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Primaerliteratur
Deutschland | Kaiserreich v. 1871

[P|S|M]

Stellungnahme der Bergarbeiterverbände im Ruhrgebiet vom 7. Januar 1905 zum Streik auf der Zeche Bruchstraße
Auf der Zeche Bruchstraße ist die Belegschaft in den Streik eingetreten. Es handelt sich dort um die Abwehr einer Verlängerung der Schichtdauer. Alle Bemühungen der Arbeiter und ihrer gewählten Führer, auf friedlichem Wege die Differenzen auszugleichen, sind an der Halsstarrigkeit der Zechenleitung gescheitert. Sie will obendrein die Öffentlichkeit glauben machen, es handele sich nur um eine >Seilfahrtsveränderung<, nicht um eine Verlängerung der Schicht. Alle Praktiker wissen aber, daß die sogenannte >Seilfahrtsveränderung< tatsächlich auf eine Verlängerung der Schichtdauer hinausläuft.

Unterzeichnete Vorstände erklären, daß sie einer Schichtverlängerung unter keinen Umständen zustimmen dürfen und wollen, sondern im Interesse der Aufbesserung der sehr zerrütteten Arbeitergesundheit eine gesetzliche Schichtverkürzung für nötig halten. Deshalb sprechen wir den Streikenden auf Bruchstraße unsere volle Sympathie aus und versprechen, sie moralisch und finanziell in ihrem ihnen aufgenötigten Kampfe zu unterstützen. Ferner verpflichten sich die unterzeichneten Vorstände, jedem Versuch der Werkbesitzer, auch auf anderen Zechen die ohnehin zu lange Arbeitszeit noch zu verlängern, mit der gebührenden Entschiedenheit entgegenzutreten. Dies sind wir der Kameradschaft und der Ehre unserer Organisation schuldig.

Zugleich sind wir entschlossen, schleunigst eine Eingabe an die Regierung und an die Parlamente zu richten, zu dem Zwecke, diese Faktoren zur schnellen, arbeiterschützenden Gesetzesreform zu veranlassen. Wir verlangen eine präzise, gesetzliche Regelung der Schichtzeit, der Seilfahrtszeit, der Gedinge- und Lohnabmachung, Abschaffung des Nullens (1) (2), dafür Bezahlung nach Gewicht der Leistung, Zulassung von Arbeiterkontrolleuren zur Überwachung der Leistungsberechnung (Wiegekontrolleure) und zur Inspizierung der Betriebe zwecks Verhütung von Unfällen. Ferner verlangen wir gesetzliche Regelung des jetzt sehr im argen liegenden Unterstützungskassenwesens; auch Schutz der Arbeiter vor Brutalitäten gewisser Beamten.

Indem die Vorstände unterzeichneter Organisationen, die zusammen im Ruhrgebiet über 111 000 Mitglieder umfassen, sich vereinigten zur kameradschaftlichen Abwehr insbesondere aller Versuche, die Schichtzeit zu verlängern, und schleunigst die gesetzgebenden Faktoren zum Eingreifen zum Schutze der Bergarbeiter veranlassen wollen, richten wir auch dringend das Ersuchen an alle Kameraden, den gewählten Führern unbedingt Gefolgschaft zu leisten, straffe Disziplin zu halten. Keine Belegschaft darf ohne Einverständnis und Zustimmung der Organisationsleiter vorgehen. Wenn die Zechenherren gern einen allgemeinen Streik sehen, so müssen wir gerade deshalb vor einer wilden, unüberlegten Arbeitseinstellung eindringlich warnen! Um die jetzige Zeit wäre nach unserer festen Überzeugung ein allgemeiner Streik ein Unheil für die Bergleute, nur die Unternehmer allein hätten davon Nutzen. Kameraden, hört darum auf die Stimmen eurer gewählten (S. 29) Führer! Wir wollen nur euer Bestes. Bewahrt unbedingt die Ruhe, tut keinen Schritt, ohne euch vorher mit den Organisationsleitern verständigt zu haben. Helft aber auch den für ihr gutes Recht kämpfenden Kameraden auf Bruchstraße, indem ihr den Zuzug von jener Zeche streng fernhaltet, keine Streikbrecher liefert, alle Überschichten, die zur Kohlenförderung dienen sollen, verweigert. Damit unterstützt ihr die Bruchstraße viel besser als durch einen Streik, auf den gewisse Unternehmer lauern.

Kameraden! In hocherregter Zeit rufen wir euch zu: Halte straffe Disziplin, laßt euch nicht provozieren, bewahrt vollständige Ruhe, und stärkt so schnell ihr nur könnt eure Organisation. Einigkeit macht stark!

Mit herzlichem Glück auf!

Für den Bergarbeiterverband:
H. Sachse

Für den christlichen Gewerkverein:
Herm. Köster

Für den Hirsch-Dunckerschen Gewerkverein:
B. Hammacher

Für die polnische Berufsvereinigung:
Zjednoczenie rawod. polskie:
Joh. Brzeskot

(1) Nullen: Gemeint ist das Aussortieren von Förderwagen (Hunten), die angeblich zuviel taubes Gestein enthielten. Sie wurden mit einer Null versehen und dem Bergarbeiter nicht bezahlt.

(2) Gedinge: Akkordlohn im Bergbau



Dokumente und Materialien zur deutschen Arbeiterbewegung Reihe I, Bd. 4 1889-1914, hrsg. vom Insitut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED Berlin (DDR) 1967, S. 129f; zit. nach: Gudrun Dormann und Alexander Decker, Die deutsche Sozialdemokratie, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht 1, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1975/79, S. 18; mit frdl. Genehmigung für psm-data
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