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Primaerliteratur
Deutschland | Kaiserreich v. 1871

[P|S|M]

Karl Retzlaw beschreibt in seinen Erinnerungen, wie es ihm erging, als er als Zwölfjähriger 1908 mit seiner Mutter nach Berlin gekommen war
"Vom zweiten Lohn wurden lange Hosen für mich gekauft, damit ich älter wirken sollte und Arbeit suchen konnte; es galt mitzuarbeiten zum Unterhalt der Familie.

Zuerst war ich natürlich zur Schule angemeldet worden. In Berlin gab es nur vormittags Unterrichts; das ermöglichte es mir, nachmittags bis abends arbeiten zu gehen.

Der erste Versuch missglückte. Ich hatte eine Stelle in einem Geschäft für Klempnerbedarf gefunden, für das ich mit einem Handkarren Bleirohre und Wasserhähne an Klempner zu liefern hatte. Doch schon nach einigen Tagen wurde ich von der Polizei >aufgeschrieben<, weil ich den überladenen Karren auf einer ansteigenden Straße nicht ziehen konnte und einen Menschenauflauf verursachte. In der nächsten Stelle war ich Austräger bei einem Mützenmacher. Ich erhielt drei Mark in der Woche und täglich eine Tasse Malzkaffee mit einer Semmel. Der Mützenmacher war Witwer, den Hausstand führte eine Haushälterin. Hier blieb ich eineinhalb Jahre. Dann heiratete der Mann nochmals, und die neue Frau sagte mir: >Der Nachmittagskaffee für dich ist abgeschafft<. Ich gab die Stelle auf, weil mich ohne die Semmel und den Kaffee hungerte. Die Arbeitszeit war auch zu lang, sie dauerte öfters bis 8 und 9 Uhr abends.

[...]

Mittlerweile war ich vierzehn Jahre alt geworden und aus der Schule entlassen. Eine Lehrstelle konnte ich nicht sogleich finden, weil die Lehrherren ein >Lehrgeld< verlangten und keinen Arbeitslohn geben wollten. Meine Mutter hatte kein Geld, ihr Verdienst reichte für unseren Unterhalt nicht aus. Es war auch in der Großstadt sehr schwer, zu unserem täglichen Brot zu kommen. Wir hatten Zeiten, in denen es ab Donnerstag bis zur Lohnzahlung am Sonnabend kein Mittagessen gab. Unsere Hauptsorge war stets, das Geld (S. 25) für die Wohnungsmiete bereit zu haben. Zudem war unsere Mutter sehr oft krank. Krankheitstage wurden nicht bezahlt, und weil es immer nur ein oder zwei Tage in der Woche waren, an denen die Mutter nicht arbeiten gehen konnte, erhielt sie auch keine Krankenunterstützung. Bei uns zu Hause gab es selten Obst und niemals Butter. Abgesehen von meiner frühesten Kindheit, wurde ich siebzehn Jahre alt, bis ich zum ersten Male Butter ass. Aufs Brot wurde Schmalz, Kunsthonig oder Rübensaft gestrichen. Wir waren arm im bittersten Sinne des Wortes: Mangel an Nahrung, Mangel an Wohnraum, Mangel an Zeit."



Karl Retzlaw: Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters. Frankfurt 1971, S. 19f; zit nach: Gudrun Dormann und Alexander Decker, Die deutsche Sozialdemokratie, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht 1, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1975/79, S. 24f; mit frdl. Genehmigung für psm-data
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