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Henri Beyle (Stendhal) über Sitten und Charakter der Deutschen
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Am 13. November 1806 kam ich
in einem Ländchen von 200.000 Einwohnern an, das durch seinen Fürsten berühmt
ist [Herzog Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig]. Das Herzogtum Braunschweig
ist anscheinend das bekannteste aller kleinen deutschen Fürstentümer. Man
stelle sich eine große, nach Norden abfallende, lehmige Ebene mit Sandinseln
vor, dann hat man ein Bild von diesem sechzig Stunden im Umkreis großen Lande.
Indes gibt es ein paar Erhebungen: den Elmwald, wo wir auf die Hirschjagd
gegangen sind, und das Rassegebirge, wo ich zwei angenehme Tage verbracht habe.
Aber zumeist Schmutz und Kälte, das war mein gewöhnlicher Eindruck seit den
sechzehn Monaten meines Hierseins.
Man darf nicht
glauben, der 52. Breitengrad, unter dem Braunschweig liegt, mache sich durch 15
- 20 Grad Reaumur und schönen Sonnenschein geltend. Das Wetter war meist viel
unangenehmer; es ist dauernd veränderlich. Das Thermometer sinkt nie unter
sieben Grad unter Null, aber Schnee und Sonnenschein wechseln fünf- bis
sechsmal am Tage. Von weitem sieht man eine stahlgraue Wolke anziehen; die Sonne
verbirgt sich, es schneit. Die Wolke zieht vorüber, die Sonne scheint wieder,
die Dächer tropfen, und zwei Stunden darauf ist kein Schnee mehr zu sehen.
Es regnet viel.
Die Wege sind sieben Monate im Jahr durch Schlamm grundlos. Es gibt keinen
Frühling; mit Verwunderung sieht man die Blätter in der kalten Winterluft
sprießen. Niemals jene samtweiche, für zarte Lungen so wohltätige Luft;
niemals jene Abende, wo man nur für das Glück lebt, eine milde Luft
einzuatmen. Daß dieses Wetter hier so selten ist, verleidet mir das Land
besonders ...
Die Landstraßen sind so
schlecht, so ganz anders als in Frankreich, dass ich monatelang bei Wagenfahrten
in Angst schwebte. Die gewöhnlichen, fast ununterbrochenen Zurufe der
Postillone sind die gleichen wie in Frankreich bei großer Gefahr. Immerfort
verlassen sie die Straße oder was so bezeichnet wird und fahren querfeldein.
Aber das ist noch gar nichts. Auf den Poststationen hat ein etwas lebhafter
Mensch zu leiden; stets muss man zwei Stunden warten. Bitten, Schläge,
Trinkgeld oder Schlafen, alles ist einerlei. Bei jeder Poststation ist zwei
Stunden Aufenthalt. Ein Wagenmeister schmiert den Wagen mit schwarzem Wasser ein
und zieht im voraus den Preis für die Pferde ein. Am Ende der Fahrt gibt man
den Postillonen ein Trinkgeld. Auch wenn man das dreifache gäbe, ginge es nicht
schneller.
Ein großer behäbiger Bauer
mit frischen Farben, der im Braunschweigischen einen gelben und im
Hannöverschen einen roten Sack und eine Schnur kreuzweise über der Brust
trägt und mit schweren Schritten einhergeht, hört ruhig zu, wenn man flucht,
und raucht seine Pfeife. Es juckt einem in der Hand, ihn zu prügeln, doch
entsinne ich mich nicht, das je getan zu haben. Andere Franzosen haben die
Postillone tüchtig geprügelt, die Wirkung war vorzüglich.
Infolge der Scherereien bei
der Postfahrt fahren alle Franzosen mit requirierten Pferden. Man kommt an, geht
zum Kriegskommissar, zum Ortskommandanten oder Bürgermeister, und nach zwei
Stunden sind vier schöne Pferde mit zwei Bauernjungen von frischer Farbe zur
Stelle, deren blondes Haar viereckig geschnitten ist wie auf den Bildern Karls
des Großen. Sie haben grobe Züge und dumme Mienen. Vor sich her auf den
Schenkeln tragen sie einen Sack voll Hafer, mit Häcksel gemischt, binden ihn
hinten auf, spannen an und fahren besser als die Post. Ist man sehr freigebig,
so gibt man ihnen alle vier bis sechs Meilen zwölf gute Groschen, das Berühren
großer Städte mit ihren Militärbehörden ist bei dieser Art des Reisens
freilich nachteilig. Man wird schlechter bedient und hängt vom Kriegskommissar
ab. Am bequemsten reist man bei Nacht mit der Post und am Tage mit den Bauern ...
Man trinkt in Deutschland
erstaunlich viel Kaffee. Bei der Ankunft im Gasthof wird einem Milchkaffee mit
Butterbrot angeboten, zwei sehr dünne Scheiben Schwarzbrot mit Butter
dazwischen. Die braven Deutschen essen vier bis fünf Butterbrote, trinken zwei
große Glas Bier und zuletzt einen Schnaps. Diese Lebensweise kann den
heftigsten Menschen phlegmatisch machen. Mir raubt sie alles Denken.
Außer dieser kleinen
Mahlzeit, die einem in den Gasthöfen angeboten wird, wenn man sehr früh oder
sehr spät ankommt, findet man um ein Uhr ein Mittagessen, d.h. eine Wein- oder
Biersuppe, gekochtes Fleisch, eine riesige Schüssel Sauerkraut (auch ein
verdummendes Gericht), dann einen Braten mit Krautsalat, glaube ich, der
abscheulich richt. Zu diesem Mahl, das man wütend verzehrt, gibt es gepanschten
Wein, der nach Zucker schmeckt, Burgunder heißt und 35-40 Sous kostet.
Besonders scheußlich ist der Wein in Hessen, einem hübschen, aber armen Land;
der Kurfürst, geizig wie Harpagnon, besaß alle Güter. [...]
Das Abendessen besteht aus
Suppe und Braten; zum Nachtisch etwas Gebäck, sehr wenig Obst, meist Erdbeeren,
aber deutsche, d.h. groß, schön und geschmacklos.
Danach muss man zu Bett gehen,
und das ist das Schlimmste. Man stelle sich als Matratze ein Federbett vor, in
dem man versinkt. Von der Mitte der Bettlänge erhebt sich ein Haufen von
Federkissen, die einen zum Sitzen nötigen, so gern man sich ausstrecken
möchte. Obendrauf liegt ein Bettuch, das an den Seiten nicht eingesteckt ist;
statt einer Decke ein riesiger Federsack ohne Überzug. Da unter dieser Art von
Decke jedermann schwitzt, hat man die Annehmlichkeit der Gemeinschaft mit allen
Reisenden, die unter der gleichen Decke schon geschwitzt haben. Ich glaube, in
den guten Gasthöfen werden die Betten jährlich zweimal gereinigt ... Ein
Franzose kann also nichts Besseres tun, als sich Stroh bringen zu lassen und
darauf, in seinen Mantel gehüllt, zu schlafen. [...]
Der Anblick der
Braunschweiger Landschaft ist trüb und eintönig, bisweilen ossianisch. Im
Norden herrscht viel mehr Abwechslung.
Die Umgegend von
Berlin ist ein Sandmeer. Wer dort eine Stadt erbaut hat, muß vom Teufel geplagt
gewesen sein. Bei Potsdam ist die Landschaft reizend. Die Havelinseln, von
Sanssouci aus gesehen, sind nach meiner Meinung das Anmutigste und Edelste in
ganz Norddeutschland, etwa das, was für Italien die Borromeischen Inseln sind.
Sie haben etwas Weicheres, Schwermütigeres. An glücklichen Tagen, wo man
empfindsam ist, rührt ihr Anblick tief ...
In acht Tagen
sieht man in den Städten ein Gerüst aus Eichenholz entstehen; in den nächsten
acht Tagen wird es mit Ziegeln gefüllt und die Lücken mit Mörtel
verschlossen; schließlich setzt man des Schnees wegen ein spitzes, ziemlich
hohes Dach darauf. So wird ein Haus in vier Wochen gebaut und kann 300 Jahre
stehen. Der Kalkbewurf eines Hauses in meiner Nachbarschaft ist durch die
Feuchtigkeit abgefallen. Auf dem Holzbalken las ist: 1554.
Früher war es
Brauch, auf einem sichtbaren Balken in erhabener Arbeit den Namen des Mannes und
der Frau, die das Haus erbauen ließen, nebst der Jahreszahl anzubringen. Man
sieht das noch auf den Dörfern, überall mit Jahreszahlen, bisweilen auf dem
Dach, mit verschiedenen Farben gemalt. Aber diese Häuser sehen merkwürdig aus.
Das Obergeschoß springt in die Höhe von zehn bis zwölf Fuß um zwei Fuß
über die Mauer des Erdgeschosses vor. Das ist, glaube ich, ein Kennzeichen des
deutschen Hauses, das man von Frankfurt an findet, ebenso die große Zahl und
die Kleinheit der Fenster, etwas, das ich bei einem so kalten Klima nicht
verstehe. Die Fensterscheiben sind in Blei gefaßt und die Fensterrahmen mit
zwei Riegeln verschlossen. Das ist alles, keine Doppelfenster, keine Läden,
keine Jalousien. Ein grauer Vorhang fällt innen herab.
Die ganze
Familie haust in einem einzigen Zimmer, der »Stube«. Den ganzen Winter über
hütet man sich wohl, zu lüften. Wenn geraucht wird, kann man sich den Dunst
vorstellen ... Bisweilen wird der Fußboden gescheuert und weißer oder gelber
Sand gestreut; das ist die äußerste Sauberkeit und Höflichkeit. Der Ofen wird
zum Zerplatzen geheizt. Das feuchte Holz des Fußbodens und der Sand verursachen
einen Geruch, von dem ein Franzose sofort Kopfweh bekommt. Trotzdem beginnen wir
uns seit sechzehn Monaten daran zu gewöhnen und pflichten schließlich dem
Marschall Berthier bei, der gesagt hat »Man muß einen Ofen wie seine Frau und
einen Kamin wie seine Geliebte ansehen.«
Ein Haus muß
sehr arm sein, wenn die kleinen Fenster nicht im Innern mit einem
Musselinvorhang mit Fransen geschmückt sind. Das ist zwar nicht schön und
reich, aber sauber und anmutig.
Die Deutschen
(ich rede von denen von Frankfurt bis Berlin uns besonders vom Herzogtum
Braunschweig) haben eine Vorliebe für Stiche. Man findet sieben bis acht, und
nicht mal schlechte, bei einem Flickschuster, oft einen Niobe- oder Apollokopf.
Aber man wundert sich, neben einem schönen Antinouskopf einen Stich für 25
Sous in einem kostbaren Rahmen zu finden.
Das ist nicht
die Seele des Italieners, auch nicht der Geschmack der Franzosen; bei diesem
wäre alles gleich mittelmäßig. Einen Antinouskopf fände er zu einfach. Neben
den Stichen findet man ziemlich häufig kleine Miniaturpinseleien oder
wenigstens Schattenrisse. Es sind die Bilder der Eltern und der ganzen Familie.
Diese steifen Figuren sind ohne Geschmack und Anmut.
Die letztere
fehlt den Deutschen, die man auf der Straße trifft, am meisten. Sie haben
stärkere Gliedmaßen und schönere Gesichtsfarbe als die Franzosen, rote
Backen, fast durchweg blonde, bisweilen rote Haare, einen schwerfälligen, oft
dummen Ausdruck. Unerträgliche Dünkelhaftigkeit auf diesen Gesichtern.
Gar keine Anmut
und viel Geziertheit, keine Spur von Natürlichkeit - das macht einen deutschen
Gecken zum lächerlichsten Wesen, dem man begegnen kann. Oft trägt er sehr
spitze Stiefel, eine dicke Halsbinde, eine kleine schmutzige gelbe Weste und
einen Rock mit zwei Zoll langen Schößen. Auf dem Kopf einen riesigen Hut mit
Troddeln und Quasten, dazu einen Gang, als wollte er sich zu Boden werfen.
Dieser Tropf hat prächtige Hautfarbe, schöne blaue Augen, bisweilen mit
schwarzen Wimpern, und herrliches blondes Haar. Aber keine Seele, keinen
Ausdruck als den der Geistlosigkeit.
Die
Braunschweiger Frauen, besonders die Dienstmädchen, gehören zu den schönsten,
die ich kenne. Welche dicht geschlossenen Schenkel, schöne Arme, die schönst
Hautfarbe, schöne Haare. Man findet oft griechische Züge in ihren Gesichtern,
weit häufiger als in Frankreich. Sie haben oft kleine dünne Nasen, schmale
Wangen und niedrige Stirnen. Äußerst selten findet man den kühnen Schwung und
die ausgeprägten Züge des Niobekopfes, aber oft eine sehr hübsche, bisweilen
schöne, fast stets anmutige Gesichtsform. Schöne Augen, häßliche Zähne und
Füße, meist schöne, etwas zu kleine Busen. In der guten Gesellschaft, im
Adel, den wir hier allein sehen, findet man viele angezogene Bohnenstanden.
[...]
So gut die
Frauen aussehen, so unrettbar häßlich sind die Männer: barbarisch verzogene
und meist gemeine Gesichtszüge. Auf zwanzig Schritt erscheint ein junger
deutscher Offizier vielleicht schön [...], aber bei näherer Betrachtung kann
er nur verlieren. Entweder ist sein Gesicht geckenhaft abstoßend, oder es hat
den Eindruck eines rohen, stumpfsinnigen Soldaten. Die jungen Franzosen sehen
weit besser aus als die Deutschen.
Die deutschen Soldaten im
Dienst sind zum Totlachen; so plump und linkisch sind sie. Sie haben keine
Ahnung von dem leichten, eleganten Marsch der kaiserlichen Garde-Infanterie. Bei
den Bürgerleuten fand ich zu Anfang und finde ich noch heute etwas
Militärisches.
Dazu trägt jeder Mann hohe
Stiefel, viele schwarze Halsbinden, riesige Dreispitze, und die Kleider haben
einen strengen Schnitt. Nie etwas Leichtes, nichts, das zum Gezierten oder
Lächerlichen neigt, sobald es unmodern ist, wie vielfach unsere Kleidung in
Frankreich. Dazu einen schweren, langsamen Schritt, nicht ruhig, wie bei den
Türken, sondern eckig, wie bei Rekruten.
Ich bin zwar
kein kompetenter Richter, aber ich halte sie für keckere Reiter als uns. Die
Wohlhabenden halten sich englische Pferde oder schöne Mecklenburger, die den
normännischen sehr ähnlich sind. Ihr Tanz ist sicher, hart und schnell; bei
etwas mehr Anmut könnte er sehr gefällig sein. Der Walzer ist hier zweimal
schneller als in Paris. Die Tanzmusik ist sehr schön und geeignet, aber die
Musiker spielen abscheulich und verderben diese schönen Melodien erbärmlich.
Jeder Ball schließt mit einem »Kehraus«, einer Reihe von bestimmten Figuren,
die durch Polonaisen geschieden sind. Dieser Schritt-Tanz ist das Gegenteil von
der Schnelligkeit und Eckigkeit des deutschen Tanzes.
Die Männer
tragen ihr Haar kurzgeschnitten wie in Frankreich, die Frauen sind nicht mehr
gepudert als bei uns. Die Ballkleider sind einfacher, bescheidener und kälter
als bei uns in der Provinz. Die jungen Männer sehen ebenso gut aus wie die
Mädchen. Aber von einem gewissen Alter ab sind die Männer lächerlich. Alle
Gelehrten, besonders die Professoren, die Bürgermeister, die Geheimräte sind
spaßhaft gekleidet. Sie tragen sehr lange schwarze Röcke, die über der Brust
schrecklich eng sind, und vor allem einen endlos langen Degen.
Vorgestern, beim
Diner beim Präfekten, erschien Herr P. ganz in Schwarz: schwarzer Rock und
Hosen, schwarze Strümpfe, den Degen an einem schwarzen Lederkoppel mit zwei
großen, vergoldeten Fratzen an den Haken. Vielleicht vergaß ich etwas, aber
ich wagte ihn nicht genau anzusehen, um nicht herauszuplatzen. Als ich mich nach
seiner Frau erkundigte, verriet ich mich beinahe ...
Heute, am 18.
April, am zweiten Ostertag, schneit es wie im Dezember ...
Alle Männer
rauchen - im Klub, im Billardsaal, in den Kneipen. Man raucht so viel, daß die
Kleider nach Tabak dunsten. Ich halte diesen Brauch in einem feuchten Land für
gesund; der Rauch gibt den Lungen und Atmungsorganen mehr Ton, und gerade der
Ton fehlt den deutschen Stimmen ja meist. Sie sind gesund und wohlgestaltet,
aber der Ton fehlt. Mir scheint, ihr Butterbrot und ihre ewigen Milchspeisen
sind nicht geeignet, sie lebhafter zu machen. Ich zweifle nicht, daß ihre
geistige Struktur sich änderte, wenn jeder Mann täglich eine Flasche Languedoc
tränke. Im allgemeinen ist der Mensch hierzulande mehr Haustier oder
Frankreich. Das kommt vielleicht von der Leibeigenschaft, die dreißig Stunden
von hier noch besteht und den anständigen Frauen viel von ihrem Wert nimmt.
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Quelle: Henri
Beyle-De Stendhal, Bekenntnisse eines Ichmenschen. - Selbstbiographien,
Tagebücher, Nekrologe. Deutsch von Friedrich Oppeln-Bronikowski. Berlin 1923;
zit. nach: Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten; hrsg. und
eingeleitet von Eckart Kleßmann. (Düsseldorf 1965), ungekürzte
Taschenbuchausgabe München 1976, S. 285-291 |
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GM
(digitale Umsetzung) für psm-data 
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