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Unterrichtsmaterialien
International | Asien | Vietnam

[P|S|M]

Gudrun Decker: Rollenspiel zum Vietnamkrieg
Situation: Wir schreiben das Jahr 1961. Der junge Präsident John F. Kennedy beruft seine Berater zu einer Versammlung ein, weil er eine Entscheidung über das zukünftige Ausmaß des US-amerikanischen Engagements in Vietnam treffen muss.
Achtung: Die unten genannten Personen und Ereignisse sind z.T. historisch korrekt wiedergegeben, einiges (vor allem Namen) ist aber auch frei erfunden!


1. John F. Kennedy:

Sie sind 41 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, seit Januar 1961 im Amt als erster katholischer Präsident der USA, haben den Zweiten Weltkrieg noch als Soldat erlebt und wurden für Ihre Leistungen mit einem Orden ausgezeichnet. Sie haben großes Interesse daran, die Vormachtstellung der USA zu halten und auszubauen, den Kommunismus einzudämmen und wollen Ihr Land aus der politischen Lethargie und wirtschaftlichen Stagnation befreien, die Mitbürger inspirieren und es zu „neuen Grenzen“ führen. Sie möchten die Freiheit für alle Menschen auf der Welt garantieren und treten für die Durchsetzung der Menschenrechte ein (wie bei Ihrem Besuch in der „Frontstadt“ Berlin nach dem Mauerbau öffentlich bekundet und an Ihrem Eintreten für die Rechte der nicht weißen Bevölkerung der USA deutlich wird). Sie möchten der Welt beweisen, dass die USA das bessere System vertreten, das Wohlstand für alle bringt, und dass es leistungsfähiger als der Sozialismus und Kommunismus ist. Sie wollen den Fortschritt der Menschheit; die Raumfahrt (der erste Mensch auf dem Mond soll noch vor Ende des Jahrzehnts ein Amerikaner sein) ist für Sie auch ein Bereich, in dem Sie zeigen können, dass die USA die führende Nation der Welt ist. Vietnam ist für Sie die Messlatte amerikanischer „Glaubwürdigkeit“ (credibility). Sie sehen aber auch, welche Kosten ein weiteres und größeres Engagement in Vietnam für die USA bedeuten; das Geld wird für andere Bereiche fehlen. Seit dem Fiasko in der Schweinebucht misstrauen Sie den Aktionen des CIA.


2. General Westmoreland:

Sie sind Antikommunist, fürchten eine weitere Ausbreitung des Kommunismus in Asien. Sie glauben an die Kompetenz des US-amerikanischen Militärs. Sie meinen, dass Sie mit Ihren guten Waffensystemen, der militärischen Erfahrung und Ihren Fähigkeiten jeden Feind niederzwingen können. Sie wissen, dass keine Streitkraft der Welt besser ist als die Ihre. So ein kleines Land wie Vietnam werden Sie unter Kontrolle bringen! Die Asiaten sind arm, Vietnam ist eine heruntergekommene Kolonie der Franzosen, ohne „know how“, ohne eine bedeutende Rüstungsindustrie, ohne moderne Waffen. Wenn Vietnam dem Kommunismus anheimfällt, kippen die anderen asiatischen Staaten um wie Dominosteine.
Für eine Ausweitung des militärischen Engagements in Vietnam muss der Verteidigungsetat aufgestockt werden; 1960 waren es nur 46 Mrd. Dollar.


3. Arthur Mansfield:

Sie waren Botschafter in Vietnam. Sie wissen mehr über das Land Vietnam und die Verhältnisse im Fernen Osten als die meisten amerikanischen Politiker. Sie haben den Aufstieg von Ho Chi Minh beobachtet, wissen, dass die Vietnamesen für die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen. Viele Menschen sind Anhänger der Kommunisten, weil nur diese gegen den Imperialismus (früher der Franzosen, heute der USA) und für die vietnamesische Nation kämpfen. Als überzeugter Demokrat unterstützen Sie die Unabhänigkeitsbestrebungen aller Länder der Welt, sind für das Ende des Kolonialismus und treten für das Selbstbestimmungsrecht aller Völker ein. Sie glauben, dass sich das Volk bei freier Wahl für Demokratie und nationale Selbstbestimmung entscheiden wird.
Sie wissen, dass die Diem-Regierung in Südvietnam sich nur auf das Militär stützt und keine Basis in der Bevölkerung hat. Im Gegenteil: die Vertreter der katholischen Minderheit in der Regierung werden als Lakaien der Amerikaner angesehen. Die verschiedenen religiösen buddhistischen Gemeinschaften werden von der Diem-Diktatur mißachtet und auch verfolgt (Religionsfreiheit!) Sie wünschen sich demokratische Verhältnisse auch in Vietnam, d.h. Sie missbilligen die Unterstützung der Diem-Diktatur, auch weil Sie glauben, dass diese auf Dauer nicht zu halten sein wird.


4. Arthur Twining:

Sie sind ein enger Mitarbeiter des Verteidigungsministers Robert S. McNamara, der ehemals Präsident der Ford Motor Company war und noch gute Beziehungen zur Wirtschaft pflegt. Unter seiner Ministerschaft wurde in den US-Streitkräften u.a. der vorherige Jeep durch einen Geländewagen von Ford ersetzt.
Nachdem im Januar 1961 Chruschtschow in einer leidenschaftlichen Rede den nationalen Befreiungsbewegungen die materielle Unterstützung seines Landes zugesichert hat, sehen Sie die Notwendigkeit, nicht in der wirtschaftlichen und militärischen Unterstützung Vietnams nachzulassen; vielmehr ist ein größeres Engagement nötig. Außerdem kann auf diese Weise auch die Produktion von kriegsnotwendigem Material gesteigert werden. Die neue Strategie der „flexiblen Antwort“ (flexible response) soll die Gefahr eines Atomkrieges verringern, den Handlungsspielraum der USA erweitern und abgestufte militärische Reaktionen ermöglichen. Von dieser Strategie profitieren in erster Linie die konventionellen Streitkräfte. Sie meinen, dass sich der Westen z.Zt. in der Defensive befindet: Moskau unterstützt die kommunistische Bewegung in Laos (wo auch die CIA agiert), Fidel Castro in Kuba und hat in Berlin ungestört die Mauer gebaut. Aus dem „eisernen Vorhang“ ist eine unüberwindliche Barriere geworden, was die Spionageaktivität in Berlin, dem Zentrum der Spionage im Kalten Krieg, ungemein behindert.


5. Mike Collins:

Sie sind ein Vertreter des Militärs (Ihr Onkel General J. Lawton Collins war Sonderbotschafter in Saigon), kennen die Studien über den militärischen Einsatz von US-Soldaten im Korea-Krieg. Dort hat sich gezeigt, dass die Soldaten politisch und ideologisch nicht motiviert sind, es fehlt an Kampfgeist. Außerdem sind sie durch die Zivilisation verweichlicht, nicht in der Lage unter schwierigen Bedingungen – vor allem gegen die Partisanen – zu kämpfen; sie gaben auf in Korea auf, zogen es vor zu hungern statt sich an die landesübliche Kost und Wohnverhältnisse anzupassen. Sie meinen, dass die Soldaten unter den klimatischen Bedingungen im Dschungel nicht erfolgreich kämpfen werden.


6. William Spellman:

Sie sind von Haus aus engagierter Katholik, gebildet, haben an der Havard Universität gelehrt und arbeiten jetzt als politischer Berater im Außenministerium. Zu Ihrer Familie gehört Kardinal Francis Spelloman, der 1955 ein Mitbegründer der „American Friends of Vietnam“ war, der Diem auf dessen Vortragsreise in den USA kennengelernt hat. Die katholische Minderheit in Südvietnam muss vor dem Kommunismus geschützt werden! Sollte der Kommunismus in ganz Vietnam siegen, werden sie der Verfolgung ausgesetzt sein. Fast eine Million Katholiken ist aus Nordvietnam geflohen, hat dort alles zurücklassen müssen. Sie sind in einer Zeit groß geworden, als christliche Missionare versuchten in allen zurückgebliebenen Teilen der Welt die westliche Religion und Zivilisation zu verbreiten, in der Hoffnung, dass alle Heiden unserer Erde eines Tages den Weg zu dem einen, richtigen Gott finden werden. Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich die gottlosen Kommunisten doch noch eines Tages bekehren lassen.


7. Mike Kubrick:

Sie sind ein studierter Historiker und Politologe, der jetzt im Weißen Haus als außenpolitischer Berater arbeitet. Sie gehören zu den wenigen Amerikanern, die genau wissen, wo Sie auf der Weltkarte Vietnam finden können. Sie kennen die Geschichte Ostasiens und wissen, dass ein Gegensatz zwischen China und Vietnam besteht, dass die Interessen dieser Länder in der Vergangenheit divergierten. Die freiheitsliebenden Vietnamesen wollen sich keiner Großmacht, weder Frankreich noch USA und erst recht nicht China, unterordnen. Wenn die Westmacht USA den Konflikt in Vietnam eskaliert, treiben sie die Vietnamesen in die Arme der Chinesen, und es entsteht eine Front gegen die „Imperialisten“, wie die Kommunisten die Amerikaner nennen. Das kann nicht im Interesse der amerikanischen Außenpolitik sein.





Gudrun Decker für psm-data