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[P|S|M]

Deutschland | 1848 & 1849

[P|S|M]

Aus der Polendebatte der Deutschen Konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt a.M.
(24.-27.7.1848):

"Beratung des Berichts des völkerrechtlichen Ausschusses, die Einverleibung eines Teils des Großherzogtums Posen in den Deutschen Bund (1) und die Anerkennung der Abgeordneten desselben ... betreffend.

[E.M.: Der Ausschuß beantragt], die hohe Nationalversammlung möge ... (S. 43)

1) Die Aufnahme derjenigen Teile des Großherzogtums Posen, welche auf den Antrag der Königlich Preußischen Regierung ... in den Deutschen Bund aufgenommen sind ... anerkennen und demgemäß die aus dem Deutschland zugeordneten Teile gewählten zwölf Abgeordneten zur Deutschen Nationalversammlung ... nun endgültig zulassen;

2) die ... am 4. Juni d.J. angeordnete vorläufige Demarkationslinie zwischen dem polnischen und dem deutschen Teile vorläufig anerkennen ...

Die Debatte verlief bei zahlreichen Wortmeldungen äußerst lebhaft und zeigte, wie sehr sich seit den Märztagen auf Grund der Posener Ereignisse die deutsche Stimmung gegenüber den Polen verschlechtert hatte. Hart prallte die Forderung der Linken (Blum, Ruge, Schuselka), das historische Polen wiederherzustellen, auf die Gegenforderung, das Selbstbestimmungsrecht der Posener Deutschen anzuerkennen (Goeden) oder gar rücksichtslose nationale Machtpolitik zu treiben (Jordan).

Ruge von Breslau: Ich stelle den Antrag, daß die zwölf Abgeordneten für Posen ... weder mit verhandeln noch abstimmen ...  

Goeden von Krotoschin [in Posen]: ... Üben Sie erst Gerechtigkeit gegen Ihre deutschen mißhandelten Brüder, ehe Sie dieselbe einem fremden Volke zuteil werden lassen! ... Wir wurden behandelt wie die Besiegten, auf deren Nacken der Sieger einen Fuß setzt ... Viele Deutsche flüchteten ... Wir, die Zurückgebliebenen, befanden uns in der peinlichsten Lage ... Verlassen vom Vaterlande und ohne Sympathien in ihm, verlassen von der Regierung, traten wir endlich zusammen, wiesen die Übergriffe zurück und bildeten Vereine, deren gemeinsames Ziel bei dem immer wilder sich gestaltenden Drama die vollständige Trennung beider Völker notwendig sein mußte ... Die Beweistitel unserer rechtmäßigen Einverleibung in Deutschland bestehen nun nicht in vergilbten Pergamenten, wir sind nicht angeheiratet, nicht angeerbt, nicht durch Kauf oder Tausch erworben worden; wir sind Deutsche und gehören unserem Vaterlande an, weil uns ein vernünftiger, rechtlicher, souveräner Wille dazu treibt, ein Wille, der bedingt ist durch unsere geographische Lage, durch unsere Sprache und Sitte, durch unsere Zahl, durch unseren Besitz, vor allem aber durch unsere deutsche Gesinnung und unsere Liebe zum Vaterland, wir sind Deutsche und haben das volle Recht der Trennung von Polen ... Unser Wille ist ein so fester, daß ihn ein entgegengesetzter Beschluß nicht zu beugen vermag ... Es steht Ihnen das Recht zu, uns die Pforten dieses Tempels zu verschließen, unsere deutsche Gesinnung, unser deutsches Herz können Sie uns nicht rauben. Sie werden meinen ... Gründen andere entgegenstellen, sie mögen schärfer sein, wenn sie auch nicht wahrer sein können; (S. 44) ich habe sie aber noch wieder schärfer, es ist der letzte aller Gründe, es ist die scharfe Spitze des Schwertes meines Volkes, mit dem wir unser Recht der Nation gegenüber aufrecht halten werden, die den Beweis der Selbständigkeit der Welt noch schuldig geblieben ist. (Allgemeines Bravo.)

R. Blum von Leipzig: ... Wenn Sie Posen durchschneiden, um die Deutschen zu reklamieren, so schneiden Sie auch Schleswig durch, geben Sie die Slawen los, die zu Österreich gehören, und trennen Sie auch Südtirol von Deutschland! - Ja, ich sage mehr: Wenn Sie ein so lebhaftes Nationalgefühl haben ... so befreien Sie die deutschen Ostseeprovinzen von der Herrschaft Rußlands und befreien Sie die 600.000 unglückseligen Deutschen im Elsaß, die sogar unter der Herrschaft einer Republik schmachten! (Anhaltender Beifall.)

Wilhelm Jordan (2) von Berlin: ... Polen bloß deswegen herstellen zu wollen, weil sein Untergang uns mit gerechter Trauer erfüllt, das nenne ich eine schwachsinnige Mentalität. (Bravo von der Rechten, Zischen von der Linken.) ... Obgleich eine solche poetische Sentimentalität im Grund das Hauptmotiv aller derer ist, welche von uns die Herstellung eines freien Polens verlangen, so sehen sie doch selbst ein, daß ein solcher Grund nicht viel Gewicht hat, und sie versäumen es deshalb nicht, ihre Forderungen auch durch andere Gründe plausibel zu machen. Sie sagen: die politische Klugheit rate, die Gerechtigkeit fordere, die Humanität gebiete die Herstellung eines freien Polens ... Ich sage, die Politik, die uns zuruft: Gebt Polen frei, es koste, was es wolle, ist eine kurzsichtige, eine selbstvergessene Politik, eine Politik der Schwäche, eine Politik der Furcht, eine Politik der Feigheit. Es ist hohe Zeit für uns, endlich einmal zu erwachen aus jener träumerischen Selbstvergessenheit, in der wir schwärmten für alle möglichen Nationalitäten, während wir selbst in schmachvoller Unfreiheit darniederlagen und von aller Welt mit Füßen getreten wurden, zu erwachen zu einem gesunden Volksegoismus, um das Wort einmal geradeheraus zu sagen, welcher die Wohlfahrt und die Ehre des Vaterlandes in allen Fragen obenan stellt ...
Die Übermacht des deutschen stammes gegen die meisten slawischen Stämme, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des russischen, ist eine Tatsache, die sich jedem unbefangenen Beobachter aufdrängen muß, und gegen solche, ich möchte sagen, naturhistorische Tatsachen läßt sich mit einem Dekrete im Sinne der kosmopolitischen Gerechtigkeit schlechterdings nichts ausrichten. Das ist ein Satz, der so feststeht, (S. 45) wie für uns der Erdball selbst. (Gelächter auf der Linken und im Zentrum.) Ich behaupte also, die deutschen Eroberungen in Polen waren eine Naturnotwendigkeit. Das Recht der Geschichte ist ein anderes als das der Kompendien. Es kennt nur Naturgesetze, und eins derselben sagt, daß ein Volkstum auf Grund seiner bloßen Existenz noch kein Recht hat auf politische Selbständigkeit, sondern erst durch die Kraft, sich als Staat unter anderen zu behaupten. Der letzte Akt dieser Eroberung, die viel verschrieene Teilung Polens, war nicht, wie man sie genannt hat, ein Völkermord, sondern nichts als die Proklamation eines bereits erfolgten Todes, nichts als die Bestattung einer längst in der Auflösung begriffenen Leiche ... Ich habe den Mut, eine Handlung der Kabinettspolitik in Schutz zu nehmen, aus einer Zeit, wo es noch keine andere Politik gab ...

Schuselka (3) von Klosterneuburg: ... Herr Jordan hat das traurige, das schauerliche Wort ausgesprochen, Polen sei schon bei der ersten Teilung eine Leiche gewesen ... Womit soll man dann die Monarchen vergleichen, welche sich über diese Leiche herstürzten, sie zerrissen, teilten, und noch heute von dieser Beute zehren? (Beifall auf der Linken und auf der Galerie; Unruhe auf der Rechten.)

[Anmerkung durch Hg. Dr. E. Meyer: Sch. beantragt, die Preußische Regierung aufzufordern, die Teilung Posens rückgängig zu machen.] ...

Janiszewski aus Posen [Pole]: ... Meine Wähler, die Bewohner der Kreise Buk und Samter, sind ... zusammengetreten, um insgesamt gegen die Wahl eines Abgeordneten zu protestieren; als sie aber von den Behörden dahin bedeutet wurden, dies wäre nicht gestattet ... griffen sie zur letzten gesetzlichen Waffe ... sie wählten zum Abgeordneten ein Mitglied des gewesenen polnischen Nationalkomitees, ein Mitglied der Deputation, welche von Sr. Majestät dem König die Reorganisation erbeten hat ... damit er hier vor dem Angesicht des deutschen Volkes die Wahrheit enthülle (lebhafter Beifall auf der Linken und auf der Galerie) ... damit er ihre einzig wahren Wünsche frei und feierlich ausspreche, daß sie nie die Einverleibung dieser Kreise verlangt haben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie keine Deutsche, sondern Polen seien ...

Löw von Posen: ... Meine Herren, die Juden sollten Polen sein? - Wem aber haben sie ihre Stimmen bei den Wahlen gegeben? - Sie zählen diejenigen an den Fingern ab, welche ihre Stimmen andern als Deutschen gegeben haben ... Also wir beanspruchen Rücksicht für die Juden als Deutsche, daß sie, die sich überall für Deutschland (S. 46) und für den Anschluß an Deutschland erklärt haben, dahin gerechnet werden, wohin sie gehören ...

(1) [Anmerkung durch Hg. Dr. E. Meyer:] Auf Grund des Widerspruches der Posener Deutschen, infolge der "nationalen Reorganisation" der Provinz Posen unter polnische Herrschaft zu kommen, wurde die Provinz durch eine (mehrfach geänderte) Demarkationslinie in einen deutschen und einen polnischen Teil getrennt. Der deutsche Teil umfaßte die nörlichen, westlichen und südwestlichen Randgebiete der Provinz. Aus strategischen Gründen wurde jedoch die Festung Posen mit den vorwiegend polnischen Kreisen Buk und Samter (westl. bzw. nördl. von Posen) dem deutschen Teil einverleibt. In diesem "deutschen" Teil der Provinz Posen wurden Abgeordnete zur deutschen Nationalversammlung gewählt, und zwar 10 Deutsche, 1 Jude und 1 Pole.

(2) [Anmerkung durch Hg. Dr. E. Meyer:] geb. 1819 in Insterburg (Ostpreußen), gest. 1904 in Frankfurt a. M. Zu seiner Zeit bekannter Dichter und Schriftsteller.

(3) [Anmerkung durch Hg. Dr. E. Meyer:] geb. 1811 in Budweis (Böhmen), gest. 1889 in Baden. Journalist und Politiker. Zusammen mit Blum und Ruge saß Sch. in der Paulskirche auf der Linken.



Wigard, Franz [Hrsg.], Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt a. M., 2. Bd., Leipzig 1848; zit. nach: Meyer, Dr. E., Deutschland und Polen, 1792-1914, in: Quellen und Arbeitshefte zur Geschichte und Gemeinschaftskunde. Nr. 4263. Stuttgart o.J., S. 42ff.