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Karl Woermann über die polnische Kunst des 19. Jahrhunderts
Nach der letzten Teilung Polens verlegte das polnische Geistesleben, wie schon angedeutet, seinen Schwerpunkt wieder von Warschau nach Krakau. Gebaut worden ist freilich in Warschau, der größeren Stadt, in größerem Umfang. Gotteshäuser in romanischen, gotischen, italienischen und russischen Formen sprossen empor; die eindrucksvollsten sind doch wohl die russischen, wie die 1837 im Renaissancestil erneuerte Dreifaltigkeits-Kathedrale mit ihren fünf vergoldeten Kuppeln und die 1894 begonnene Alexander Newskij-Kathedrale, eine dreischiffige Kuppelkirche mit abseits gestelltem Glockenturm. Den Klassizismus vertreten weltliche Bauten, wie das Schloß Belvedere (1822), die Kaufmanns-Resource (1829) und das große Theater (1833). Im italienischen Renaissancestil prangt Hitzigs, des Berliners, Palais Kronenberg (1869).
In Krakau, dessen Kunst Lepszy geschildert hat, trat Filipp Pokutynski (1829-79) mit seiner freilich bescheidenen Akademie der Wissenschaften als Nachfolger Schinkels auf, während Feliks Ksiezarski (1820-84), dessen Hauptwerk das nüchterne gotische Universitätsgebäude ist, auf die mittelalterliche Formenwelt zurückgriff. Von den Jüngeren aber ist Franz Maczynski wegen seines Kunstpalastes zu nennen, der mit Elementen der Hochrenaissance und des Barocks in modernster Weise schaltet.
Der klassizistische Stil der Bildhauerei ist in Warschau wie in Krakau durch ein Hauptwerk Thorvaldsens vertreten. Warschau besitzt kein Sitzbild des Kopernikus, Krakau sein in heroischer Halbnacktheit prangendes Standbild des Vladimir Potocki. Ein Schüler Thorvaldes, Karl Ceptowski, gilt als der Stammvater der Krakauer Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts, von deren Sprößlingen Marzel Gunyski (gest. 1893) mit einer sprechenden Bronzebüste des Dichters Mickiewicz, Anton Pleszowski mit der edlen Bronzegestalt "Trauer", Pius Welonski mit dem ehernen Gladiator und dem "Sclavus saltans" im Krakauer Museum vertreten sind. Wenzel Szymanowski, der schon Rodin kennt, hat das (S. 689) weiche, malerische Denkmal des Malers Grottger in Krakau geschaffen. Cyprian Godebski aber, der, in Frankreich geboren (1835), ganz zum Pariser geworden ist, ist in Warschau mit seinem Denkmal des Komponisten Moniuszko und dem Standbild des Dichters Mickiewicz (1898) in der Kathedrale besser vertreten als in Krakau.
Die polnische Malerei des 19. Jahrhunderts beginnt in Krakau um 1835 mit der Rückkehr Wojcdiech Stattler-Stanskis (1800-1882) aus Rom, wo er sich der Richtung Overbecks angeschlossen hatte. Zu seinen Schülern in Krakau gehören Arthur Grottger (1837-1867), dem seine tüchtigen vaterländischen Geschichtsbilder jenes Denkmal in Krakau eintrugen, und Jan Mateijko (1838-93)), der ein Künstler von europäischem Rufe war. Seine Riesenbilder aus der polnischen Geschichte, denen man in Krakau, Wien und Lemberg nachgehen kann, zeichnen sich durch außergewöhnliche Lebens- und Farbenfülle aus, sind aber doch theatralisch aufgefaßt und künstlerisch mit ihrer Gestaltenmenge, ihrer unruhigen Bewegung und ihrer bunten Färbung keineswegs abgeklärt. Neben Stattler-Stanski stand Peter Michalowski (1800-1855), der schon früh nach Paris gegangen war und sich unter Charles zum scharfblickenden Militär- und Pferdemaler (hauptsächlich in Aquarellen und Zeichnungen) ausgebildet hatte. Ihm folgte Julius von Kossak (1824-99), der gar Schüler Horace Bernets in Paris gewesen war, folgten dann Joseph von Brandt (geb. 1841), der unter Adam und Piloty zum Münchener wurde, sein kecker Schüler Julian Falat (geb. 1853) und die Warschauer Max Gierymski (1846-74) und Alexander Gierymski (um 1850-1901). Julian Falat, seit 1895 Krakauer Akademiedirektor, ist, mit der Zeit fortschreitend, ins Freilichtlager übergegangen. Impressionistischer empfindet Theodor Axentowicz (geb. 1859), der zu den Begründern der polnischen Sezession ("Sztuka") gehört; dem modernen Symbolismus aber huldigen polnische Maler wie Leon Wyczolkowski und Jacek Malczewski. Auf München und Wien folgte auch für die temperamentvollen Polen Paris mit allein seinen Schlagworten.



aus: Woermann, Karl, Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker, Bd. 3. Leipzig und Wien 1911, S. 688f

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