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Jean Jacques Rousseau (1712-1778) im Jahr 1772 über Polen
... Es gibt heute keine Franzosen, Deutsche, Spanier und selbst keine Engländer mehr, was man auch darüber sagen möge; es gibt nur noch Europäer. Alle haben diesselben Neigungen, diesselben Leidenschaften, diesselben Sitten ... Unter denselben Umständen handeln alle gleich; allen nennen sich uneigennützig und sind Schurken; alle sprechen vom allgemeinen Wohl und denken nur an sich selbst; alle rühmen das Mittelmaß und möchten Krösusse sein; sie haben kein Streben als das nach Luxus; sie haben keine Leidenschaft als die nach dem Golde: wenn sie nur sicher sind, alles zu haben, was sie reizt, werden sie sich dem ersten verkaufen, der sie bezahlen will. Was kümmert es sie, welchem Herrn sie gehorchen, in welchem Staat sie Gesetze befolgen? Wenn sie nur Geld zu stehlen und Frauen zu verführen haben, sind sie überall zu Hause.
Gebt den Leidenschaften der Polen eine andere Richtung, und ihr werdet ihren Seelen eine nationale Physiognomie geben, die sie von andern Völkern unterscheidet, die sie verhindern wird, sich mit ihnen zu vermischen, an ihnen Gefallen zu finden, sich mit ihnen zu verbinden ... Von solchen Seelen wird eine wohl angepaßte Gesetzgebung Besitz ergreifen ... Voller Liebe für das Vaterland werden sie ihm mit Eifer und mit ganzem Herzen dienen. Mit diesem Gefühl wird die Gesetzgebung, selbst wenn sie schlecht ist, gute Bürger hervorbringen; und stets werden nur gute Bürger die Kraft und die Blüte ihres Staates bewirken.
Ich werden im Folgenden die Art der Regierung darlegen, die ... mir geeignet erscheint, den Patriotismus und die Tugenden, die von ihm nicht zu trennen sind, auf den höchsten Grad der Stärke, den sie erreichen können, zu bringen. Aber ob ihr diese Regierungsweise annehmt oder nicht, beginnt immerhin, den Polen eine große Meinung von sich selbst und von ihrem Vaterlande zu geben: so wie sie sich gezeigt haben, wird diese Meinung nicht falsch sein. Man muß (S. 7) die Umstände des gegenwärtigen Ereignisses ergreifen, um die Seelen zum Ton der Seelen der Antike zu erheben. Es ist sicher, daß die Konföderation von Bar das schon mit dem Tode ringende Vaterland gerettet hat. Man muß diese große Zeit mit heiligen Lettern in alle polnischen Herzen eingraben. Ich wollte, man errichtete ein Denkmal zu ihrem Gedächtnis und man verzeichnete darauf die Namen aller Konföderierten, ... man schüfe ein wiederkehrendes Fest, um sie alle zehn Jahre zu feiern, nicht mit glänzendem und frivolem Prunk, sondern einfach, stolz und republikanisch ...
Ich wünschte jedoch nicht, daß man sich bei diesen Feierlichkeiten irgendwelche Schmähungen gegen die Russen erlaubte, nicht einmal von ihnen spräche: das hieße sie zu sehr ehren. Dieses Schweigen, die Erinnerung an ihre Barbarei und der Ruhm derer, die ihnen widerstanden haben, werden von ihnen das sagen, was man davon sagen muß; ihr müßt sie zu sehr verachten, als daß ihr sie hassen könntet ... Man muß sie erhalten, wiederherstellen, diese alten Sitten [des öffentlichen und privaten Lebens, Anm. EM], und passende einführen, die den Polen eigentümlich werden sollen. Diese Sitten, mögen sie ohne besonderen Wert, mögen sie in bestimmten Hinsichten sogar schlecht sein, wenn sie es nur nicht in ihrem Wesen sind, haben stets den Vorzug, die Polen mit ihrem Lande zu verbinden und ihnen eine natürliche Widerstandskraft gegen Vermischung mit dem Fremden zu verleihen. Ich sehe es als ein Glück an, daß sie eine besondere Tracht haben. Bewahrt sorgfältig diesen Vorteil ... Mögen weder König, noch Senatoren noch andere Würdenträger jemals andere Tracht als die nationale tragen, und möge kein Pole wagen, am Hof in französischer Kleidung zu erscheinen.



Jean Jacques Rousseau, Considérations sur le gouvernement de Pologne. Oeuvres complètes, hrsg. von V. D. Musset-Pathay, T. V., Paris 1823, S. 260ff.; zit. nach: Meyer, Dr. E., Deutschland und Polen, 1792-1914, in: Quellen und Arbeitshefte zur Geschichte und Gemeinschaftskunde. Nr. 4263. Stuttgart o.J., S. 6f