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Karl Grobe über Preßfreiheit und Zeitungen
"Preßfreiheit" - das fordernde Wort hat im Vormärz die Willensäußerungen des sich formierenden Bürgertums beherrscht. "Preßfreiheit", das Recht eines jeden, seine Meinung in Wort und Schrift ungehindert zu verbreiten, ohne dass Alleinherrscher und Institutionen ihnen den Mund verboten, bevor er geöffnet war; das Recht, sich die Erfindung des Johann Gensfleisch genannt Gutenberg nutzbar zu machen zur Verbreitung von Gedanken und, wichtiger wohl noch, Informationen. Die Revolution von 1848 hat die "Preßfreiheit", die freie Presse, erkämpft, noch nicht auf Dauer und noch weit entfernt von den Rahmenbedingungen einer Mediengesellschaft. Freie Presse andererseits war das Mittel der 48er, sich zu finden und sich miteinander zu verständigen, Katalysator eines ersten - nachhaltigen - Ansatzes zur Zivilgesellschaft.

Die war zu erkämpfen. Denn die Ansicht, die um 1450 erfundene Technik zur massenhaften Verbreitung gedruckter, zuvor mit beweglichen Lettern gesetzter Texte hätte alsbald die Nichtwissenden zu Wissenden gemacht, so weit die Kulturtechnik des Lesens reichte - sie ist irrig. Der Verdacht, dahin könne es kommen, hat nämlich alsbald die Hüter des geistigen Erbes aktiv werden lassen, schon 1486 in Gestalt des Berthold von Henneberg. Der Mann, Fürstbischof von Mainz, richtete eine Zensurkommission für das gesamte Bistum ein, auf dass Ketzerisches gar nicht erst aus dem Zustand des Manuskripts in den der Druckschrift übergehe. Unmut über mancherlei Praktiken hatte die Kirche wahrlich zu fürchten, und so erließ Papst Innozenz VIII. im folgenden Jahr eine einschlägige Bulle. Es wurden ja zunächst vor allem religiöse Traktate gedruckt, die galt es römisch-sauber zu halten. Den Erfolg der Reformation hat des achten Innozenz Verbot nicht verhindert. Es blieb, auf lange Sicht, so wirkungslos wie das Interdikt eines anderen Innozenz, des zweiten nämlich; unter diesem hatte das Zweite Laterankonzil im Jahre des Herrn 1239 bei Strafe der Exkommunikation den Christen verboten, die unmenschliche, gottesverachtende Waffe genannt Armbrust einzusetzen, und wenn, dann nur gegen Ungläubige. Was den unchristlichen Fortschritt der Waffentechnik ja nicht hinderte.

Waffen des Geistes sind im allgemeinen humaner und oftmals stärker. Unzensiert, also gesetzwidrig, Gedrucktes hat die Reformation ernsthaft befördert. Sie war nicht nur ein theologischer, sondern auch ein eminent politischer Vorgang: Sie erschütterte die auf christkatholische Legitimation gegründete Macht der Fürsten über Territorium und Untergebene, die der Feudalherren über das Volk. Der Speyerer Reichstag führte daher im April 1529 die Bestimmung ein, "dass fürderhin nichts Neues gedruckt..., zu feilem Verkauf getragen oder ausgelegt werde..., das soll zuvor von jeder Obrigkeit darzu verordnete verständige Personen besichtiget; und so darin Mängel befunden, so soll dasselbige zu drucken oder feil zu haben bei grosser Straf nicht zugelassen, sondern als strenglich verboten und gehalten auch der Dichter, Drucker und Verkäuffer, so solche Gebot überfahren, durch die Obrigkeit, darunter sie gesessen oder betreten, nach Gelegenheit gestrafft werden". Vorzensur also. Sie blieb, sie hat dreieinhalb von fünf Jahrhunderten Pressegeschichte in unseren Landen bestanden. Manniglich Fürsten mochten sich genieret fühlen...

Regenbogenpresse fehlte

Elisabeth von Rußland zum Beispiel, Tochter Peters des Großen, Gründerin der Moskauer Universität, wie eine andere, größere, russische Kaiserin nach ihr mit einem Günstling verbandelt in, wie man freundlich und postum umschrieb, "heimlicher Ehe". Stoff für die Regenbogenpresse - nur: die gab es noch gar nicht. Franz Varrentrapp hatte vielmehr 1752 im Avant Coureur und den Frankfurter Berichten von den Staats-, Kriegs- und Friedensangelegenheiten die harmlose Desinformation verbreitet, die Kaiserin wolle abdanken und ins Kloster gehen. Sie erwirkte - nicht eine Gegendarstellung, sondern das Verbot beider Blätter. Gut, Freund Graf Rasumowski mag das veranlasst haben; das bleibt ein, mit Verlaub, Familiengeheimnis. Es blieb andererseits nicht das einzige Verbot.

Napoleons in Mainz residierender Regierungskommissar zum Beispiel ließ im Jahre 11 der Französischen Revolution - 1799 nach unserem Kalender - ein angesehenes Frankfurter Blatt nicht mehr über den Rhein, und als der Korse selbst seine Armeen ins Rechtsrheinische führte, hatte das Blatt wie alle anderen von 1811 bis 1814 zu schweigen. Das war protestantisch, kleinformatig, kam viermal in der Woche heraus und war vor allem wegen seiner literarischen Besprechungen geachtet. Sein Titel war lang. Der Gründer, Gymnasiallehrer Benedikt Schiller, hatte es 1771 Frankfurter Staatsristretto, oder kurzgefaßte Erzählungen der neuesten und merkwürdigsten Nachrichten und Begebenheiten der europäischen Staaten wie auch der Wissenschaften, der Künste und nützlicher Erfindungen getauft. Der gebildete Leser wusste wohl, dass ein ristretto eine kurze Inhaltsangabe ist. Sofort war der Staatsristretto durch gutes Deutsch aufgefallen; sollte daher die Klage der Lehrer kommen, dass die Journalisten die Sprache verhunzen, die Gymnasialprofessoren aber sie hüten und hegen? Immerhin hat Ludwig Börne am 1. Januar 1819 die Redaktion des nun Zeitung der freyen Stadt Frankfurt geheißenen Blattes übernommen, wurde in einem halben Jahr viermal wegen freizügiger Schreibe vom Polizeigericht der Stadt bestraft, zuletzt zu vierzehn Tagen Arrest, bis er auswich ins benachbarte, liberalere, Offenbach.

"Frankfurt", hatte Pfarrer Anton Kirchner im Jahre 1818 notiert, "zählt der Zeitungen mehrere, deren vier (eine französische, und drei deutsche: das Journal de Francfort, das Staatsristretto, das Deutsche Journal und die Oberpostamtszeitung) rein politischer Natur sind. Sie stehen unter einem Zensor, der selbst für seine Pflegekinder gegen männiglich - in großer Verantwortung steht. Schon darum lässt sich erwarten, dass die guten Kinder sämtlich in einiger Menschenfurcht erzogen sind..."

Dies hat 130 Jahre später Fried Lübbecke, der sogenannte "Altstadtvater" von Frankfurt, durch eine Bemerkung ergänzt: "Allzu leicht fühlte sich einer der unzähligen europäischen weltlichen und geistlichen Fürsten...nebst ihren Verwandten, Maitressen und Räten durch irgend eine oft harmlose Nachricht in den über ganz Europa verbreiteten Frankfurter Blättern beleidigt und erwirkte bei dem stets auf gute Beziehungen angewiesenen und bedachten Frankfurter Rat eine schwere Bestrafung der ,Skribenten' oder gar das Verbot des ganzen Blattes." Siehe auch: Elisabeth II., wie gesagt.

"Die Presse ist zu zensieren!"

Dabei gab es Meinungspresse, gar Kampfpresse, in deutschen Landen noch gar nicht. Es sollte sie auch nicht geben. Am 6. bis 13. August 1819 tagten die Herren des Deutschen Bundes in Karlsbad und beschlossen - aus gegebenem Anlass - auf Wunsch des österreichischen Staatskanzlers Klemens Wenzel Fürst von Metternich: Die Presse ist zu zensieren. Die Burschenschaften sind zu verbieten. Revolutionär gesinnte Lehrkräfte sind zu entlassen. Die Universitäten sind zu überwachen. In Mainz ist eine Zentraluntersuchungskommission einzurichten. Und insonderheit sind die Schriften jener Autoren, die sich als "Junges Deutschland" bezeichnen, von den Lesern selbst in den Leihbüchereien fernzuhalten: Heinrich Laube, Theodor Mundt, Carl Gutzkow, natürlich Heinrich Heine.

Der Bundestag der Fürsten präzisierte diese Karlsbader Beschlüsse am 20. September desselben Jahres einstimmig: Zensur betrifft alle Druckwerke unter 20 Bogen (320 Seiten); für Pressevergehen gegen einen Bundesstaat ist dem Bund gegenüber derjenige Staat verantwortlich, auf dessen Boden sie begangen wurden. Die deutschen Bundesstaaten verpflichten sich zur strengsten Beaufsichtigung der Tagespresse. Der Redakteur einer durch den Bund unterdrückten Zeitung oder Zeitschrift darf seinen Beruf fünf Jahre lang nicht ausüben. Im übrigen brauchte, wer ein Periodikum drucken wollte, sowieso die Erlaubnis der jeweiligen Staatsgewalt, "Konzession" genannt.

In deren Besitz waren häufig eingesessene Monopolisten. In Köln etwa diejenigen der Kölnischen Zeitung, die, wie der SPD-Historiker Franz Mehring urteilte, "mit achttausend Abonnenten die Ansprüche der ultramontanen (päpstlichen; d. Red.) Partei, die am Rhein übermächtig war und der Gendarmenpolitik viel zu schaffen machte", vertrat. Wer konzessionsbewehrt versuchte, preußische Regierungspolitik zu publizieren - der wurde aufgekauft. Doch eine Gruppe wohlhabender Kölner Bürger brachte Geld genug auf, um am 1. Januar 1842 erstmals die Rheinische Zeitung erscheinen zu lassen, begünstigt von der Regierung zu Berlin und zu leiten von den Junghegelianern Referendar Georg Jung und Assessor Dagobert Oppenheim.

Exil für den Redakteuer Marx

Was Wunder, dass beide sich der Feder anderer Junghegelianer zu versichern wußten, so des Moses Heß und auch des jungen Doktors Karl Marx aus Trier. Der schrieb anfangs aus seiner Heimatstadt Beiträge, bestimmte dann bald den Ton der Rheinischen Zeitung, zog schon nach wenigen Ausgaben Klagen wegen subversiver Tendenzen auf sich, stand aber im Oktober 1842 an der Spitze des Blattes. Nicht lange; ein paar harmlose Bemerkungen über die mögliche friedliche Lösung der Ansprüche der Mittelklasse brachten die Allgemeine Zeitung in Augsburg auf den Gedanken, da liebäugele wer mit dem Kommunismus. Ideologische Bedenken oder Konkurrenzangst des wahrhaft nationalen Augsburger Blattes, das ja doch selber Heinrich Heines brisante Pariser Texte über französischen Sozialismus und Kommunismus gedruckt hatte? Gleichwie - der Doktor Marx mußte ob des Drucks der Zensur ins Exil, im Frühjahr 1843 schon.

Er kehrte noch einmal, als Redakteur, an den Rhein zurück, nach den Märztagen von 1848, und konnte vom 1. Juni des Revolutionsjahres 1848 an die Neue Rheinische Zeitung herausbringen, zusammen mit Heinrich Bürgers, Ernst Dronke, Friedrich Engels, Georg Weerth und den Brüdern Ferdinand und Wilhelm Wolff. Ach, kein journalistisches Projekt; "die Neue Rheinische Zeitung nannte sich ein ,Organ der Demokratie', doch sie war es nicht im Sinne irgendeiner parlamentarischen Linken", bescheinigte ihr Franz Mehring sechzig Jahre später. "Nach dieser Ehre geizte sie nicht, vielmehr hielt sie die Überwachung der Demokraten für dringend notwendig... Ganz im Geiste des Kommunistischen Manifestes suchte sie die revolutionäre Bewegung voranzutreiben, so wie sie nun einmal war". Das ging nur bis zum Sommer 1849, zum Ende der Revolution.

Die hatte nun allerdings mit dem Zustand gründlich aufgeräumt, den Peter de Mendelsohn am Beispiel der vorrevolutionären Berliner Presse geradezu vernichtend charakterisiert: "Die drei Zeitungen, die Vossische, die Spenersche und die Staatszeitung, brachten über die inneren Verhältnisse Preußens fast gar nichts und aus dem Ausland nur ein dürftiges Gerippe solcher politischer Nachrichten, deren Veröffentlichung die hohe Zensur gestattete".

Die Vossische Zeitung hatte allerdings schon seit 1843 Meinungsfreiheit und Verfassung gewünscht; und am 19. März brachte ihr Redakteur Ludwig Rellstab dem König Friedrich Wilhelm IV. den Entwurf einer Proklamation, die zur Beruhigung des Volkes öffentlich verteilt werden sollte. Das geschah; "der Zeitungsredakteur war zum Sprecher des Volkes geworden" (de Mendelsohn), die Zeitungen wurden in dem Maße politisch, in dem das den Staatsdingen bisher fernstehende Bürgertum politisch wurde.

Berliner Presse erfreut bis verwirrt

So machten in Berlin Neugründungen Furore, die Zeitungshalle zum Beispiel, bis sie den preußischen Bürgern zu radikal wurde - sie hatte sich der polnischen Bürger Preußens allzu engagiert angenommen -, der scharf satirische Kladderadatsch, die gemäßigt demokratische Nationalzeitung, die demokratisch-radikalere Locomotive, etwas später die Kreuzzeitung, der satirische Krakehler, Reform, Republik, Volksblätter - acht demokratische Blätter erfreuten die Leser an der Spree und verwirrten sie auch.

"Wer Preßfreiheit will", beruhigte der Staatsanwalt am Berliner Strafgericht, "muß auch deren Mißbräuche zu ertragen wissen, die Neuheit der Sache läßt übrigens die Größe der Gefahr wohl überschätzen". Nur den General der Kavallerie von Wrangel beruhigte das nicht; er ließ verbieten, am 13. November 1848, für die Dauer des Belagerungszustandes.

Der Polizeipräsident, von Hinkeldey mit Namen, ließ fortan beschlagnahmen, verbieten, Druckereien stillegen. Die Vossische Zeitung bewegte sich eilends ins Regierungslager zurück, die Kreuzzeitung nahm die Partei der Polizei, und der Redakteur Held sprang von der Locomotive ab und bekehrte sich zur Tante Voss.

Was in Berlin noch erschien, spottete auf Frankfurt. Und auf Heidelberg, wo schon seit Mai 1847 die Deutsche Zeitung täglich mit einer für die Deutschen völlig neuen Einrichtung die liberal-demokratische Richtung wies, mit dem Leitartikel, der an der Spitze der ersten Seite analysierte, einordnete und wertete.

Georg Gottfried Gervinus war Gründer und Redakteur - nach heutigem Sprachgebrauch Chefredakteur - der Deutschen Zeitung. Ein bedeutender Wissenschaftler, ein "gemäßigt pro-preußischer Liberaler" - und einer sieben Göttinger Professoren, die es 1837 gewagt hatten, gegen die Aufhebung des erst vier Jahre alten hannöverschen Staatsgrundgesetzes durch König Ernst August II. zu protestieren. (Die anderen sechs waren Christoph Dahlmann, Jacob und Wilhelm Grimm, Wilhelm Eduard Albrecht, Heinrich von Ewald und Wilhelm Eduard Weber). Auf den Protest folgten postwendend Berufsverbot und für Gervinus Landesverweis. Seit 1844 lehrte er wieder - in Heidelberg - Literaturgeschichte. Seine Zeitung trug ganz erheblich zur Begriffsbildung des deutschen Liberalismus bei, und einige Zeit war er Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung.

Das alles ging den Radikalen nicht weit genug. Binnen kurzem, kaum war das Vorparlament zusammengekommen, entdeckte die Linke die Freiheiten des Mediums. Die Sachsenhäuser Revolutionäre äußerten sich im Frankfurter Volksblatt des Dr. Max Reinganum. Der Sozialist Robert Blum inspirierte die Reichstagszeitung, sie starb mit ihm: am 9. November 1848 wurde er wegen seiner Beteiligung am Wiener Oktoberaufstand standrechtlich erschossen. Zuerst in Darmstadt, dann in Frankfurt redigierte Arnold Ruge, ein früherer Mitstreiter des Karl Marx, eine Revolution lang das Organ der radikalen "Donnersberger", die Neue Deutsche Zeitung, bis die Stadt sie am 14. Dezember 1850 verbieten ließ.

Krebbel- und frische Brödcher

Nur auf fünf Ausgaben kam 1848 die Allgemeine Arbeiter-Zeitung, radikaldemokratisch, für die allgemeine Volkswehr und beherrscht von der Einsicht, dass "der vierte Stand das ganze Volk bildet". Eine Zeitung aber eher für "den arbeitenden Mittelstand", dessen Interessen der Freistädter rund ein Jahr lang vertreten konnte. Und auch die politische Satire entdeckten die Frankfurter. Friedrich Stoltze, Sohn des Gasthalters Stoltze zum Rebstock am Frankfurter Dom, seit seiner Jugend dem "Jungen Deutschland" nahe, ist freilich erst nach 1852 mit der Frankfurter Krebbel- und Frische Brödcher Zeitung und dann der Frankfurter Latern berühmt geworden. Sein "illustriertes-satirisches, humoristisch-lyrisches, kritisch-raisonnierendes, ästhetisch-annocierendes Wochenblatt" war mehr als witzische Mundartdichtung; die Maskerade, die der Autor sich anbetrachts der wiedergekehrten Hemmnisse angelegt hatte, sollte mit dem Inhalt nicht verwechselt werden.

Arnold Ruge übrigens, Zusammenhalt der radikalen Linken in Frankfurt und kurze Zeit Chef der Berliner Reform, hatte Deutschland verlassen müssen. Auf die journalistische Einmischung verzichtete er nicht. Der Pastor an der Bremer Liebfrauenkirche, Rudolph Dulon, verschaffte ihm im November 1849 Bleiberecht; vor der drohenden Verhaftung brachte er ihn beim "Marschendichter" und aufrechten 48er Hermann Allmers unter, der dafür mit 20 Talern Geldstrafe gebüßt wurde; vom Exil in Brighton aus schrieb Ruge weiter für Pastor Dulons proudhonistisch angehauchte, das Gottesreich brüderlicher Gleichheit und Gerechtigkeit auf Erden forderende Tages-Chronik, bis die am 20. Mai 1851 das Zeitliche segnen musste. Später zum Preußentum bekehrt, wurde Ruge zuletzt vom deutschen Staat mit einer Tausend-Mark-Rente bedacht, bis zu seinem Tode 1880.

Das Ende der Revolution war auch die Niederlage der Pressefreiheit, zunächst; Steuern und Abgaben verteuerten sie, so dass Massenpresse noch nicht aufkommen konnte. Die Lektüre blieb deshalb noch Vorrecht der Besitzenden, hier und da der Kaffeehausbesucher; in Wien hat sich das am längsten behauptet.

Und noch eins war, je nach Land bis 1852, äußerst hinderlich: ein staatliches Anzeigenmonopol, der "Intelligenzzwang". Der besagte, dass jegliches Inserat zuerst dem bevorrechteten "Intelligenzblatt" anzubieten und dort zu drucken war; Intelligenzblätter aber waren reine Anzeigenplantagen ohne rechten Informationsgehalt. Erst als diese Fessel fiel, als mit Schnellpressen und Telegraph die Nachrichtenübermittlung sich abermals beschleunigte und wirtschaftliches Interesse den breiter werdenden Mittelstand nach Freiheit und Information verlangen ließ, konnte sich die Presse wieder entfalten, in einem Land, welches das Analphabtentum überwand, zur Massenware werden - bis sie 1933 der Nazi-Gleichschaltung zum Opfer fiel. Da war aber auch sonst nichts mehr von 1848 zu retten.



Quelle: FR vom 18. Mai 1998, Beilage 1848, S.34; ©-Vermerk: mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau

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