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Primaerliteratur
Deutschland | Deutscher Bund

[P|S|M]

Der Preußische Sonderbeauftragte Radowitz an Friedrich Wilhelm IV. (16.3.48)
Eurer Majestät Gesandter wird Allerhöchst Ihnen berichten, dass die politische Revolution in Österreich vollbracht ist. Die Frage, über die nähere Gestaltung der konstitutionellen Regierung greift in Einzelheiten, die für Österreich wichtig, für das Allgemeine aber von geringer Erheblichkeit sind. Aber die Frage, die das ganze Herz im Innersten zusammenzieht, ist: wie wird der Rückschlag dieses ungeheueren Ereignisses Preußen treffen? Gott allein weiß, ob es nicht schon geschehen, wenn diese Zeilen vor Eurer Majestät Augen kommen [...]

Nach aller menschlichen Voraussicht wird der Petitionssturm aufbrausen, Demonstrationen drohender Art sich anschließen, und der Aufruh folgen; sein entscheidender Schauplatz in allen Staaten ist die Hauptstadt.

Werden Euere Majestät ihn mit den Waffen bekämpfen können und wollen bis zum Äußersten hin? Die Pflicht hierin reicht nicht weiter als die Möglichkeit [...]

Wenn aber Euere Majestät sich nach reiflichster, nüchternster Prüfung sagen müssten, dass dieses Verfahren unmöglich sei, weil der Aufruhr die andern Städte und Provinzen ergreifen und einen allgemeinen Abfall erzeugen würde, dann tritt der verhängnisvolle Moment ein, wo Eure Majestät sich sagen würden, ob Allhöchst sie in die konstitutionelle Bahn eingehen können und wollen. Absichtlich gebrauche ich dies Stichwort im Sinne des Repräsentativ-Systems, als Volksvertretung, verantwortliche Minister und Budgetverhandlung etc.

Fühlen sich Euere Majestät in Ihrem Gewissen hierzu berechtigt und verpflichtet, so bitte ich Sie, um alles was heilig und teuer ist, säumen Euere Majestät keinen Augenblick. Nur das ganz Freiwillige rette dann das Wesen der Monarchie und trägt vielleicht den Keim einer rechtlichen Entwicklung in sich. Dieselben Schritte, durch den Aufstand abgezwungen, werfen in den Abgrund die Revolution.

Entschließen sich Euere Majestät, diesen Weg zu betreten, so wäre ohne allen und jeden Verzug notwendig:

1. die Entlassung einiger Minister, die die sogenannte öffentliche Meinung mit schwerem Unrechte zum Gegenstande ihrer besonderen Abneigung macht [...]

2. die Ernennung einiger dem konstitutionellen System angehörigen Minister aus der Zahl solcher Personen, die dabei rechtschaffende Männer und Patrioten sind;

3. die Aufhebung der Zensur:

4. die positive königliche Erklärung, dass Euere Majestät mit dem in kürzester Frist einberufenen Landtag eine ausgedehntere Repräsentativ-Verfassung beraten werden [...]. Der jetzige namenlose Zustand, abgesehen von dessen äußerem Anstoße, ist durchaus entstanden, dass man der destruktiven Partei überlassen hat, andere Oppositionskräfte an sich zu ziehen, die ihrer Natur nach keineswegs unvereinbar mit der monarchischen Ordnung sind. [...]

Drittens. Die Sehnsucht nach nationaler Aufrichtung. Euere Majestät haben auch hierin mit unvergleichlicher Empfindung das Beste gewollt, aber an die Ausführung ist zu spät die Hand gelegt worden. Jetzt führt diese Tendenz zu dem sogenannten deutschen Parlament [...].

Viertens. Die Sozialistische Bewegung, als Kampf des Proletariats um gesicherte Existenz und Organisation der Arbeit. Man hat diese neue ungeheure Kraft als utopisch verhöhnt, oder bloß polizeilich abgewiesen. Überlässt man sie sich selbst, so sprengt sie unfehlbar den ganzen Bau der modernen Staaten, welche politische Verfassung sie auch annehmen mögen. Eben deshalb, weil sie außerhalb der doktrinellen Politik steht, gibt sie aber auch neue und große Mittel in die Hände des monarchischen Prinzips und vermag ein mächtiges Gegengewicht selbst innerhalb des Repräsentativ-Systems abzugeben. [...]



Quelle: Hassel, P. (1905) - Joseph Maria von Radowitz. Bd.1. Berlin

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