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Deutschland | Deutscher Bund

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Wolf Gunter Brügmann über einen Frankfurter Streik im Mai 1848
"Deutsche Brüder! Die Freiheit bietet ihre segensreichen Wünsche jedem dar. Soll das arbeitende Volk davon ausgeschlossen werden? Freiheit ist Gerechtigkeit. Auch für die Arbeiter hat die Stunde der Gerechtigkeit geschlagen. Lasst sie nicht ungenützt verhallen! Die Arbeiter sind der Kern des Volkes, sind das Volk selbst; denn ohne Arbeit kein Leben, kein Volk, kein Staat!"

Am 27. März 1848 hatte die Frankfurter Gesetzgebende Versammlung die Vereins- und Versammlungsfreiheit beschlossen. Am Sonntag, dem 14. Mai gründete die erste Allgemeine Arbeiter-Versammlung, aus deren Aufruf die Eingangssätze stammen, in der städtischen Reitbahn den ersten "Arbeiterverein Frankfurt a. Main". Binnen einer Woche traten ihm 1695 Männer bei. Zweimal in der Woche erschien fortan, redigiert unter der Verantwortlichkeit von Eduard Pelz und dem Arbeiter-Präsidenten Christian Esselen, die Allgemeine Arbeiter-Zeitung für Frankfurt, die von "C. Adelmann, Große Eschenheimer Gasse Nr. 25 neu" vertrieben wurde.

Einen Tag vor der Gründung des Arbeitervereins, am 13. Mai, hatten die Frankfurter Bäckergesellen den Meistern Forderungen vorgelegt, die den ersten überlieferten Streik im Frankfurt des 19. Jahrhunderts zur Folge hatten. Weil die Meister nicht reagierten, legten die Gesellen am 17. Mai die Arbeit nieder "und begaben sich nach dem benachbarten Offenbach, um dort die Bewilligung der von ihnen an ihre Meister gestellten, keineswegs unbilligen Forderungen, abzuwarten", wie die Zeitung Der Freistädter berichtete. Und: "In Folge dieses Schrittes machte sich am Morgen des 18. ein Brodmangel in der Stadt bemerkbar, dem indessen durch zweckdienliche Maßregeln der Behörde bald wieder abgeholfen wurde".

Klagen der Bäckerlehrlinge

Am 21. Mai erschien in der Beilage des Frankfurter Journal eine Erklärung der Bäckergesellen, in der sie betonten, "daß unser Handeln nicht im Geringsten in rebellischem oder aufwieglerischen Sinne" sei, sondern "lediglich" dazu dienen solle, "um zu unserem guten Rechte bei den Meistern zu gelangen". Mit der Veröffentlichung ihrer Forderung wollten sie es der "löblichen Bürgerschaft Frankfurts" überlassen, zu beurteilen, "wie weit unsere Klagen gerecht sind". Frankfurter Journal

Das waren ihre vier Hauptforderungen:

1. Verlangen wir in Betten zu schlafen, anstatt wie bisher auf der Werkbank auf einem Kleiensacke. Die Werkbank, die als Schlafstelle dient, kann nicht zugleich wieder als Zubereitungsort der Backwaren dienen, denn wie es mit dem Reinigen dieser Schlafstellen oft hergeht, wollen wir nicht weiter auseinandersetzen, sondern jeder Mensch, kann hierfür selbst weitere Betrachtungen anstellen.

2. wünschen wir alle vierzehn Tage eine Feiernacht, wie dies früher unser gutes Recht war, seit 1835 uns jedoch genommen worden ist. Hat ein Mensch dreizehn Tage gearbeitet, und schwer gearbeitet, dann ist es wohl zu entschuldigen, wenn er auch einmal einige Erholungsstunden haben möchte, um seine Kirche besuchen und seinem Gott dienen zu können.

3. wünschen wir, unsere Auflage (den Beitrag für die Gesellen-Krankenkasse) selbst zu erheben und nicht mehr unter der Verwaltung der Meister, denn bei der Mündigerklärung des ganzen deutschen Volkes dürfte doch wohl der Bäckergeselle auch nicht mehr unter Vormundschaft stehen.

4. wollen wir die gleiche Berechtigung mit den Meistern hinsichtlich der Aufkündigung haben. Ein Meister hat das Recht, einen Bäckergesellen zu jeder Viertelstunde aus seinen Diensten zu schicken, während sich der Geselle auf ein halbes Jahr verbindlich machen muß, mag denn die Behandlung sein, wie immer sie will.

Betten-Konflikt aus Meister-Sicht

In einer Erklärung, mit der die Meister ihre Kompromisswilligkeit öffentlich bekundeten, versuchten diese allerdings noch einmal, die Lage der Gesellen zu beschönigen. Zum Betten-Konflikt und zur Feiernacht liest sie sich so:

"Als Lager hat der Geselle einen breiten, mit Weizen-Schalen oder Speizenspreu gefüllten transportablen Sack, reinlicher und der Gesundheit zuträglicher als es bei unserem Geschäft Betten nur immer sein können. Eine wollene Kolter dient ihm zur Decke, eine gemeinschaftliche Kammer zur Schlafstätte. Auch während der Nacht kann der Geselle in kurzen Zwischenräumen der Ruhe pflegen, und da mag wohl ausnahmsweise von einem oder dem anderen derselbe die Werkbank als Lagerstätte benutzt werden, um rasch wieder zur Hand zu sein und die Wärme der Backstube zu genießen. Auf der Werkbank hat übrigens nur eine einzelne Person Platz, sie wird nie benutzt, ohne vorher abgekehrt zu sein."

Und: "Die Feiernacht wurde auf vielfache Klage des Publikums gegen den Wiederspruch einer ziemlichen Zahl hiesiger Meister im Jahre 1835 vom Hohen Senate abgeschafft, dabei aber ausdrücklich verfügt, daß den Gesellen am Sonntag Zeit und Gelegenheit gegeben werden solle, die Kirche zu besuchen, und gewiß ist keiner derselben jemals durch den Meister verhindert worden, seinem Gott zu dienen, wenn er sich hierzu gedrungen fühlte. Außerdem geht der Geselle wöchentlich mindestens zweimal Nachmittags von 2 bis 7, selbst 9 Uhr zu seiner Erholung aus, während mancher Brodherr und Familienvater wochenlang für seine Person hieran ghar nicht denken darf."

Im Übrigen zeigten sich die Meister "doch von der Ehrenhaftigkeit unserer Gesellen überzeugt, daß sie nicht sowohl aus eigenem Antriebe, als vielmehr unter dem Einfluß einer wühlerischen Partei gehandelt haben."

Ebenfalls im Monat Mai bewegte ein zweiter Konflikt die Frankfurter Arbeiterschaft. Auf Betreiben "vieler hiesiger Bürger" waren "die Dirigenten" des neuen Arbeitervereins aus Frankfurt ausgewiesen worden, woraufhin "eine ziemliche Anzahl" der "Gehilfen der verschiedenen Gewerbe", "namentlich aber viele Schneider und Schuhmacher sofort ihre Arbeit einstellten und sich nach dem benachbarten Bockenheim begaben" um sich dort zu beraten. Dieses Ereignisse hielt der Freistädter in seiner Ausgabe vom 30. Mai fest.

"Über den weiteren Verlauf dieser Streiks finden wir in der Presse des Jahres 1848 fast gar nichts verzeichnet und man muß wohl annehmen, daß sie nach einigen Tagen im Sande verlaufen sind." So heißt es in einer Festschrift, die die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) 1984 zum 100jährigen Jubiläum der Frankfurter Fachgruppen Bäcker und Brauer veröffentlicht hat. Die von Burchard Bösche herausgegebene Arbeit ist auch die Quelle für diesen Bericht.

Der freie Wille . . .

Zum Thema macht der Freistädter im Juni die Tatsache, dass Bäckergesellen, die von sich aus bei einem Frankfurter Meister kündigen, nicht in einen anderen Frankfurter Betrieb überwechseln durften, sondern erst "auf eine gewisse Zeit die Stadt verlassen müssen, selbst wenn sie bei einem anderen Meister Arbeit erhalten könnten". Die Zeitung kommentiert dazu: "Unstreitig ist dies eine Beschränkung der persönlichen Freiheit des freien Willens, Arbeit zu suchen, ... welche sich durch nichts rechtfertigen läßt als etwa durch alte Zunftbücher, die aus einer Zeit stammen, in welcher die Meister noch allein Herren und die Gesellen nicht mehr als Knechte waren." Freistädter

Der Mai 1848 hatte nachhaltige Folgen, wie der Historiker O. Allmann in seiner "Geschichte der deutschen Bäcker- und Konditorenbewegung" festhielt, die im Jahre 1910 erschienen ist. "Was wir aus der Erinnerung alter Kollegen für die nachfolgenden Jahre feststellen konnten, war, daß vom Streik 1848 her ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen Meistern und Gesellen im Bäckergewerbe in Frankfurt vorherrschend war. Die Gesellen hatten keinerlei Vertrauen zu ihren Arbeitgebern und in abgeschlossenen Zusammenkünften sannen sie wiederholt darauf, wie sie den schweren Druck sprengen wollten, der durch die Willkür brutaler Bäckermeister auf ihnen lastete." Besser organisiert waren 1848 die Tabakarbeiter, die im Unterschied zu den Bäckern in einem "unzünftigen" Gewerbe beschäftigt waren, in einer jungen Industrie, in dem zunftmäßige Schranken keine Rolle spielten. Ihre Organisationsbestrebungen im Frankfurter Raum lassen sich bis 1771 zurückverfolgen, als in Offenbach für die Beschäftigten der Schnupftabakfabrik Gebrüder Bernad eine Kranken- und Sterbekasse gegründet wurde. Diese bestand 60 Jahre. Bereits für die Zeit vor der Märzrevolution ist in Frankfurt die Existenz einer Gesellschaft von "Tabakspinnern" nachgewiesen, von Arbeitern, die bei der Herstellung von Rauch- und Kautabak beschäftigt waren. Im September 1848 wurde in Berlin die "Assoziation der Cigarrenarbeiter Deutschlands" gegründet, die schon bald in über 60 Orten, auch in Frankfurt, Gruppen hatte.

Die Zigarrenarbeiter verfügten innerhalb der Arbeiterschaft, die noch weitgehend weder lesen noch schreiben konnte, über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau. Während der Arbeit ließen sie sich von einem Kollegen aus Büchern und Zeitschriften vorlesen und die anderen machten derweil die Arbeit des Vorlesers mit. Vorgelesen wurde der NGG-Schrift zufolge nicht selten auch aus demokratischen und sozialistischen Schriften. "Dadurch erklärt sich auch, daß die Tabakarbeiter in der Märzrevolution und später bei Gründung der Sozialdemokratischen Partei in vielen Städten an vorderster Front standen."

Sterbekasse für Tabakarbeiter

Im Jahre 1852 war es auch in Frankfurt mit der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit wieder vorbei. Am 5. Januar 1852 verfügte das Polizeiamt der Freien Stadt Frankfurt: "Es werden der Arbeiter-Verein, der Arbeiter-Leseverein, das Montagskränzchen, der Volksverein, der Gutenberg-Verein oder -bund, die Association der Cigarren-Arbeiter und die Turngemeinden dahier hiermit aufgelöst und jede fernere Teilnahme daran bei Meidung von Strafe, für fremde Theilnehmer auch bei Ausweisung aus der Stadt und Gebiet, untersagt..." Den "Wirthen und Hauseigenthümern, welche ferner Versammlungen und Zusammenkünfte dieser Vereine in ihren Lokalitäten dulden", wurde "eine Geldstrafe von 50 Gulden für jeden einzelnen Fall" angedroht.



Quelle: FR vom 18. Mai 1998, Beilage 1848, S. 41; ©-Vermerk: mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau

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