und zur Erwirtschaftung des Lebensunterhalts der Familie noch DE übrigbleibt. Nicht einbezogen wurden hierbei die kirchlichen Abgaben.

Wie leicht erkennbar ist, sind die Bedingungen dieses Modells noch außerordentlich günstig: Hier wird von gemessenen Diensten (sechs halben Tagen) ausgegangen, die Dienste preußischer Bauern waren aber häufig weit höher bemessen (fünf bis sechs Tage in der Woche) bzw. sie waren ungemessen. Ebenso steht zu vermuten, dass die Steuerlast gelegentlich höher gelegen haben mag. [...]

Unterhalb der eigentlichen Bauern gab es u.a. folgende Schichten: Die Kossäten besaßen nicht selten die Hälfte einer vollen Bauernstelle, deshalb wurden sie gelegentlich auch Halbbauern genannt. Sie unterschieden sich von diesen aber dadurch, dass sie keine Gespann-, sondern nur Handdienste zu leisten hatten. Es gab auch Halb- und Viertelkossäten. Die Kätner, Büdner und Häusler besaßen lediglich ein kleines Stück Ackerland oder nur einen Garten. Sie leisteten Handdienste auf den Gütern als Entgelt für ihre geringfügige Landnutzung, oder sie lebten von Lohnarbeit auf den Ritter- oder Bauerngütern. Die Einlieger besaßen nicht einmal ein Haus. Sie lebten wie die in Ostpreußen auf den Rittergütern angesiedelten Insten von der Lohnarbeit oder vom dörflichen Handwerk. Die Einlieger wohnten bei den Bauern oder Kossäten zur Miete. Sie waren völlig besitzlos. Entsprechend gefährdet war ihre ökonomische Lage. Unter diesen landarmen und besitzlosen Schichten befand sich auch vor 1807 bereits ein großer Teil, der nicht mehr erbuntertänig war, speziell bei den Einliegern. [...]

In welchem Umfang die ländlichen Unterschichten um 1800 bereits das Leben auf dem Lande geprägt haben, lässt sich auch zahlenmäßig an der sozialen Schichtung der ländlichen Bevölkerung demonstrieren.

Für Preußen insgesamt lässt sich wieder nur auf die Angaben bei Krug zurückgreifen, nach dessen Schätzungen und Vermutungen es in Preußen um 1800 ca.

401.600 Bauern (Köllmer, Freie, Schulzen, Dienstbauern = Lassiten und Halbbauern)

224.165 Kossäten und Gärtner

123.600 Kätner und Büdner gab. [...]

In Ostpreußen, wo die Landwirtschaft am stärksten kommerzialisiert war, waren bereits um 1700 die ländlichen Unterschichten, die Insten, Losleute (=Einlieger), Knechte und Mägde gegenüber den selbständigen Bauern in (S. 89) der Mehrzahl (= 100.000 gegenüber 62.725). Für 1802/04 sah die soziale Schichtung der Bevölkerung im ostpreußischen und litauischen Kammerbezirk so aus:

Edelleute und adlige Gutsbesitzer auf dem Lande 488
Generalpächter und Beamte 217
Verwalter und Unterpächter 1.615
Prediger 349
Küster und Schulbedienstete 1.162
Köllmer und Freie 6.218
Bauern und Halbbauern 19.569
Kossäten 7.485
Inst- und Losleute 33.519
Hirten 4.322




 

aus: Hanna Schissler, Preußische Agrargesellschaft im Wandel. Göttingen 1978, S. 94-100; zit. nach: Gudrun und Alexander Decker, Lebensverhältnisse im 16., 17. und 18. Jahrhundert, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1982, S. 87-89, mit frdl. Genehmigung für psm-data