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Deutschland | Deutscher Bund

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Proklamation Jérôme Bonapartes an seine Untertanen in Westfalen

Unsern guten und getreuen Einwohnern des Königreiches Westfalen Unsern Gruß.

Einwohner Westfalens! Die göttliche Vorsehung hatte diesen Zeitpunkt bestimmt, um eure zerstreuten Provinzen und benachbarten und dennoch sich fremden Geschlechter unter einem erhabenen Grundgesetz zu vereinigen. Ich habe diesen Thron bestiegen, vorbereitet durch den Sieg, errichtet durch die Bestimmung der großen Mächte Europas, gegründet auf einen nicht minder heiligen Titel, euer wahres Interesse. Nur zu lange wurden eure Fluren durch Familienansprüche und Kabinettsintrigen gedrückt. Alle Drangsale des Krieges wurden euch zuteil, und ihr bliebet ausgeschlossen von dem Vorteil des Friedens. Nur einige eurer Städte ernteten die trockne Ehre, ihren Namen den Verhandlungen zu leihen, bei welchen nichts vergessen wurde als das Schicksal der Völker, welche sie bewohnten. Wie ganz von diesen verschieden sind die Resultate derjenigen Kriege, welche gegen das Haupt meines hohen Hauses erregt wurden. Nur für die Völker hat Napoleon gesiegt. Jeder Friede, den er geschlossen hat, ist ein Schritt mehr zu dem Zweck, den sein großer Genius beschlossen hat, ganzen Nationen eine politische Existenz, eine Regierung durch weise Gesetze zu geben, für jede von ihnen ein Vaterland zu bilden und keine länger in der bedauernswürdigen Nichtigkeit zu lassen, bei welcher sie sich gegen den Krieg nicht verteidigen und des Friedens nicht genießen können.

Einwohner Westfalens! Dieses waren die Resultate der Tage von Marengo, von Austerlitz, von Jena. Dieses ist jetzt die merkwürdigere Folge des Friedens von Tilsit für euch. Durch den letzteren Tag habt ihr das erste aller Güter, ein Vaterland, gewonnen. Entfernt aus euren Gedanken das Andenken an jene zerstückelte Herrschaft, die letzten Überbleibsel des Lehnwesens, wodurch fast jeder Fleck einen eignen Herrn erhielt. Jene verschiedenen Interessen müssen nun ein einziges werden. Das Gesetz ist von nun an euer Herr, euer Beschützer, der Monarch, verpflichtet, es in Ansehen zu erhalten. Andere Obere werdet ihr in Zukunft nicht kennen.

Einwohner Westfalens! Ihr habt eine Konsitution, angepaßt euren Sitten und euren Interessen. Sie ist die Frucht des Nachdenkens eines großen Mannes und der Erfahrungen einer großen Nation. Ihre Grundsätze stimmen überein mit dem gegenwärtigen Zustand der Bildung Europas und enthalten Aussicht zu Verbesserungen, welche reichlich die Opfer ersetzen werden, die der eine und andere von euch der neuen Ordnung der Dinge willig bringen muß. Ihr müßt also derselben mit Zutrauen gehorchen, weil auf ihr ihre Freiheit und euer Glück beruhet. Indem ich den Thron besteige, verpflichte ich mich, euch glücklich zu machen, und ich werde treu diesem Gelübde sein. Gleichheit des Gottesdienstes soll eingeführt, das Eigentum gesichert und befestigt werden. So soll zwischen mir und meinem Volke eine auf gegenseitige Gelübde und Interessen beruhende Sicherheit bestehen, welche nie verändert werden wird.

Bewohner Westfalens! Euer Regent rechnet in Zukunft auf eure Treue und auf eure unerschütterliche Zuneigung.

Gegeben in Unserm königlichen Palast zu Kassel, den 15. Dezember 1807, im ersten Jahr Unserer Regierung.

Hieronymus Napoleon





Quelle: Rudolf Goecke und Theodor Illgen, Das Königreich Westphalen. Düsseldorf 1888; zit. nach: Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten; hrsg. und eingeleitet von Eckart Kleßmann. (Düsseldorf 1965), ungekürzte Taschenbuchausgabe München 1976, S. 282ff

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