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Sekundaerliteratur
Deutschland | Deutscher Bund

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Friedrich Wendel - Das 19. Jahrhundert in der Karikatur (I)

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Abb. 4: Pariser Karikatur auf die von Louis XVI. einberufene Reichsstände-Versammlung.
Der alte Affe: "Liebe Tiere, ich habe Euch zusammenberufen, um Euch zu fragen, in welcher Sauce Ihr gefressen werden wollt!" "Aber wir wollen ja gar nicht gefressen werden!" "Erlauben Sie, ich finde, Sie schweifen vom Thema ab!"

(S. 9) Die Karikatur die den Kopf dieser Seite schmückt, erschien zu Paris in jenen schönen Maitagen des Jahres 1789, als ein grellstes Rampenlicht der geschichtlichen Bühne jene Faktoren traten, die bestimmend werden sollten für die Gestaltung des 19. Jahrhunderts, dessen Kinder wir sind.
Der skandalöse Zustand der französischen Finanzen war der unmittelbare Anlaß für König Ludwig XVI., die Reichsstände zusammen zu berufen. Es trat eine Volksvertretung zusammen, die in ihrer vorsintflutlichen Kastengliederung wie ein Hohn auf die vollkommen anders geartete gesellschaftliche Wirklichkeit von 1789 wirkte. Da sonnte sich in der Gunst des Hofes ein Adel, (S. 10) der sein Luderleben auf Pachtwucher und Pump gegründet hatte und dessen Existenz die zunehmende Verelendung der Bauernschaft bedeutete. Neben ihm erschien die Staatsrepräsentation einer Geistlichkeit, die, was ihre höheren Grade anging, ihr Wohlleben auf ähnlichen Grundlagen aufgebaut hatte, die jedoch in den Kreisen des niederen Klerus von den Ideen der Enzyklopädisten, dem geistigen Sprengpulver damaliger Zeit, nicht unberührt geblieben war. Und es erschien der politisch so gut wie entrechtete, wirtschaftlich aber fast ausschalggebend in Betracht kommende dritte Stand gründlich vorbereitet durch erlauchte Geister auf die Rolle, die zu spielen ihm vorbehalten war, und durchaus im klaren darüber, wie die Machtverhältnisse in einer Situation lagen, die allerernsteste Auseinandersetzung bedeutete. Ihm, dem dritten Stand, gehörte die Stunde - der König und sein Adel, sie waren zu Schemen geworden. Die Schemen verlangten von der Wirklichkeit, sie möge sich opfern ihm zuliebe. Die Monarchie verlangte vom längst revolutionierten Bürgertum, es möge ihm die Mittel zur 

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Abb. 5: Pariser Karikatur von 1789 auf Feudalismus und Bürgertum
Wer wird den Platz behaupten?

(S. 11) Weiterexistenz gewähren. Diese Situation war in der Tat so hochkomisch, daß der Pariser Witz mit jener Karikatur den Nagel auf den Kopf traf. In der Tat dieser Hühnerhof hatte nicht die geringste Lust, sich fressen zu lassen. In jener weltberühmten Broschüre des Abbé Sieyes "Was ist's um den dritten Stand?" hieß es zwar: "Was ist der dritte Stand? Alles. Was bedeutet er heute? Nichts. Was verlangt er? Etwas zu werden!" Aber man verlangte nicht nur etwas zu werden, man drückte sich nur vorsichtig, für die Wissenden allerdings deutlich genug aus - war er alles, der dritte Stand, so gehörte auch bei Hofe keine 

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Abb. 6: Karikatur von James Gillray auf das Jakobinertum
Eine Pariser Schönheit!

(S. 12) besondere Schulung in gallischer Logik dazu, um zu vermuten, daß die verachtete, aber leider allzu bedeutsam gewordene Kanaille alles zu werden wünsche.
Wie es denn auch war. Denn er, der dritte Stand, war im Besitz der Verfügungsgewalt über die die Formen der Gesellschaft bestimmenden Produktionselemente, von ihm hing die Gestaltung der Handelsbilanz ab, sein Wort vermochte Brotkorn zu verschaffen, wenn der durch seinen Junker an Händen und Füßen gefesselte Bauer wieder einmal ausfiel im Nationalhaushalt Frankreichs, er, der dritte Stand, besaß das Kapital, den goldenen Samen, der tausendfältige Frucht zu bringen vermochte, und er war es, dessen Winken die Bataillone der Arbeit gehorchten. So kam, was kommen mußte. Der dritte Stand, der Sabotagekomödie sehr schnell und energisch ein Ende bereitend, die Adel und Geistlichkeit mit ihm in der Reichsstände-Versammlung zu spielen gedachten, sezessionierte sich und erklärte sich an jenem denkwürdigen 

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Abb. 7: Deutsche Karikatur auf Napoleon I. (1808.) 

(S. 13) 23. Juni 1789 aus eigener Machtvollkommenheit für die alleinige und maßgebliche Repräsentation des französischen Volkes und seine Versammlung für die assemblée nationale, für die Nationalversammlung, auf die allein man von jetzt an zu schauen habe.
Das 19. Jahrhundert bringt in seiner ersten Hälfte den politischen Kampf der Bourgeoisie um die Befreiung des Kapitals, des ausschlaggebend gewordenen wirtschaftlichen Faktors, aus den Fesseln eines bevormundenden Feudalismus. Es bringt in seiner zweiten Hälfte den Sieg der Bourgeoisie über den Feudalismus, die Unterwerfung der monarchischen Spitze unter das Diktat kapitalistischer Erfordernisse und, teilweise darüber hinausgehend, die Beseitigung der monarchischen Befehlsgewalt, wo diese den 

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Abb. 8: Karikaturistisches Vexierbild, gemünzt auf Napoleon I. In Deutschland um 1809.
Wo ist der Räuberhauptmann?

 

(S. 14) kapitalistischen Erfordernissen nicht zu genügen vermag. - Wie in einer Ouvertüre von höchster dramatischer Lebendigkeit und Anschaulichkeit wird dieser Inhalt des bourgeoisen Jahrhunderts durch den Verlauf der Revolution von 1789 programmatisch entworfen. 

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Abb. 9: Französische Karikatur aus dem Jahre 1801.
Englands Situation.

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Für den Bücherkreis verlegt durch J.H.W. Dietz Nachfolger / Berlin 1925

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