| Sekundaerliteratur |
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Eine typische
Zivilisationskurve
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Die Art, wie das Fleisch
aufgetragen wird, ändert sich vom Mittelalter zur Neuzeit hin beträchtlich.
Die Kurve dieser Wandlung ist recht lehrreich; in der Oberschicht der
mittelalterlichen Gesellschaft kommt sehr oft das tote Tier oder größere
Teile des Tieres als Ganzes auf den Tisch. Nicht nur ganze Fische, ganze
Vögel, z.T. mit ihren Federn, sondern auch ganze Hasen, ganze Lämmer und
Kalbsviertel erscheinen auf der Tafel, z schweigen von dem größeren Wildbret
oder den am Spieß gebratenen Schweinen und Ochsen.
Das Tier wird auf der Tafel
zerlegt. Immer wieder kehren daher in den Manierenbüchern bis ins 17.
Jahrhundert, und gelegentlich auch noch ins 18. Jahrhundert hinein Hinweise
darauf wieder, wie wichtig es für einen wohlerzogenen Menschen sei, die Tiere
gut zerlegen zu können. [...]
Daß dann das Auftragen
großer Teile des Tieres und das Zerlegen bei Tisch allmählich außer
Gebrauch kommt, hängt ganz gewiß mit vielen Faktoren zusammen. Einer der
wichtigsten mag die allmähliche Verkleinerung des Haushalts im Zuge der
Bewegung von größeren zu kleinen Familieneinheiten sein, dann die
Aussonderung von Erzeugnis- und Verarbeitungsaufgaben, wie Weben, Spinnen,
Schlachten aus dem Haushalt und deren allgemeiner Übergang an Spezialisten,
an Handwerker, Kaufleute, Fabrikanten, die sie von Berufs wegen übernehmen,
während der Haushalt im wesentlichen eine Verbrauchseinheit wird.
Jedenfalls entspricht auch
hierin dem Zuge des großen Gesellschaftsprozesses der Zug des Seelischen:
heute würde es bei vielen Menschen ein (S. 140) ziemlich unbehagliches
Gefühl erwecken, wenn andere oder sie selbst bei Tisch halbe Kälber und
Schweine zerlegen oder von einem mit Federn geschmückten Fasan das Fleisch
abschneiden müßten. [...]
Und dieses immer stärkere
Verlegen des Peinlichen aus der Sicht der Gesellschaft gilt, von ganz wenigen
Ausnahmen abgesehen, auch für das Zerlegen des ganzen Tieres.
Dieses Zerlegen gehörte,
wie die Beispiele zeigen, ehemals unmittelbar zum gesellschaftlichen Leben der
Oberschicht selbst. Dann wird der Anblick mehr und mehr als peinlich
empfunden. Das Zerlegen selbst verschwindet nicht, da ja das Tier zerlegt
werden muß, wenn man es ißt. Aber das peinlich Gewordene wird hinter die
Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlegt. Spezialisten besorgen es im
Laden oder in der Küche. Es wird sich immer wieder zeigen, wie
charakteristisch diese Figur des Aussonderns, dieses
"Hinter-die-Kulisse-Verlegen" des peinlich Gewordenen für den
ganzen Vorgang dessen ist, was wir "Zivilisation" nennen. Die Kurve:
Zerlegen großer Teile des Tieres oder ganzer Tiere an der Tafel, Vorrücken
der Peinlichkeitsschwelle gegenüber dem Anblick der toten Tiere, Verlagerung
des Zerlegens hinter die Kulissen in spezialisierte Enklaven, ist eine
typische Zivilisationskurve.
Es bleibt zu untersuchen,
wie weit hinter ähnlichen Erscheinungen in anderen Gesellschaften ähnliche
Prozesse stehen. Vor allem in der älteren "Zivilisation" Chinas ist
die Verlagerung des Zerlegens hinter die Kulissen weit früher und weit
radikaler vor sich gegangen als im Abendland. Hier ist der Prozeß so weit
fortgeführt, daß das Fleisch völlig hinter den Kulissen der Gesellschaft
zerlegt und zerschnitten wird, und das Messer ist vom Gebrauch an der Tafel
überhaupt verbannt.
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aus: Norbert
Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, 2. Aufl. Berlin 1969,
S. 159, 161, 163 zit. nach: Gudrun und Alexander Decker,
Lebensverhältnisse im 16., 17. und 18. Jahrhundert, in: Materialien zum
historisch-politischen Unterricht 4, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart
1982, S. 139f, mit frdl. Genehmigung für psm-data |
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