Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
Frühe Neuzeit | Lebensverhältnisse

[P|S|M]

Das "Liber Vagatorum" - ein Bettel-Lexikon aus dem 16. Jahrhundert 
Worterklärungen aus dem Anhang:

Boß = hauß
Barlen = reden
Houtz = bawr (Bauer)
Kammesirer = ein gelehrter betler
Loe = boß oder falsch Voppen = liegen (lügen)

Das erste teil diß buchlins, Von den Bregern
Das erst Capitel ist von den Bregern, das sind Betler die kein zeichen wie den heiligen oder weinig an inen haben hanngen, und komen schlecht und einfeltigklich für die lewt geen und heischen das Almusen umb gots und unser lieben frawen willen, Etlich einem haußarmen man mit kleinen kinden, der erkant ist in der Stat oder in dem Dorf do er heischt, und wann sie mochten weiter komen mit jrer arbeit oder mit andern erlichen dingen So liessen sie on zweiffel vom betlen, dann es ist manger fromer man der da betlet mit unwillen, und sich schemet vor den ihenen die jne kennen, das er vor zeiten genug hat gehabt und jtzund betlen muß, mocht er furbaß komen er ließ das betlen underwegen (Conclusio) disen Betlern ist wol zugeben wann es ist wol angelegt. [...]

(S. 109) Von den Loßern
Das .iij Capitel ist von Loßnern: das sind Betler die sprechen sie sein .vj oder vij. jar gefangen gelegen, und dragen die ketten mit jne darin sie gefangen sind gelegen, jn den unglaubigen. [...]

Von den Klenckern
Das iiij. Capitel ist von den Klenckern, das sind Betler die vor den Kirchen auch uff Sitzen uff allen Meßtagen oder Kirchweihungen, mit den bosen zerbrochen Schenckeln, einer hat kein Fuß der ander hat kein Schenckel, der drit kein Hant oder Arm: Item etlich haben keten bei jnen liegen und sprechen sie sind gefangen gelegen umb unschuld, und haben gewonlich einen heiligen sant Sebastian oder sant Linhart bei jne steen umb der willen sie mit grosser jemerlicher clagender stim bitten und heischen. [...]
Item dem ist sein handt abgehawen jn dem Krieg, ob dem spil umb der metzen willen: Item mancher verbint ein schenckel, ein arm mit heilenden und geet of krucken, jm gebricht als wenig als andern menschen. Item zu Utenheim ist gesessen ein Priester mit namen her Hans Ziegler ist jtzund Kirchherr zu Roßheim der het sein Mumen bei jm, Es kam einer off krucken sur sein haus, die Mume bracht jm ein stuck brot, er sprach wiltu mir sunst nicht geben, sie sprach ich hab nit anders er sprach du alte pfaffen hur wiltu den pfaffen reich machen und flucht ir allerlej fluch so er erdencken kunt, sie weinet und kam in die Stuben und sagt es dem herren, der her herauß und lieff jm nach, diser ließ sein krucken fallen und floch das jn der priester nit erlafuten mocht, darnach kurtz ward dem pfarhern sein haus verbrent er mein der klencker het es gethan Item ein ander warlich exempel, zu Schletstat saß einer vor der Kirchen derselb het einem dieb einen Schennckel an dem Galgen abgehawen und het jn fur sich gelegt, und het seinen guten schenckel auff gebunden, derselb wardt mit einem andern Betler oneins, der lieff baldt und sagt das einem Statknecht, alsbald er den Statboten ersehen hat, wuscht er auff und ließ den bosen schenkel ligen, und lieft zu der Stat hinaus ein pferd mocht jn kaum erloffen haben, Er ward darnach bald zu Achern an den Galgen gehenckt, und der durr schenckel hangt neben jm, und hat geheissen Peter von Kreutzenach. Item es sind die aller grosten gots lesterer so man sie finden mag die solchs und anders des gleichen thun, sie haben auch die aller schonsten gleiden, sie sind die aller ersten uff den meßtagen oder kirchweyhen und die letzten herab [...]

Von Kammesierern 
Das .vj. Capitel ist von Kammesierern, das sind Bettler, jdem junge Scolares, jung Studenten die Vater und Muter nit volgen und jren meistern nit gehorsam wollen sein. [...]

Von den Grantnern
Das .viij. Capitel ist von den Grantnern, das sind die Bettler, die sprechen jn (S. 110) des Houtzen boß, Ach lieber freund sehent an ich bin beschwert mit dem fallenden siechtagen sant Valentin, sant Kurin sant Veits sant Anthonius, und hab mich gelobt zu dem lieben heiligen (vt supra) mit .vj. pfundt wachs, mit eim altartuch, mit eim silbrin opfer (et cetera) und mus das samlen mit fromer lewt stewr und hilf, daromb bit ich euch, das ir mir wolt steuren ein heller ein rauschen falchs ein underbant garn zu dem Altar das euch got und der lieb heilig wol behuten vor der plag oder siechtagen, Nota ein loe stuck, Item etlich fallen nider vor den Kirchen auch allenthalben und nemen Seiffenjn den mund das jnen der scheim einer faust gros auff geet, und stechen sich mit eim ahlm jn die naßlocher das sie bluten werden, als ob sie den siechtagen hetten. [...]

Von Schleppern
Das .x Capitel ist von Schleppern, das sind die Kammesirer die sich außgeben sie sein Priester, sie komen jn die heuser gangen mit einem schuler der jne den Sack nachtregt und sprechen also, Hie kombt ein geweichte persone mit namen her jorg kesler von kitzbuhel (wie er sich dann wil nennen) und bin auß dem Dorff, von dem geschlecht, und nent ein geschlecht das sie dann wol kunden und will uff den tag mein erste meß singen jn dem Dorff, und bind geweihet uff den Altar jn dem Dorff oder jn der Kirchen, der hat kein Altartuch, hat auch kein meßbuch. et cetera, das mag ich nit vollbringen on sunder stewer und hilf aller menschen. [...]

Von den Schwanfeldern oder Blickschlahern
Das .xij. Capitel ist von den Schwanfeldern oder Blickschlaern das sein Bettler wann sie jn ein Stat komen so lassen sie die Cleider in den Herberigen, und sitzen fur die Kirchen nackent und zittern jemerlich vor den leuten daß man wenen sol sie leiden grossen frost so haben sie sich gestochen mit Nasseln samen und mit andern Dingen das sie sunckeln werden, etlich sprechen sie sind beraubt worden von bosen leuten.

Von den Dallingern
Das .xiiij. Capitel ist von den Dallingern, Das sind die vor den Kirchen stehen und sind Hencker gewesen, und haben ein jar oder .ij. darvon gelassen, schlagen sich selbst mit Ruten, und wollen bussen, und gots fert umb jr sund thun, und erbetlen etwan vil guts, wan sie das ein weil getreiben und die leut also betriegen so werden sie wider Hencker wie vor, gib jnen ob du wilt, es sein Buben die solchs thun. [...]

Von den Biltregerin
Das .xviij. Capitel ist von den Biltregerin, das sind die frawen die hinten alte wammes oder Bletz oder Kussen aber den leib under die Cleider, umb das man wenen sol sie geen mit Kindern, und haben jn .xx. jaren oder mer nie keins gemacht, dasselbig heist mit der Billen gangen [...]

(S. 111) Von den Schweigern
Das .xxvj. Capitel ist von den Schweigern das sind betler die nemen pferds mist und mengen den mit wasser und bestreichen die bein, hend und arm, domit werden sie geschaffen als ob sie die gelbsucht hetten, oder ander gros siechtagen und doch nit ist, und betriegen die leut do mit, dieselben heissen Schweiger


.

 

 

Aus: F. Ave Lallemant, Das deutsche Gaunerthum, Bd. IV. Leipzig 1862, S. 166-178; zit. nach: Gudrun und Alexander Decker, Lebensverhältnisse im 16., 17. und 18. Jahrhundert, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1982, S. 108-111, mit frdl. Genehmigung für psm-data